Die „europäische Führungsrolle“ der Bundeswehr
Das Bundesverteidigungsministerium legt erstmals eine offizielle Militärstrategie für die Bundesrepublik vor. Deutschland soll auch militärisch zur Zentralmacht Europas werden, die Bundeswehr soll „technologisch überlegen“ sein.
BERLIN (Eigener Bericht) – Das Bundesverteidigungsministerium legt erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine ausformulierte Militärstrategie für die Bundeswehr vor. Das Papier, dessen Hauptelemente Verteidigungsminister Boris Pistorius am Mittwoch öffentlich vorstellte, bekräftigt das Vorhaben, die Bundeswehr solle bis 2035 zur „stärksten konventionellen Armee in Europa“ werden. Auch müsse sie „ihre europäische Führungsrolle festigen“. Von einer nicht bloß „innovativen“, sondern künftig „technologisch überlegenen“ Streitmacht ist die Rede. Entsprechend sieht ein neues Fähigkeitsprofil für die Bundeswehr nicht bloß eine massive Aufrüstung mit weitreichenden Waffen, sondern auch eine „Nutzung von Automatisierung und autonomen Fähigkeiten“ in der künftigen Kriegführung vor. Damit ist unter anderem ein breiter Einsatz von KI durch die Truppe gemeint. Spätestens im Jahr 2035 soll die Bundeswehr gemeinsam mit der Reserve eine Stärke von gut 460.000 Soldaten erreichen. Die Reserve ist dabei auch als „Brücke“ in die Zivilgesellschaft zugunsten einer sozialen Militarisierung konzipiert. Mit den Maßnahmen will die Bundesrepublik auch militärisch zur Zentralmacht Europas werden. Dies festigt ihre Dominanz über den Kontinent.
Die Zentralmacht Europas
Die neue Militärstrategie der Bundeswehr skizziert zunächst den Rahmen der möglichen künftigen Kriege, die die Bundesregierung ins Visier nimmt. So heißt es, Einsätze seien auch weiterhin im Rahmen des „internationale[n] Krisenmanagement[s]“ denkbar, „wenn deutsche oder europäische Interessen dies gebieten“.[1] Ein solcher Einsatz könnte schon bald etwa in der Straße von Hormuz erfolgen (german-foreign-policy.com berichtete [2]). Allerdings konzentriert sich die Militärstrategie explizit „vor allem auf die Bedrohung durch Russland“, das „für die deutsche, europäische und transatlantische Sicherheit auf absehbare Zeit“ als „größte und unmittelbare Bedrohung“ bezeichnet wird. In diesem Kontext ist Berlin bestrebt, sich eine zentrale Stellung innerhalb des westlichen Bündnisses zu sichern. Schon seit Jahren bereitet sich die Bundesrepublik darauf vor, im Rahmen eines Aufmarschs gegen Russland die bedeutende Funktion einer logistischen Drehscheibe einzunehmen, ohne die im Ernstfalle nichts geht.[3] In der Militärstrategie heißt es nun, man werde „aus der Mitte Europas die Kohäsion zwischen Ost-, Zentral- und Westeuropa erhöhen“ und außerdem „die Verbindung zu Nordamerika halten“. Damit werde Deutschland „zum militärischen Anlehnungspartner für seine europäischen Verbündeten“, also auch militärisch zur Zentralmacht Europas.
Die Entgrenzung des Krieges
Darüber hinaus gibt die Militärstrategie genauere Hinweise darauf, wie ein Krieg zwischen der NATO und ihrer Zentralmacht Deutschland auf der einen, Russland auf der anderen Seite aussehen wird. Wie es in dem Papier heißt, ist zunächst mit einer „Entgrenzung des Krieges“ zu rechnen; „Staat, Wirtschaft und Bevölkerung“ gerieten gleichermaßen ins Visier, während „auf die Einhaltung anerkannter ethischer und rechtlicher Grundsätze“ in Zukunft „kein Verlass“ mehr sei.[4] Dies hat zuletzt die Kriegführung der Vereinigten Staaten und Israels in Nah- und Mittelost mit exzessiver Brutalität demonstriert; US-Präsident Donald Trump hat sich zudem ausdrücklich dazu bekannt, dem Völkerrecht keine Bedeutung mehr beizumessen (german-foreign-policy.com berichtete [5]). Die Autoren der Militärstrategie weisen darauf hin, dass in künftigen Kriegen nicht bloß von einem „Einsatz von Hochtechnologie wie Quantencomputing und Robotik“ auszugehen ist, sondern auch von einem „transparente[n] Gefechtsfeld“, das mit Sensoren und KI komplett ausgespäht werden kann, und von „auf Abstand“ höchst präzise treffenden Angriffswaffen: „Es gibt keine sicheren Rückzugsräume“ mehr, heißt es. Der massenmörderische Charakter künftiger Kriege, den man an der Front im Ukraine-Krieg erahnen kann, beruht demnach auch auf der zunehmenden „Automatisierung und Autonomisierung“ der Kriegführung mittels modernster Technologie.
Eine technologisch überlegene Streitmacht
Um sich in künftigen High-Tech-Kriegen durchzusetzen, soll die Bundeswehr in massivem Umfang aufrüsten. Dazu sieht das neue Fähigkeitsprofil der Bundeswehr, soweit bekannt, die Beschaffung großer Mengen an weitreichenden Waffen vor; so ist von „durchhaltefähige[r] Wirkung in der gesamten Tiefe des gegnerischen Raumes“ die Rede. Weil mit ähnlichem Beschuss des eigenen Landes zu rechnen ist, dringt das Fähigkeitsprofil auf eine „leistungs- und durchhaltefähige Luftverteidigung aller Reichweiten“.[6] Zudem wird die „Erhöhung der Operationsgeschwindigkeit“ angestrebt; dies müsse durch die „Nutzung von Automatisierung und autonomen Fähigkeiten“ geschehen. Dazu müsse die Bundeswehr im „Kampf um Information und Daten … die Informationsüberlegenheit gewinnen“ sowie sie „dem Gegner verwehren“. Um all dies zu erreichen, müsse die Bundeswehr „Innovationen beschleunigen“. Dafür allerdings ist sie bislang nicht wirklich bekannt. Insgesamt solle die Bundeswehr, wie es im Fähigkeitsprofil heißt, bis 2035 „ihre neue europäische Führungsrolle“ einnehmen. Bis 2039 und danach solle sie „durch die konsequente Nutzung innovativer Technologien zur stärksten konventionellen Armee in Europa“ werden und gleichzeitig auch „ihre europäische Führungsrolle … festigen“. Von der Bundeswehr als einer „innovativen“ und in Zukunft auch „technologisch überlegenen“ Streitmacht ist die Rede.[7]
Eine halbe Million kampfbereite Soldaten
Gleichzeitig mit Auszügen aus der Militärstrategie und einigen Angaben über das künftige Fähigkeitsprofil der Bundeswehr hat das Verteidigungsministerium am Mittwoch auch einen personellen Aufwuchsplan für die Streitkräfte in seinen Grundzügen vorgestellt. Darin ist „von 460.000 kampfbereiten Soldatinnen und Soldaten“ die Rede.[8] Dies ist auch deshalb interessant, weil der Zwei-plus-Vier-Vertrag aus dem Jahr 1990, der die Übernahme der DDR durch die BRD regelte, für die gesamtdeutschen Streitkräfte eine Obergrenze von 370.000 Soldaten festlegt. Der Aufwuchsplan sucht einen offenen Bruch des Vertrages zu umgehen, indem er die angestrebte Gesamtzahl der Militärs auf 260.000 reguläre Soldaten und 200.000 Reservisten aufteilt. Heute verzeichnet die Bundeswehr 186.000 Soldaten und 70.000 Reservisten. Die offiziell angestrebte Gesamtstärke von 460.000 soll spätestens im Jahr 2035 erreicht werden und einen „deutliche[n] Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen“ umfassen – „Land, Luft, See, Cyber/Weltraum“. Das bildet die personelle Basis für einen Umbau der Bundeswehr zu einer High-Tech-Streitmacht, die die „Entwicklung und Integration von ‚militärischen Innovationen von Übermorgen‘“ leisten soll.
Die Brücke in die Zivilgesellschaft
Erstellt hat die Bundeswehr schließlich noch eine neue Strategie der Reserve, die ebenso wie der Aufwuchsplan in Gänze als geheim eingestuft ist. Wie das Verteidigungsministerium mitteilt, ist die „Verstärkung und Unterstützung der aktiven Truppe“ eine „wichtige Aufgabe“ der Reserve – „von grundlegenden Schutz- und Sicherungsaufgaben bis hin zum Einsatz im hochintensiven Gefecht“. Die Reserve werde dabei „mit der aktiven Truppe auf Augenhöhe agieren“.[9] Darüber hinaus garantiere sie „als Trägerin des Heimatschutzes und im Rahmen des Operationsplan Deutschland“ die „Durchhaltefähigkeit“ bzw. „das Funktionieren der logistischen Drehscheibe“, die die Bundesrepublik im Kriegsfalle für einen Aufmarsch gegen Russland bildet.[10] Während die angestrebte Zahl von 260.000 regulären Soldaten jederzeit durch die Aktivierung einer umfassenden Wehrpflicht erreicht werden kann, ist unklar, wie sich die Zahl der Reservisten auf 200.000 aufstocken lässt. Bastian Ernst, neuer Präsident des Reservistenverbandes, hat zu Wochenbeginn gefordert, die Altersobergrenze für Reservisten auf 70 Jahre anzuheben.[11] Unabhängig davon heißt es im Verteidigungsministerium, die Reserve solle zukünftig „die Brücke zwischen Militär und Zivilgesellschaft“ schlagen. Damit ist die Durchdringung der gesamten Gesellschaft durch die Militärs, also letzten Endes die soziale Militarisierung der Bundesrepublik gemeint.
[1] Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte. Bonn, April 2026.
[2] S. dazu Marinepläne für Mittelost.
[3] S. dazu Auf Krieg einstellen (II).
[4] Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte. Bonn, April 2026.
[5] S. dazu Der Amokläufer und sein Kumpan und Die Totengräber des Völkerrechts.
[6] Gesamtkonzeption militärische Verteidigung. Militärstrategie und Plan für die Streitkräfte. Bonn, April 2026.
[7], [8], [9] Verteidigungsminister stellt Strategie zur Landes- und Bündnisverteidigung vor. bmvg.de 22.04.2026.
[10] S. dazu Auf Krieg einstellen (I) und Auf Krieg einstellen (III).
[11] Markus Decker: Chef des Reservistenverbandes will Altersgrenze für Reservisten auf 70 erhöhen. rnd.de 20.04.2026.
