Orbáns Erbe, Magyars Kurs

Die EU drängt in Ungarn nach dem Sieg von Péter Magyar auf schnelle Reformen. Magyar gibt sich kooperationsbereit, geht aber zu einigen Forderungen der EU und zu Interessen deutscher Konzerne auf Distanz. Diese beobachten die Lage genau.

BRÜSSEL/BERLIN/BUDAPEST (Eigener Bericht) – Nach dem Erdrutschsieg von Péter Magyars Partei Tisza bei der Wahl in Ungarn zeichnen sich erste Differenzen zur Politik der EU und zu Interessen deutscher Konzerne ab. Magyar hat eine feste Verankerung des Landes in EU und NATO zugesagt und die Einführung des Euro in den Blick genommen; zudem setzt er in seinem designierten Kabinett auf Manager großer Konzerne mit transatlantischer Erfahrung. Damit zeichnet sich eine Abkehr von der Zusammenarbeit des scheidenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán mit Russland ab. Zugleich kritisiert Magyar Subventionen für Großkonzerne und will die ungarische Wirtschaft diversifizieren; damit geht er auf Distanz zu deutschen Unternehmen, die jahrelang von der politischen und auch finanziellen Unterstützung der Regierung Orbán profitierten. Knapp 6.000 deutsche Unternehmen sind in Ungarn tätig und haben das Land in einen zentralen Teil des industriellen Hinterhofs der Bundesrepublik transformiert. Magyar lehnt zudem den EU-Migrationspakt ab. Brüssel macht Druck: Bis August muss Ungarn 25 Reformauflagen der EU-Kommission erfüllen, um während Orbáns Amtszeit eingefrorene Fördergelder freizubekommen.

Deutschlands industrieller Hinterhof

In Ungarn sind deutsche Firmen weiterhin die größte Gruppe ausländischer Investoren: knapp 6.000 Unternehmen, die mehr als 300.000 Arbeitsplätze geschaffen und dabei Investitionen von rund 18 Milliarden Euro getätigt haben.[1] Damit entfallen sieben Prozent der ungarischen Arbeitsplätze, mehr als elf Prozent der Bruttowertschöpfung und etwa ein Sechstel der Investitionen im Unternehmenssektor auf deutsche Konzerne. Der scheidende Ministerpräsident Viktor Orbán setzte auf niedrige Steuern, ein dereguliertes Arbeitsrecht und die zentrale Lage seines Landes in Europa, um faktisch ein deutsches Investorenparadies aufzubauen.[2] Ungarn ist damit ein zentraler Teil von Deutschlands industriellem Hinterhof.

Willfähriger Partner

Eine spezielle Unternehmensgruppe profitierte besonders von Orbáns Politik – die deutschen Autoriesen. Mercedes etwa verdoppelt aktuell die Produktionskapazitäten in seinem Werk in Kecskemét von 200.000 auf 400.000 Fahrzeuge pro Jahr. In Debrecen hat BMW mehr als zwei Milliarden Euro in ein neues Werk investiert, um erstmals in Osteuropa zu produzieren. Vor wenigen Monaten hat die VW-Marke Cupra die Fertigung des SUVs Terramar bei Audi Hungaria in Győr aufgenommen. Audi hat das Werk erweitert und beschäftigt dort mittlerweile 11.000 Mitarbeiter. Nach Eurostat-Daten lagen die Arbeitskosten in Deutschland 2024 im Durchschnitt bei 43,30 Euro; in Ungarn hingegen waren es lediglich 14,19 Euro. Nach Angaben von Mercedes sind die Produktionskosten in Ungarn sogar 70 Prozent niedriger als in Deutschland.[3] Im Gegensatz zur deutschen Politik protestierten die deutschen Autobauer nicht gegen Orbán, da er ihnen ideale Investitionsbedingungen schuf. Auch deutsche Zulieferer sind in Ungarn stark präsent – etwa Bosch, das in Budapest mit seinem Innovationscampus sein größtes Entwicklungszentrum in Europa außerhalb Deutschlands betreibt. Bosch erzielt dort mit 17.000 Mitarbeitern einen Umsatz von über fünf Milliarden Euro 2024. Der Konzern Henkel wiederum produziert in Környe seit 15 Jahren Klebstoffe für die Industrie und beliefert von dort aus an die 70 Länder.[4]

Restriktionen auf strategischen Sektoren

Das ungarische Investorenparadies hat jedoch Grenzen. Während Orbán die exportierende Industrie förderte, wurden seit der Weltwirtschaftskrise 2008/09 strategisch definierte Sektoren mit einer restriktiven Industriepolitik belegt: Telekommunikation, Banken, Logistik, Bau und der Einzelhandel. Ausländische Unternehmen in diesen Branchen klagen seither über Sondersteuern, regulatorische Hürden, Preisvorgaben, staatliche Eingriffe und verschleppte Genehmigungen.[5] In den vergangenen Jahren verzeichnete Ungarn die höchste Inflation innerhalb der EU; die Lebensmittelpreise stiegen zeitweise um bis zu 45 Prozent. Orbáns Regierung griff ein, was neben den Einzelhandelsketten Spar aus Österreich und Tesco aus Großbritannien auch deutsche Discounter traf – Lidl (ungarischer Marktführer), Aldi und Penny. Auf mehr als 40 Grundnahrungsmittel gelten Margenobergrenzen, seit Mai 2025 auch auf 30 Drogerieprodukte, was die deutschen Handelsketten dm und Rossmann trifft. Noch stärkere Eingriffe finden in anderen Branchen statt. Unternehmen müssen auf Baustoffe wie Sand, Kies und Zement zusätzliche Abgaben zahlen, was auch deutschen Produzenten schadet.[6]

Oligarchen als Konkurrenz

Hinzu kommen Verluste, die entstehen, weil die EU-Kommission im Machtkampf mit Orbán seit 2022 Fördergelder in zweistelliger Milliardenhöhe eingefroren hat. So klagt etwa ein Repräsentant des Stahlunternehmens Thyssenkrupp Materials in Budapest, die Branche leide darunter, dass die Mittel nicht mehr flössen; die Aufträge für seine seien Firma eingebrochen, die Geschäfte liefen „richtig schlecht“:„Wir hoffen, dass die Beziehung zur EU nach der Wahl wieder besser wird“.[7] Nach einer Analyse der Financial Times sind zudem 14 Prozent aller staatlichen Aufträge seit Orbáns Amtsantritt im Jahr 2010 an Unternehmen von 13 Personen in seinem Umfeld gegangen. Im Schnitt erhielten diese Unternehmen jährlich dreimal so hohe Aufträge wie in den fünf Jahren vor seinem Amtsantritt. Es handelt sich unter anderem um Unternehmen aus den Sektoren Banken, Logistik und Bau. Orbáns Nachfolger Péter Magyar verspricht nun einen Neuanfang und kündigt einen „Kampf gegen die 3.000 Oligarchen“ an.

Westmanager als Minister

Unmittelbar nach seinem Erdrutschsieg in der Wahl vom 12. April sagte Magyar dem Fidesz und seinem Umfeld den Kampf an und forderte Staatspräsident Tamás Sulyok zum Rücktritt auf: Sollte Sulyok sich nicht freiwillig zurückziehen, werde er die Abwahl des Präsidenten per Verfassungsänderung ermöglichen, drohte er – ein für bürgerliche Musterdemokratien nicht unbedingt typischer Schritt.[8] Im Gepäck hat Magyar dabei ein neues Kabinett, in dem sich mehrere Manager großer ausländischer Konzerne finden. András Kárman etwa, der im Herbst Magyars Wirtschaftsberater wurde, war zuvor bei der österreichischen Ersten Bank für das Hypothekengeschäft zuständig. Zuvor hatte er drei Jahre dem Verwaltungsrat der Europäischen Entwicklungsbank (EBRD) angehört. Kárman hatte zunächst in Orbáns erster Regierung gearbeitet, diese aber bald wieder verlassen, weil er nicht mit dem Konfrontationskurs des Ministerpräsidenten gegenüber dem IWF einverstanden war. Der 64-jährige István Kapitány, der künftig das Energieministerium leiten soll, verbrachte seine gesamte Karriere beim britischen Ölkonzern Shell.[9] Designierte Außenministerin ist Anita Orbán. Sie hatte während der Regierungszeit des nicht mit ihr verwandten Fidesz-Chefs zunächst im Außenministerium gearbeitet und war nach ihrem Ausscheiden 2015 einige Jahre lang für die US-amerikanischen LNG-Unternehmen Cheniere und Tellurian tätig, bevor sie 2021 als Lobbyistin zu Vodafone wechselte. Die Topmanagerin und Energieexpertin gehörte früher zum transatlantischen Flügel des Fidesz und wurde 2010 zu Ungarns Sonderbotschafterin für Energiesicherheit ernannt. Nachdem der Ministerpräsident 2017 einen größeren Deal mit Russland machte, zog sie sich zurück.[10]

Zurück auf EU-Kurs?

Magyars Partei Tisza hat in ihrem Wahlprogramm Ungarns feste Verankerung in EU und NATO angekündigt sowie die Einführung des Euro gefordert. Die Abhängigkeit von russischen Energieträgern soll bis 2035 beendet, der Anteil erneuerbarer Energien bis 2040 verdoppelt werden. Man sei zwar entschlossen, den wachsenden Energiebedarf durch den Bau eines Atomkraftwerks zu decken, werde aber eine „umfassende Überprüfung“ des von Russland gebauten Kernkraftwerks Paks 2 durchführen, hieß es.[11] Magyar behauptete, in Ungarn seien einige deutsche Unternehmen „verfolgt“ worden; seine Regierung werde dies ändern: „Wir wollen gleiche Bedingungen für alle bieten.“ Weiter hieß es: „Ungarn wird wieder berechenbar.“[12] Die Einführung des Euro kann dabei eher als längerfristiges Ziel gelten. Innerhalb einer Legislaturperiode sei sie ausgeschlossen, urteilt etwa Péter Virovácz, Ökonom bei der niederländischen Bank ING – aufgrund der wirtschaftlichen Lage Ungarns. Das Land ist aktuell weit davon entfernt, die Maastricht-Kriterien zu erfüllen; diese beinhalten eine dauerhaft niedrige Inflation, einen stabilen Wechselkurs, ein Haushaltsdefizit unter drei Prozent der Wirtschaftsleistung und eine Staatsverschuldung von maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Zeitlich rechnen Experten mit mindestens fünf bis zehn Jahren bis zur Euro-Einführung.[13] Liegt Magyar ökonomisch auf einer Linie mit der EU, so zeichnen sich mit seiner Ablehnung des EU-Migrationspakts auch Spannungen ab.

Magyars Bewährungsprobe

Entsprechend schickte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kurz nach Magyars Wahlsieg ihren Kabinettschef und mehrere Generaldirektoren zu politischen Gesprächen nach Budapest. Im Gepäck hatten sie eine Liste mit Reformforderungen, Vorlagen für Gesetzestexte und anderen EU-Vorhaben. Um die EU-Fördergelder freizugeben, die im Kampf der EU gegen Orbán eingefroren wurden, muss Magyars neue Regierung bis Ende Mai einen überarbeiteten Plan zur Verwendung der Wiederaufbaumittel einreichen. Bis Ende August müssen zudem 25 Reformauflagen erfüllt sein, von denen 17 eine wirksame Korruptionsbekämpfung, Offenlegungspflichten für Regierungsvertreter und einen stärkeren Wettbewerb bei Ausschreibungen vorsehen.[14] Die Freigabe der EU-Mittel käme, wie erwähnt, nicht zuletzt deutschen Konzernen wie Thyssenkrupp Materials zugute.

Investitionsklima auf dem Prüfstand

Allerdings scheinen unter Magyar auch Schritte denkbar, die deutschen Konzerninteressen zuwiderlaufen. So hat der designierte Ministerpräsident mehrfach die starke Subventionierung großer Produktionsstätten kritisiert. Die Subventionen seien ineffizient, erklärte er; kleine und mittlere ungarische Unternehmen profitierten von der Ansiedlung der Großunternehmen nicht. Magyar kritisierte weiter: „Aufgrund der Dominanz der Automobil- und Batterieindustrie ist die Wirtschaft nicht ausreichend diversifiziert und reagiert äußerst empfindlich auf externe Schocks und Konjunkturzyklen.“[15]

 

Mehr zum Thema: Ungarn: EU vs MAGA.

 

[1] Michael Seiser: Ungarn spaltet die Investoren. Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.03.2026.

[2] Anna Westkämper: Orbans Politik spaltet die deutsche Wirtschaft. handelsblatt.com 07.04.2026.

[3] Michael Scheppe, Felix Stippler, Roman Tyborski: Premiumhersteller verlagern Produktion nach Osteuropa. handelsblatt.com 17.03.2026.

[4] Anna Westkämper: Orbans Politik spaltet die deutsche Wirtschaft. handelsblatt.com 07.04.2026.

[5] Michael Seiser: Ungarn spaltet die Investoren. Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.03.2026.

[6] Anna Westkämper: Orbans Politik spaltet die deutsche Wirtschaft. handelsblatt.com 07.04.2026.

[7] Carsten Volkery: Das System Orbán wankt. handelsblatt.com 29.03.2026.

[8] Magyar fordert Präsidenten zum Rücktritt auf. tagesschau.de 15.04.2026.

[9] Carsten Volkery: Ein Kabinett voller Topmanager – das sind Magyars künftige Minister. handelsblatt.com 13.04.2026.

[10] Manuela Honsig-Erlenburg: Orbán übernimmt das Außenministerium. derstandard.de 13.04.2026.

[11] Hungary's opposition Tisza promises wealth tax, euro adoption in election programme. reuters.com 07.02.2026.

[12] Carsten Volkery: Wie Wahlsieger Peter Magyar sein Land umkrempeln will. handelsblatt.com 13.04.2026.

[13] Stefan Reccius: Bekommt Ungarn unter Magyar jetzt den Euro? handelsblatt.com 13.04.2026.

[14] Thomas Gutschker: Wie Brüssel Péter Magyar unter die Arme greift. faz.net 17.04.2026.

[15] Carsten Volkery, Anna Westkämper: Was deutsche Unternehmen von Orbans Nachfolger erwarten können. handelsblatt.com 14.04.2026.


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