Ein "Giftcocktail" für die EU-Erdgasversorgung

Transatlantische Kreise spekulieren erneut über Sanktionen gegen die Erdgaspipeline Nord Stream 2. US-Flüssiggasproduzenten reduzieren ihre Lieferungen nach Europa.

BERLIN/WASHINGTON/MOSKAU | |   Nachrichten | russische-foederationusa

BERLIN/WASHINGTON/MOSKAU (Eigener Bericht) - Äußerungen von US-Funktionären und eine Europareise eines US-Sondergesandten rufen neue Spekulationen über etwaige Sanktionen gegen die Erdgaspipeline Nord Stream 2 hervor. Hintergrund sind Vorwürfe, Russland treibe die Gaspreise in Europa gezielt nach oben und nutze die aktuellen Versorgungsschwierigkeiten in der EU zu politischen Zwecken aus. Experten urteilen weithin, beides treffe nicht zu: Während die Gaspreise wegen des rasant steigenden Verbrauchs in Ostasien sowie der Preisbildungspolitik der EU-Kommission in die Höhe schössen, habe Moskau alle vertraglichen Lieferpflichten in vollem Umfang eingehalten. Gazprom hat seine Exporte nach Deutschland zudem sogar um 33 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum aufgestockt. Dagegen sind die Lieferungen von US-Flüssiggas nach Europa um mehr als 15 Prozent zurückgegangen: Die US-Energiekonzerne können höhere Preise in Asien erzielen. Der US-Botschafter in der Ukraine äußert nun, dass Russland nicht ohne Verzug die Gasexporte nach Europa ausweite, habe womöglich mit "geopolitischen Erwägungen" zu tun. Für diesen Fall sind neue Sanktionen vorgesehen.

Nachfrageboom in Ostasien

Die Ursachen für den heftigen Anstieg der Erdgaspreise in Europa sind weitgehend bekannt. Eine zentrale Rolle spielt der erheblich gestiegene Erdgasverbrauch in Ostasien, vor allem in China. Die dortige Wirtschaft ist nach den pandemiebedingten Einbrüchen Anfang 2020 schneller als erwartet wieder angesprungen; das treibt den Konsum in die Höhe. Hinzu kommt, dass nicht nur in der Industrie, sondern auch in Privathaushalten die Umstellung von der Nutzung von Kohle auf andere Energieträger rasche Fortschritte macht. Experten rechnen mit einer Zunahme des chinesischen Gasverbrauchs dieses Jahr um 13 Prozent bzw. 42 Milliarden Kubikmeter im Vergleich zu 2020.[1] Davon wird ein gewisser Teil über Pipelinelieferungen gedeckt - zum einen über Erdgaspipelines aus Zentralasien, zum anderen über die Pipeline Power of Siberia aus Gasfeldern Ostsibiriens nach China, die Ende 2019 in Betrieb genommen wurde und deren Liefermenge zur Zeit aufgestockt wird. Hinzu kommt eine deutliche Ausweitung der Einfuhr von Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG). Experten gehen davon aus, dass der Erdgasverbrauch in China aufgrund des Ausstiegs aus der Kohle in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Das könnte die Preise auf hohem Niveau halten oder sie sogar noch weiter nach oben treiben.[2]

Die Preispolitik der EU-Kommission

Dass sich die gestiegene Nachfrage so rasch und massiv auf den Erdgaspreis niederschlägt, liegt auch daran - so erläutert es der ehemalige CDU-Politiker Friedbert Pflüger -, dass es "nicht zuletzt auf Druck der EU-Kommission ... immer weniger langfristige Gaslieferverträge mit Ölpreisbindung" gibt.[3] Stattdessen wird der Rohstoff in zunehmendem Umfang über den "freien globalen Gas(spot)markt" gehandelt. Dadurch sei "der Gaspreis starken Marktschwankungen ausgesetzt", urteilt Pflüger, der auch Senior Fellow des Global Energy Center des Atlantic Council ist: "Eine schnell steigende Nachfrage führt eben zu rapide steigenden Preisen." Der Erdgasmarkt "funktioniert ... jetzt genau so, wie sich die EU-Kommission das immer gewünscht hat", wird Kirsten Westphal, Energiepolitik-Expertin der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), zitiert: "Es gibt keine langfristigen Lieferverträge mehr, die Ölpreisbindung ist längst weggefallen, der Gaspreis bildet sich kurzfristig und ist volatil geworden." Wenn sich "Knappheiten" ergäben, spiegelten sie sich "im Preis wider".[4] Dies trage dazu bei, dass "ein Giftcocktail für die Versorgungslage in Europa" entstanden sei.

Kein Preisrückgang

Die Schwierigkeiten haben sich zudem zugespitzt, weil wegen extremer Wetterverhältnisse der Erdgasverbrauch im vergangenen Jahr in die Höhe geschnellt ist - zunächst wegen des kalten Winters, dann wegen der in manchen Weltgegenden großen Hitze im Sommer, die aufgrund einer gesteigerten Nutzung von Klimaanlagen den Konsum ebenfalls ausgeweitet hat. Auch in der Bundesrepublik sei der Gasverbrauch noch im April um etwa 60 Prozent höher gewesen als im Vorjahr, berichtet der Vorsitzende der Initiative Erdgasspeicher (INES), der rund 90 Prozent aller Erdgasspeicherfirmen in Deutschland angehören.[5] Der zusätzliche Bedarf sei recht lange aus Speichervorräten gedeckt worden, um die stetig steigenden Preise zu vermeiden. Viele hätten geplant, die Speicher erst nach einem ersehnten Preisrückgang wieder aufzufüllen. Dieser jedoch trat nicht ein. Entsprechend waren die Speicher Mitte September EU-weit gerade einmal zu 71 Prozent gefüllt, in Deutschland sogar nur zu 64 Prozent.[6] Üblich sind, um auf einen hohen Winterverbrauch vorbereitet zu sein, Füllstände von rund 90 Prozent. Zwar heißt es bei der INES, man hoffe, diesen Wert bis Anfang November noch erreichen zu können. Ob das angesichts der starken globalen Nachfrage gelingt, ist jedoch unklar.

Höhere Profite in Asien

Dies umso mehr, als sich die naheliegende Hoffnung, zusätzlichen Bedarf mit der Einfuhr flexiblen Flüssiggases zu decken, bislang nicht erfüllt. So sind, wie Pflüger berichtet, die LNG-Lieferungen in die EU und nach Großbritannien "in den ersten acht Monaten" dieses Jahres "um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr" zurückgegangen.[7] Die LNG-Importe speziell aus den Vereinigten Staaten brachen im ersten Halbjahr 2021 um 15,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresvolumen ein.[8] Ursache dafür ist, dass Erdgas in Asien traditionell zu höheren Preisen verkauft wird als in Europa, weil dort bis heute eine nur rudimentäre Anbindung an Pipelines vorhanden ist. Entsprechend wird "das LNG aus den USA ... vor allem in Richtung Asien oder Lateinamerika verschifft", berichtet Pflüger. Verstärkt wird dies durch das Phase One Agreement im US-Handelskrieg gegen China, das im Januar 2020 geschlossen wurde; es sieht vor, dass die Volksrepublik zur Senkung des US-Handelsdefizits bis Ende dieses Jahres Energierohstoffe für 50 Milliarden US-Dollar zusätzlich in den Vereinigten Staaten kaufen muss. Damit steht für den europäischen Markt deutlich weniger zur Verfügung. Hinzu kommt, dass die US-Industrie mittlerweile eine Reduzierung der Erdgasausfuhr verlangt, um die Preise auf dem US-Inlandsmarkt zu stabilisieren.[9]

Mehr Erdgas nach Deutschland

In dieser Situation bringen transatlantische Kreise erneut Sanktionen wegen Nord Stream 2 ins Gespräch. Während die Erdgaslieferungen aus den Vereinigten Staaten zurückgegangen sind, hat Russland laut einhelligen Aussagen von Importeuren und Industrieverbänden seine vertraglichen Exportverpflichtungen eingehalten. Zudem hat es in den ersten neun Monaten des Jahres seine Erdgasausfuhr insgesamt um 17,3 Prozent, seine Ausfuhr in die Bundesrepublik gar um 33,2 Prozent erhöht.[10] Dabei steckt Russland selbst spürbar in Schwierigkeiten: Es musste zunächst, wie Atlantic Council-Experte Pflüger konstatiert, seine eigenen, aufgrund des großen Verbrauchs stark geleerten Speicher füllen und hatte anschließend Ausfälle wegen eines Schadens an einer großen Kompressorstation zu verzeichnen. Hinzu kommt, dass die Erdgaspipeline Nord Stream 2 inzwischen zwar fertiggestellt und betriebsbereit ist, aber immer noch eine Genehmigung der Bundesnetzagentur aussteht. Deren Entscheidung muss dann der EU-Kommission zur Prüfung vorgelegt werden. Der Genehmigungsprozess könne sich, heißt es, "bis Mai" in die Länge ziehen.[11] Eine Ablehnung ist möglich. Die Aussicht, die Pipeline könne selbst nach der Fertigstellung auf bürokratischem Weg unbrauchbar gemacht werden, ist kein Anreiz, die Gaslieferungen zu erhöhen.

Sanktionen im Gespräch

Jetzt wird der US-Botschafter in der Ukraine, Steven Pifer, mit der Äußerung zitiert, man müsse "sich fragen, ob im Kreml geopolitische Erwägungen im Spiel sind".[12] Wäre dies der Fall, dann müsste Berlin neue Sanktionen gegen Moskau beschließen. Das sieht eine Übereinkunft mit der Biden-Administration vor.[13] Unterlässt die Bundesregierung dies, kann Washington Sanktionen gegen Deutschland beschließen. Erst kürzlich ist der US-Sondergesandte für Energiesicherheit, Amos Hochstein, nach einem Aufenthalt in Berlin nach Brüssel gereist; Gegenstand seines Interesses war die bevorstehende Stellungnahme der EU-Kommission zur demnächst erwarteten Entscheidung der Bundesnetzagentur zu Nord Stream 2.[14] Die Biden-Administration hat - ganz wie die Vorgängerregierung - Interesse daran, Nord Stream 2 scheitern zu lassen.

 

[1] Miaoru Huang: The Future Of China's Gas Demand. forbes.com 22.09.2021.

[2] Kathrin Witsch, Katharina Kort, Mathias Peer: Gaspreiskrise: Der LNG-Boom in Asien steht erst am Anfang. handelsblatt.com 01.10.2021.

[3] Friedbert Pflüger: Der Gasmarkt ist "schuld", nicht Putin. background.tagesspiegel.de 01.10.2021.

[4] Klaus Stratmann: Dreht Russland am Gashahn, um Nord Stream 2 zu erzwingen? handelsblatt.com 21.09.2021.

[5] Kathrin Witsch: Europa steckt in einer Gaspreiskrise. Das sind die Folgen für die Versorgung in Deutschland. handelsblatt.com 23.09.2021.

[6] Thomas Kohlmann: Was steckt hinter den Rekordpreisen für Gas? dw.com 21.09.2021.

[7] Friedbert Pflüger: Der Gasmarkt ist "schuld", nicht Putin. background.tagesspiegel.de 01.10.2021.

[8] US supplies of LNG to Europe have not been stable for two years, says Gazprom Export. tass.com 24.09.2021.

[9] Katharina Kort: US-Unternehmen fordern Drosselung der Gasexporte. handelsblatt.com 22.09.2021.

[10] Gazprom ramping up gas production. gazprom.com 01.10.2021.

[11] Ewa Krukowska, Dina Khrennikova, Elena Mazneva: Nord Stream 2: Diese Hürden stehen einer Inbetriebnahme noch im Weg. capital.de 09.10.2021.

[12] Moritz Koch: Neues Machtspiel um Nord Stream 2: Wie Russland die Energiekrise ausnutzt. handelsblatt.com 07.10.2021.

[13] S. dazu Rohstofflieferant für die EU-Energiewende.



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