Die europäisierte NATO

Die europäischen NATO-Mitgliedstaaten proben noch bis Ende März den Marsch durch Deutschland an die potenzielle Ostfront – ohne die USA.

BERLIN (Eigener Bericht) – Die europäischen NATO-Staaten trainieren mit dem Manöver Steadfast Dart im zweiten Jahr in Folge das Zusammenziehen ihrer Streitkräfte in Deutschland zum Weitermarsch nach Osten – und zwar ohne die USA. Das dem Manöver zugrundeliegende Szenario sei nicht mehr fiktiv, betont die Bundeswehr. Geleitet wird die NATO-Operation vom Allied Joint Force Command der NATO im niederländischen Brunssum, das von einem deutschen General geführt wird. Die Bundesrepublik präsentiert sich dabei als militär-logistische Drehscheibe der NATO in Europa und setzt damit eine Politik fort, die sie bereits mehrere Jahre vor der sogenannten Zeitenwende begonnen hat. Der Tatsache, dass die USA an dem Manöver nicht teilnehmen, liegen Verschiebungsprozesse im transatlantischen Verhältnis zugrunde, die tiefer reichen als die aktuellen Konflikte um Grönland und den Iran-Krieg. Berlin sucht seit Jahren das Kräfteverhältnis innerhalb der NATO zu seinen Gunsten zu verändern. Der Versuch, den europäischen Pfeiler der NATO zu stärken, ist ein wesentlicher Bestandteil des deutschen Strebens nach größerer militärischer Unabhängigkeit von den USA. Dabei erhebt Berlin im militärisch unabhängiger werdenden Europa einen Führungsanspruch.

Steadfast Dart 2026

Insgesamt 10.000 Soldaten aus elf europäischen Staaten sind noch bis Ende März auf Marschrouten aus Südeuropa nach Deutschland unterwegs, um die Einsatzbereitschaft der schnellen Reaktionskräfte der NATO, der Allied Reaction Force (ARF), zu demonstrieren. Das Manöver Steadfast Dart sei dabei „keine fiktive“ Übung mehr, sondern werde „als Operation geplant und geführt“, betont die Bundeswehr.[1] Schwerpunkt des Manövers ist das Zusammenziehen der Streitkräfte der europäischen Mittelmeeranrainer in Deutschland für einen Weitermarsch nach Osten. In der Bundesrepublik angekommen, hielten die multinationalen Streitkräfte im Rahmen des Manövers mehrere Gefechtsübungen ab, eingegliedert in das Bundeswehr-Manöver Quadriga.[2] Über eine der Gefechtsübungen berichtet die Bundeswehr: Die NATO-Soldaten „riegeln ein Dorf ab und verhindern so den Rückzug feindlicher Kräfte… Die Spezialkräfte verschwinden so schnell wieder, wie sie gekommen sind. Nun gilt es, weiter vorzurücken. … Im Tiefflug donnern vier Kampfflugzeuge über das Dorf… [Es] folgen vier italienische Kampfhubschrauber, die mit Dauerfeuer den Feind niederhalten… Maschinengewehrfeuer zwingt den Feind in Deckung… Gemeinsam sichern die Kräfte aller Nationen das nun feindfreie Terrain.“[3] Geführt wird Steadfast Dart von dem deutschen Luftwaffengeneral Ingo Gerhartz, der zur Zeit das Allied Joint Force Command der NATO in Brunssum in den Niederlanden befehligt.

Die Handlungsfähigkeit der NATO

Kernauftrag für Deutschland als Gastgebernation des diesjährigen Manövers Steadfast Dart sei es, „den reibungslosen Betrieb der Drehscheibe Deutschland sicherzustellen“, heißt es bei der Bundeswehr. Der „schnelle Transport von Truppen, Waffensystemen und Versorgungsgütern durch ganz Europa“ stehe im Fokus der Operation.[4] Unter dem Schlagwort „Drehscheibe Deutschland“ arbeitet Berlin bereits seit Jahren daran, die Bundesrepublik als logistischen Dreh- und Angelpunkt gemeinsamer militärischer Bewegungen in Richtung Russland zu positionieren; damit verfolgt es zugleich die Politik, seine Position innerhalb von NATO und EU gegenüber den anderen Bündnismitgliedern zu stärken. Die Bundesregierung erklärte bereits 2018 in einem militärpolitischen Schlüsselpapier, die „Handlungsfähigkeit des NATO-Bündnisses und der EU“ beruhten auf Deutschland als militärischem Transitland im „Zentrum Europas“.[5] Die führende Rolle der Bundesrepublik bei Steadfast Dart spiegele wider, in welchem Ausmaß Berlin für Europas Verteidigung „essentiell“ geworden sei, urteilt die New York Times.[6] Für den Kriegsfall hat die Bundesregierung der NATO zugesagt, bis zu 800.000 Soldaten und 200.000 militärische Fahrzeuge auf ihrem Marsch durch Deutschland an die Ostfront zu versorgen und logistisch zu unterstützen. Schwerpunkt der Truppenbewegungen im Rahmen von Steadfast Dart sind die Bundesländer Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Ohne die USA

Die USA nehmen an Steadfast Dart nicht teil. Dies allein auf die akute Krise der transatlantischen Beziehungen im Kontext von Grönland und Iran-Krieg zurückzuführen, greift allerdings zu kurz. Zum einen ist das diesjährige Manöver Steadfast Dart bereits die zweite rein europäische NATO-Übung in Folge; zum anderen laufen die Planungen für die Übung bereits seit mehr als zwei Jahren – und dies laut US-amerikanischen Medienberichten in Zusammenarbeit mit US-Militärs. Es sei „sehr wahrscheinlich“, dass es in Zukunft „mehr rein europäische Manöver“ geben werde, urteilt Lukas Mengelkamp vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH).[7] Steadfast Dart könne einen Eindruck von der Zukunft einer „europäisierten NATO“ geben. In der New York Times heißt es dazu, Steadfast Dart sei ein Test, der „genau beobachtet werde“, um zu sehen, wie gut die Europäer „ohne ihren größten und wichtigsten Partner zurechtkommen“. Das steht nicht unbedingt im Widerspruch zu den Zielen der USA: US-Präsident Donald Trump erhebt seit Jahren die Forderung, die Europäer müssten die Vereinigten Staaten entlasten und selbst mehr für die militärische Absicherung Europas tun.

Transatlantisches Tauziehen

Bereits in Trumps erster Amtszeit (2017 bis 2021) war in Berlin viel vom „Stärken des europäischen Pfeilers in der NATO“ die Rede. Zuvor hatte sich vor dem Hintergrund der Krise der deutsch-amerikanischen Kooperation der transatlantisch orientierte Block in Deutschland gespalten: in diejenigen, die allen Schwierigkeiten zum Trotz weiterhin auf die Zusammenarbeit mit den USA als zentrale Säule der deutschen Außen- und Militärpolitik setzten, und in andere, die ein beschleunigtes Streben nach „Strategischer Autonomie“ Europas forderten, also eine machtpolitische Loslösung von den USA durch einen europäischen Schulterschluss. Unter dem Motto „den europäischen Pfeiler in der NATO stärken“ waren beide Strömungen an der Oberfläche wieder zusammengekommen. Einigkeit herrschte darüber, dass Deutschland und Europa massiv aufzurüsten seien. In Detailfragen – etwa, ob fertige Waffensysteme in den USA gekauft oder lieber teurere, aber dafür unabhängige europäische Lösungen entwickelt werden sollten – wurde und wird der zugrundeliegende Bruch jedoch immer wieder sichtbar.

Die Mitte Europas

Sich als „Europäer“ auf die eigene Stärke zu besinnen, sei auf jeden Fall richtig – unabhängig davon, wie sich die transatlantischen Beziehungen weiterentwickelten, bekräftigte erst im Februar Bundeskanzler Merz in seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Europa „innerhalb der NATO zu stärken“, habe „höchste Priorität“. Die „Europäer“ müssten innerhalb der US-dominierten NATO „im eigenen Interesse einen starken, selbsttragenden europäischen Pfeiler errichten“. Um die Welt in einer neuen Ära der „Rückbesinnung auf Machtpolitik“ mitgestalten zu können, müsse ein „starkes“ und „souveränes“ Europa als „weltpolitischer Faktor“ aufgebaut werden. Diese europäische Ausrichtung entspreche dem deutschen Interesse. Geeint seien die „Europäer“ Russland überlegen – auch ohne die USA, erklärte Merz: „Auf Dauer haben wir nur Erfolg, wenn wir die anderen Europäer mitnehmen. [...] für uns Deutsche führt kein Weg daran vorbei“. Der Kanzler wiederholte außerdem seine Ankündigung, die Bundeswehr solle die stärkste konventionelle Armee Europas werden; er beanspruchte gegenüber den anderen Staaten Europas für Deutschland eine „partnerschaftliche Führung“. Schließlich sei Deutschland „die Mitte Europas.“[8]

 

[1] Steadfast Dart 2026. bundeswehr.de.

[2] S. dazu „Keine Übung mehr, sondern Operation“.

[3] Gefechtsübung bei Steadfast Dart 2026: Gemeinsam gegen den Feind. bundeswehr.de 23.02.2026.

[4] Steadfast Dart 2026. bundeswehr.de.

[5] Konzeption der Bundeswehr. Berlin 2018.

[6], [7] Christopher F. Schuetze: NATO Is Having a Military Exercise. The U.S., Its Largest Member, Won’t Be There. nytimes.com 29.01.2026.

[8] „Unsere Freiheit behaupten wir mit unseren Nachbarn“. bundesregierung.de 13.02.2026.


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