„Vorposten des Westens“

Israels Rechtsaußenregierung baut ihre Kooperation mit extrem rechten Parteien in Europa aus, um stärkere Rückendeckung für ihre Gewaltpolitik zu erhalten. Zugleich attackiert sie deren Gegner. Berlin unterstützt dies aus Eigeninteresse.

TEL AVIV/BERLIN (Eigener Bericht) – Die israelische Rechtsaußenregierung treibt ihre Kooperation mit Parteien der extremen Rechten in Europa voran und nimmt dabei auch die AfD in den Blick. Nach einer systematischen Aufnahme der Zusammenarbeit mit Parteien des Zusammenschlusses Patriots for Europe (PfE), dem beispielsweise der französische Rassemblement National (RN) und der belgische Vlaams Belang (VB) angehören, nähern sich israelische Minister jetzt der FPÖ an. Israels Diasporaminister Amichai Chikli (Likud) etwa stuft eine Rede von FPÖ-Chef Herbert Kickl, in der dieser seine Partei zu „neuen Schutzherren für jüdische Interessenlagen“ erklärte, als „historischen Wendepunkt“ in den Beziehungen „zwischen der FPÖ“ und „dem Staat Israel“ ein. Chikli hatte schon kurz nach der Bundestagswahl im Februar 2025 erklärt, auch mit der AfD sei eine Kooperation möglich, sofern diese sich von einzelnen NS-verherrlichenden Protagonisten lösen könne. Der Ausbau der Rechtsaußenkooperation begleitet die Gewaltpolitik, mit der Israel seine Macht stärken will – in Kooperation auch mit Berlin, das über Israel mehr Einfluss in Nah- und Mittelost zu erlangen sucht. Gegner dieser Politik werden in einer völlig enthemmten Kampagne attackiert.

Persilscheine gesucht

Bestrebungen, eine enge Kooperation zwischen extrem rechten Kräften in Europa und in Israel anzustoßen, gab es erstmals vor mehr als zwei Jahrzehnten – und zwar in Belgien. Im Jahr 2002 bot Filip Dewinter, Chefideologe des extrem rechten Vlaams Blok (VB, heute: Vlaams Belang), der jüdischen Community in Antwerpen, die sich einer Welle schwerer antisemitischer Gewalt ausgesetzt sah, ein gemeinsames Vorgehen gegen gewalttätige Islamisten an. Ziel war es, den VB als nicht mehr antisemitisch darzustellen, um ihm als etwaigem Koalitionspartner konservativer Parteien Akzeptanz zu verschaffen. Der Plan ging nicht auf. 2005 ging Dewinter dazu über, sich anstelle der jüdischen Gemeinde an den Staat Israel zu wenden: Er sei „daran interessiert, Israel zu besuchen“, teilte er nun mit.[1] Das Vorhaben hatte neben dem Ziel, den – zutreffenden – Vorwurf des Antisemitismus gegenüber dem VB abzuschütteln, auch eine strategische Komponente: „Der Staat Israel“ sei „eine Art Vorposten unserer westlichen Gesellschaft“, äußerte er 2005 – und zwar ein Vorposten gegen die „größte Bedrohung für den Westen“, „den radikalen fundamentalistischen Islam“.[2] Im Lauf der Jahre haben weitere Organisationen der extremen Rechten in Europa gleichfalls Beziehungen nach Israel gesucht, blieben aber abgesehen von einzelnen Kontakten zu israelischen Rechtsaußen und wenigen Likud-Politikern weitgehend erfolglos.[3]

Der Likud und die Patriots

Die Beziehungen der extremen Rechten in Europa nach Israel florieren allerdings, seit dort Ende 2022 eine ultrarechte Regierungskoalition unter Einschluss des Likud sowie der extrem rechten Parteien Otzma Jehudit (Jüdische Stärke) um Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir und Mafdal HaTzionut HaDatit (Der religiöse Zionismus) um Finanz- und Siedlungsminister Bezalel Smotrich ins Amt gelangte. Diasporaminister Amichai Chikli (Likud) trat im April 2024 auf der Rechtsaußenkonferenz CPAC Hungary [4], im Mai 2024 auf der Konferenz Europa Viva der extrem rechten spanischen Partei Vox auf. Im Juni 2024 warb er dann vor der Parlamentswahl in Frankreich für den ebenfalls extrem rechten Rassemblement National (RN). Im Februar 2025 erhielt der Likud Beobachterstatus im Parteienbündnis Patriots for Europe (PfE) um den RN, Vox, den Vlaams Belang sowie die FPÖ.[5] Im Mai 2025 trat mit Jair Netanjahu einer der beiden Söhne von Premierminister Benjamin Netanjahu auf der CPAC Hungary auf – ganz wie Politiker von Vox, der FPÖ und der AfD, die mit ihrer Bundesvorsitzenden Alice Weidel vertreten war. Ende 2025 schließlich wies der israelische Außenminister Gideon Sa’ar die Diplomaten seines Landes in Frankreich, Spanien sowie Schweden an, direkten Kontakt zu den großen Parteien der extremen Rechten aufzunehmen: zum RN, zu Vox und zu den Schwedendemokraten.[6]

„Combating Antisemitism“

Zu diesem Zeitpunkt hatte die israelische Rechtsaußenregierung bereits begonnen, Parteien der extremen Rechten aus Europa auch offiziell nach Israel einzuladen – zu Veranstaltungen, die seither jedes Jahr unter dem Titel International Conference on Combating Antisemitism abgehalten werden. Initiator ist bisher jeweils das Ministerium für Diasporaangelegenheiten unter Chikli. Auf der ersten dieser Konferenzen traten im März 2025 als Redner neben Premierminister Netanjahu sowie Außenminister Sa’ar unter anderem Jordan Bardella (RN) und der Vox-Funktionär Hermann Tertsch auf. Zur zweiten Konferenz waren unter anderem die Vorsitzenden der Schwedendemokraten, Jimmie Åkesson, sowie von Vox, Santiago Abascal, geladen. Vor Beginn der Konferenz hatte Netanjahu persönlich eine Delegation der Patriots for Europe (PfE) empfangen – neben Politikern aus Frankreich (RN), Spanien (Vox) und Ungarn (Fidesz) auch den FPÖ-Europaabgeordneten Harald Vilimsky. Vilimsky teilte noch am selben Tag mit, mit ihm sei erstmals in der Geschichte der FPÖ einer ihrer Politiker „von der israelischen Regierung“ empfangen worden.[7] Die FPÖ steht – wie andere PfE-Parteien – in historischer Tradition zur NS-Kollaboration. Die Konferenz, zu der Vilimsky in Jerusalem empfangen wurde, fand am 26./27. Januar 2026 statt und damit auch am Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust.

„Schutzherren für jüdische Interessenlagen“

Zuletzt schlug eine Rede Wellen, die der FPÖ-Vorsitzende Herbert Kickl am 16. September auf einer Konferenz der PfE-Fraktion im Europaparlament zum Thema „Islamismus und Antisemitismus“ hielt. An der PfE-Konferenz nahmen einige Vertreter des Likud teil. Kickl behauptete dort: „Wir sind die neuen Schutzherren für jüdische Interessenlagen.“[8] „Das beispiellose Menschheitsverbrechen des Holocaust“ dürfe „nie in Vergessenheit geraten“; „die Bekämpfung des Antisemitismus“ und „der Kampf gegen Antizionismus“ sollten „Teil des Programms einer Bundesregierung sein, die ich anführen möchte“. Kickl äußerte sich darüber hinaus positiv über die De-facto-Annexion des Westjordanlandes. Seine Rede stieß bei israelischen Regierungsmitgliedern auf Zustimmung. Während Außenminister Sa’ar die Rede begrüßte [9], zitierte der FPÖ-Europaabgeordnete Vilimsky Israels Diasporaminister Chikli mit der Äußerung, sie sei ein „historischer Wendepunkt im Verhältnis zwischen der FPÖ, dem Staat Israel und der jüdischen Bevölkerung“ [10]. Chikli hatte schon unmittelbar nach der Bundestagswahl im vergangenen Jahr erklärt, die Partei, die in Deutschland am deutlichsten gegen Unterstützung für „antiisraelische Gruppierungen“ Position beziehe, sei die AfD. Wenn sie sich von einzelnen „Stimmen“ lösen könne, die etwa die Waffen-SS verharmlosen, sei auch mit ihr eine Kooperation möglich.[11]

Geostrategische Ziele

Die israelische Rechtsaußenregierung baut ihre Kooperation mit der extremen Rechten in Europa systematisch aus, während sie in Nah- und Mittelost die Machtposition ihres Landes mit Krieg und Vertreibung bis hin zum Genozid zu stärken sucht. Die Bundesregierung unterstützt sie mit einer Ausweitung der Militär- [12] und Rüstungskooperation [13]: In den aktuellen Umbrüchen im Nahen und Mittleren Osten, dessen Länder sich zunehmend dem einst dominanten westlichen Einfluss zu entziehen suchen, gilt Israel als der sicherste Verbündete; als „Vorposten des Westens“ in der arabisch-islamischen Welt, den es um jeden Preis zu stützen gilt. Die extreme Rechte in Europa, die ihren Rassismus seit längerer Zeit bevorzugt unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den Islam auslebt, wird dabei von der israelischen Rechtsaußenregierung als Kooperationspartnerin eingestuft.

Enthemmte Kampagne

Zugleich erhöhen Israels Rechtsaußenregierung und die Regierungen Europas den Druck auf Kräfte, die sich gegen die israelische Gewaltpolitik positionieren und damit Europas zur Zeit fast bedingungslosen Pakt mit Israel in Frage stellen. Bei diesen handelt es sich zumeist um linke oder linksliberale Kräfte, die deutliche Kritik zum Beispiel am Gazakrieg und an der De-facto-Annexion des Westjordanlandes äußern. Jüngst behauptete etwa Israels Botschafter in der Bundesrepublik, Ron Prosor, der Wahlsieg der Partei Die Linke in Berlin bringe eine „unmittelbare Existenzgefahr“ für die jüdische Community in der Hauptstadt mit sich; er müsse jede Person stark beunruhigen, der „das Fortbestehen jüdischen Lebens in dieser Stadt am Herzen liegt“. In der Partei Die Linke habe sich „völlig enthemmte[r] Antisemitismus … Bahn gebrochen“.[14] Ähnlich enthemmte Behauptungen sind auch von deutschen Politikern und Kommentatoren zu hören. Zur Verbreitung antisemitischer Ressentiments in den politischen Milieus in Berlin ist im Februar eine wissenschaftliche Untersuchung erschienen. Sie kommt zum Resultat, in Milieus, die als „Mitte-links“ oder „links-außen“ charakterisiert werden, wiesen – es wurden unterschiedliche Varianten des Antisemitismus gemessen – 2,8 bis 8,4 Prozent der Befragten antisemitische Einstellungen auf. In Milieus, die als „Mitte-rechts“ oder „rechts-außen“ beschrieben werden, seien es 19,7 bis 48,8 Prozent.[15] Rechte Milieus erweisen sich allerdings als hilfreich, um wichtige geostrategische Ziele der israelischen Rechtsaußenregierung und der politischen Eliten im Westen zu verfolgen. Sie werden daher, während linke Spektren einer völlig enthemmten Staatskampagne ausgesetzt sind, völlig ungeachtet ihres eklatanten Antisemitismus hofiert.

 

[1], [2] Adi Schwartz: Between Haider and a Hard Place. haaretz.com 28.08.2005.

[3] Jörg Kronauer: Die Brandleger. Köln 2026. S. 157-168.

[4] S. dazu „Das Zeitalter der Patrioten“.

[5] S. dazu Zu Gast in Israel.

[6] Andrea Nüsse: In Israel fällt die Brandmauer – Europas Rechtsextreme sind die neuen Verbündeten. tagesspiegel.de 22.03.2025.

[7] Jörg Kronauer: Die Brandleger. Köln 2026. S. 157-168.

[8] Oliver Grimm: FPÖ: „Wir sind die neuen Schutzherren für jüdische Interessenlagen“. diepresse.com 18.09.2026.

[9] Israels Außenminister lobt Kickl-Rede in Straßburg. orf.at 18.09.2026.

[10] Positive Reaktionen aus Israel nach Kickls Islamismus-Rede in Straßburg. fpoe.at 18.09.2026.

[11] Reaching out to Europe’s rising Right: Israel’s Diaspora Minister Chikli explains approach to German AfD party. allisrael.com 25.02.2025. S. dazu Zu Gast in Israel.

[12] S. dazu Militärkooperation mit Israel.

[13] S. dazu Rüstungskooperation mit Israel.

[14] Israels Botschafter sieht jüdisches Leben in Berlin gefährdet. zeit.de 22.09.2026.

[15] Gert Pickel, Oliver Decker, Katrin Reimer-Gordinskaya: Der Berlin-Monitor 2025. Berlin – Zwischen demokratischer Haltung und verbreiteten Ressentiments. Berlin 2026.


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