Europa vor der Niederlage am Golf

Streit um europäischen Marineeinsatz in der Straße von Hormuz dauert an. Iran erklärt, den Einsatz nicht genehmigen zu wollen, und warnt vor ernsten Folgen. Berlin deutet Bereitschaft zum Abzug an.

TEHERAN/BERLIN/PARIS (Eigener Bericht) – Außenminister Johann Wadephul kündigt noch für eine Zeitlang den Verbleib deutscher Kriegsschiffe in relativer Nähe zur Straße von Hormuz an. Im Verlauf des Sommers werde sich „klären, ob es für die Bundeswehr eine machbare und sinnvolle Rolle beim Räumen von Minen“ dort gebe, erklärte Wadephul am gestrigen Montag. Kurz zuvor hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius geäußert, er könne für eine Beteiligung der Bundeswehr „kein Szenario“ sehen; die beiden Kriegsschiffe sollten „nicht unendlich warten“, sondern in absehbarer Zeit nach Deutschland zurückkehren. Iran hat immer wieder bekräftigt, auf seiner Kontrolle über die Straße von Hormuz zu beharren, und auf den Versuch der USA, Handelsschiffe ohne seine Genehmigung durch die Meerenge zu geleiten, mit dem Beschuss eines Frachters und eines Öltankers reagiert. Darüber hinaus verhandelt Teheran mit Oman über eine gemeinsame Verwaltung des Seeweges – unter Umständen inklusive des Kassierens nicht von Maut, sondern von Dienstleistungsgebühren. Zuletzt haben Frankreich und Großbritannien erklärt, die „Freiheit der Schifffahrt“ in der Straße von Hormuz sichern zu wollen. Iran warnt, täten sie das, würden sie „zur Rechenschaft gezogen“.

Die Absichtserklärung von Islamabad

Mit Regeln für die Handelsschifffahrt durch die Straße von Hormuz befasst sich Punkt 5 des 14-Punkte-Plans zum Stopp der Kampfhandlungen, der „Absichtserklärung von Islamabad“, auf die sich die USA und Iran Mitte Juni geeinigt haben. Darin heißt es, der Handelsverkehr in der Meerenge solle „unverzüglich“ wieder aufgenommen werden. Die Beseitigung von Seeminen wird ausdrücklich Iran übertragen.[1] 60 Tage lang – aber nicht länger – werde die Straße von Hormuz ohne die Zahlung von Gebühren befahrbar sein, heißt es weiter. Über die „künftige Verwaltung“ der Straße von Hormuz und über „maritime Dienstleistungen“ dort werde Iran „mit dem Sultanat Oman einen Dialog führen“, um schließlich – „in Abstimmung mit anderen Anrainerstaaten“ – präzise Regeln dafür „festzulegen“. Einschränkend heißt es lediglich, dies solle „im Einklang mit dem geltenden Völkerrecht und den Hoheitsrechten der Anrainerstaaten“ geschehen. Das geltende Seerecht sieht vor, dass für die Durchfahrt durch natürliche Meerengen keine Mautgebühren erhoben werden dürfen. Anrainerstaat an der engsten Stelle der Straße von Hormuz ist außer Iran Oman, das die Durchfahrt durch seinen Teil der Wasserstraße eigenständig genehmigen darf. Dies ist der Grund, weshalb Teheran die Regeln für den Handelsverkehr in der Meerenge gemeinsam mit Maskat festschreiben will.

Wie in der Straße von Malakka

Oman hat sich zuvor lange Zeit als Mittler zwischen den Vereinigten Staaten und Iran betätigt. Es steckte jeweils aktiv in Vermittlungsbemühungen, als Israel am 13. Juni 2025 und Israel und die USA gemeinsam am 28. Februar 2025 Iran überfielen – und sah sich dadurch jeweils schroff brüskiert. Als Oman bereits Ende Mai mit Iran über die gemeinsame Kontrolle der Straße von Hormuz sprach – auch, um damit einer Verhandlungslösung für den Konflikt den Weg zu bereiten –, drohte US-Präsident Donald Trump, Maskat müsse davon Abstand nehmen; andernfalls würden die US-Streitkräfte das Land umstandslos „in die Luft jagen“.[2] Oman hat sich von den Gewaltdrohungen nicht beeinflussen lassen. So teilten beide Länder am 23. Juni – im Anschluss an Gespräche des iranischen Außenministers Abbas Araghchi und des iranischen Chefunterhändlers Mohammad Bagher Ghalibaf mit Omans Sultan Haitham bin Tariq und Omans Außenminister Badr bin Hamad al Busaidi in Maskat – mit, sie strebten eine gemeinsame Erarbeitung einer „Vereinbarung über die künftige Verwaltung der Schifffahrt in der Straße von Hormuz“ an; darin solle es auch um anfallende Dienstleistungen und um „Gebühren“ für sie gehen.[3] Solche Gebühren sind seerechtskonform. Ende Juni übermittelte Oman einen Vorschlag an die USA, der freiwillig zu zahlende Gebühren vorsieht.[4] Dies entspricht Regeln, die in der Straße von Malakka gelten.

Kampf um die Meerenge

Kurz vor der Übermittlung des Vorschlags durch Oman hatte die Trump-Administration versucht, unter Bruch der „Absichtserklärung von Islamabad“ Teheran die Kontrolle über die Straße von Hormuz zu entreißen. Am 23. Juni hatte US-Außenminister Marco Rubio zu Beginn einer dreitägigen Reise auf die Arabische Halbinsel erklärt, die Vereinigten Staaten würden die freie Schifffahrt in der Straße von Hormuz garantieren; sie würden nicht zulassen, dass für die Passage Gebühren bezahlt werden müssten.[5] Noch am selben Tag kündigte die International Maritime Organization (IMO), eine UN-Agentur mit Sitz in London, an, sie werde Handelsschiffe durch die Straße von Hormuz navigieren, und zwar durch die Gewässer Omans. Gegen den offenkundig von Washington durchgesetzten Schritt protestierte Teheran – und reagierte mit dem Beschuss eines Handelsschiffs, dann eines voll beladenen Öltankers, worauf Washington jeweils mit Angriffen auf iranisches Territorium antwortete, die Teheran zu Gegenangriffen auf US-Stützpunkte veranlassten.[6] Es gelang letztlich, das erneute Aufflackern des Krieges zu stoppen. Iran behält sich jedoch weiterhin die Kontrolle über die Straße von Hormuz vor und lässt keinen Zweifel daran, dass es bereit ist, diesen Anspruch unter Umständen auch mit militärischen Mitteln durchzusetzen – mit Angriffen auf Handelsschiffe, die die Meerenge ohne seine Genehmigung passieren.

„Eine ernste Warnung“

Einen neuen Anlauf, die iranische Kontrolle über die Straße von Hormuz zu brechen, nehmen nun die Staaten Europas. Am Montag vergangener Woche hatte zunächst Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärt, er sei sich mit Omans Sultan Haitham bin Tariq einig, die europäischen Staaten müssten die „freie und bedingungslose Durchfahrt“ durch die Straße von Hormuz garantieren.[7] Irans stellvertretender Außenminister Kazem Gharibabadi teilte daraufhin unter Bezug auf die „Absichtserklärung von Islamabad“ mit, Teheran lasse dies „grundsätzlich nicht zu“; Paris solle die ohnehin „sensible und komplexe“ Lage mit „seinen Provokationen nicht noch weiter verkomplizieren“.[8] Am Samstag legten Macron und Großbritanniens scheidender Premierminister Keir Starmer nach, ihre beiden Staaten stünden bereit, die „Freiheit der Schifffahrt“ in der Straße von Hormuz zu „unterstützen“; Oman habe sich einverstanden erklärt, mit ihnen zu kooperieren.[9] Erneut antwortete Gharibabadi, die Meerenge sei „kein Schauplatz für militärische Machtdemonstrationen außerregionaler Mächte“; ihre Sicherheit werde von den Anrainerstaaten gewährleistet. Wer allerdings Krisen schüre, werde „für die Folgen seines Abenteurertums zur Rechenschaft gezogen“: „Das ist eine ernste Warnung.“[10]

„Kein Szenario“

Die Bundesregierung gibt sich ambivalent. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte in der vergangenen Woche erklärt, das Minenjagdboot Fulda wie auch das Versorgungsschiff Mosel stünden zwar in Djibouti für einen etwaigen Einsatz in der Straße von Hormuz bereit; sie würden aber „nicht unendlich warten“.[11] „Im Augenblick“ könne er „kein Szenario“ sehen, in dem es bald möglich sein werde, in die Straße von Hormuz zu fahren, „um Minen zu räumen“. Bleibe dies so, dann folge daraus „logischerweise“, „dass wir unsere beiden Schiffe nicht bis in den Herbst dort liegen lassen werden, in der Erwartung, dass irgendwann mal was passiert“. Am gestrigen Montag meldete sich Außenminister Johann Wadephul zu Wort. Wadephul gab sich gewiss, es werde sich noch „im Sommer klären, ob es für die Bundeswehr eine machbare und sinnvolle Rolle beim Räumen von Minen gibt“.[12] „Voraussetzung“ sei allerdings „ein hinreichend sicheres Umfeld“: „Das bedeutet, dass die angrenzenden Staaten Oman und Iran den Einsatz auch wirklich dulden.“ Der Minister ließ es sich nicht nehmen, ein wenig zu provozieren: Die Staaten Europas seien durchaus bereit, für die Minenräumung „keine Gebühren“ zu kassieren; „im Grunde“ aber müsse Teheran „dafür aufkommen“, sollten europäische Kriegsschiffe iranische Minen beseitigen. Dies kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die Staaten Europas, müssten sie unverrichteter Dinge wieder von der Straße von Hormuz abziehen, eine deftige Niederlage wäre.

 

Mehr zum Thema: Die Öffnung der Straße von Hormuz (II), Die Zwischenbilanz des Irankriegs (II) und „Ein iranischer Sieg“.

 

[1] A Look at the Text of the Agreement Between the United States and Iran. nytimes.com 17.06.2026.

[2] Why has Trump threatened to bomb Oman, amid Iran war escalation? aljazeera.com 28.05.2026.

[3] Iran, Oman mull charging Strait of Hormuz ‘maritime service fees’. france24.com 23.06.2026.

[4] Vivian Nereim, Farnaz Fassihi, Erika Solomon: After U.S.-Iran War, Oman Said to Propose Hormuz Fee Plan. nytimes.com 30.06.2026.

[5] Patrick Wintour, Andrew Roth: Rubio insists strait of Hormuz will be toll-free as he arrives for Gulf meeting. theguardian.com 23.06.2026.

[6] Friederike Böge: Vergeltungsaktionen im Waffenstillstand. Frankfurter Allgemeine Zeitung 29.06.2026.

[7], [8] Iran rejects Macron’s plan to clear Strait of Hormuz. politico.eu 30.06.2026.

[9], [10] Azhar Sukri: UK and France agree with Oman to ensure safety of its territorial waters. cnbc.com 04.07.2026.

[11] Hormus-Hängepartie: Zweifel an Einsatz deutscher Schiffe. handelsblatt.com 01.07.2026.

[12] Wadephul bringt Iran-Zahlungen für Minenräumung ins Spiel. handelsblatt.com 06.07.2026.


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