Kriegsspiele im Pazifik

WASHINGTON/BERLIN | |   Nachrichten | usa

WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) - Deutsche Militärs werden in Kürze an Manövern im Pazifik teilnehmen und sich als Beobachter für Patrouillenfahrten im Südchinesischen Meer zur Verfügung stellen. Dies geht aus Ankündigungen der U.S. Navy und der französischen Verteidigungsministerin Florence Parly hervor. Wie Parly am Wochenende auf einer hochrangig besetzten Konferenz in Singapur erklärte, wird Paris in Kürze Kriegsschiffe ins Südchinesische Meer entsenden; sie werden dort auch Hoheitsgewässer von Inseln durchqueren, die China als sein Hoheitsgebiet betrachtet. Der Ministerin zufolge haben sich deutsche Militärbeobachter auf den Schiffen einquartiert. Zugleich bereiten sich deutsche Soldaten auf die Teilnahme an dem US-geführten Manöver RIMPAC 2018 vor. Bei dem Manöver, das vor allem vor Hawaii stattfinden wird, handelt es sich um die größte Seekriegsübung der Welt. Bei RIMPAC 2016 probten deutsche Soldaten die "Befreiung" einer Insel, die laut Szenario von einer Miliz namens "Draco" gehalten wurde. "Draco" ist das lateinische Wort für "Drache" - ein Symbol für China.

Randzonen des Pazifik

Das Großmanöver RIMPAC ("Rim of the Pacific", "Randzonen des Pazifik"), das am 27. Juni beginnen und am 2. August enden wird, findet dieses Jahr bereits zum 26. Mal statt. Erstmals ist es im Jahr 1971 durchgeführt worden, als die Vereinigten Staaten noch in Vietnam Krieg führten; Ziel war es damals, gemeinsam mit den engsten Verbündeten (Großbritannien, Kanada, Australien, Neuseeland) im Pazifik Position gegen die Sowjetunion und die Volksrepublik China zu beziehen. Die Stoßrichtung gegen Moskau teilte RIMPAC mit den BALTOPS-Manövern, die ebenfalls seit 1971 in der Ostsee abgehalten werden; das jüngste von ihnen hat in dieser Woche begonnen (german-foreign-policy.com berichtete [1]). RIMPAC, im Zweijahresrhythmus von der U.S. Pacific Fleet vor Hawaii organisiert, ist systematisch um verbündete Staaten erweitert worden. Im Jahr 2016 waren erstmals Soldaten aus Deutschland, Dänemark und Italien bei der Kriegsübung dabei; dieses Jahr werden nun auch Militärs aus Brasilien, Israel, Sri Lanka und Vietnam eingebunden. Insgesamt nehmen neben den USA und Kanada vier europäische NATO-Staaten [2], fünf Staaten Lateinamerikas - bis auf Brasilien durchweg Pazifikanrainer [3] -, Australien, Neuseeland und Tonga, Japan und Südkorea, sieben Staaten Südostasiens [4], Indien und Sri Lanka sowie Israel teil. Mit 25.000 Soldaten, 47 Schiffen, fünf U-Booten und mehr als 200 Flugzeugen aus insgesamt 26 Ländern handelt es sich um das größte Marinemanöver der Welt.

Komplexe Kriegsoperationen

In praktisch-militärischer Hinsicht wird RIMPAC 2018, wie die U.S. Pacific Fleet mitteilt, "eine große Bandbreite an Fähigkeiten üben".[5] Demnach wird es unter anderem um Katastrophenhilfe gehen, daneben um Seekontrolle, aber auch um komplexe Kriegsoperationen. Das "realistische" Trainingsprogramm umfasse Schießübungen, Übungen mit Raketen, U-Boot- und Luftabwehr, Piratenbekämpfung, Minenräumen, Tauch- und Rettungsoperationen sowie nicht zuletzt Elemente amphibischer Kriegsführung, heißt es. Höhepunkte seien unter anderem der Abschuss einer Antischiffsrakete mit hoher Reichweite (Long Range Anti-Ship Missile, LRASM) durch einen US-Kampfjet sowie der Abschuss landgestützter Antischiffsraketen durch die japanischen Streitkräfte. Zum ersten Mal seit 2002 werde die Kommandozentrale der U.S. 3rd Fleet aus dem kalifornischen San Diego nach Pearl Harbor verlegt, um von dort aus die Kontrolle auch über Einheiten zu übernehmen, die im Westpazifik operierten, teilt die U.S. Pacific Fleet mit. Alles in allem gehe es bei RIMPAC darum, zur Stärkung der "Letalität" (Tödlichkeit), "Resilienz" (Widerstandsfähigkeit) und "Agilität" beizutragen, die man benötige, "um Aggressionen größerer Mächte auf allen Konfliktfeldern und -ebenen abzuschrecken und abzuwehren". Mit welchen "größeren Mächten" Konflikte drohten, schreiben die US-Militärs nicht.

"Größere Konsequenzen"

Freilich deutet alles darauf hin, dass die westlichen Streitkräfte sich systematisch auf mögliche Konflikte mit China vorbereiten. Die Volksrepublik, die im Mai vergangenen Jahres noch zu einer Teilnahme an RIMPAC 2018 eingeladen worden war - wie bereits 2014 und 2016 -, ist vor wenigen Tagen kurzfristig ausgeladen worden. In Washington hieß es zur Begründung, die aktuelle Nutzung einiger Riffe im Südchinesischen Meer durch die chinesischen Streitkräfte sei mit einer Beteiligung an RIMPAC nicht vereinbar. US-Verteidigungsminister James Mattis hat am vergangenen Wochenende bekräftigt, dass Washington sich zu weiteren Maßnahmen gegen Beijings Aktivitäten auf einigen der Paracel- und der Spratly-Inseln veranlasst fühlt. "Die USA sind im Indo-Pazifik, um da zu bleiben, dies ist unser vorrangiges Einsatzgebiet", erklärte Mattis beim diesjährigen Shangri-La-Dialogue, einer auf die Außen- und Militärpolitik Asiens fokussierten, hochrangig besetzten Konferenz in Singapur.[6] Der Begriff "Indo-Pazifik" wird in Washington inzwischen anstelle von "Pazifik" gewählt, um den Indischen Ozean einzubeziehen und Indien für ein Bündnis gegen China zu gewinnen (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Mattis fügte am Wochenende in Singapur hinzu, die US-Vision von einem "freien und offenen Indo-Pazifik" stehe "im starken Widerspruch" zu Chinas Aktivitäten im Südchinesischen Meer. Die Ausladung der chinesischen Streitkräfte von RIMPAC sei "eine relativ kleine Konsequenz" aus diesem "Widerspruch"; in Zukunft könne es durchaus "viel größere Konsequenzen" geben.

Die "Drachenmiliz"

Vor diesem Hintergrund gewinnen Szenarien von Teilmanövern an Bedeutung, an denen sich die deutsche Marine im Rahmen von RIMPAC 2016 beteiligte. Wie die Marine berichtet, übten die zu RIMPAC 2016 entsandten deutschen Soldaten nicht nur "die Durchsetzung von Bestimmungen, die den Ex- und Import von Waren und Rohstoffen unterbinden" sollen; in diesem Kontext ging es unter anderem um Boarding-Einsätze.[8] Deutsche Marinetaucher probten auch die Entfernung von Seeminen, um die sogenannte Freedom of Navigation sicherzustellen. Die Freedom of Navigation steht im Mittelpunkt eines sich verschärfenden Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten und China; die USA verstehen darunter ihr angebliches Recht, auch in den Hoheitsgewässern von Inseln, die China als sein Territorium betrachtet, ohne jegliche Einschränkung zu kreuzen. Zudem waren laut dem Bericht der Marine deutsche Militärs auch in eine Übung involviert, bei der es dem Manöverszenario zufolge darum ging, auf einer Insel zu landen, um sie von einer "radikalen Miliz" zu "befreien". Der Name der Miliz wurde in der Kriegsübung mit "Draco" angegeben. "Draco" ist das lateinische Wort für "Drache"; der Drache gilt weithin als Symbol für China.

Beobachter auf Patrouille

Während die Bundeswehr sich auf RIMPAC 2018 vorbereitet, stehen offenbar erste Aktivitäten deutscher Militärbeobachter im Südchinesischen Meer bevor. Frankreichs Verteidigungsministerin Florence Parly kündigte am Wochenende beim Shangri-La-Dialogue in Singapur an, die französische Marine werde - wie auch die britische - ihre Patrouillenfahrten im Südchinesischen Meer intensivieren. Dabei sei man auch bereit, wie die US-Marine die Hoheitsgewässer von China beanspruchter Inseln zu durchqueren und so einen Konflikt mit Beijing zu provozieren. Parly gab an, die nächste Patrouille werde in Kürze von Singapur aus starten.[9] Wörtlich erklärte sie: "Auch deutsche Beobachter haben sich auf unseren Schiffen eingeschifft."[10] Sie sei der Ansicht, man müsse Aktivitäten dieser Art in Zukunft ausweiten.

 

[1] S. dazu Kriegsspiele im Baltikum.

[2] Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande.

[3] Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru.

[4] Brunei, Indonesien, Malaysia, die Philippinen, Singapur, Thailand, Vietnam.

[5] U.S. Navy Announces 26th Rim of the Pacific Exercise. pacom.mil 30.05.2018.

[6] Dennis Schwarz: US-Verteidigungsminister Mattis wirft China Politik der Einschüchterung vor - und droht mit Konsequenzen. handelsblatt.com 02.06.2018.

[7] S. dazu "China herausfordern".

[8] RIMPAC 2016. marine.de 18.08.2016.

[9] Peter Hartcher: Great powers stepping up on China. smh.com.au 04.06.2018.

[10] Madame Florence Parly, ministre des Armées: Shangri-La Dialogue, Singapour, le 3 juin 2018. defense.gouv.fr 04.06.2018.



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