Die Berliner Sudan-Konferenz
Berliner Sudan-Konferenz: Experten erwarten keine relevanten Ergebnisse. Die RSF-Miliz, die genozidale Massaker an der schwarzafrikanischen Bevölkerung verübt, erhält Waffen von einem Kooperationspartner des Westens – auch Deutschlands.
BERLIN/KHARTOUM (Eigener Bericht) – Keine relevanten Ergebnisse erwarten Experten von der stolz beworbenen internationalen Sudan-Konferenz am heutigen Mittwoch in Berlin. Nicht einmal „eine humanitäre Waffenruhe“ im Krieg im Sudan sei „in Sicht“, hieß es in der vergangenen Woche bei der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Der Krieg, der vor genau drei Jahren begann, hat im Sudan die aktuell wohl größte humanitäre Katastrophe der Welt ausgelöst: Womöglich mehr als 400.000 Menschen sind zu Tode gekommen; 13 Millionen sind auf der Flucht; bereits in wenigen Jahren dürften 60 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut leben. Ein UN-Bericht attestiert der Kriegführung der Aufstandsmiliz RSF, genozidalen Charakter zu tragen; die arabisch geprägte Miliz hat gezielt schwarzafrikanische Bevölkerungsteile massakriert und womöglich auch versklavt. Die RSF werden von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt. Kürzlich hat sich die Trump-Administration mit der Einstufung von Sudans Muslimbruderschaft als terroristisch auf die Seite der Emirate und damit der RSF geschlagen. Die einzige Chance, den Krieg zu beenden – die Durchsetzung eines Waffenembargos gegen die RSF –, scheitert an der Nähe des Westens zu den Emiraten.
Die aktuell größte humanitäre Katastrophe
Drei Jahre nach Kriegsbeginn am 15. April 2023 spitzt sich die Lage der Bevölkerung im Sudan immer weiter zu. Die Zahl der Todesopfer ist unbekannt. Bereits im Jahr 2024 beliefen sich Schätzungen von Experten auf bis zu 150.000; der frühere US-Sondergesandte für Sudan Tom Perriello ging im August 2025 von mehr als 400.000 Todesopfern aus.[1] Die Zahl der Flüchtlinge wird von Hilfsorganisationen mit rund 13 Millionen Menschen beziffert, bei einer Vorkriegsbevölkerung von rund 50 Millionen. Die klare Mehrheit sind Binnenflüchtlinge. Das UN-Entwicklungsprogramm UNDP schätzt die Zunahme der Einwohner, die in Armut leben – von maximal vier US-Dollar pro Tag –, von 38 Prozent vor Kriegsbeginn auf heute rund 70 Prozent.[2] Das Durchschnittseinkommen pro Kopf ist auf das Niveau von 1992 gefallen; die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben, wuchs bereits im ersten Kriegsjahr um knapp sieben Millionen und übersteigt mittlerweile das Niveau der 1980er Jahre. Dauert der Krieg weiter an, werden nach Prognose des UNDP im Jahr 2030 60 Prozent der Bevölkerung in extremer Armut leben.[3] Auch die Gesundheitsversorgung wird immer schlechter; nach zahllosen Angriffen auf Gesundheitseinrichtungen gelten jetzt 37 Prozent der Krankenhäuser als nicht funktionsfähig.[4] 19 Millionen Kinder hatten Unterbrechungen im Schulunterricht.
Genozidale Massaker
Besonders schwer wiegen darüber hinaus die Angriffe der Rapid Support Forces (RSF) auf die Zivilbevölkerung. Anfang Januar 2025 hatte das US-Außenministerium – noch zu Zeiten von Präsident Joe Biden – erklärt, es stufe die Massaker der RSF in der Stadt Al Junaina in West-Darfur als genozidal ein. Die arabisch geprägten RSF hatten 2023 in Al Junaina laut Schätzungen bis zu 15.000 Menschen aus der schwarzafrikanischen Bevölkerungsgruppe der Masalit ermordet.[5] In einem Mitte Februar 2026 veröffentlichten Bericht kamen nun die Vereinten Nationen zu dem Resultat, die RSF hätten sich auch in der Stadt Al Fashir in Nord-Sudan genozidaler Massenmorde schuldig gemacht, dieses Mal an den Angehörigen zweier anderer schwarzafrikanischer Bevölkerungsgruppen – der Fur und der Zaghawa. Die RSF hatten Al Fashir im Mai 2024 umzingelt und eroberten die Stadt, die sie zuvor ausgehungert hatten, im Oktober 2025. Die Vereinten Nationen konnten nun in ihrem detaillierten Bericht zahlreiche Vergewaltigungen sowie rassistisch motivierte Morde belegen. Viele der Opfer wurden in Massengräbern verscharrt. Überlebende wurden verschleppt, begleitet von Rufen wie „Sklave, Sklave, Sklave!“[6] Die genaue Anzahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt. Nur Menschen, die die Mörder für Araber hielten, wurden verschont.
Riad vs Abu Dhabi
Auf politischer Ebene ist der Krieg im Sudan zuletzt zum Schauplatz eines Machtkampfes zwischen zwei Staaten geworden, mit denen Deutschland eng kooperiert: Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Emirate unterstützen schon seit Jahren die RSF, denen sie auch Waffen liefern; die Lieferungen, die Abu Dhabi abstreitet, sind in zahlreichen Berichten gut dokumentiert.[7] Sie sind international immer wieder massiv kritisiert worden – vor allem auch wegen der genozidalen RSF-Massaker an der schwarzafrikanischen Bevölkerung Darfurs. Die Emirate suchen mit ihrer Unterstützung für die RSF nicht bloß ihren Einfluss in Ostafrika und am Roten Meer allgemein auszubauen. Sie stellen sich zudem laut Berichten auf die Seite der Milizen, da die offiziellen Streitkräfte Sudans in gewissem Umfang von der Muslimbruderschaft beeinflusst werden, dem Erzfeind der emiratischen Herrscherclans. Saudi-Arabien wiederum unterstützt Sudans reguläre Streitkräfte, die sich im Krieg gegen die RSF verteidigen. Zur Begründung heißt es in Riad, in instabilen Regionen wie etwa Nordostafrika müsse man die bestehenden Staaten sichern. Wer Separatisten oder aufständische Milizen unterstütze, riskiere den totalen Zusammenbruch staatlicher Strukturen und den Absturz der gesamten Region in Chaos und Gewalt.
Partei bezogen
Der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den Emiraten bezüglich Sudan ist jüngst eskaliert. Mitte November bat der saudische Thronfolger Muhammad bin Salman al Saud US-Präsident Donald Trump bei einem Besuch im Weißen Haus, den Konflikt mit Sanktionen zu lösen. Ob Muhammad bin Salman schärfere Sanktionen gegen Waffenlieferungen an die RSF oder sogar Sanktionen gegen die Emirate forderte, ist nicht ganz klar.[8] Klar ist aber, dass Trump den Präsidenten der Emirate, Muhammad bin Zayed al Nahyan, telefonisch über die Bitte des saudischen Machthabers in Kenntnis setzte. Daraufhin eskalierte der Konflikt zwischen Riad und Abu Dhabi. Inzwischen scheint die Trump-Administration Position für die Emirate und die RSF zu ergreifen. Am 9. März teilte sie mit, sie habe den sudanesischen Ableger der Muslimbruderschaft als „Specially Designated Global Terrorist“ (SDGT) eingestuft. In Kürze werde sie sie zudem als „Foreign Terrorist Organisation“ (FTO) klassifizieren.[9] Ersteres ermöglicht es, Sanktionen gegen die Vereinigung zu verhängen; Letzteres verbietet es Dritten, sie materiell zu unterstützen. Aufgrund des Einflusses der Muslimbruderschaft auf Sudans Militär ist die US-amerikanische Maßnahme Wasser auf die Mühlen der genozidal mordenden RSF.
Geringe Erwartungen
Anlässlich des dritten Jahrestags des Kriegsbeginns hat die Bundesregierung für diesen Mittwoch zu einer internationalen Sudan-Konferenz nach Berlin eingeladen. Die Konferenz ist bereits die dritte nach zwei Vorgängerveranstaltungen in Paris (2024) und London (2025). Ziel ist es laut Angaben des Auswärtigen Amts, „die Friedensbemühungen weiter voranzubringen“ und „weitere dringend benötigte humanitäre Mittel für die notleidende Zivilbevölkerung in Sudan zu mobilisieren“.[10] Mitgetragen wird die Zusammenkunft nicht nur von Frankreich, Großbritannien, der EU und den USA, sondern auch von der Afrikanischen Union (AU). Die Erwartungen sind gering. Nicht einmal „eine humanitäre Waffenruhe“ sei „in Sicht“, hieß es bereits vergangene Woche in einer Stellungnahme aus der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP); man dürfe es schon als „Fortschritt“ werten, wenn sich die Anwesenden „auf eine Erklärung zur Deeskalation des Konflikts einigen“ könnten“.[11] Für Unmut hat zuletzt gesorgt, dass nicht einmal Repräsentanten der Regierung Sudans eingeladen wurden.[12] Die wohl einzig wirksame Lösung – ein real durchgesetztes Verbot von Waffenlieferungen an die Kriegsparteien – wird nicht in Betracht gezogen: Sie verlangte Maßnahmen gegen die Vereinigten Arabischen Emirate, mit denen der Westen eng kooperiert.
[1] Nicholas Kristof: Where There’s No Debate About Genocide – and No Response, Either. nytimes.com 30.08.2025.
[2] UN warnen vor „systematischer Zerstörung der Zukunft eines Landes“. faz.net 14.04.2026.
[3] Sudan’s War: The Price a Nation Is Paying. undpsudan.exposure.co 14.04.2026.
[4] Mark Townsend: Anger at ‘bloody unacceptable’ efforts to end Sudan’s war as conflict enters fourth year. theguardian.com 14.04.2026.
[5] Declan Walsh: Sudanese Paramilitary Group Committed Genocide, U.S. Says. nytimes.com 07.01.2025.
[6] Sudan: Hallmarks of Genocide in El-Fasher. Report of the independent international fact-finding mission for the Sudan. 17 February 2026.
[7] S. dazu Die Londoner Sudan-Konferenz.
[8] Vivian Nereim: How a Call From Trump Ignited a Bitter Feud Between Two U.S. Allies. nytimes.com 27.02.2026.
[9] US blacklists Sudanese Muslim Brotherhood as ‘terrorist’ group. aljazeera.com 09.03.2026.
[10] Regierungspressekonferenz vom 13. April 2026. bundesregierung.de.
[11] Gerrit Kurtz: Internationale Sudankonferenz in Berlin: Zeit für einen Perspektivwechsel. swp-berlin.de 08.04.2026.
[12] Dominic Johnson: „Unzureichend und hinderlich“. taz.de 14.04.2026.

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