Raketenmacht Deutschland

Das US-Rüstungs-Startup Covenant will in Leipzig Langstreckenwaffen in großen Massen herstellen – für aktuelle und künftige Abnutzungskriege. Für Samstag sind Proteste dagegen angekündigt.

LEIPZIG/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Ein US-Rüstungsunternehmen bereitet die Produktion von Langstreckenwaffen in Leipzig vor und stößt damit auf erste Proteste in der Bevölkerung. Das Rüstungs-Startup Covenant, das unter anderem von dem ultrarechten US-Milliardär Peter Thiel finanziert wird, will in einer Halle im Leipziger Norden eine Waffe herstellen, die als ein Mix aus Marschflugkörper und Langstreckendrohne beschrieben wird und eine Reichweite von wohl rund 1.200 Kilometern haben soll. Sie ist erheblich billiger und kann schneller produziert werden als etwa Marschflugkörper vom Typ Tomahawk: Von rund 5.000 Stück jährlich ab 2028 ist die Rede. Experten stufen sie allerdings als „rohe“, nicht unbedingt präzise Waffe ein. Mit ihrer riesigen Stückzahl soll sie die westlichen Streitkräfte auf gegenwärtige wie auch künftige Abnutzungskriege mit Langstreckenwaffen vorbereiten; entwickelt wurde sie laut Firmenangaben „für den Kampf gegen China“. Die Bundesregierung plant darüber hinaus die Beschaffung von Tomahawk-Marschflugkörpern, die als Übergangslösung dienen sollen, bis Anfang der 2030er Jahre europäische Raketen verfügbar sind. Für den morgigen Samstag wird eine Protestdemonstration gegen die Covenant-Fabrik angekündigt.

Waffen für Abnutzungskriege

Die DPS-Waffe Anthem – DPS steht für Deep Precision Strike, Präzisionsschlag in großer Tiefe –, die das US-Unternehmen Covenant in Leipzig herstellen will, soll Berichten zufolge eine Reichweite von wohl rund 1.200 Kilometern haben.[1] Anthem wird gemeinhin als Marschflugkörper bezeichnet, ist aber in Wirklichkeit eine Art Mix aus einem klassischem Marschflugkörper und einer Langstreckendrohne; Covenant verwendet den neutralen Begriff „DPS-Munition“. Im Vergleich zu klassischen Marschflugkörpern wie dem Tomahawk hat die Anthem den Vorteil, dass sie erheblich einfacher hergestellt werden kann und viel billiger ist. Bis zu Jahresbeginn wurden laut Berichten nur noch 60 Tomahawks im Jahr gefertigt; die Kosten lagen bei mehr als zwei Millionen Euro pro Stück. Die Produktion der Anthem soll 2027 mit rund 1.000 Stück beginnen und ab 2028 auf 5.000 Stück pro Jahr anwachsen – dies bei einem Stückpreis von einer mittleren sechsstelligen Summe. Damit entspricht sie den Anforderungen für gegenwärtige wie auch künftige Abnutzungskriege mit DPS-Waffen, für die die Tomahawks zu teuer sowie in der Herstellung zu aufwendig sind. Allerdings gilt unter Experten die Anthem als relativ „rohe“, nicht unbedingt präzise Waffe, deren Gefechtskopf nur 200 Kilogramm wiegt – im Vergleich zu 450 Kilogramm bei der Tomahawk, die mit ungefähr 1.800 Kilometern oder mehr zudem deutlich weiter reicht.[2]

„Für den Kampf gegen China“

Covenant, ein Rüstungs-Startup, ist erst im Jahr 2024 gegründet worden – von Michael Kaufman, einem US-Investor, der vorher für Thiel Capital tätig war, eine Investmentfirma des ultrarechten Trump-Unterstützers Peter Thiel.[3] Covenant ist in den USA registriert und hat seinen Hauptsitz in Washington, unterhält aber eine Filiale in Israel, wo das Startup Entwicklungstätigkeiten durchführt und dabei, so berichtet es die israelische Tageszeitung Haaretz, auf den Pool äußerst kenntnisreicher Mitarbeiter der israelischen Rüstungsindustrie zurückgreift.[4] Covenant hat laut Eigenangaben mittlerweile mehr als 250 Millionen US-Dollar bei prominenten, teils Trump-nahen Investoren wie Andreessen Horowitz oder Thiels Founders Fund eingesammelt und bereitet jetzt den Übergang in die Anthem-Produktion vor. Dabei sollen in den Vereinigten Staaten rund 5.000 Stück pro Jahr hergestellt werden, die ausschließlich den US-Streitkräften zugute kommen sollen; die Anthem sei „für den Kampf gegen China entwickelt worden“, erläutert Covenant-Chefin Abigail Denburg.[5] Die in Leipzig geplanten 5.000 DPS-Waffen pro Jahr sollen demnach ganz Europa versorgen – und zwar, nach Lage der Dinge, für einen möglichen Krieg gegen Russland. Weitere 2.000 pro Jahr sollen in Israel hergestellt werden. Man müsse „ein Arsenal von überwältigendem Umfang“ herstellen – so erläutert es Covenant-Gründer Kaufman.[6]

Arbeitsteilung für den Übergang

Die Anthem ist nicht die einzige DPS-Waffe, die die Bundesregierung beschaffen könnte. So hält sie nach wie vor an dem Plan fest, Tomahawk-Marschflugkörper und die zum Abfeuern der Waffe erforderlichen Typhon-Startsysteme bei den US-Herstellern Raytheon bzw. Lockheed Martin zu erwerben. Verteidigungsminister Boris Pistorius verhandelte darüber bei einem Treffen mit US-Kriegsminister Pete Hegseth am Dienstag in Washington sowie bei Zusammenkünften mit Vertretern der US-Rüstungsindustrie.[7] Zuletzt hieß es, Berlin stelle rund 3,4 Milliarden Euro für den Erwerb von Tomahawks und von Typhons bereit. Dabei ist im Gespräch, die Marschflugkörper zum Teil oder ganz in Europa zu produzieren und der deutschen Rüstungsindustrie die Herstellung bestimmter Elemente zu übertragen, zwar nicht der technologischen Filetstücke, aber doch anderer Komponenten.[8] Der Plan hat für die Bundesrepublik ebenso Vorteile wie für die USA. Die US-Konzerne, die noch auf Jahre mit dem Auffüllen der im Irankrieg verschossenen Raketenbestände beschäftigt sein werden, könnten mit Unterstützung deutscher Unternehmen ihre Produktion noch weiter erhöhen; die deutschen Firmen wiederum erhielten neue Aufträge wie auch Einblicke in die Tomahawk-Produktion. Ähnlich verhält es sich mit der Anthem-Waffe, deren Bauteile gleichfalls überwiegend aus Deutschland und Europa kommen sollen.[9]

Im Libanonkrieg erprobt

Zusätzlich zu den Tomahawk könnte die Bundesregierung seegestützte Kurzstreckenraketen des Typs Lora beschaffen. Die Lora, deren Reichweite von zur Zeit 430 Kilometern eventuell auf mehr als 500 Kilometer gesteigert werden könnte, wurde Anfang September von der Deutschen Marine im Seegebiet zwischen Irland und Island getestet – „erfolgreich“, wie der Inspekteur der Marine, Jan Christian Kaack, anschließend sagte.[10] Die ballistische Rakete wird von Israel Aerospace Industries (IAI) hergestellt; sie gilt, wie berichtet wird, „mittlerweile als kampferprobt“, und zwar „etwa durch Einsätze im Libanon“.[11] Seit 2018 haben auch Aserbaidschans Streitkräfte die Lora in ihrem Arsenal; sie nutzten sie schon 2020 im Krieg gegen Armenien um Berg-Karabach. Bei alledem setzt die Bundesregierung jedoch darauf, die US-amerikanischen sowie die israelischen Raketen gezielt als Übergangslösung zu nutzen – für die Zeit, bis neu zu entwickelnde deutsche bzw. europäische Raketen, Hyperschallraketen und Marschflugkörper einsatzbereit sind. Diese werden derzeit in gleich mehreren Projekten entwickelt, wobei Deutschland und Großbritannien führende Rollen innehaben (german-foreign-policy.com berichtete [12]). Mit ihrer Einsatzbereitschaft wird in den frühen 2030er Jahren gerechnet. Dann wären Deutschland und Europa in Sachen Langstreckenwaffen eigenständig.

Proteste

Gegen die neue Covenant-Fabrik zur Herstellung der DPS-Waffe Anthem, die in Leipzig errichtet wird, regt sich Protest. Dieser richtet sich zum einen gegen die Waffenproduktion an sich, die zu der beispiellosen Hochrüstung der Bundesrepublik beiträgt und damit auch die Kriegsgefahr erheblich erhöht. Zum anderen aber weisen Gegner der Covenant-Fabrik darauf hin, dass diese im Fall einer Konflikteskalation Leipzig zum Ziel feindlicher Angriffe werden lässt. Zwar wiegelt Covenant-Chefin Denburg ab, in der Fabrik würden „keine Sprengstoffe gehandhabt“; diesbezüglich bestehe also keinerlei Gefahr. Indirekt räumt allerdings der Vorsitzende des neu in Leipzig ansässigen Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie (MISI), Generalmajor a.D. Markus Kurczyk, eine unmittelbare Gefährung der Großstadt ein; er fordert: „Wir brauchen auch für Leipzig widerstandsfähige Infrastrukturen und verlässliche Schutzkonzepte.“[13] Eine erste Protestdemonstration soll am morgigen Samstag in Leipzig stattfinden. Im Aufruf zu der Demonstration heißt es: „Wir wollen zivile, gesellschaftlich sinnvolle und tarifgebundene Arbeitsplätze statt Rüstungsproduktion.“[14] Die Organisatoren fordern zudem, auf Kürzungen im Sozialsystem, in der Kulturförderung und in der Bildung zu verzichten, die jetzt geplant werden, um die Hochrüstung der Bundesrepublik für den nächsten Krieg zu finanzieren.

 

[1], [2] Thomas Newdick: Army Now Testing Anthem Long-Range Strike Weapon Built for Mass Production. twz.com 09.09.2026.

[3] S. dazu Trumpismus ohne Trump.

[4] Sagi Cohen, Avi Scharf: Test in Morocco Exposes Covenant’s Secret Cruise Missile. haaretz.com 12.08.2026.

[5] Thomas Newdick: Army Now Testing Anthem Long-Range Strike Weapon Built for Mass Production. twz.com 09.09.2026.

[6] Pranshu Verma: Peter Thiel-backed firm to make low-cost missiles amid U.S. shortage. washingtonpost.com 09.09.2026.

[7] Deutschland und USA beabsichtigen engere Rüstungszusammenarbeit. bmvg.de 16.09.2026.

[8] Chris Lunday: Inside Germany’s €3.4B Tomahawk missile plan. politico.eu 11.09.2026.

[9] US-Firma plant offenbar Marschflugkörper-Bau ab 2027 bei Leipzig. handelsblatt.com 28.08.2026.

[10], [11] Léonardo Kahn: Was ein israelisches Raketensystem der Deutschen Marine bringt. handelsblatt.com 02.09.2026.

[12] S. dazu Im Zeitalter der Atomwaffen (III).

[13] Florian Reinke, Lucas Grothe: Entsteht in Leipzig eine Rüstungsindustrie? Leipziger Volkszeitung 12.09.2026.

[14] René Loch: Demo und Stadtratsantrag gegen geplante Rüstungsproduktion in Leipzig. l-iz.de 15.09.2026.


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