Drehbuch für den Massenmord

Experten kritisieren Berlin und die EU, weil diese ihre Chance nicht wahrnehmen, durch Druck auf die Vereinigten Arabischen Emirate deren Unterstützung für die genozidale RSF-Miliz im Sudan und damit eventuell den Krieg dort zu beenden.

KHARTUM/ABU DHABI/BERLIN (Eigener Bericht) – Menschenrechtsorganisationen und Außenpolitikexperten üben harte Kritik an der Untätigkeit Berlins und der EU im Hinblick auf den genozidalen Krieg der RSF-Miliz im Sudan. Aktuell droht ein Massaker der RSF, die seit mehr als drei Jahren gegen die regulären Streitkräfte kämpfen, in der Stadt Al Obeid, die strategisch günstig zwischen dem Niltal und der westsudanesischen Region Darfur liegt. Die RSF bereiten sich darauf vor, Al Obeid zu erobern. Zuvor hatten sie bei der Einnahme von Städten in Darfur gezielt schwarzafrikanische Bevölkerungsgruppen ermordet; zuletzt massakrierten sie bei der Eroberung von Al Fashir womöglich zwischen 60.000 und 100.000 Menschen wegen ihrer Hautfarbe. Ökonomisch und im Blick auf Waffenkäufe sind die RSF von den Vereinigten Arabischen Emiraten abhängig, die die Miliz aus geostrategischen Gründen unterstützen. Experten urteilen, die Staaten Europas und Nordamerikas seien ohne weiteres in der Lage, genug Druck auf die Emirate auszuüben, die Unterstützung für die RSF einzustellen. Dies könne den Krieg beenden. Sie unterließen es aber, da sie der ungetrübten Kooperation mit dem Land Vorrang vor der Verhinderung genozidaler Massaker einräumten.

Die größte humanitäre Katastrophe

Die Lage im Sudan wird von Hilfsorganisationen schon seit Jahren als die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart eingestuft. Die Zahl der Todesopfer ist unbekannt. Oft genannt werden Schätzungen, die sich auf rund 150.000 belaufen. Das sind allerdings Angaben, die schon seit dem Jahr 2024 kursieren. Der frühere US-Sondergesandte für Sudan Tom Perriello ging im August 2025 von mehr als 400.000 Todesopfern aus. Über 14 Millionen Menschen – bei einer Vorkriegsbevölkerung von rund 52 Millionen – sind auf der Flucht; davon sind gut vier Millionen ins Ausland geflohen, in der Regel in bitterarme Nachbarländer wie Tschad oder Südsudan.[2] Fast 34 Millionen Menschen, etwa zwei Drittel der Bevölkerung, sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Laut Angaben des World Food Programme sind mehr als 19 Millionen Sudanesen akutem Hunger ausgesetzt; 825.000 Kinder unter fünf Jahren leiden an schwerer akuter Unterernährung. Mehr als 70 Prozent der Krankenhäuser des Landes sind zerstört; gravierende Krankheiten grassieren, darunter Cholera, der bislang mindestens 3.500 Sudanesen zum Opfer gefallen sind.[3] Über die Hälfte aller Schulen in Sudan sind zerstört; die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die nur zeitweise oder gar nicht Schulunterricht haben, wird auf 17 Millionen geschätzt. Sexualisierte Gewalt grassiert.[4]

Genozidale Massaker

Zusätzlich zu der ohnehin verheerenden Lage sind in der westsudanesischen Region Darfur seit Kriegsbeginn im April 2023 mindestens zweimal genozidale Massaker begangen worden – von den Rapid Support Forces (RSF), die den Krieg mit Angriffen auf die regulären Streitkräfte entfesselt haben. Die RSF haben ihre Ursprünge in der Miliz der Janjaweed, die vor über zwei Jahrzehnten aus dem arabischsprachigen Bevölkerungsteil von Darfur entstand und von 2003 bis 2005 einen Genozid an schwarzafrikanischen Bevölkerungsgruppen der Region beging. Dies wiederholt sich seit dem Beginn des aktuellen Krieges. Bereits im Juni 2023 ermordeten die RSF nach der Eroberung von Al Junaina, der Hauptstadt von Sudans Bundesstaat West-Darfur, willkürlich Menschen aus der schwarzafrikanischen Minderheit der Masalit; Schätzungen zufolge kamen bis zu 15.000 von ihnen zu Tode. Willkürliche Morde an Menschen mit schwarzer Haut begingen die RSF auch nach der Eroberung von Al Fashir, der Hauptstadt des Bundesstaates Nord-Darfur, Ende Oktober 2025. Schätzungen über die Zahl der Todesopfer belaufen sich auf womöglich 60.000 [5], vielleicht gar 100.000 [6]. Nach einem Bericht der Vereinten Nationen wurden Überlebende verschleppt, begleitet von Rufen wie „Sklave, Sklave, Sklave!“[7]

Angriff auf El Obeid

Aktuell droht das nächste barbarische Massaker. Betroffen sind diesmal die Einwohner von El Obeid, der Hauptstadt des Bundesstaates Nord-Kordofan, und Flüchtlinge, die in die Stadt geflohen sind. Nord-Kordofan liegt zwischen dem Niltal mit der Hauptstadt Khartum, das weitgehend von den regulären Streitkräften kontrolliert wird, sowie dem von den RSF beherrschten Darfur. El Obeid, wo sich Berichten zufolge gegenwärtig gut eine halbe Million Menschen aufhalten, wird laut UN-Angaben schon seit eineinhalb Jahren von den RSF belagert. In den vergangenen Tagen wurden nicht nur die RSF-Einheiten rings um die Stadt verstärkt, sondern auch die Artillerie- und Drohnenangriffe erheblich intensiviert; Beobachter gehen von einem sehr bald bevorstehenden Angriff zur Eroberung der Stadt aus. „Wir kennen das Drehbuch bereits“, warnte UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk vergangene Woche: „Wir wissen, wohin es geführt hat“.[8] Türk erinnerte an die Massaker in Al Fashir, von denen die Vereinten Nationen inzwischen offiziell bestätigen, sie trügen „Merkmale eines Genozids“.[9] Den Warnungen hat sich am Wochenende unter anderem der UN-Sicherheitsrat angeschlossen. Am Dienstag forderten Deutschland, Frankreich sowie fünf weitere Staaten Europas die RSF auf, „ihren Angriff unverzüglich einzustellen“; sie sollten nun endlich „deeskalieren“.[10]

Waffen und Söldner

Stellungnahmen dieser Art aus Europa und aus Nordamerika lösen mittlerweile nicht mehr nur bei Menschenrechtlern, sondern auch bei Außenpolitikexperten Unmut sowie Empörung aus. Grund ist, dass die RSF die Waffen, mit denen sie Krieg führen und genozidale Massaker begehen, zum guten Teil aus den Vereinigten Arabischen Emiraten erhalten. Diese streiten das zwar seit je ab. Doch sind Lieferungen von Waffen und Munition aus den Emiraten an die RSF seit spätestens 2024 belegt und dank umfassender Berichte auch öffentlich bekannt.[11] Bekannt ist auch, dass Kriegsgerät beispielsweise aus französischer und britischer Produktion in den Kampfgebieten der RSF aufgefunden wurde. Fotos zeigen zudem RSF-Kämpfer mit deutschen Sturmgewehren der Modelle G3 sowie G36.[12] Weithin wird davon ausgegangen, dass Waffen aus Europa ihren Weg in den Sudan über die Vereinigten Arabischen Emirate finden. Diese schleusen gelegentlich sogar Söldner nach Darfur. Vor kurzem hat etwa Human Rights Watch dokumentiert, wie die Söldnerfirma Global Security Services Group (GSSG) aus Abu Dhabi Hunderte kolumbianische Söldner trainierte und sie anschließend nach Darfur brachte, wo sie in den Reihen der RSF kämpften. Einige dieser Söldner seien, so heißt es, sogar an der Eroberung von Al Fashir durch die RSF beteiligt gewesen.[13]

Scheinheilige Erklärungen

Ohne die jahrelange Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die auch den Ankauf von Gold aus Darfur und damit einen Teil der Finanzierung der RSF umfasst, könnte die Miliz den Krieg nicht lange fortsetzen: Diese Überzeugung wird weithin geteilt. Schon seit Jahren fordern Aktivisten die Staaten Europas und Nordamerikas auf, Druck auf die Emirate auszuüben, die Lieferung von Waffen an die RSF einzustellen. Müssten die Emirate „Kosten“ oder andere „Konsequenzen“ befürchten, dann würden sie ihre Lieferungen wohl überdenken, konstatierte zu Wochenbeginn die US-Denkfabrik Council on Foreign Relations (CFR).[14] Zu Druck aber könnten sich die westlichen Staaten nicht durchringen, weil sie ihre enge, profitable und strategisch überaus vorteilhafte Kooperation mit den Emiraten nicht aufs Spiel setzen wollten. „Sie werden aber mit Sicherheit Erklärungen abgeben, in denen sie ihrer Besorgnis Ausdruck verleihen“ – also scheinheilig ihre Hände in Unschuld waschen, hieß es beim CFR. Genau dies soll die erwähnte Erklärung der sieben europäischen Staaten leisten.[15] Bereits in der vergangenen Woche hatte Human Rights Watch konstatiert, die EU beschränke sich gegenüber den Emiraten, anstatt Druck auf sie auszuüben, auf wirkungslose „Menschenrechtsdialoge“. Damit vergebe sie wissentlich die Chance, genozidale Massaker zu verhindern und womöglich sogar den Krieg zu beenden.[16]

Geostrategische Interessen

Hinter der intensiven, von Abu Dhabis Unterstützung für die RSF nicht beeinflussten Kooperation Deutschlands und der EU mit den Vereinigten Arabischen Emiraten stehen klare ökonomische und geostrategische Interessen – ebenso, wie die Emirate durch geostrategische Interessen zur Unterstützung der RSF veranlasst wurden. german-foreign-policy.com berichtet in Kürze.

 

[1] Nicholas Kristof: Where There’s No Debate About Genocide – and No Response, Either. nytimes.com 30.08.2025. S. dazu Die Berliner Sudan-Konferenz.

[2] Crisis in Sudan: What is happening and how to help. rescue.org 14.04.2026.

[3] The tragedy of the Sudan war as reflected in the numbers for 2025. dabangasudan.org 24.12.2025.

[4] Report details widespread use of sexual violence in Sudan war. news.un.org 23.06.2026.

[5] Mark Townsend: RSF massacres left Sudanese city ‘a slaughterhouse’, satellite images show. theguardian.com 05.12.2025.

[6] Gideon Rachman: Transcript: Sudan – inside the world’s worst humanitarian crisis. ft.com 15.01.2026.

[7] Sudan: Hallmarks of Genocide in El-Fasher. Report of the independent international fact-finding mission for the Sudan. 17 February 2026.

[8] Sudan: Imminent offensive on El Obeid must be halted – Türk warns of catastrophic impact on civilians. ohchr.org 18.06.2026.

[9] Sudan: Hallmarks of Genocide in El-Fasher. Report of the independent international fact-finding mission for the Sudan. 17 February 2026.

[10] Gemeinsame Erklärung zur Lage in El Obeid. auswaertiges-amt.de 23.06.2026.

[11] Oscar Rickett: How the UAE kept the Sudan war raging. middleeasteye.net 25.01.2024.

[12] Roman Deckert: Germany’s Hand in Sudan’s War. rosalux.de 18.08.2025.

[13] Sudan: Colombians Linked to Atrocities Trained in UAE Bases. hrw.org 25.05.2026.

[14] Michelle Gavin: Failure to Act in Sudan (Again). cfr.org 23.06.2026.

[15] Gemeinsame Erklärung zur Lage in El Obeid. auswaertiges-amt.de 23.06.2026.

[16] Joey Shea: Why Isn’t the EU Calling Out the UAE for Its Role in the Sudan Crisis? hrw.org 18.06.2026.


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