Reputationsmanagement

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BERLIN/BONN (Eigener Bericht) - Die deutsche Rüstungsindustrie plant offenbar eine breit angelegte Propagandakampagne zur Verbesserung ihres öffentlichen Images. Dies lässt eine Veranstaltungsankündigung der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) erwarten. Wie die an der Schnittstelle zwischen Waffenschmieden, Politik und Bundeswehr operierende Scharnierorganisation erklärt, könne sich eine "negative Einstellung" zum "Themenkomplex Rüstung und Wehrtechnik" auf die "Akzeptanz industrieller Kooperation" in Europa "übertragen". Man werde daher eine Studie vorstellen, in der die "Wahrnehmung" der deutschen Bevölkerung auf diesem Gebiet erfasst sei. Durchgeführt wurde die Erhebung von einem Wissenschaftler der Münchner Bundeswehruniversität, der unter anderem die "Potenziale" von Internetdiensten für die "Personalgewinnung" des deutschen Militärs untersucht hat. Auftraggeber war die seinerzeitige "Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation", vormals "Schule für Psychologische Verteidigung".

Vorausschauendes Symposium

Wie die in Bonn beheimatete Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) mitteilt, wird sie am 30. und 31. Januar zum mittlerweile elften Mal ihre "Jahresauftaktveranstaltung" zum Thema "Perspektiven der Verteidigungswirtschaft" durchführen. Das "vorausschauend industriepolitisch geprägte Symposium" werde sich mit der "gesellschaftliche(n) Wahrnehmung" der deutschen Rüstungsindustrie befassen, heißt es.[1] Über die der Konferenz zugrunde liegende Motivation ist im Tagungsprogramm folgendes zu lesen: "Der Themenkomplex Rüstung und Wehrtechnik scheint in der Wahrnehmung vieler Menschen kein aus sich heraus mit positiven Assoziationen aufgeladenes Gebiet, eine negative Einstellung dazu kann sich auf die Streitkräfte und die Akzeptanz industrieller Kooperation übertragen."[2] Zusammengenommen mit der Betonung des "vorausschauenden" Charakters der Veranstaltung lässt diese Aussage eine breit angelegte Propagandakampagne zur Verbesserung des öffentlichen Images deutscher Waffenschmieden erwarten.

Ablehnende Grundhaltung

Grundlage der zu erwartenden Propagandakampagne dürfte eine Studie des Soziologen Franz Beitzinger von der Münchner Bundeswehruniversität sein, die dieser bei der "Jahresauftaktveranstaltung" der DWT vorstellen soll. Die Arbeit thematisiert dem Konferenzprogramm zufolge die "Eigen- und Fremdwahrnehmung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie" [3] und wurde im Auftrag der DWT angefertigt. Laut einer Selbstdarstellung der beteiligten Forscher ging es dabei darum, die "Grundhaltung der Bevölkerung in Deutschland" zum "Themenkomplex Wehrtechnik und Rüstung" ebenso zu erfassen wie die "Faktoren, aus welchen sich diese Haltung speist". Zudem sollten "Image" und "Reputation" deutscher Waffenschmieden ermittelt werden. Zur Begründung hieß es, der "medial vermittelte öffentliche Diskurs" erwecke den Eindruck einer bei weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorherrschenden "relativ kritischen bis sogar ablehnenden Position" gegenüber der deutschen Rüstungsindustrie.[4]

Enorme Einflussmöglichkeiten

Der für die Studie verantwortlich zeichnende Soziologe Beitzinger wiederum verfügt über einschlägige Erfahrungen auf dem Gebiet der Militärpropaganda. Im Auftrag der vormaligen "Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation" [5], die bis 1990 als "Schule für Psychologische Verteidigung" firmierte, erforschte er unter anderem den "Stellenwert" sogenannter Sozialer Internetdienste für die Berufswahl Jugendlicher und die "Rekrutierungskommunikation" der deutschen Streitkräfte. Erklärtes Ziel war es dabei, die "Eignung und Attraktivität" der von der Bundeswehr im Internet betriebenen Personalwerbung zu überprüfen, um daraus eine "konsistente Social-Media-Strategie" zu entwickeln. Eine solche könne sich als ein "Instrument mit enormen Einflussmöglichkeiten" erweisen, hieß es.[6]

Integrierte Kommunikation

Letztlich geht es Beitzinger und seinen Mitarbeitern nach eigenem Bekunden darum, ein "integriertes Kommunikationsmanagement" für die Bundeswehr zu entwickeln, das "alle kommunikationspolitischen Aktivitäten und alle Kommunikationsinstrumente" miteinander "vernetzt".[7] So wie ein Unternehmen durch die Kreation einer bestimmten "Marke" die "Kaufentscheidung des Konsumenten lenken" könne, könne auch das Militär durch gezieltes "Image- und Reputationsmanagement" dafür sorgen, dass ihm die Öffentlichkeit "Vertrauen" entgegenbringe und seine "Legitimität" nicht in Frage stelle, heißt es.[8] Das hierfür von Beitzinger und Kollegen vorgehaltene Know-how ist jetzt offenbar auch bei der deutschen Rüstungsindustrie gefragt.

Moralische Optionen

Die deutschen Waffenschmieden unterhalten ihrerseits schon seit längerem ein "Informationsportal" im Internet, um die eigene Reputation zu verbessern. Unter anderem wird die "Sicherheits- und Verteidigungsindustrie" hier als "Innovationsmotor" bezeichnet, der der "gesamte(n) deutsche(n) Wirtschaft" wichtige "Impulse für Forschung und Entwicklung" gebe.[9] Zudem schafften deutsche Rüstungsunternehmen nicht nur regelmäßig "neue überdurchschnittlich bezahlte Arbeitsplätze", sondern beschäftigten darüber hinaus eine Vielzahl "hochqualifizierte(r) Fachleute im Bereich der nationalen Spitzentechnologien", heißt es.[10] Wie die Autoren weiter ausführen, sei die Produktion von Waffen sowohl "politisch legitim" als auch "moralisch vertretbar", diene sie doch der "Gestaltung des außenpolitischen Handlungsspielraums der Bundesrepublik". Wer indes die Herstellung von "militärischen Gütern" generell ablehne, negiere "jede Option auf militärisches Eingreifen", zeigen sich die Verfasser überzeugt - und warnen vor den daraus ihrer Ansicht nach resultierenden einschneidenden Konsequenzen: "Deutschland wäre nicht mehr politikfähig."[11]

Gute Waffen

Entsprechend äußerte sich erst unlängst der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV), Armin Papperger. Wie der Vorstandsvorsitzende der Rheinmetall AG der deutschen Wirtschaftspresse sagte, sei sein Unternehmen in der Vergangenheit meist als "Panzerschmiede" oder "Kanonenbauer" wahrgenommen worden, gelte inzwischen jedoch zunehmend als "Technologiehaus": "Wir (haben) heute 20.000 bis 30.000 Bewerbungen pro Jahr. Wir haben aber nur 2.000 Stellen, die wir besetzen können. Wenn wir so schrecklich wären, würden junge Menschen nach dem Studium nicht zu uns kommen wollen." Zwar werde es "wohl nie so sein, dass alle Menschen in Deutschland sagen, es ist etwas Gutes, Waffen zu produzieren", allerdings sei gleichzeitig auch "immer mehr Menschen klar, dass man Waffen braucht".[12]

Selbstlose Unterstützer

Dessen ungeachtet hält die Rüstungslobby das Image der von ihr repräsentierten Unternehmen offenbar weiterhin für verbesserungswürdig. Dafür spricht nicht nur die von der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik geplante Veranstaltung über die "gesellschaftliche Wahrnehmung" deutscher Waffenschmieden, sondern auch ein vom BDSV im September vergangenen Jahres publizierter Werbefilm. Unter dem von der Bundeswehr entlehnten Motto "Wir produzieren Sicherheit" inszeniert sich die Branche hier als selbstlose Unterstützerin deutscher Soldaten, denen die "bestmögliche Ausrüstung" zur Verfügung gestellt werde.[13] Dabei ist selbst wohlmeinenden Beobachtern aufgefallen, dass die "kinetische Wirkung" - sprich Vernichtungswirkung - deutscher Waffensysteme in dem Video "nicht vor(kommt)".[14]

 

[1] Perspektiven der Verteidigungswirtschaft 2018. www.dwt-sgw.de.

[2], [3] Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik e.V.: Perspektiven der Verteidigungswirtschaft 2018. Europa und gesellschaftliche Wahrnehmung. Einflussfaktoren auf Bundeswehr und Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Bonn 30./31. Januar 2018 (Programm und Teilnahmebedingungen).

[4] Perzeption von Wehrtechnik und Rüstung in der Bundesrepublik Deutschland. strategiccommunication.bwi.unibw-muenchen.de.

[5] Heute: "Zentrum Informationsarbeit Bundeswehr".

[6] Social Media und Bundeswehr. Strategien und Potenziale des Web 2.0. strategiccommunication.bwi.unibw-muenchen.de.

[7] Medien/Methoden - Stakeholder - Inhalte. strategiccommunication.bwi.unibw-muenchen.de.

[8] Dinge beim Namen nennen - und Bedeutung erhalten. strategiccommunication.bwi.unibw-muenchen.de.

[9] Innovationsmotor Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. www.ruestungsindustrie.info.

[10] Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. www.ruestungsindustrie.info.

[11] Politische Bedeutung der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. www.ruestungsindustrie.info.

[12] "Wir als Deutsche wären raus". www.handelsblatt.com 24.11.2017.

[13] www.bdsv.eu.

[14] Imagefilm der Rüstungsindustrie: "Wir produzieren Sicherheit". augengeradeaus.net 18.09.2017.



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