Fusion der Leichtgewichte

FRANKFURT AM MAIN | |   Nachrichten

FRANKFURT AM MAIN (Eigener Bericht) - Die Deutsche Bank und die Commerzbank befinden sich in Sondierungsgesprächen über eine Fusion, um ihren weiteren internationalen Einflussverlust zu verhindern. Berichten zufolge dringt insbesondere Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) auf einen Zusammenschluss und erwartet eine Entscheidung in den nächsten Wochen. Es handle sich um die letzte Chance, den deutschen Großbankensektor zu konsolidieren, heißt es; scheitere er, dann könne die Commerzbank von einem auswärtigen Käufer übernommen werden. Außerdem drohten die beiden Geldhäuser bei einer etwaigen neuen Kriseneskalation in eine dramatische Schieflage zu geraten, urteilen Beobachter. Tatsächlich haben sich beide Banken von den Schocks der Weltfinanzkrise nie so recht erholt. Ihnen fehlt das notwendige Kapital, um wichtige Reformen sowie die erforderlichen Maßnahmen zur Digitalisierung einzuleiten. Die Deutsche Bank hat sich zuletzt aus einer Reihe von Auslandsmärkten zurückgezogen, etwa aus Polen und aus Portugal. Wegen undurchsichtiger Geschäfte in Estland gerät sie nun auch in den USA unter Druck.

Nur noch auf Platz 19

Die Deutsche Bank und die Commerzbank befinden sich jüngsten Berichten zufolge in ersten Sondierungsgesprächen über eine Fusion.[1] Kommt es zu dem Zusammenschluss, dann entstünde das mit Abstand größte deutsche Geldinstitut mit einer Bilanzsumme von nahezu zwei Billionen Euro und 38 Millionen Kunden. Derzeit sind rund 130.000 Lohnabhängige bei den beiden Banken beschäftigt, 80.000 davon in der Bundesrepublik. Dabei änderte selbst eine Fusion nichts daran, dass das neue Geldinstitut mit einem Börsenwert von 24 Milliarden Euro im internationalen Vergleich immer noch "ein Leichtgewicht" wäre, urteilen Beobachter. Tatsächlich befand sich die Deutsche Bank als größtes deutsches Geldinstitut mit einer Marktkapitalisierung von nur 19,6 Milliarden Euro im Jahr 2018 auf Platz 19 der Rangliste der europäischen Großbanken [2], was auf den enormen Kursverlust der Aktie des krisengebeutelten Unternehmens zurückzuführen ist. Beide deutschen Finanzhäuser haben sich nie wirklich von den Schocks der Weltfinanzkrise von 2007/08 erholt. Der Wert der Aktie der Deutschen Bank sank binnen der letzten fünf Jahre von knapp 30 Euro auf nur noch sieben Euro.

Politisch forciert

Den Berichten zufolge sind die beiden Geldhäuser von der Politik unter Druck gesetzt worden, um die Fusion zu beschleunigen.[3] Berlin erwarte "eine Entscheidung in den kommenden Wochen", heißt es. Vor allem Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) forciere die Schaffung einer starken deutschen Großbank. Weil der deutsche Staat weiterhin rund 15 Prozent der Anteile an der Commerzbank hält, seit er sie während der Finanzkrise von 2007 stützen musste, verfügt der Finanzminister als ihr größter Aktionär auch über die nötigen Mittel zur Durchsetzung seines Plans. Berlin drücke derzeit aufs Tempo, da man befürchte, die kommende Europawahl werde "neue Mehrheiten in Brüssel" mit sich bringen, die eine Fusion blockieren könnten, wird berichtet. Zudem passt die Strategie in den neuen, staatsinterventionistischen Wirtschaftskurs der Bundesregierung, die sich bemüht, in allen relevanten Wirtschaftszweigen durch Fusionen "nationale Champions" aufzustellen - Monopolkonzerne, die der zunehmenden globalen Konkurrenz gewachsen sein sollen. Der strategische Zusammenschluss gelte in Berlin als die letzte Chance, "um den deutschen Großbankensektor zu stärken", hieß es weiter. Sollte die Fusion scheitern, drohe der Commerzbank eine Übernahme durch einen "ausländischen Käufer". In Berlin sei auch die Option erwogen worden, die Commerzbank mit einem französischen Finanzkonzern wie der BNP Paribas zu fusionieren; doch erwüchse in einem solchen Fall der Deutschen Bank ein "schlagkräftiger Konkurrent", was das "Wiedererstarken der ebenfalls seit Jahren darbenden größten deutschen Bank" erschweren könnte.[4]

Eine Notfusion?

Eine weitere Ursache für den Druck der Bundesregierung, die beiden Geldhäuser zu fusionieren, sehen Beobachter in der zunehmenden Sorge von einem kommenden Krisenschub. Die Deutsche Bank könne im Fall einer Krise in "Schwierigkeiten" geraten, heißt es; eine "Eintrübung der Konjunktur" werde beide Finanzhäuser aller Wahrscheinlichkeit in eine "Schieflage" bringen. Bei dem politisch angestrebten Zusammenschluss handelt es sich demnach um eine Notfusion.[5] Der von der Deutschen Bank angekündigte Jahresgewinn - zwar vergleichsweise geringfügig, aber immerhin der erste seit vier Jahren - könne nicht über den rasanten Niedergang der deutschen Finanzbranche hinwegtäuschen. Bezeichnend für diesen sei ein Vergleich mit der US-Konkurrenz: J.P. Morgan als größtes US-Finanzinstitut, mit dem "sich die Deutsche Bank einst gern verglich", komme auf eine Marktkapitalisierung vom "mehr als 300 Milliarden Euro".

"Industriepolitik für die Banken"

Tatsächlich befindet sich die gesamte deutsche Finanzbranche laut dem Urteil von Experten im Niedergang - nicht nur international, sondern auch im Inland, wo ausländische Banken ihre Position mittlerweile ausbauen können. Die Finanzbranche entwickelt sich damit gegenläufig zur sonstigen, stark exportfixierten deutschen Wirtschaft. Im Gegensatz zu den USA wurden in der Bundesrepublik nach Ausbruch der Finanzkrise die mit Milliardenbeträgen "geretteten" Finanzinstitute nicht "zwangsweise mit frischem Kapital ausgestattet", erinnern Beobachter; ihnen fehle nun das "Kapital für die dringend nötigen internen Reformen und die Herausforderungen der Digitalisierung".[6] Folglich fielen die deutschen Banken gegenüber der Konkurrenz immer weiter zurück. Die Maßnahmen des Bundesfinanzministeriums werden in diesem Kontext als "Industriepolitik für die Finanzwirtschaft" eingestuft, die letztlich der "ganzen deutschen Wirtschaft" zugute komme. Am Finanzplatz Frankfurt werde Scholz' Vorgehen angesichts der desolaten Lage der Branche jedenfalls begrüßt.

Rückzug aus Osteuropa und Portugal

Tatsächlich hat sich die Deutsche Bank bereits aus etlichen europäischen Märkten zurückgezogen. In Portugal etwa hat sie 2018 ihr Privat- und Firmenkundengeschäft abgewickelt und es an die spanische Regionalbank Abanca verkauft.[7] Im Rahmen des angestrebten Konzernumbaus und der notwendigen Kostensenkung ist auch das Privatkundengeschäft in Polen an die spanische Bank Santander verkauft worden. Im Zusammenhang mit umfangreichen Ermittlungen zur Geldwäsche bei der estnischen Filiale der Danske Bank, für die das führende deutsche Finanzinstitut als Korrespondenzbank dubiose Geschäfte im Volumen von 150 Milliarden Euro abwickelte, wurde ein allgemeiner Rückzug aus diesem Geschäftszweig in Osteuropa eingeleitet. Seit 2016 habe man die Zahl der Kunden in diesem Bereich "um rund 60 Prozent" reduziert, erklärte der Geldwäsche-Beauftragte der Deutschen Bank gegenüber europäischen Parlamentariern Anfang Februar.[8] Gegen das angeschlagene Finanzhaus laufen Ermittlungen, da es zwischen 2007 und 2015 rund 200 Milliarden Euro aus trüben russischen Quellen gewaschen und in die USA überwiesen hat.[9]

Druck in den USA

Die windigen Geschäfte der deutschen Großbank lassen auch den Druck in den USA ansteigen. Schon Ende des vergangenen Jahres kündigten Politiker der Demokratischen Partei an, die Rolle der Deutschen Bank bei den dubiosen Geldflüssen zu untersuchen, die mitunter ins Umfeld von US-Präsident Donald Trump führen sollen.[10] Inzwischen beschäftigen sich zwei Ausschüsse im Repräsentantenhaus mit der Deutschen Bank, um ihre Praktiken sowie ihre Beziehung zu US-Präsident Donald Trump zu beleuchten. Öffentliche Anhörungen zu den Geldwäscheaktivitäten der Deutschen Bank gelten als wahrscheinlich. Angesichts der düsteren Aussichten in den USA formulieren deutsche Finanznachrichten klare Empfehlungen bezüglich der Wertpapiere des größten deutschen Finanzhauses: "Aktie meiden!"11]

 

[1] Tim Kanning: Sewing holt sich Erlaubnis für Gespräche über eine Fusion. faz.net 10.03.2019.

[2] The 20 largest banks in Europe by market capitalization. banksdaily.com 31.05.2018.

[3] Deutsche Bank und Commerzbank prüfen Zusammenschluss. zeit.de 09.03.2019.

[4] Tim Kanning: Sewing holt sich Erlaubnis für Gespräche über eine Fusion. faz.net 10.03.2019.

[5] Tim Bartz: Auf dem Weg zur Notfusion. spiegel.de 31.01.2019.

[6] Deutsche Banken noch immer in der Krise. daserste.de 17.10.2018.

[7] Deutsche Bank: Rückzug aus Privatkundengeschäft in Portugal. fnp.de 27.03.2018.

[8] Deutsche Bank zieht sich aus Osteuropa zurück. n-tv.de 04.02.2019.

[9] Meike Schreiber: Deutsche Bank gerät im Danske-Skandal unter Druck. sueddeutsche.de 23.01.2019.

[10] Für die Deutsche Bank steigt der Druck aus den USA. handelsblatt.com 07.02.2019.

[11] Deutsche Bank: Neue Ermittlungen in den USA? deraktionaer.de 14.12.2018.



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