Langstreckendrohnen für die Ukraine
Deutsch-ukrainische Joint Ventures gehen in Deutschland zur Produktion von Drohnen mit bis zu 1.500 Kilometern Reichweite über; sie reichen weit ins russische Hinterland. Moskau deutet an, die Produktionsstandorte ins Visier zu nehmen.
BERLIN/KIEW/MOSKAU (Eigener Bericht) – Die verstärkte Produktion von Drohnen in Deutschland und weiteren Staaten Westeuropas für die Streitkräfte der Ukraine löst russische Drohungen gegen die Standorte aus. In der vergangenen Woche haben mehrere deutsche Firmen die Gründung neuer Joint Ventures mit ukrainischen Drohnenherstellern angekündigt. Unter anderem will das Software-Startup Auterion gemeinsam mit der ukrainischen Airlogix in einem Werk bei München Drohnen herstellen, die eine Reichweite von 1.000 bis 1.500 Kilometern haben. Damit können sie Ziele tief im russischen Hinterland angreifen. Mit derlei Angriffen haben die ukrainischen Streitkräfte Russland zuletzt herbe Schäden zugefügt – so etwa an wichtigen Erdölanlagen. Der deutsche Standort von Airlogix findet sich auf einer Liste von 21 Unternehmen in mehreren Ländern Europas, von denen es heißt, sie zögen mit ihrer Waffenproduktion ihre Standortstaaten „in einen Krieg mit Russland hinein“. Bisher hat bloß die Ukraine Angriffe auf russische Ziele in Drittstaaten geführt – auf Tankschiffe im Mittelmeer. Russland könnte die Praxis nachahmen und ebenso Ziele in Drittstaaten attackieren – etwa Firmen, die Angriffe auf sein Territorium ermöglichen.
Das Silicon Valley der Rüstungsindustrie
Deutsche Drohnenhersteller hatten bereits kurz nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs eine immer enger werdende Kooperation mit den ukrainischen Streitkräften eingeleitet. Zum einen belieferten sie die Ukraine mit ihren Drohnen; zum anderen entwickelten sie einen immer intensiven Kontakt zu Einheiten an der Front, um deren tagesaktuelle Erfahrungen in dem sich in schnellem Tempo wandelnden Drohnenkrieg zu verarbeiten und auf dieser Grundlage, soweit möglich, die eigenen Produkte laufend zu optimieren. Das schuf die Grundlage für die inzwischen rasant boomende deutsche Drohnenindustrie um Unternehmen wie Helsing oder Quantum Systems bzw. den Rüstungsableger von Quantum Systems, Stark Defence. In Fachkreisen war, nicht zuletzt mit Blick auf die Drohnenentwicklung, bereits im vergangenen Jahr davon die Rede, die Ukraine sei längst das „Silicon Valley der Rüstungsindustrie“.[1] Dabei kommt den mit dem Land kooperierenden Rüstungsfirmen, darunter insbesondere auch den Drohnenherstellern, zugute, dass ihre Produkte im Krieg praktisch getestet wurden; sie haben damit einen starken Vorteil in der globalen Konkurrenz der Waffenschmieden.
Zugriff auf Gefechtsdaten
Aufbauend auf Erfolgen wie etwa in der Drohnenherstellung ist die Bundesregierung seit geraumer Zeit bemüht, die deutsch-ukrainische Rüstungszusammenarbeit auf breiter Fläche zu stärken. Im Dezember legte sie dazu einen Zehn-Punkte-Plan vor, der neben regelmäßigen Konsultationen auf verschiedenen Ebenen die „strategische Förderung rüstungsindustrieller Joint Ventures“ und „Leuchtturmprojekte für die gemeinsame Erforschung, Entwicklung und Produktion von Rüstungsgütern“ vorsieht – „vor allem bei Technologien, in denen die ukrainische Industrie über Erfahrungsvorsprünge verfügt“, etwa „in der Drohnenabwehr“.[2] Demnach geht es insbesondere auch darum, die im Ukraine-Krieg gewonnenen Kenntnisse und Fähigkeiten für die Bundesrepublik nutzbar zu machen. In der vergangenen Woche unterzeichneten Repräsentanten beider Seiten in Berlin im Rahmen der deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen unter anderem eine Vereinbarung zur Datenkooperation; dabei sollen, wie Verteidigungsminister Boris Pistorius erklärte, „digitale Gefechtsdaten“ aus Kiew an Berlin übergeben werden, um „die Analyse des Einsatzes deutscher Waffensysteme im Kampfgeschehen“ zu verbessern. Das betrifft etwa die Panzerhaubitze 2000 von Rheinmetall und KNDS und das Flugabwehrsystem IRIS-T von Diehl, die alle in der Ukraine eingesetzt werden.[3]
Sichere Produktionsstandorte
Am Rande der Regierungskonsultationen wurden zudem neue Übereinkünfte bezüglich der gemeinsamen Drohnenproduktion geschlossen. Schon im Dezember hatten Quantum Systems und der ukrainische Drohnenhersteller Frontline Robotics das Joint Venture Quantum Frontline Industries (QFI) gegründet, das die Frontline Robotics-Drohne LINZA nun in der Nähe von München in industriellem Maßstab herstellt; die Rede ist von bis zu 10.000 Drohnen pro Jahr. Eine erste Charge wurde Ende März ausgeliefert. Einer der Hauptgründe für die Verlagerung der Produktion nach Deutschland liegt explizit darin, dass sie dort als vor russischen Angriffen sicher gilt; für Fabriken in der Ukraine ist dies kriegsbedingt nicht der Fall.[4] In der vergangenen Woche hat Quantum Systems außerdem zwei weitere Joint Ventures mit ukrainischen Firmen geschlossen. Eines, an dem WIY Drones beteiligt ist – an WIY Drones hält Quantum System seinerseits Anteile –, soll Abfangdrohnen und dazu gehörige Bodenkontrollstationen herstellen.[5] Ein weiteres Joint Venture wurde mit Tencore gegründet. Tencore fertigt unbemannte Bodensysteme, wie sie gleichfalls in der Ukraine schon längst im Einsatz sind.
Angriffe tief im Hinterland
Darüber hinaus haben sich am Rande der deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen Repräsentanten des deutsch-US-amerikanischen Start-ups Auterion sowie des ukrainischen Drohnenherstellers Airlogix geeinigt, ebenfalls gemeinsam Drohnen in der Bundesrepublik zu produzieren. Die Fertigung in einem Werk nahe München wird zur Zeit aufgebaut. Die erste Lieferung soll in wenigen Monaten erfolgen. Ergänzend ist der Bau einer Fabrik an einem ungenannten Ort in in Ostdeutschland geplant. Das Besondere an dem Joint Venture ist, dass es Langstreckendrohnen produziert. Die Weichen dafür hatten Berlin und Kiew im September 2025 gestellt, als Verteidigungsminister Pistorius ankündigte, man werde die deutsche „Unterstützung für die Beschaffung von weitreichenden Drohnen“ in der Ukraine intensivieren. Man werde „für weitreichende Drohnen verschiedenen Typs aus ukrainischer Produktion“ rund 300 Millionen Euro bereitstellen, hieß es.[6] Die Drohnen, die Auterion und Airlogix gemeinsam herstellen, haben eine Reichweite von 1.000 bis 1.500 Kilometern und sind für Angriffe auf Ziele weit im russischen Hinterland konzipiert. Mit derartigen Angriffen haben die ukrainischen Streitkräfte Russland zuletzt schwere Schäden zugefügt – etwa an Erdölanlagen.
„Ein weltweites Drohnen-Netzwerk“
Die Bundesrepublik ist inzwischen nicht mehr das einzige Land, das auf enge Kooperation mit der ukrainischen Drohnenindustrie setzt. Auch britische Firmen haben mittlerweile Joint Ventures mit ukrainischen Drohnenherstellern gegründet. London hat in der vergangenen Woche mitgeteilt, den ukrainischen Streitkräften 120.000 Drohnen liefern zu wollen – nicht nur solche zur Aufklärung oder zum Einsatz auf einem nahen Schlachtfeld, sondern auch andere, mit denen Angriffe über lange Strecken bis weit in das russische Hinterland geführt werden können.[7] Vergangene Woche hat die Ukraine darüber hinaus neue Vereinbarungen mit Norwegen und den Niederlanden getroffen; auch dort sollen jeweils Drohnen gefertigt werden – nicht zuletzt für einen Einsatz im Krieg gegen Russland.[8] Mit Blick darauf, dass die Ukraine inzwischen Vereinbarungen mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Qatar geschlossen hat, um den Golfstaaten beim Aufbau ihrer Drohnenabwehr unter die Arme zu greifen, heißt es mittlerweile, Kiew baue – seine Erfahrungen aus dem Krieg gegen Russland nutzend – „ein weltweites Drohnen-Netzwerk“ auf.[9]
„In den Krieg hineingezogen“
Mit Blick auf die geballte Unterstützung europäischer Staaten für Kiews Drohnenkrieg hat Moskau in der vergangenen Woche eine Liste mit 21 Unternehmen in mehreren europäischen Staaten publiziert, die Angriffsdrohnen oder zentrale Bestandteile dafür herstellen. „Eine Reihe europäischer Länder“ habe beschlossen, der Ukraine eine große Zahl an Drohnen nicht für den Fronteinsatz, sondern „für Angriffe auf Russlands Staatsgebiet“ zu liefern, heißt es dazu.[10] Man werte dies als einen „vorsätzlichen Schritt“, der die betreffenden Länder „schleichend ins strategische Hinterland der Ukraine verwandelt“. So würden sie „in einen Krieg mit Russland hineingezogen“. Das lässt sich als Drohung verstehen. Bislang hatte bloß die Ukraine Angriffe auf Ziele des Kriegsgegners in Drittstaaten geführt und – mit dem Ziel, Russlands Importeinnahmen zu schädigen – Tankschiffe im Mittelmeer attackiert. Dies brach ein Tabu. Moskau könnte sich jetzt zur Nachahmung veranlasst sehen und Unternehmen in Westeuropa, die Waffen für Angriffe tief auf seinem Territorium produzieren, ins Visier nehmen. Auf der erwähnten Liste findet sich unter anderem eine Firma, die in Deutschland Langstreckendrohnen für die Ukraine herstellt – Airlogix mit Sitz bei München .[11]
[1] Gregor Grosse: Ein Silicon Valley für Rüstung. Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.09.2025. S. dazu Die Drohnenkrise (II).
[2] Frank Specht, Leila Al-Serori: Deutschland legt Zehn-Punkte-Plan für Kooperation mit Ukraine vor. handelsblatt.com 15.12.2025.
[3] Pistorius wertet UDCG-Treffen in Berlin als Zeichen der Geschlossenheit. bmvg.de 15.04.2026.
[4] Peter Carstens: Ukrainer erteilten der NATO im Manöver eine bittere Lektion. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.02.2026. S. dazu Von der Ukraine lernen.
[5] Markus Fasse, Nadine Schimroszik: Deutsche Industrie hilft Ukraine bei Langstreckendrohne. handelsblatt.com 14.04.2026.
[6] So hilft Deutschland der Ukraine im Abwehrkampf. bmvg.de 24.02.2025.
[7] Ottilie Mitchell: Ukraine’s military to get biggest-ever shipment of UK drones. bbc.co.uk 15.04.2026.
[8] Sevinj Osmanqizi: Ukraine, Netherlands Launch Joint Drone Deal. kyivpost.com 17.04.2026.
[9] Veronika Lehrl: Trotz Drohungen aus Moskau: Selenskyj startet neues Rüstungsprojekt mit den Niederlanden. focus.de 19.04.2026.
[10] Friedrich Schmidt: Moskau droht Europa mit Angriffen auf konkrete Ziele. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.04.2026.
[11] Dietmar Neuerer: Russland nennt Firmen als Ziele – auch in Deutschland. handelsblatt.com 18.04.2026.

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