Abschiebung in den Krieg

Deutschland intensiviert die Abschiebungen nach Afghanistan trotz der Menschenrechtslage und trotz eines neuen Krieges zwischen Afghanistan und Pakistan. Eine Ursache des Krieges sind Grenzkonflikte, die auf die Kolonialzeit zurückgehen.

BERLIN/KABUL/ISLAMABAD (Eigener Bericht) – Die Bundesrepublik schiebt Afghanen nicht nur ungeachtet der desolaten Menschenrechtslage am Hindukusch, sondern auch trotz immer wieder aufflackernder Kriegshandlungen zwischen Afghanistan und Pakistan nach Kabul ab. Ende Februar führte sie ihren bereits dritten Abschiebeflug durch; er führte direkt in die afghanische Hauptstadt und war das Ergebnis monatelanger Verhandlungen zwischen den deutschen Behörden und den Taliban. Der Verhandlungsprozess begann mit der Akkreditierung von zwei Taliban-Beamten beim afghanischen Generalkonsulat in Bonn im Oktober vergangenen Jahres. Unmittelbar darauf folgte der Besuch zweier deutscher Beamter in Kabul. Gleichzeitig treibt die Bundesregierung ihren Plan voran, die Aufnahme einstiger afghanischer „Ortskräfte“ vor allem der Bundeswehr „soweit wie möglich“ zu beenden. Die jüngste Abschiebung fand genau an dem Tag statt, an dem der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan zum Krieg eskalierte; die pakistanische Luftwaffe griff unter anderem Kabul an. Pakistan wirft Afghanistan vor, Terrorgruppen gegen es einzusetzen, und behauptet, Indien nutze die afghanischen Taliban als Stellvertreter in seinem Konflikt mit Islamabad.

Die dritte Abschieberunde

Am 26. Februar hatte die Bundesrepublik 20 wegen Straftaten verurteilte afghanische Staatsbürger nach Afghanistan abgeschoben.[1] Es war bereits die dritte derartige Operation, nachdem Berlin die Abschiebungen in das Land nach der Machtübernahme durch die Taliban im Jahr 2021 zunächst ausgesetzt hatte. Der Charterflug mit 20 afghanischen Männern führte Berichten zufolge vom Flughafen Leipzig/Halle direkt nach Kabul. In einer am selben Tag veröffentlichten Erklärung betonte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, „die Abschiebung von Straftätern“ sei „ein zentraler Baustein … in der Migrationspolitik“ der Bundesregierung. Eine dazu geschlossene „Vereinbarung“ mit den Taliban schaffe „eine verlässliche Grundlage für direkte und dauerhafte Abschiebungen nach Afghanistan“.[2] Wie das Innenministerium mitteilte, handelte es sich bei der Maßnahme vom 26. Februar um den „erste[n] Charterflug auf der Grundlage dieser Vereinbarung zu regelmäßigen Rückführungen“ an den Hindukusch. Die Abschiebung war die erste, die ohne Vermittlung eines Drittlandes wie Qatar von Berlin und den Behörden in Kabul organisiert wurde.

Neue Prioritäten

Die zunehmenden Abschiebungen erfolgen zu einer Zeit, zu der die Bundesregierung die Aufnahmezusagen für diejenigen Afghanen widerruft, die vor der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan als Ortskräfte für deutsche Stellen gearbeitet hatten, insbesondere für die Bundeswehr, und die deshalb als besonders gefährdet gelten.[3] Die Zusagen waren im Oktober 2022 mit dem „Bundesaufnahmeprogramm für Afghanistan” formalisiert worden. Ziel des Programms war es, einen geordneten Ablauf des zunächst spontanen Prozesses zu gewährleisten; bis August 2023 kamen mehr als 30.000 Afghanen nach Deutschland. Die heutige Große Koalition strebt jedoch an, das Bundesprogramm „soweit wie möglich“ zu beenden, und hat seitdem fast die Hälfte der Zusagen an mehr als 2.300 Afghanen, die derzeit in Pakistan festsitzen, widerrufen.[4] Das Bundesinnenministerium rechtfertigt dies mit der Begründung, die Zusagen seien unverbindliche „Absichtserklärungen” und unterlägen einer Sicherheitsüberprüfung.[5] Zudem heißt es, es bestehe kein politisches Interesse mehr an der Aufnahme der ehemaligen lokalen Mitarbeiter. Allerdings klagen mittlerweile mehr als 500 Afghanen auf die Erfüllung der Zusagen – bislang in den meisten Fällen mit Erfolg.

Auf dem Weg zur Normalisierung

Die Abschiebung afghanischer Staatsbürger ohne Vermittlung durch Drittländer ist das Ergebnis monatelanger direkter Verhandlungen zwischen den deutschen Behörden und den Taliban. Bereits im Oktober vergangenen Jahres wurden wichtige Schritte in diese Richtung unternommen, als Deutschland zwei Taliban-Vertreter am afghanischen Generalkonsulat in Bonn akkreditierte.[6] Laut Regierungssprecher Stefan Kornelius sollen sie bei der Koordinierung der Abschiebeflüge helfen. Aus Protest gegen ihre Akkreditierung traten alle vorherigen Mitarbeiter des Konsulats zurück und wiesen darauf hin, der Schritt bringe eine „ernsthafte Bedrohung” für die Sicherheit der in Deutschland lebenden Afghanen mit sich – denn er verschaffe den Taliban Zugang zu sensiblen Dokumenten und Informationen über sie. Kurz nach der Akkreditierungsentscheidung flogen zwei Beamte der Bundespolizei-Abteilung des Bundesinnenministeriums nach Kabul, um praktische Absprachen für künftige Abschiebungen voranzutreiben. Die deutsche Delegation traf sich dabei mit Vertretern des afghanischen Innen- und Außenministeriums sowie der Flughafenbehörden in Kabul, um die technischen und die administrativen Aspekte der Abschiebungen zu besprechen.[7]

Krieg am Hindukusch

Der jüngste Abschiebeflug wurde genau an dem Tag durchgeführt, an dem Pakistan Afghanistan den „offenen Krieg“ erklärte. Dies markiert den zweiten Konflikt zwischen den beiden ehemaligen Verbündeten innerhalb der vergangenen fünf Monate.[8] Die jüngste Eskalationsrunde begann, nachdem Pakistan am 21. Februar Angriffe auf afghanisches Territorium durchgeführt hatte, die sich – so hieß es – gegen „Lager und Verstecke von Terroristen“ richteten. Ziel war die militante Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP), ein Ableger der afghanischen Taliban, der im Jahr 2007 während des sogenannten Anti-Terror-Kriegs der Vereinigten Staaten gegründet wurde. Die pakistanische Regierung rechtfertigte die Angriffe mit Verweis auf die jüngsten Anschläge im Land, von denen sie erklärt, sie seien von afghanischem Territorium aus verübt worden. In Reaktion darauf griff Afghanistan in der Nacht zum 26. Februar pakistanische Militärkontrollpunkte entlang der Grenze an. Pakistan antwortete mit der Operation Ghasab Lil-Hak (Gerechter Zorn) und führte Luftangriffe gegen bedeutende Städte wie Kabul und Kandahar sowie gegen den Luftwaffenstützpunkt Bagram durch. „Unsere Geduld ist am Ende“, erklärte Pakistans Verteidigungsminister Khawaja Asif, „jetzt herrscht offener Krieg zwischen uns.“ Die Kämpfe setzten sich Ende vergangener Woche fort.

Alter Grenzkonflikt

Nach Angaben aus Islamabad wurden bereits bis zum 1. März 415 Taliban-Kämpfer getötet und über 580 verletzt. Kabul wiederum behauptet, 110 pakistanische Soldaten seien getötet und 27 pakistanische Militärposten eingenommen worden. Beide Seiten erlitten schon beim vorigen militärisch ausgetragenen Konflikt schwere Verluste; dieser hatte begonnen, als Pakistan im Oktober mehrere Luftangriffe auf Ziele in Afghanistan durchführte, die ebenfalls vor allem den TPP galten. In Islamabad heißt es, Afghanistan nutze die Organisation als Stellvertreter im Konflikt um die sogenannte Durand-Linie, die die Grenze zwischen den beiden Ländern bildet. Kabul betrachtet sie als Ergebnis eines 1893 unter Zwang unterzeichneten Abkommens zwischen dem damaligen Herrscher Afghanistans, Abdur Rahman Khan, und den britischen Kolonialherren in Indien. Es erkennt sie daher nicht an. Laut afghanischer Auffassung verläuft die „tatsächliche“ Grenze viel weiter östlich, beinahe am Fluss Indus, der mitten durch Pakistan fließt.

Konflikt mit Indien

Gleichzeitig wirft Islamabad den afghanischen Taliban vor, als Stellvertreter Indiens gegen Pakistan zu agieren. Während des jüngsten Konflikts beschuldigte der pakistanische Verteidigungsminister Kawaja Asif New Delhi, „einen Krieg geringer Intensität gegen Pakistan zu führen. Um dies zu erreichen, nutzen sie Kabul.“ Ein Sprecher des indischen Außenministeriums wies dies als „weiteren Versuch Pakistans“ zurück, „seine internen Probleme nach außen zu verlagern“.[9] Beobachter bemerken, dass die Eskalation des Konflikts zwischen Pakistan und Afghanistan im Oktober 2025 mit einem Besuch des afghanischen Außenministers Amir Khan Muttaqi in Indien zusammenfiel, wo er sich mit dem indischen Außenminister Subrahmanyam Jaishankar traf.[10] Obwohl Indien davon Abstand nahm, die Autorität der Taliban in Afghanistan offiziell anzuerkennen, kündigte es während des Besuchs von Muttaqi an, es werde seine seit Juni 2022 in Kabul tätige technische Mission zu einer Botschaft aufwerten. Einen Monat später erschütterte ein Suizidanschlag Islamabad; mindestens zwölf Menschen kamen zu Tode.[11] Verteidigungsminister Asif bezeichnete den Anschlag damals als „eines der schlimmsten Beispiele für staatlich geförderten Terrorismus durch indische Behörden in der Region“ und erklärte Pakistans Bereitschaft, militärische Operationen an zwei Fronten zugleich durchzuführen – sowohl gegen Afghanistan als auch gegen Indien.

 

Dies ist die Situation, in die hinein die Bundesrepublik zuletzt Afghanen abgeschoben hat und auch weiterhin abschieben will.

 

[1] Santos, Ana P.: Germany deports 20 Afghan nationals convicted of crimes back to Afghanistan. infomigrants.net 27.02.2026.

[2] Pressemitteilung: 20 Straftäter nach Kabul ausgeflogen. Bundesministerium des Innern. bmi.bund.de 26.02.2026.

[3] Mellersh, Natasha: Germany stands firm on revoked Afghan promises amid lawsuits and taliban crackdowns. infomigrants.net 03.03.2026.

[4] S. dazu Deutschlands Abschiebepartnerschaft mit den Taliban.

[5] Thomas Ludwig: Afghanen-Aufnahme: Schwarz-Rot widerruft fast jede zweite Zusage aus der Ampel-Zeit. noz.de 20.01.2026.

[6] S. dazu Deutschlands Abschiebepartnerschaft mit den Taliban.

[7] Berlin confirms talks with Taliban on Afghan deportations. afint.com 07.10.2025.

[8], [9] Malik, Satyajeet: Vom Schwelbrand zum Luftkrieg. junge Welt 07.03.2026.

[10] Raykhona Abdullayeva, Aziza Mukhammedova: What‘s behind India’s Political Rapprochement with the Taliban? thediplomat.com 19.11.2025.

[11] Asif Shahzad, Saeed Shah: Suicide bombing in Pakistan capital kills 12, raises regional tension. reuters.com 11.11.2025.


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