Energieanlagen unter Beschuss
Berlin und die EU wollen nach dem Ende der Kampfhandlungen in Iran die Straße von Hormuz sichern. Dies würde ihnen dort einigen Einfluss verschaffen. Angriffe auf Gasfeld South Pars drohen den Krieg zum Flächenbrand zu machen.
BERLIN/TEHERAN (Eigener Bericht) – Die EU hat auf ihrem Gipfeltreffen am gestrigen Donnerstag weitgehend die deutsche Position zum Iran-Krieg bekräftigt. Demnach will sie Maßnahmen treffen, „um die Freiheit der Schifffahrt in der Straße von Hormus zu gewährleisten“, allerdings erst dann, wenn „die Voraussetzungen dafür gegeben sind“. Dies entspricht der Ankündigung von Bundeskanzler Friedrich Merz, dort erst nach Kriegsende intervenieren zu wollen. Dann allerdings planen Berlin und die EU, dort Präsenz zu zeigen, um sich mehr Einfluss in Mittelost zu sichern. Die Mitteilung erfolgt, während die Region nach Israels Angriff auf das iranische Erdgasfeld South Pars vor der Ausweitung des Kriegs zu einem Flächenbrand steht. Ursache ist zum einen, dass Israel Iran komplett zu zerstören sucht; dies gilt als Voraussetzung für die Schaffung eines „Groß-Israels“, die der US-Botschafter in dem Land als Ergebnis von Kriegen für möglich erklärt. Der Angriff auf das Erdgasfeld sowie Irans Gegenangriffe auf Energieanlagen auf der Arabischen Halbinsel erschweren es den Staaten dort zudem, nicht in den Krieg einzutreten. Zugleich richten die USA sich im Iran-Krieg weiterhin auch gegen China.
Iran zerstören
Auslöser der jüngsten Kriegseskalation waren Israels Angriffe auf das Erdgasfeld South Pars. Iran nutzt sein Erdgas vor allem zur Versorgung der eigenen Zivilbevölkerung, gegen die sich die Angriffe demnach gezielt richteten. US-Präsident Donald Trump hatte den Angriffen explizit zugestimmt; das bestätigten Insider sowohl dem Wall Street Journal als auch der Agentur Reuters.[1] Dabei entspricht der Angriff der israelischen Strategie, den iranischen Staat komplett zu zerstören und nach Möglichkeit sogar zu zerschlagen. Dem dienen nicht nur die Welle der Morde an führenden Repräsentanten des iranischen Staats, sondern auch die gezielten Bombardements staatlicher Stellen in den kurdischen Gebieten Nordwestirans, wo Israels Regierung auf einen Aufstand kurdischer Milizen und einen offenen Bürgerkrieg setzt. Der Aufstand kurdischer Milizen soll zudem die Minderheiten der Belutschen im Südosten des Landes sowie der Araber im Südwesten zu weiteren Aufständen anstacheln. Das Szenario weist starke Parallelen zum Vorgehen der westlichen Staaten – auch Israels – in Syrien auf, wo jahrelang islamistische, teils jihadistische Milizen unterstützt wurden, um den Zentralstaat zu zertrümmern. Einer der auch von Deutschland [2] geförderten Jihadisten regiert heute in Damaskus über ein politisch zerfallenes, ökonomisch ruiniertes und von regelmäßigen Massakern geplagtes Land.[3]
„Groß-Israel“
Die Ziele, die Israel und die Vereinigten Staaten im Nahen und Mittleren Osten verfolgen, sind nicht identisch, weisen aber starke Überschneidungen auf. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, hat kürzlich seine Zustimmung zu einer israelischen Territorialexpansion erklärt. Befragt, wie er zu der biblischen Aussage stehe (Genesis 15), Israel könne alles Land von Ägypten bis zum Euphrat im Irak beanspruchen, sagte Huckabee: „Es ginge in Ordnung, wenn sie das alles nehmen.“[4] Huckabee schränkte anschließend ein, er meine nicht, dass Israel einfach so nach Libanon, Syrien und in den Irak einmarschieren dürfe. Sollte es jedoch von dort angegriffen werden „und das Land nehmen“, sei das „eine ganz andere Debatte“.[5] Als Voraussetzung für die Schaffung eines „Groß-Israels“ gilt, dass Iran so umfassend wie möglich zerschlagen und Iran nahestehende Organisationen, so etwa die Hizbollah, gänzlich ausgeschaltet werden. Dies geschieht derzeit. Zudem hat Israel nicht nur Gaza völlig zerstört. Es hat auch die faktische Annexion des Westjordanlands begonnen, wo von November 2024 bis Oktober 2025 laut UN-Angaben mehr als 36.000 Palästinenser vertrieben wurden.[6] Die israelische Armee hat zuletzt schließlich weitere Teile Syriens besetzt und rückt nun auch noch in den Libanon ein.
„Chinas Albtraum“
Während der Trump-Administration ein von Israel dominierter Naher und Mittlerer Osten sehr gelegen käme, weichen die US-Interessen in einem Punkt von den israelischen ab: Das Hauptziel der Vereinigten Staaten ist es, Chinas Einfluss aus der Region abzudrängen. Zu Beginn des Krieges hatte US-Präsident Trump noch eine „venezolanische Lösung“ in Betracht gezogen – die Option, Irans Regierung im Kern im Amt zu lassen, sie allerdings zu einer außenpolitischen Unterordnung unter die USA zu zwingen. Dies gelang nicht. Wie US-Senator Lindsey Graham erklärt, kommt es Washington im Iran-Krieg dennoch vor allem darauf an, China zu schaden. „Venezuela und Iran besitzen 31 Prozent der Ölreserven weltweit“, erläuterte Graham kürzlich auf Fox News; dass die USA sie künftig kontrollieren könnten, „ist Chinas Albtraum“.[7] Als nachteilig gälte es allerdings in Washington, würde ein Abgleiten des Mittleren Ostens in einen Dauerkrieg eine dauerhafte militärische Präsenz der Vereinigten Staaten erfordern. Dann fehlten Waffen und Soldaten für den Machtkampf gegen China. Schon vergangene Woche erklärte der Ex-US-Staatssekretär für die Luftwaffe Frank Kendall, China sei ein „gewaltiger Gegner“ – „und jetzt setzen wir schon wieder JDAM-Raketen im Nahen Osten ein“, anstatt sie für Ostasien aufzubewahren.[8]
Arabisches Dilemma
Israels Angriffe auf das Erdgasfeld South Pars haben den gesamten Nahen und Mittleren Osten einem alles umfassenden Flächenbrand nähergebracht. Iran hat, wie angekündigt, auf sie reagiert, indem es seine Angriffe auf Energieinfrastruktur in den Ländern der Arabischen Halbinsel ausgeweitet hat. Teheran gibt an, es handle sich um Infrastruktur, an der der Kriegsgegner USA Beteiligungen halte. Die arabischen Golfstaaten streiten das – zumindest für einen Teil der Angriffsziele – ab. Bisher haben sie es vermieden, selbst in den Krieg zu intervenieren: Sie stecken mitten in einem heiklen Prozess der industriellen Modernisierung, der sie auf die postfossile Ära vorbereiten soll; jegliche Ausweitung des Krieges ist dafür weiteres Gift (german-foreign-policy.com berichtete [9]). Nach den jüngsten Angriffen Irans ist jedoch unklar, wie lange sie noch von Gegenangriffen absehen wollen. Saudi-Arabiens Außenminister Faisal bin Farhan al Saud erklärte am Donnerstag, er hoffe, Iran werde umgehend „seine Angriffe auf seine Nachbarstaaten stoppen“.[10] Wenn nicht, dann behalte Saudi-Arabien sich einen Kriegseintritt vor. Damit griffe der Iran-Krieg in vollem Umfang auf die gesamte Arabische Halbinsel aus.
Machtposition am Golf
Berlin und die EU sind bestrebt, den Iran-Krieg zu nutzen, um sich eine eigenständige Machtposition am Persischen Golf aufzubauen. Bereits am Mittwoch erklärte Bundeskanzler Friedrich Merz, die Bundesregierung lehne jede aktive Beteiligung am Krieg ab; so werde es keine Beteiligung der Bundeswehr an militärischen Maßnahmen in der Straße von Hormuz geben, solange die Kampfhandlungen andauerten.[11] Zugleich behauptete Merz, „die Verantwortung für die gegenwärtige Krise der Region“ trügen nicht etwa die USA und Israel, die den Krieg begonnen haben, sondern Iran. Zum Hintergrund sagte der Kanzler, er mache sich zwar für eine eigenständige Position der EU stark, „wo wir andere Interessen haben“, wolle aber vermeiden, „dass dieser Krieg zur Belastung für die transatlantische Partnerschaft wird“. Merz teilte schließlich mit, Berlin dringe auf „eine schnelle Beendigung des Krieges“ und wolle „nach dem Ende der Kampfhandlungen“ einen „Beitrag“ zum Aufbau einer „Friedensordnung in der Region“ leisten. Dazu gehöre unter anderem die „Debatte über freie Schifffahrt, etwa in der Straße von Hormus“. Frankreich bereitet bereits die Entsendung von Kriegsschiffen in die Meerenge nach dem Ende der Kampfhandlungen vor.[12] Daran könnten sich auch deutsche Kriegsschiffe beteiligen.[13]
[1] Summer Said, Rebecca Feng, Alexander Ward: Escalating Attacks on Gulf Energy Assets Plunge Iran War Into New Phase. wsj.com 19.03.2026.
[2] S. dazu Wettlauf um Syrien.
[3] S. dazu „Kein Grund für Asyl“.
[4], [5] Isabel Kershner: Arab Leaders Condemn Remarks by U.S. Ambassador to Israel. nytimes.com 22.02.2026.
[6] Israel’s settlement expansion drives mass displacement in West Bank – UN report. palestine.un.org 17.03.2026.
[7] Lindsey Graham criticises Israel over targeting Iranian oil facilities. middleeasteye.net 09.03.2026.
[8] Jochen Stahnke: Der Irankrieg schwächt Südkoreas und Taiwans Schutz. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.03.2026.
[9] S. dazu „Eine inakzeptable Aggression“.
[10] What did Arab and Muslim ministers discuss in Riyadh meeting on Iran? aljazeera.com 19.03.2026.
[11] Regierungserklärung von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Europäischen Rat am 19./20. März 2026 vor dem Deutschen Bundestag am 18. März 2026 in Berlin.
[12] S. dazu Die Straße von Hormuz.
[13] René Garzke: Pistorius schließt Bundeswehr in Straße von Hormus nicht aus. bild.de 19.03.2026.
