Energiepreisschock trifft deutsche Industrie

Steigende Energiepreise aufgrund des Iran-Kriegs und globale Marktverschiebungen setzen die deutsche Industrie massiv unter Druck. Besonders energieintensive Branchen geraten in eine strukturelle Krise.

BERLIN/BRÜSSEL (Eigener Bericht) – Der Krieg der USA und Israels gegen Iran trifft die deutsche Industrie in einer Phase anhaltender Schwäche und droht sie in eine tiefe Krise zu stürzen. Steigende Öl- und Gaspreise, unterbrochene Lieferketten und verschärfter globaler Wettbewerb setzen zentrale Branchen unter Druck. Ökonomen warnen schon jetzt vor Wachstumsverlusten, die das Niveau derjenigen erreichen könnten, die etwa der Zollkonflikt mit den USA der deutschen Industrie einbrockt. Zugleich verschieben sich die globalen Energiemärkte zu Ungunsten der Bundesrepublik: Asiatische Staaten ziehen Flüssiggaslieferungen an, während Europa mit steigenden Preisen und unsicheren Speicherperspektiven konfrontiert ist. Die Krise legt strukturelle Defizite offen – insbesondere die fortbestehende Abhängigkeit von fossilen Energieträgern und die schleppende Elektrifizierung industrieller Prozesse. Energieintensive Sektoren wie Chemie, Stahl und Aluminium geraten zunehmend in Bedrängnis. In der Chemieindustrie ist bereits von einem „Krisenmodus“ die Rede. Der aktuelle Preisschock droht nicht nur kurzfristige Belastungen zu verursachen, sondern die industrielle Basis Deutschlands dauerhaft zu schwächen.

Externe Schocks

Ein mögliches Negativszenario hat bereits kürzlich ein Experte des Münchner Ifo-Instituts, Timo Wollmershäuser, skizziert. Ein länger anhaltender Krieg lässt darin die Rohölpreise auf über 100 US-Dollar steigen und führt zu Unterbrechungen in den globalen Lieferketten. In einem solchen Fall wären die gesamtwirtschaftlichen Verluste vergleichbar mit denjenigen aus dem Zollstreit mit den USA. Nach Ifo-Schätzungen dürfte die deutsche Wirtschaft infolge der US-Zölle in den Jahren 2025 und 2026 um knapp einen Prozentpunkt weniger wachsen als ohne die Zölle.[1] Unter Ökonomen gilt die Faustregel, dass ein Anstieg des Ölpreises um zehn US-Dollar das weltweite Wirtschaftswachstum um etwa 0,1 Prozentpunkte reduziert. Ein dauerhaftes Preisniveau von 100 bis 150 US-Dollar würde entsprechend erhebliche Verwerfungen auslösen.[2] Der Chefökonom der Commerzbank, Jörg Krämer, warnt: „Sollte der Ölpreis mehrere Monate lang über der Marke von 100 Dollar bleiben, könnte sich die Wachstumsprognose für Deutschland nahezu halbieren.“[3]

Streit um Übergewinne

Der gestiegene Ölpreis führt zudem schon jetzt zu Auseinandersetzungen um mögliche Übergewinne der großen Energiekonzerne. Ein Sprecher des Energieunternehmens Enervie hatte gegenüber dem Handelsblatt bereits Anfang März vor dauerhaft steigenden Kosten gewarnt: „Die höheren aktuellen Gaspreise werden in die Preise für langfristige Gasbeschaffung eingerechnet.“ Auch beim Gashändler Uniper hieß es: „Halten die Auseinandersetzungen weiter an, wird es weitere erhebliche Implikationen für die Märkte geben.“[4] Mit Blick etwa auf die steigenden Benzin- und Heizölpreise spricht der stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Esra Limbacher, bereits von „Abzocke“. Die Ministerpräsidenten aller 16 Bundesländer erklärten, die Preissteigerungen ließen sich nicht allein mit der Versorgungslage begründen. Das Bundeskartellamt soll eingeschaltet werden; zugleich prüft die Bundesregierung eine Abschöpfung von Übergewinnen. Bereits nach dem Beginn des Ukrainekriegs hatte die Behörde eine Sektorenuntersuchung durchgeführt. Sie kam damals zu dem Ergebnis, sowohl im Kraftstoffgroßhandel als auch bei den Raffinerien dominierten oligopolistische Strukturen – wenige Anbieter mit erheblicher Preissetzungsmacht.[5]

Spotmärkte treiben Preise

Auch bei der Erdgasversorgung zeichnen sich gravierende Probleme ab. In Europa existieren zahlreiche unterirdische Gasspeicher, die eine Bevorratung über Monate ermöglichen. In vielen asiatischen Ländern hingegen reichen die Reserven nur für wenige Tage: in Indien etwa sechs Tage, in Taiwan zehn, in Südkorea 15 und in Japan rund 20 Tage. Da infolge der Eskalation im Mittleren Osten bis zu 20 Prozent des weltweit gehandelten Flüssiggases (Liquefied Natural Gas, LNG) – insbesondere aus Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten – wegen der weitgehenden Sperrung der Straße von Hormuz ausfallen, weichen asiatische Staaten verstärkt auf den Spotmarkt aus. Die Preise reagieren entsprechend: In Asien stiegen sie um rund 150 Prozent auf etwa 20 US-Dollar pro Million BTU und lagen damit über dem europäischen Referenzwert TTF von rund 19 US-Dollar. Händler lenken ihre Lieferungen deshalb zunehmend nach Asien, wo höhere Gewinne winken.[6] Der Vorstandsvorsitzende von RWE, Markus Krebber, betont zwar, aktuell drohe „keine Mangellage“. Sollte der Konflikt jedoch länger als drei bis vier Wochen andauern, stelle sich die Frage, „wie wir die Gasspeicher für den Winter wieder füllen“. Der Füllstand liegt derzeit bei rund 21 Prozent. Parallel dazu sind die Preise deutlich gestiegen: Eine Megawattstunde Erdgas für den Sommer kostete laut TTF derzeit rund 54 Euro; im Januar waren es noch lediglich 25 Euro.[7]

Elektrifizierung stagniert

Die Eskalation der Krise verdeutlicht die fortbestehende strukturelle Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Energieträgern. Trotz milliardenschwerer Investitionen in erneuerbare Energien liegt der Anteil von Öl und Gas am Energieverbrauch weiterhin bei rund 78 Prozent. Die Elektrifizierung zentraler Sektoren – insbesondere Industrie, Verkehr und Wärme – kommt nur schleppend voran. Entsprechend stagniert die Stromnachfrage aus diesen Bereichen. Länder wie China treiben den Umbau deutlich schneller voran. Matthias Berninger, Nachhaltigkeitschef der Bayer AG, spricht mit Blick auf die rasant steigenden Preise für Öl und Gas von einem „Weckruf“; Deutschland drohe bei der Elektrifizierung international zurückzufallen.[8] Hinzu kommen im europäischen Vergleich hohe Strompreise, die die Wettbewerbsfähigkeit belasten – ein für die deutsche Wirtschaft sehr heikler Punkt. In der Tat folgte 2025 beim Wachstum auf zwei Jahre Rezession nahezu eine Stagnation. Allein die Industrie verlor rund 160.000 Arbeitsplätze.[9]

Energie treibt Inflation

Aufgrund der steigenden Energiepreise prognostiziert ein Gutachten des wirtschaftspolitischen Beraterkreises von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) schon jetzt einen deutlichen Anstieg der Inflation.[10] Da Energie ein zentraler Kostenfaktor entlang der gesamten Wertschöpfungsketten ist, wirken Preissteigerungen breit in die Wirtschaft hinein. Selbst bei einem raschen Ende der militärischen Auseinandersetzungen ist nicht davon auszugehen, dass die Preise kurzfristig auf das Vorkriegsniveau zurückkehren (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Entsprechend rechnen Ökonomen mit sinkender Kaufkraft.[12]

Stahlindustrie fordert staatliche Eingriffe

Besonders betroffen sind energieintensive Branchen wie Chemie, Stahl und Aluminium. Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl, fordert bereits „deutliche industriepolitische Maßnahmen“ zur Stabilisierung der Energiepreise. Ziel müsse ein Industriestrompreis von etwa 50 Euro pro Megawattstunde sein. Auch der Verband Aluminium warnt vor den Folgen steigender Kosten. Hauptgeschäftsführerin Angelika El-Noshokaty betont, ein erneuter Preisschub würde die Unternehmen „in einer ohnehin schwierigen Lage erheblich belasten“.[13] Darüber hinaus stehen auch die Kfz-Branche, der Maschinenbau sowie die Glas- und die Papierindustrie unter wachsendem Druck.[14]

Chemiebranche im Krisenmodus

Besonders stark betroffen sieht sich die deutsche Chemieindustrie. Der Branchenverband VCI spricht von einem „absoluten Krisenmodus“. Durch Störungen der Lieferketten – insbesondere infolge von Einschränkungen im Seehandel – kommt es inzwischen zu Engpässen bei zentralen Vorprodukten wie Ammoniak, Phosphat, Helium und Schwefel.[15] Zugleich verschärft sich der internationale Wettbewerbsdruck. Höhere Energiepreise im Vergleich zu den USA und Asien setzen die Produktionsbasis in Europa unter Druck. Laut einer Studie der Beratungsfirma Roland Berger haben europäische Chemieunternehmen in den vergangenen vier Jahren rund zehn Prozent ihrer Kapazitäten stillgelegt.[16] Der Chemiekonzern BASF hat allein in den vergangenen zwei Jahren etwa 4.800 Stellen abgebaut. Ein Vertreter der Kanzlei Baker McKenzie bewertet die Lage der Branche inzwischen als gravierender als die Krise der Automobilindustrie.[17]

 

[1] Patrick Welter: Welche Auswirkungen hat der Irankrieg auf die deutsche Wirtschaft? faz.net 05.03.2026.

[2] Bert Fröndhoff, Jens Münchrath, Jens Koenen, Christoph Schlautmann: Welche Branchen die hohen Energiepreise besonders hart treffen. handelsblatt.com 10.03.2026.

[3] Mark Schroers: German Industrial Production Unexpectedly Drops, Orders Fall. Bloomberg.com 09.03.2026.

[4] Catiana Krapp, Klaus Stratmann, Kathrin Witsch, Olga Scheer: Was der Gas-Produktionsstopp in Katar für Unternehmen bedeutet. handelsblatt.com 02.03.2026.

[5] Martin Greive, Jan Hildebrand, Dietmar Neuerer, Julian Olk: Angst vor neuem Energiepreisschock steigt. handelsblatt.com 05.03.2026.

[6] Martin Kölling, Catiana Krapp, Martin Benninghoff: LNG-Krise – Warum Asien Europa immer mehr Gastanker wegkauft. handelsblatt.com 12.03.2026.

[7] Kathrin Witsch: RWE-Chef Krebber – „Akut droht keine Mangellage“. handelsblatt.com 12.03.2026.

[8] Bert Fröndhoff, Catiana Krapp, Klaus Stratmann, Olga Scheer, Kathrin Witsch: Fossile Falle – Der Iran-Krieg offenbart Deutschlands gefährliche Abhängigkeit. handelsblatt.com 17.03.2026.

[9] Eshe Nelson: Surging Energy Costs Put German Industry ‘Really in Danger’. nytimes.com  13.03.2026.

[10] Martin Greive: Inflation könnte auf 3,5 Prozent steigen, warnen Reiche-Berater. handelsblatt.com 13.03.2026.

[11] S. dazu Vor dem Preisschock.

[12] Axel Schrinner: Irankrieg würgt Konjunkturerholung ab. handelsblatt.com 16.03.2026.

[13] Nadine Bös, Bernd Freytag, Stefan Paravicini: Die Industrie fürchtet den Energiepreisschock. faz.net 04.03.2026.

[14] Sabine Kinkartz: Germany's economy hit by Middle East energy crunch. dw.com 08.03.2026.

[15] Bernd Freytag: Chemieunternehmen im „absoluten Krisenmodus“. faz.net 13.03.2026.

[16] Bert Fröndhoff:  „Gift für Investitionen“ – Chemie fürchtet Folgen des Iran-Kriegs. handelsblatt.com 13.03.2026.

[17] Marilen Martin, Libby Cherry: Iran War Is the Latest Blow for Europe’s Battered Industrial Backbone. bloomberg.com 08.03.2026.


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