Deutsche Autobosse in Washington

BERLIN/WASHINGTON | |   Nachrichten | usa

BERLIN/WASHINGTON (Eigener Bericht) - Spitzenmanager deutscher Autokonzerne haben im Weißen Haus ihre Pläne zum Aufbau neuer Produktionsstätten in den USA bekräftigt und damit Einfluss auf den Strafzollstreit zwischen Washington und Brüssel zu nehmen versucht. Mit dem Bau neuer Fabriken in den Vereinigten Staaten könne man US-Präsident Donald Trump vielleicht besänftigen und ihn von seinen Plänen abbringen, Strafzölle gegen Pkw-Einfuhren aus der EU zu verhängen, teilten die Konzernchefs von VW und Daimler sowie der Finanzvorstand von BMW nach Gesprächen in Washington am Dienstag mit. Tatsächlich bauen deutsche Konzerne ihre Standorte in den USA seit Jahren konsequent aus. Ursache ist zum einen die allgemeine Tendenz, die Autoproduktion in wichtigen Zielmärkten auszuweiten; in den Vereinigten Staaten wird dies durch niedrige Löhne begünstigt, die sogar den Weiterexport nach China erlauben. Hinzu kommt, dass die deutsche Kfz-Branche bemüht ist, ihre wachsende Abhängigkeit von ihrem wichtigsten Absatzmarkt, China, zu verringern. VW etwa verkauft dort 40 Prozent seiner Pkw.

Exporte und Auslandsproduktion

Die jüngsten Entscheidungen deutscher Autokonzerne für neue Investitionen in den USA sind Teil langfristiger Bemühungen zur Eroberung der bedeutendsten Kfz-Märkte weltweit. Im Rahmen dieser Bemühungen haben deutsche Hersteller zum einen ihre Exporte ausgeweitet. So nahm die Ausfuhr deutscher Produzenten von 2,1 Millionen Autos im Jahr 1993 auf 4,2 Millionen Autos im Jahr 2013 zu; damit stieg die Exportquote der Kfz-Branche von 55 Prozent auf 77 Prozent.[1] Zum anderen errichteten deutsche Autokonzerne zunehmend Produktionsstätten in ihren Zielmärkten - zum Teil, um den Absatz dort zu stärken, zum Teil aber auch zum Weiterexport. Die Produktion im Ausland nahm dabei deutlich schneller zu als diejenige im Inland. Stellten deutsche Autokonzerne im Jahr 1993 noch 3,8 Millionen Fahrzeuge in der Bundesrepublik her und 1,7 Millionen im Ausland, so waren es im Jahr 2013 bereits 5,4 Millionen Fahrzeuge im Inland und 8,6 Millionen Fahrzeuge in anderen Staaten. Seitdem hat sich das Verhältnis kontinuierlich weiter hin zu den Auslandsstandorten verschoben.

Schwerpunkt China

Stand in den 1990er Jahren zunächst der Aufbau neuer Werke in Osteuropa im Mittelpunkt, wo 2013 schließlich 18 Prozent aller im Ausland produzierten deutschen Pkw hergestellt wurden (Westeuropa: 17 Prozent), so hat sich bald China zum bedeutendsten Standort deutscher Autokonzerne entwickelt: Im Jahr 2013 wurden dort mit fast 3,5 Millionen Fahrzeugen gut 40 Prozent aller außerhalb der Bundesrepublik produzierten Pkw montiert.[2] Seitdem ist der Ausstoß der Werke deutscher Hersteller in der Volksrepublik noch weiter erhöht worden, da der chinesische Markt in überdurchschnittlichem Tempo wächst - 2017 wurden in China bereits rund 28 Prozent aller Autokäufe weltweit getätigt. Alles in allem konnte allein die Marke VW den dortigen Absatz im vergangenen Jahr um 5,9 Prozent steigern und knapp 3,18 Millionen Autos verkaufen.[3] Auch Daimler und BMW veräußerten in China deutlich mehr Pkw als zuvor; BMW etwa legte um 15,1 Prozent zu und trieb den Absatz auf 594.388 Exemplare in die Höhe. Damit halten die deutschen Konzerne bemerkenswerte Marktanteile. Allein VW, das zwei Fünftel seiner Fahrzeuge in China veräußert, hält einen Marktanteil von 17,3 Prozent; BMW, das beinahe ein Viertel seiner Verkäufe in der Volksrepublik tätigt, hält einen Marktanteil von 2,5 Prozent.[4]

Risiken der Abhängigkeit

Mit dem gewaltigen Absatzboom ist zugleich allerdings auch die Abhängigkeit deutscher Kfz-Konzerne, insbesondere des Volkswagen-Konzerns, vom chinesischen Markt gestiegen. Dass dies erhebliche Risiken mit sich bringt, zeigt die aktuelle Entwicklung. So ging die Kaufbereitschaft in China jüngst erstmals deutlich zurück; Ursache war insbesondere die Furcht vor den Folgen des Handelskriegs mit den Vereinigten Staaten. Während der Absatz von VW weltweit um 6,2 Prozent schrumpfte - vor allem aufgrund des Dieselskandals -, sank er in der Volksrepublik sogar um 9,8 Prozent.[5] Experten weisen immer wieder auf die Gefahr einer zunehmenden Abhängigkeit von China hin. Konzerne aus Japan oder Südkorea haben oft eine ausgewogenere, besser abgesicherte Absatzstruktur. So verkauft Toyota rund ein Viertel seiner Autos in den USA, ein Fünftel in Japan und 13 Prozent in China. Hyundai setzt 17 Prozent seiner Pkw in den USA, 17 Prozent in China und 14 Prozent in Europa ab.[6] Das Risiko, von Krisen in einem bedeutenden Absatzmarkt übermäßig getroffen zu werden, ist bei beiden deutlich geringer.

Niedriglohnstandort USA

Dass deutsche Kfz-Konzerne neue Werke in den Vereinigten Staaten errichten, hat einen doppelten Hintergrund. Zum einen handelt es sich um einen Teil der globalen Expansion, die seit den 1990er Jahren verstärkt auf die Produktion im Ausland setzte. Gab es 1993 noch keine deutschen Kfz-Fabriken in den USA, so lag der Anteil der dort hergestellten deutschen Autos im Jahr 2013 bereits bei sieben Prozent aller im Ausland produzierten Pkw - immer noch weniger als der Ausstoß deutscher Fahrzeugproduzenten am traditionellen deutschen Kfz-Standort Brasilien (acht Prozent), aber mit rapide steigender Tendenz. Einer der wichtigsten Gründe für den Aufbau von Fabriken in den Vereinigten Staaten war, dass die Lohnkosten dort deutlich niedriger sind, vor allem im Süden des Landes, wo deutsche Konzerne investieren. Laut einer Untersuchung aus dem Jahr 2014 beliefen sich die Arbeitskosten dort auf 25,60 Euro pro Stunde - im Vergleich zu 48,40 Euro in der Bundesrepublik.[7] Gehe man etwa für Zulieferer von 15 Prozent Arbeitskostenanteil in der Produktion aus, hieß es in der Studie, dann könne das Zulieferprodukt in den USA um 7,0 Prozent billiger hergestellt werden als in Deutschland. Das lohne sich. Tatsächlich lassen die niedrigen Löhne in den Vereinigten Staaten sogar den Export von dort hergestellten Fahrzeugen zu - so etwa nach Deutschland, insbesondere aber nach China. BMW ist inzwischen sogar zum größten Kfz-Exporteur der Vereinigten Staaten aufgestiegen. Auch Daimler verkauft rund 70 Prozent seiner in den USA hergestellten Geländewagen ins Ausland.[8]

Unzureichende Präsenz

Zum anderen nutzen deutsche Hersteller den Aufbau neuer Werke in den USA, um der einseitigen Abhängigkeit von China zu entkommen. Ihr Marktanteil dort liegt bei den Neuwagenverkäufen bei aktuell 7,6 Prozent; Volkswagen etwa, das 37 Prozent seiner Pkw in Europa und 40 Prozent in China verkauft, hält in den Vereinigten Staaten nur einen Marktanteil von sechs Prozent. Trotz der stark abweichenden Struktur des US-Marktes, wo vor allem SUV, Pick-Ups und Kleintransporter Anklang finden, gilt der deutsche Marktanteil als zu gering und unbedingt ausbaufähig; schließlich sind dort nicht nur US-Konzerne stark - General Motors hält einen Marktanteil von 17,0 Prozent, Ford einen von 14,8 Prozent, Chrysler einen von 12,5 Prozent -, sondern auch die japanische Konkurrenz; Toyota kommt auf 14,0 Prozent, Nissan auf 10,0 Prozent, Honda auf 8,9 Prozent.[9]

Neuinvestitionen

Das führt dazu, dass etwa BMW angekündigt hat, mit dem Bau eines Motorenwerks seine Präsenz in den Vereinigten Staaten zu stärken. Daimler errichtet seit Oktober ein Batteriewerk, um seine Produktionsstruktur auszuweiten; Volkswagen wiederum hat im Juni angekündigt, eine Allianz mit Ford einzugehen, um bei der Entwicklung von Pick-Ups und leichten Nutzfahrzeugen voranzukommen. Die Konzernchefs von VW, Herbert Diess, und Daimler, Dieter Zetsche, sowie der Finanzvorstand von BMW, Nicolas Peter, haben ihre Pläne bei ihren Gesprächen am Dienstag im Weißen Haus bekräftigt. VW-Chef Diess hat hinzugefügt, dass VW eine Software-Allianz mit Microsoft eingehen und ein Werk zum Bau von Elektroautos in den USA errichten will. In der Wolfsburger Konzernzentrale gilt dies als ein wichtiger Schritt, um dem Elektroauto-Marktführer Tesla auf seinem Heimatmarkt Konkurrenz zu machen.

 

[1], [2] Sparprogramme der deutschen Autoindustrie: Kann die Schlüsselindustrie so ihre Position halten? ifo Schnelldienst 18/2014. 25.09.2014.

[3] Volkswagen schafft 2017 Verkaufsrekord in China. handelsblatt.com 12.01.2018.

[4] Stefan Bratzel: Marktpositionierung der globalen Automobilhersteller. Center of Automotive Management (CAM). Bergisch Gladbach, 02.07.2018.

[5] VW-Absatz fällt deutlich - Sorgen um China. manager-magazin.de 09.11.2018.

[6] Stefan Bratzel: Marktpositionierung der globalen Automobilhersteller. Center of Automotive Management (CAM). Bergisch Gladbach, 02.07.2018.

[7] Sparprogramme der deutschen Autoindustrie: Kann die Schlüsselindustrie so ihre Position halten? ifo Schnelldienst 18/2014. 25.09.2014.

[8] Alexander Armbruster: Deutsche Hersteller sind Amerikas größte Autoexporteure. Frankfurter Allgemeine Zeitung 11.03.2018.

[9] Eike Schäfer: So groß ist der Marktanteil deutscher Autobauer in den USA wirklich. ariva.de 05.03.2018.



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