Machtkampf um Südosteuropa

Deutschland und die EU dringen auf die Aufnahme der Nicht-EU-Länder Südosteuropas in die Union, um ihren Einfluss gegen Russland, China und die USA zu sichern. Neumitglieder sollen nur deutlich eingeschränkte Rechte erhalten.

BERLIN/PODGORICA/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Wachsende Konkurrenz äußerer Mächte überschattet das Streben Deutschlands und der EU nach einer Erweiterung der Union um die sechs ihr bislang nicht angehörenden Länder Südosteuropas. Eine aktuelle Analyse der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) stellt einerseits einen deutlichen Rückgang des russischen Einflusses in der Region fest – eine Folge des Ukrainekriegs. Zugleich gelten China und zunehmend auch die Vereinigten Staaten in Berlin als Konkurrenten im Ringen um politischen und wirtschaftlichen Einfluss in Südosteuropa. Washington setzt dabei verstärkt auf Energiegeschäfte und Infrastrukturprojekte; so suchen die USA etwa Bosnien und Herzegowina in einen weiteren Absatzmarkt für US-Flüssiggas zu transformieren. Um die Nicht-EU-Länder Südosteuropas enger an die EU zu binden, drängt Berlin auf Fortschritte im Erweiterungsprozess. Zur Zeit werden Pläne diskutiert, neuen Mitgliedstaaten für bis zu 15 Jahre nur eingeschränkte Mitgliedsrechte zu gewähren. Auf einem Treffen des von Deutschland initiierten „Berliner Prozesses“ Anfang Oktober warnte Außenminister Johann Wadephul vor einem „Scheideweg“ der EU-Erweiterung.

Russlands schwindender Einfluss

Wie die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in einer Mitte September publizierten Analyse („The Decline of Russian Power in the Western Balkans“) urteilt, stellen die Nicht-EU-Länder Südosteuropas aufgrund ungelöster politischer Konflikte, anhaltender Rivalitäten und fortbestehender ethnischer Spannungen ein zentrales Sicherheitsproblem für die EU dar. Der Ukrainekrieg habe dazu geführt, dass Russland weitgehend die Fähigkeit verloren habe, die politischen Entwicklungen in der Region zu beeinflussen, schreibt die DGAP. Moskau konkurriere aber weiterhin neben China, der Türkei und Iran auch mit den Vereinigten Staaten und vor allem der EU um Einfluss in der Region. Die USA setzten dabei zunehmend auf „illiberale“ Transaktionen. Ihre Strategie ziele auf Partnerschaften mit den Ländern Südosteuropas, bei denen geopolitische Interessen mit wirtschaftlichen Investitionsmöglichkeiten verknüpft würden – etwa mit Energiegeschäften, dem Bau von Transportkorridoren oder der Errichtung von KI-Rechenzentren. Davon profitierten insbesondere Einzelpersonen und Organisationen aus dem Umfeld des Trump-Clans.[1]

Zweigeteilter Beitrittsprozess

Gleichzeitig betont die DGAP, sämtliche noch nicht der EU angehörenden Länder Südosteuropas seien an einer Annäherung an den Staatenbund interessiert. Allerdings habe sich ein zweigeteilter Beitrittsprozess ergeben: Auf der einen Seite stünden die Spitzenreiter Montenegro und Albanien, die sogenannten WB2 („Westbalkan 2“), die in den Beitrittsverhandlungen am weitesten fortgeschritten seien; auf der anderen Seite stünden die verbleibenden WB4 – Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Nordmazedonien und Serbien. Die DGAP rät der Bundesregierung, insbesondere für Bosnien und Herzegowina sowie für das Kosovo, die von einer EU-Mitgliedschaft noch am weitesten entfernt seien, Gespräche über maßgeschneiderte Assoziierungspläne einzuleiten.[2] Ähnliche Vorschläge wurden Anfang Oktober auch auf einer Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) und des Zentrums Liberale Moderne thematisiert, auf der über die Zukunft der EU-Erweiterung, Modelle einer schrittweisen Integration sowie den russischen Einfluss auf den EU-Integrationsprozess diskutiert wurde.[3]

Daumenschrauben bei der EU-Erweiterung

Offiziell strebt die EU in den kommenden Jahren die Aufnahme weiterer Staaten an. Zu den aussichtsreichsten Beitrittskandidaten zählen Montenegro, Albanien, die Ukraine und Moldau. Allerdings werden für künftige Mitgliedstaaten neue Einschränkungen diskutiert. Demnach sollen die neuen Mitglieder über viele Jahre hinweg deutlich weniger Rechte als die bisherigen 27 EU-Staaten erhalten und bei Regelverstößen mit Sanktionen belegt werden können. So sollen sie sich etwa – dies sieht ein aktueller Vorstoß der EU-Kommission vor – schriftlich verpflichten, bis zu 15 Jahre lang keine Entscheidungen zu blockieren, die Einstimmigkeit erfordern. Während einer bis zu zehnjährigen „Probezeit“ sollen die neuen Mitglieder zudem keinen uneingeschränkten Zugang zum Binnenmarkt oder zur Gemeinsamen Agrarpolitik erhalten. Vorgesehen ist darüber hinaus eine graduelle Integration („gradual integration“), bei der Beitrittskandidaten abhängig von ihren Fortschritten schrittweise in einzelne Politikbereiche der EU integriert werden, etwa in die Verkehrs- und Umweltpolitik. Auch eine Verkleinerung der EU-Kommission steht zur Debatte. Demnach sollen künftig nur noch zwei Drittel der Mitgliedstaaten gleichzeitig einen Kommissar stellen. Ein Rotationsprinzip soll gewährleisten, dass alle Mitgliedstaaten abwechselnd vertreten sind.[4] EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unterstrich die strategische Bedeutung der Erweiterung: Diese sei kein bloßes „Nice-to-have“, sondern eine „geopolitische Notwendigkeit“.[5]

Die USA greifen nach Bosnien und Herzegowina

Die DGAP warnt dabei vor wachsenden Unterschieden zwischen den Strategien Washingtons und der EU. Internationale Organisationen wie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und der Europarat genössen inzwischen nicht mehr denselben politischen Rückhalt wie früher. In Bosnien und Herzegowina habe der neue US-Ansatz bereits zu Veränderungen geführt; dort habe Washington etwa in Kooperation mit Milorad Dodik, dem starken Mann der Republika Srpska, den Rücktritt des Hohen Repräsentanten Christian Schmidt (CSU) erzwingen können.[6] Hintergrund sind unter anderem widerstreitende Interessen der USA und westeuropäischer Staaten, insbesondere bei Gas- und Rohstoffgeschäften in Bosnien und Herzegowina. Bislang wird das Land über die TurkStream-Pipeline mit russischem Erdgas versorgt. Dieses soll künftig durch US-Flüssiggas (LNG) ersetzt werden, das über ein Terminal auf der kroatischen Insel Krk importiert wird. Dazu ist der Bau einer neuen Pipeline nach Bosnien und Herzegowina geplant.[7] Der CSU-Politiker Schmidt bekleidete den demokratisch nicht legitimierten Posten des Hohen Repräsentanten, der mit weitreichenden, quasikolonialen Vollmachten ausgestattet ist. Den US-Plänen stand Schmidt im Weg. Als sein geschäftsführender Nachfolger amtiert zur Zeit der US-Diplomat Louis Crishock.

Der „Berliner Prozess“

Zuletzt hielt sich Außenminister Johann Wadephul (CDU) Anfang Oktober in der Region auf, um die deutsche Stellung dort zu stärken. Er nahm an einem Außenministertreffen im Rahmen des „Berliner Prozesses“ teil, der vor zwölf Jahren von der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Leben gerufen worden war. Er soll die sechs Nicht-EU-Länder Südosteuropas – Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien – enger miteinander verbinden. Während sämtliche Länder der Region mit ihren Außenministern vertreten waren, nahmen auf EU-Seite neben Wadephul lediglich seine Amtskollegen aus Österreich, Kroatien und Slowenien sowie EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos teil. Andere EU-Staaten beteiligen sich nicht am „Berliner Prozess“ oder entsandten, wie Italien, Frankreich, Griechenland und Polen, lediglich Staatssekretäre oder ranghohe Beamte. Im kommenden Jahr stehen in mehreren europäischen Staaten Wahlen an, bei denen die EU-Politik eine kontroverse Rolle spielt. Der Erweiterungsprozess dürfte dadurch zusätzlich erschwert werden, zumal jeder Beitritt von sämtlichen 27 EU-Mitgliedstaaten ratifiziert werden muss. In Montenegro schlug Wadephul einen mahnenden Ton an und sprach von einem „Scheideweg“ im EU-Erweiterungsprozess. Ende Oktober wird Bundeskanzler Friedrich Merz an einem weiteren Gipfeltreffen teilnehmen.[8]

 

[1], [2] Nikola Xaviereff: Der Niedergang der russischen Macht auf dem Westbalkan. dgap.org 14.09.2026.

[3] Florian Feyerabend: Die Zukunft der EU-Erweiterung: EU-Integration als geopolitische Notwendigkeit. kas.de 06.10.2026.

[4] Christoph B. Schiltz: Streit in der EU – Warum Deutschland bei der nächsten großen Erweiterung bremst. welt.de 06.10.2026.

[5] Elisabeth Postl: Mehr Macht, mehr Mitglieder – Brüssels heikler Balanceakt. handelsblatt.com 06.07.2026.

[6] Nikola Xaviereff: Der Niedergang der russischen Macht auf dem Westbalkan. dgap.org 14.09.2026. S. auch Kampf um Bosnien-Herzegowina.

[7] S. dazu US-Flüssiggas für Ost- und Südosteuropa.

[8] Hans von der Burchard: „Wir haben nicht geliefert“ – Wadephul warnt Europa vor dem Wortbruch. welt.de 02.10.2026.


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