Der Mond als Marktplatz

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BERLIN (Eigener Bericht) - Die Europäische Raumfahrtagentur ESA soll laut jüngsten Planungen verstärkt in Rivalität zu privaten US-amerikanischen Weltraumunternehmen treten. Die ESA "positioniert sich gegen die US-Konkurrenz", fassen Beobachter die Ergebnisse eines Treffens der zuständigen Minister aus den 22 ESA-Mitgliedstaaten Ende Oktober zusammen. Hintergrund sind die Erfolge von US-Unternehmen bei der Kommerzialisierung des Alls, die in der europäischen Industrie Befürchtungen nähren, ins Hintertreffen zu geraten. Der deutsche Airbus-Chef Tom Enders wirbt für eine "Orbital Economy", die den Aufbau eines weltraumgestützten Wirtschaftssystems jenseits der Erde vorsieht. Unter anderem plädiert Enders nicht nur für das "Gewinnen von Bodenschätzen auf dem Mond", sondern auch für den dortigen "Aufbau von Fertigungsanlagen". Basen auf dem Mond könnten zudem als Sprungbrett für kommerzielle Aktivitäten auf dem Mars dienen. Die Bundesregierung treibt begleitend die Entwicklung von Gesetzen voran, die die private Ausbeutung des Weltalls begünstigen sollen.

"Auf zum Mond und zum Mars"

Bei der jüngsten Zusammenkunft der für Raumfahrt zuständigen Minister aus den 22 ESA-Mitgliedstaaten Ende Oktober bei Madrid hat, wie berichtet wird, der deutsche ESA-Generaldirektor, Johann-Dietrich Wörner, einen "Fahrplan für die weitere nachhaltige und effiziente Finanzierung und Durchführung von Weltraumprogrammen in Europa" vorgelegt, der die ESA als "Hauptakteur der neuen Ära des globalen Vorhabens zur Exploration des Weltraums" positionieren soll. Die strategischen Planungen sind äußerst ambitioniert: "Auf zum Mond und anschließend zum Mars" soll es laut der europäischen Raumfahrtagentur gehen. Er sei "sehr glücklich", einen neuen "klaren Kurs" für die Organisation festgelegt zu haben, erklärte Wörner auf einer Pressekonferenz am 25. Oktober in Anschluss an das Strategietreffen.[1]

Staatsunterstützung gegen die US-Konkurrenz

Die Neuausrichtung der ESA vollzieht sich, wie es heißt, unter "dem Druck stark wachsender Konkurrenz durch private US-Firmen".[2] Bereits im Vorfeld der Tagung hatte der CEO des europäischen Raketenbetreibers Arianespace, Stéphane Israël, offen massive staatliche Interventionen zugunsten des europäischen Weltraumprogramms gefordert: Die europäischen Trägersysteme müssten zwar "billiger werden"; doch brauche man zugleich die "Unterstützung unserer Regierungen". So sollten - in einer Art Weltraum-Protektionismus - alle europäischen Weltraumaufträge nur noch an Firmen aus Europa vergeben werden. Zur Zeit lässt die ESA als Antwort auf US-Konkurrenten wie das Unternehmen SpaceX von Tesla-Gründer Elon Musk die neuen Trägerraketen Ariane 6 und Vega C entwickeln, die Weltraumfracht um bis zu 50 Prozent billiger vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana ins All befördern sollen. Im Jahr 2020 soll die Ariane 6, für die schon sechs Aufträge vorliegen, ihren ersten Start absolvieren. In einer gemeinsamen Erklärung am Rande der Tagung brachten Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und die Schweiz ihren "uneingeschränkten Rückhalt für die europäische Raumfahrzeugträger-Industrie" zum Ausdruck.

"Politisches Hickhack"

Der kometenhafte Aufstieg privater US-Weltraumunternehmen - Musks SpaceX oder die Firma Blue Origin des Amazon-Oligarchen Jeff Bezos - bereitet der Industrie in Europa derzeit große Sorgen. Da beide US-Konzerne von Washington mit gut dotierten Aufträgen versorgt würden, könnten sie die Preise auf dem kommerziellen Weltraummarkt drücken, klagen europäische Hersteller regelmäßig: "Händeringend" suche man nach einem "Mittel gegen Amerikas Kampfpreise", heißt es.[3] Um die 100 Millionen US-Dollar pro Auftrag erhalte SpaceX von Washington, weshalb Musk seine Raketen im Ausland deutlich billiger anbieten könne; die dränge die Konkurrenz "aus dem Markt". Überdies leide das europäische Weltraumprogramm an der "dezentralen Fertigung": Nicht "Qualität und Effizienz" stünden im Vordergrund, sondern der Länderproporz - "politisches Hickhack", dem die US-Konkurrenz nicht ausgesetzt sei.

"Old Europe" und "New Space"

Schon Anfang Oktober hatte Airbus-Chef Tom Enders die Politik aufgefordert, die Expansion in den Weltraum zu forcieren.[4] Die europäische Raumfahrt müsse sich "neu erfinden", verlangte Enders auf dem Raumfahrtkongress IAC in Bremen; ansonsten werde Europa den Anschluss verlieren und "den nächsten Goldrausch im All verpassen". Auf dem alten Kontinent reagiere man zu langsam auf die Revolution des "New Space". Als "New Space" werden Unternehmen, Geschäftsmodelle und Technologien bezeichnet, die die kommerzielle Ausbeutung des Weltraums ermöglichen sollen. Die Raumfahrt erlebe einen "fundamentalen Wandel", der die traditionelle Raumfahrtindustrie bedrohe und zugleich eine "Chance für einen Aufbruch" darstelle, erklärt Enders; dazu sei allerdings eine effiziente Reorganisation der ESA notwendig.[5] Es gehe nicht an, dass in "vielen Ländern Teile für eine Rakete" hergestellt würden, die man dann "durch ganz Europa transportieren" müsse, um sie zu montieren. Frankreich und Deutschland müssten - als größte Beitragszahler - bei der Reorganisation der ESA eine "Führungsrolle" übernehmen.

"Orbital Economy"

Strategisches Ziel auch des europäischen Weltraumprogramms muss laut Enders die kommerzielle Ausbeutung des Weltraums sein. Er könne beim besten Willen nicht erkennen, "was daran unethisch sein soll, auf irgendwelchen Felsbrocken, die im Weltall rumtaumeln, Bodenschätze zu nutzen", äußerte Enders im Oktober in einem Interview über Pläne zum Rohstoffabbau auf Asteroiden. Der Airbus-Chef bewarb dabei sein Konzept einer "Orbital Economy", das den Aufbau eines eigenständigen weltraumgestützten Wirtschaftssystems jenseits der Erde vorsieht. Dabei spielt nicht nur der Rohstoffabbau im All eine Rolle (german-foreign-policy.com berichtete [6]), sondern auch die industrielle Erschließung des Mondes: "Der Aufbau von Fertigungsanlagen, das Gewinnen von Bodenschätzen auf dem Mond würde viele Vorteile für weitere Raumfahrtunternehmungen bringen." Der Erdtrabant soll demnach als eine Art Sprungbrett zur weiteren "kommerziellen" Expansion im Sonnensystem dienen, "zum Beispiel zum Mars", fordert Enders. Es sei an der Zeit, "den Mond wieder zu betreten und ihn als Basis zu nutzen"; dies müsse das langfristige Ziel europäischer Weltraumpolitik sein. Der deutsche Manager umriss seine Zukunftsvision: Wenn die EU die Raumfahrt nur energisch genug vorantreibess, dann "werden wir zumindest noch in meiner Lebenszeit europäische Produkte - auch mit dem Airbus-Logo - auf dem Mond sehen".

"Bavaria One"

Die deutsche Wirtschaftspresse nimmt bereits den Mond als neuen "Marktplatz" ins Visier, der von der deutschen Wirtschaft "erobert" werden solle.[7] Dabei schreitet die staatliche Unterstützung für die Kommerzialisierung des Alls der Industrie noch nicht schnell genug voran. Unternehmerverbände begrüßten unlängst die Wahlkampfinitiative des bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder, der unter dem Markennamen "Bavaria One" ankündigte, rund 700 Millionen Euro in neue Satelliten und die "größte Raumfahrtfakultät Europas in München" zu investieren. "New Space" sei bereits Realität, schwärmt der BDI-Abteilungsleiter Sicherheit und Rohstoffe, Matthias Wachter; es eröffneten sich "völlig neue Möglichkeiten und Geschäftsfelder". Es werde immer "einfacher und günstiger, Dinge in den Weltraum und zurück zu befördern". Dem Abbau seltener Rohstoffe auf Asteroiden kamen Deutschland und Frankreich Anfang Oktober ein Stück näher, als ihre Landeeinheit "Mascot" von der japanischen Raumsonde "Hayabusa2" erfolgreich auf dem erdnahen Asteroiden Ryugu abgesetzt werden konnte. Die Sonde soll den Asteroiden, der gut 300 Millionen Kilometer von der Erde entfernt ist, erforschen und die Daten nach Europa übermitteln. Inzwischen herrsche ein regelrechter Wettlauf zum Mond, heißt es, da die US-Konkurrenz schon im Jahr 2023 über Landesysteme verfügen werde, die "mehrere Tonnen Nutzlast auf die Mondoberfläche zu bringen" könnten.[8]

"Space-Hermes"

Berichten zufolge gibt es in der Bundesregierung inzwischen aber auch Überlegungen, sich an dem US-Mondprojekt "Lunar Gateway" zu beteiligen, einer Mondbasis, die die weitere Exploitation des Weltraums ermöglichen soll. "Wir wollen allerdings, dass es ein Gemeinschaftsprojekt wird. Und deutsche Technologie muss auch klar erkennbar sein", fordert der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung, Thomas Jarzombek. Auch der BDI zielt auf den Mond. "Wenn die ISS-Mission endet, sollte sich Deutschland für ein ehrgeiziges Folgeprojekt einsetzen", verlangt BDI-Abteilungsleiter Wachter.[9] Jarzombek wiederum hat die Forcierung eines Weltraumgesetzes angekündigt, das die Haftungsrisiken der Weltraumindustrie mindern soll, etwa bei Schäden, die durch Fehlstarts oder Satellitenkollisionen entstünden. Ziel der Gesetzesinitative sei es, "dass unsere Regeln nicht schlechter sind als die anderer europäischer Länder", erklärt der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung. Jarzombek schwebt eine Art "Space-Hermes" vor: "Eine Versicherung nach dem Muster der staatlichen Hermes-Exportkreditversicherung."

 

[1] ESA legt neuen Kurs fest. dw.com 25.10.2018.

[2] Europäische Weltraumorganisation Esa richtet sich neu aus. zeit.de 25.10.2018.

[3] Carsten Meyer: SpaceX und Co. bedrohen Europas Raumfahrt. zdf.de 12.10.2018.

[4] Airbus-Chef Enders: Europa könnte den Anschluss im Weltraum verlieren. handelsblatt.com 04.10.2018.

[5] Christoph Seidler: "Ich kann nicht erkennen, was daran unethisch sein soll". spiegel.de 04.10.2018.

[6] S. dazu Rohstoffbomben aus dem Weltall.

[7], [8], [9] Donata Riedel: Marktplatz Mond - so will die deutsche Wirtschaft das All erobern. handelsblatt.com 04.10.2018.



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