Kriegsübungen in Grönland (II)

Nach der Entsendung von Militärs aus acht europäischen NATO-Staaten nach Grönland zu einer Erkundungsmission eskaliert der Konflikt mit den USA um die Insel. Trump kündigt bis zu Grönlands Übergang unter US-Hoheit hohe Strafzölle an.

BERLIN/NUUK/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Nach der Entsendung von Soldaten aus acht NATO-Staaten Europas, darunter Deutschland, nach Grönland eskaliert der Konflikt um die zu Dänemark gehörende Insel mit neuen Zolldrohungen der Trump-Administration. US-Präsident Donald Trump hat am Samstag angekündigt, zusätzliche Zölle in Höhe von 10 Prozent ab dem 1. Februar und von 25 Prozent ab dem 1. Juni auf alle Einfuhren aus den acht Staaten erheben zu wollen – so lange, bis Grönland unter US-Hoheit übergeht. Aus der EU heißt es bislang mehrheitlich, man beuge sich nicht und beharre auf Dänemarks territorialer Integrität. Die Entsendung von Militärs – zunächst nur im Rahmen einer Erkundungsmission – knüpft im Fall der Bundeswehr an eine seit fast zehn Jahren andauernde Ausweitung ihrer militärischen Aktivitäten in Europas Hohem Norden und in der Arktis an, die sich schon jetzt von Norwegen über Island bis nach Kanada erstrecken und im vergangenen Jahr zum ersten Mal auch Grönland erreichten. Sie richteten sich bislang ausschließlich gegen Russland. Jetzt positioniert sich die Bundeswehr mit ihren Grönland-Aktivitäten zum ersten Mal überhaupt unmittelbar gegen das Interesse der USA.

Am Hauptquartier der Nordflotte

Die Bundeswehr weitet ihre Aktivitäten im Hohen Norden bereits seit geraumer Zeit aus. Einen ersten großen Schritt nach vorsichtigen Anfängen [1] stellte 2018 die Teilnahme deutscher Soldaten in Brigadestärke an Trident Juncture dar, einem NATO-Großmanöver in Norwegen, das insbesondere die Einsatzbereitschaft der NATO Response Force und der damals von einem deutschen Offizier geführten NATO-„Speerspitze“ (Very High Readiness Joint Task Force, VJTF) testen sollte. Im Rahmen der Kriegsübung operierten Kriegsschiffe und Kampfjets auch auf schwedischem und finnischem Territorium.[2] Die Teilnahme der Bundeswehr an weiteren Manövern folgte. Nach dem NATO-Beitritt Finnlands und Schwedens intensivierte sich die Militarisierung des Hohen Nordens in Europa ein weiteres Stück.[3] „Deutsche Soldaten, darunter Gebirgsjäger und Marineinfanterie, nehmen inzwischen regelmäßig an Manövern wie ‚Nordic Response‘ teil“, heißt es; „Einheiten der Marine wurden zum Flugkörperschießen ins Polarmeer entsandt.“[4] All dies richtet sich gegen Russland, das an Finnland und im äußersten Norden an Norwegen grenzt. In relativer Nähe zu Nordfinnland und Nordnorwegen liegt die russische Halbinsel Kola, auf der die russische Nordflotte ihr Hauptquartier unterhält. Dort befinden sich auch atomar bewaffnete U-Boote, die einen Teil der russischen Zweitschlagfähigkeit bilden.

Die GIUK-Lücke

Daneben operiert die Bundeswehr immer öfter im äußersten Norden des Atlantiks und im Europäischen Nordmeer. Auch dies richtet sich einzig und allein gegen Russland. Das hat mit dem Seeweg zu tun, den Kriegsschiffe und insbesondere U-Boote der russischen Nordflotte zurückzulegen haben, wenn sie von der Halbinsel Kola durch das Europäische Nordmeer in den Atlantik gelangen wollen. Dort könnten sie die transatlantischen Nachschubwege aus Nordamerika nach Europa attackieren. Deshalb ist die NATO bemüht, den Seeweg dorthin zu kontrollieren, der entweder westlich oder östlich von Island entlangführt – durch die „GIUK-Lücke“ zwischen Grönland, Island und Großbritannien (United Kingdom) hindurch. Dort finden regelmäßig NATO-Manöver statt, so etwa die Übung Dynamic Mongoose, bei der die U-Boot-Jagd im Mittelpunkt steht.[5] Die Bundeswehr nimmt immer wieder an ihr teil. Im Oktober hielt sich Verteidigungsminister Boris Pistorius in Islands Hauptstadt Reykjavík auf, um dort mit der Außenministerin des Landes, Katrín Gunnarsdóttir, über eine intensivere Kooperation zu sprechen. Er teilte mit, Deutschland werde „seine militärische Präsenz auf der Insel erhöhen“. Vor allem sollen die neuen Seefernaufklärer P-8A Poseidon der Deutschen Marine von Island aus operieren.[6]

Bis nach Kanada

Um die Militärzusammenarbeit im Nordatlantik auszuweiten, hat die Bundesrepublik begonnen, auch mit Kanada intensiver zu kooperieren. Deutschland, Kanada und Norwegen kamen auf dem NATO-Gipfel im Juli 2024 überein, eine „Sicherheitspartnerschaft für den Nordatlantik“ aufzubauen. 2025 trat ihr als viertes Land Dänemark bei. Für die Bundeswehr ist die „Sicherheitspartnerschaft“ vor allem mit einer intensiveren Kooperation mit den kanadischen Streitkräften verbunden. So nahm im August mit dem Einsatzgruppenversorger Berlin erstmals ein deutsches Kriegsschiff an Kanadas jährlichem Marinemanöver Nanook-Tuugaalik teil. Deutschland, Kanada und Norwegen werden in Zukunft gemeinsame Ausbildungs- und Übungsmaßnahmen abhalten und den Austausch von Seeaufklärungsdaten ausweiten.[7] Zudem ist eine stärkere Rüstungskooperation im Gespräch; Kanada zieht – anstelle eines US-U-Bootes, das zeitweise im Gespräch war – den Kauf deutscher U-Boote 212 CD in Betracht, die ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) gemeinsam mit Norwegen entwickelt hat und die neben der deutschen auch die norwegische Marine beschafft. In die Zusammenarbeit wird zunehmend auch Großbritannien eingebunden. Auf der britischen Militärbasis Lossiemouth nordöstlich der schottischen Stadt Inverness sollen – wie in Island – deutsche Seefernaufklärer stationiert werden.[8]

Erstmals in Grönland

Seit Mitte 2025 bezieht Berlin in gewissem Umfang Grönland in das Operationsgebiet der Bundeswehr ein. Mitte August traf mit dem Einsatzgruppenversorger Berlin, der sich auf dem Weg nach Kanada befand – zum Manöver Nanook-Tuugaalik –, erstmals ein deutsches Kriegsschiff in Nuuk ein. Offiziell geschah das im Rahmen von Übungen in der GIUK-Lücke für den Kampf gegen russische U-Boote.[9] Am 18. August hielt sich der Parlamentarische Staatssekretär im deutschen Verteidigungsministerium Nils Schmid zu Gesprächen mit Dänemarks Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen sowie Grönlands Außenministerin Vivian Motzfeld in Nuuk auf. Im September folgte das Manöver Arctic Light, an dem fünf NATO-Staaten aus Europa teilnahmen; Dänemark und Frankreich stellten Kriegsschiffe und Militärflugzeuge, während Deutschland, Norwegen und Schweden Truppen und Beobachter entsandten.[10] Auch diese Manöver waren offiziell gegen Russland gerichtet: Moskau hat in der Tat begonnen, seine militärischen Aktivitäten in der Arktis auszuweiten, was daran liegt, dass dort das Eis schmilzt und Russland eine außerordentlich lange Arktisküste hat, die es angesichts der Spannungen mit den NATO-Anrainern verteidigen können muss. Die Kriegsübungen in und bei Grönland hatten auch dies im Blick.

Auf Erkundungsmission

Allerdings konnte man sie mit Hinblick auf die Annexionsdrohungen von US-Präsident Donald Trump auch als einen Hinweis an die Vereinigten Staaten interpretieren, Grönland werde von den europäischen NATO-Ländern ganz prinzipiell verteidigt – und zwar gegen welchen Angreifer auch immer. Das trifft auch auf die jüngste Entsendung von Militärs nach Grönland zu. Dänemarks Verteidigungsminister Troels Lund Poulsen kündigte am Mittwoch an, die dänischen Streitkräfte würden gemeinsam mit denjenigen anderer NATO-Länder in den kommenden Wochen erkunden, wie eine verstärkte Militärpräsenz in der Arktis realisiert werden könne.[11] In den Tagen darauf trafen Soldaten aus Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland, Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland in Nuuk ein, um dort erste Erkundungen vorzunehmen. Die Bundeswehr nahm bis Sonntag mit 15 Militärs daran teil. In den nächsten Wochen sollen Pläne für Übungen und für andere Operationen in Grönland entwickelt werden.

Den Preis erhöhen

Jenseits der Tatsache, dass die Aktivitäten auf und bei Grönland die Positionen der NATO in der Arktis gegenüber Russland stärken, geht niemand davon aus, dass sich die europäischen Staaten militärisch gegen die USA durchsetzen könnten, sollten diese beschließen, Grönland zu annektieren. Die europäische Truppenpräsenz erhöht jedoch den Preis, den die Trump-Administration für die Eroberung der dänischen Insel zahlen müsste. Trump hat im Hinblick darauf am Samstag angekündigt, auf alle Importe aus den acht Staaten, die Soldaten nach Grönland geschickt haben, ab dem 1. Februar Zölle von zusätzlich 10, ab dem 1. Juni von 25 Prozent zu erheben und sie aufrechtzuerhalten, bis Grönland Teil der Vereinigten Staaten werde. Dagegen haben sich die acht betroffenen Staaten nun am Sonntag mit einer Erklärung gewandt, in der es heißt: „Wir sind entschlossen, unsere Souveränität zu wahren.“ Darüber hinaus warnen sie vor dem „Risiko einer Eskalation“.[12] Der Konflikt spitzt sich zu. german-foreign-policy.com berichtet am morgigen Dienstag.

 

Mehr zum Thema: Kriegsübungen in Grönland.

 

[1] S. dazu Eiskalte Geopolitik (II).

[2] S. dazu Die Zeit der Großmanöver.

[3] S. dazu „Die Dominanz in der Arktis“.

[4] Europäische Soldaten für Grönland. Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.01.2026.

[5] S. dazu Die NATO auf U-Boot-Jagd.

[6] S. dazu Einsatzgebiet Nordatlantik.

[7], [8] S. dazu Von der Ost- an die Nordflanke.

[9] S. dazu Kriegsübungen in Grönland.

[10] Danish-led Arctic Light 2025 Strengthens Allied Readiness in High North. ac.nato.int 18.09.2025.

[11] Hilde-Gunn Bye, Birgitte Annie Hansen: Agreed to Increase Military Exercise Activity in Greenland. highnorthnews.com 15.01.2026.

[12] Statement by Denmark, Finland, France, Germany, the Netherlands, Norway, Sweden and the United Kingdom. bundesregierung.de 18.01.2026.


Se connecter