„Die Souveränität der EU erhalten“

Die jüngsten US-Drohungen, die bis zur Einverleibung Grönlands in die USA Zölle auf acht Staaten Europas vorsehen, lösen heftige Debatten aus. Experten warnen, unterlasse man eine harte Reaktion, werde die nächste US-Erpressung folgen.

BERLIN/NUUK/WASHINGTON (Eigener Bericht) – Die jüngsten Zolldrohungen von US-Präsident Donald Trump führen in Deutschland und der EU zu harten Auseinandersetzungen über eine angemessene Reaktion. Während starke Fraktionen der deutschen Wirtschaft auf entschlossene Gegenmaßnahmen dringen – etwa auf den Einsatz der „Handels-Bazooka“ der EU –, plädiert der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, für eine „besonnene Antwort“. Ein einflussreicher deutscher Kommentator legt sogar nahe, man solle einen Verzicht auf Grönland nicht ausschließen. Das Europaparlament wiederum hat bereits eine erste Gegenmaßnahme beschlossen und will den Zolldeal mit den USA auf unbestimmte Zeit nicht ratifizieren. Damit werden die Zölle auf US-Exporte in die EU nicht, wie geplant, auf Null gesenkt. Während Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die „Handels-Bazooka“ einsetzen will, spricht sich Italiens Trump-nahe Ministerpräsidentin Giorgia Meloni dagegen aus. Experten warnen, mit einem Verzicht auf eine scharfe Reaktion lade man Trump zum nächsten Erpressungsschritt ein. In den USA wird schon – vorgeblich scherzhaft – spekuliert, man könne den souveränen Staat Island zum 52. US-Bundesstaat machen.

„Da hilft nur noch Druck“

Erheblicher Druck auf Berlin und Brüssel, entschiedene Gegenmaßnahmen gegen die neu angedrohten US-Zölle einzuleiten, kommt aus starken Fraktionen der deutschen Industrie. So erklärte etwa der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Bertram Kawlath: „Europa darf sich nicht erpressen lassen“. Die EU-Kommission müsse nun prüfen, ob sie das sogenannte Anti Coercion Instrument (ACI, „Handels-Bazooka“) einsetzen könne.[1] Gebe die EU nach, dann werde Trump bald „die nächste aberwitzige Forderung“ stellen. Der deutsche Maschinenbau ist besonders stark von den bisherigen US-Zöllen betroffen, da viele seiner Exporte den Stahlsonderzöllen in Höhe von 50 Prozent unterliegen. Doch auch Ökonomen und Wirtschaftskommentatoren warnen. Letztlich gehe es im dem gegenwärtigen Konflikt darum, „unsere Souveränität als politisch eigenständige europäische Staaten zu erhalten“, urteilt die Vorsitzende des Sachverständigenrats Wirtschaft, Monika Schnitzer. Deshalb müsse man entschlossen reagieren.[2] Gegen die Trump’sche Drohpolitik „hilft nur noch Druck“, heißt es etwa in einem Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.[3] Die Folgen könne man problemlos bewältigen; Experten gingen bei Zusatzzöllen von zehn Prozent von einem Rückgang der deutschen Wirtschaftsleistung um 0,08 Prozent aus.

„Wichtiger als die Arktis“

Größere Zurückhaltung legen andere Fraktionen der deutschen Industrie an den Tag, die von EU-Vergeltungszöllen auf Einfuhren aus den USA getroffen würden. Dies gilt etwa für die deutsche Kfz-Branche, die manche ihrer Modelle in den USA produziert und sie von dort in die EU liefert. Bundeskanzler Friedrich Merz hat mehrmals berichtet, dies sei bei dem BMW der Fall, den er privat fahre. Die Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, sagte am Wochenende, „Schnellschüsse“ führten „zu einer Eskalation und einer möglichen Spirale, die nur Verlierer produziert“.[4] Ähnlich hat sich der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn (CDU), geäußert. Spahn gilt in mancherlei Hinsicht als MAGA-affin; er stand etwa dem ehemaligen (2018 bis 2020) US-Botschafter in Deutschland, Richard Grenell, nahe. Spahn dringt auf eine „besonnene Antwort“ [5]: „Wir brauchen einander“; „das sollten wir uns in den Gesprächen immer wieder deutlich machen.“ Der Außenpolitikchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Nikolas Busse, deutet sogar eine gewisse Offenheit an, die Zerschlagung Dänemarks und den damit verbundenen Verzicht auf Grönland nicht anzuprangern: „Die Arktis ist wichtig, aber noch wichtiger für Europas Sicherheit ist die Ostflanke.“[6]

„Konkurrenten, nicht Verbündete“

Überwiegen in Deutschland die Stimmen, die entschlossene Schritte gegen die Drohungen der Trump-Administration fordern, so zeigt sich auf EU-Ebene ein gemischtes Bild. Mehrere führende Politiker fordern harsche Maßnahmen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron etwa erklärte bereits am Samstagabend, die Zolldrohungen seien „inakzeptabel“: „Die Europäer werden auf eine einheitliche und koordinierte Art darauf antworten.“[7] Schließlich gehe es letztlich um „die europäische Souveränität“. Macron hat inzwischen einen Einsatz der „Handels-Bazooka“ zur Abwehr der US-Attacken gefordert. Diametral entgegengesetzte Positionen sind aus Italien zu hören. Dort hat ein einflussreicher Senator der Regierungspartei Lega die US-Zolldrohungen gelobt: Letztlich seien Deutschland und Frankreich, die von den Trump‘schen Zöllen getroffen würden, für Italien „Konkurrenten, nicht Verbündete“.[8] Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die wie die Lega Trump nahesteht, dringt darauf, „den Dialog wieder aufzunehmen und eine Eskalation zu vermeiden“. Ähnlich positioniert sich Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. So wird ihr Sprecher mit der Aussage zitiert, „Priorität“ habe es, „den Dialog zu suchen und nicht zu eskalieren, und die Verhängung von Zöllen zu vermeiden“.[9] Zwar werde man „die wirtschaftlichen Interessen der EU … schützen“. Wie das geschehen solle, das erläuterte der Sprecher nicht.

Kein zollfreier Zugang

Einen ersten konkreten Schritt hat inzwischen der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP) und der EVP-Fraktion im Europaparlament, Manfred Weber (CSU), angekündigt. Wie Weber mitteilt, habe er bereits „gemeinsam mit den anderen Fraktionschefs“ entschieden, dass das Parlament die für diese Woche anberaumte Ratifizierung des Zolldeals mit den USA auf unbestimmte Zeit verschieben werde. Damit werde die Trump-Administration auch den darin vorgesehenen „zollfreien Zugang“ von US-Industrieprodukten „in den europäischen Binnenmarkt nicht bekommen“.[10] Könne man nicht „regelbasiert“ kooperieren, ergebe eine „Ratifikation keinen Sinn“. Die EU-Botschafter hingegen, die am Sonntagabend in Brüssel zusammenkamen, um erste Gegenmaßnahmen einzuleiten, einigten sich nicht auf energische Schritte inklusive eines Einsatzes der „Handels-Bazooka“. Sie plädierten stattdessen dafür, ein bereits im vergangenen Jahr geschnürtes Paket an Vergeltungszöllen im Wert von 93 Milliarden Euro, das letztlich nie eingesetzt worden war, erneut zu aktivieren.[11] Man könne es beschließen, falls die Trump-Administration am 1. Februar tatsächlich Zölle in Kraft setze, hieß es. Näheres werde auf einem EU-Sondergipfel am Donnerstag in Brüssel entschieden, heißt es.

Island: „52. US-Bundesstaat“

Die Weigerung, den Einsatz der „Handels-Bazooka“ in Betracht zu ziehen, stößt bei Experten auf scharfe Kritik. Gelinge es der EU nicht, „sofort eine starke Reaktion zu zeigen“, warnt etwa Tobias Gehrke, ein Experte des European Council on Foreign Relations (ECFR), dann demonstriere sie „Washington einmal mehr, dass die Kosten für die Übernahme Grönlands begrenzt sind“.[12] Ein früherer hochrangiger EU-Handelsbeamter, Ignacio García Bercero, wird mit der Einschätzung zitiert, wenn die „Handels-Bazooka“ „in einer Situation wie dieser nicht eingesetzt“ werde, dann „wird sie niemals eingesetzt werden“. Kritiker weisen zudem darauf hin, dass sich mögliche weitere US-Aggressionen gegen Europa längst abzeichnen – jedenfalls für den Fall, dass Washington die Annexion Grönlands gelingt. In der vergangenen Woche äußerte der designierte US-Botschafter in Island, der Republikaner Billy Long, die Insel werde künftig der 52. US-Bundesstaat sein, und er werde dort das Amt des Gouverneurs übernehmen.[13] Nachdem dies Proteste in Island ausgelöst hatte, erklärte Long, er habe nur gescherzt und entschuldige sich dafür. Allerdings wurde Trumps Ankündigung, er wolle Grönland den Vereinigten Staaten eingliedern, zu Beginn auch als ein – freilich geschmackloser – Witz eingestuft.

„(Nicht) klein machen“

Bundeskanzler Merz schwankt. In der vergangenen Woche hatte er erklärt, die Vereinigten Staaten schauten „nicht auf uns, wenn wir uns klein machen, wenn wir uns wegducken“. Die Bundesrepublik müsse deshalb eine Position der Stärke erreichen.[14] Am Montag teilte er nach einer Sitzung des CDU-Bundesvorstands mit, er werde am morgigen Mittwoch auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Trump treffen: „Wir sind uns einig, dass wir möglichst jede Eskalation in diesem Streit vermeiden wollen“.[15] Auf die US-Zolldrohungen werde man besonnen reagieren. Wie sich das zu seiner Aussage aus der vergangenen Woche verhält, man dürfe sich „nicht klein machen“, wenn man im Konflikt mit Trump etwas erreichen wolle, erläuterte Merz nicht.

 

[1] Michelle Wienecke: „Europa darf sich nicht erpressen lassen!“ vdma.eu 18.01.2026.

[2] Hendrik Kafsack, Julia Löhr, Winand von Petersdorff, Patrick Welter: Ein Erpressungsversuch mit Folgen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.01.2026.

[3] Julia Löhr: Da hilft nur noch Druck. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.01.2026.

[4] Wirtschaft fordert klare Antwort Europas auf Trumps Zölle. handelsblatt.com 18.01.2026.

[5] Spahn fordert „besonnene Antwort“ auf Trump. spiegel.de 19.01.2026.

[6] Nikolas Busse: Europa scheitert kläglich. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.01.2026.

[7] Groenland : « Les menaces tarifaires sont inacceptables », réagit Macron après les annonces de Trump. tf1info.fr 17.01.2026.

[8] Italienische Spitzenpolitiker heißen Trumps Zölle gut. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.01.2026.

[9] EU verzichtet im Grönland-Streit zunächst auf Gegenmaßnahmen. n-tv.de 19.01.2026.

[10] Stefanie Reulmann: Weber kündigt harte Gegenmaßnahmen der EU an. zdfheute.de 18.01.2026.

[11], [12] Thomas Moller-Nielsen: Warum die EU ihre „Handelsbazooka“ gegen die USA einsetzen sollte – es aber nicht tun wird. euractiv.de 19.01.2026.

[13] Calen Razor, Mia McCarthy, Benjamin Guggenheim: More floor meltdowns threaten funding bills. politico.com 14.01.2026.

[14] Merz: USA wenden sich „von einer regelbasierten Ordnung“ ab. zdfheute.de 16.01.2026.

[15] Merz will noch diese Woche mit Trump über Zölle sprechen. spiegel.de 19.01.2026.


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