Deutschland – Italien 0:1
Mit der erfolgreichen Übernahmeofferte der italienischen UniCredit entscheidet sich einer der größten Machtkämpfe der europäischen Bankenbranche zugunsten Italiens. Deutschland gerät auf dem Bankensektor zunehmend in die Defensive.
BERLIN/ROM (Eigener Bericht) – Der Übernahmekampf um die Commerzbank ist entschieden. Mit ihrer erfolgreichen Übernahmeofferte hat sich die italienische UniCredit knapp die Hälfte der Stimmrechte gesichert und kann auf der Hauptversammlung 2027 die Kontrolle über Aufsichtsrat und Vorstand der zweitgrößten deutschen Privatbank übernehmen. Unterstützt wurde sie dabei von einem Netzwerk internationaler Finanzinstitute, darunter die japanische Nomura, die französische BNP Paribas sowie mehrere US-Banken. Damit endet nicht nur ein fast zweijähriger Machtkampf zwischen den Großbanken aus Deutschland und Italien. Die Übernahme steht zugleich für die fortschreitende Konzentration des europäischen Bankensektors. Während sich die italienische UniCredit als neuer europäischer Bankenkonzern positioniert, gerät Deutschland zunehmend in die Defensive. Mit der Commerzbank kommt ein zentraler Kreditgeber des deutschen Mittelstands und eine Schlüsselinstitution des Finanzplatzes Frankfurt unter ausländische Kontrolle. Der Konflikt verdeutlicht den Widerspruch zwischen der europäischen Integration des Finanzsektors und den Interessen der Nationalstaaten, die die Kontrolle über ihre ökonomischen Steuerungszentren zu bewahren suchen.
UniCredit sichert sich die Mehrheit
Anfang Mai hatte die UniCredit ein Übernahmeangebot vorgelegt, das Anfang Juli auslief. Im Rahmen ihrer Offerte bot sie 0,485 einer eigenen Aktie für jede Commerzbank-Aktie.[1] Nach Ablauf der Angebotsfrist gab sie bekannt, im Rahmen des Tauschangebots 17,6 Prozent der Commerzbank-Aktien erhalten zu haben. Dadurch erhöhte sie ihren Anteil an der Frankfurter Bank von 26,77 auf 44,37 Prozent und entschied den seit fast zwei Jahren andauernden Übernahmekampf für sich.[2] Zusammen mit 3,22 Prozent an Derivaten, die die UniCredit hält, beläuft sich ihr Anteil sogar auf 47,59 Prozent. Ihren Angaben zufolge entspricht dies einem Stimmrechtsanteil von 49,65 Prozent, da die von der Commerzbank gehaltenen eigenen Aktien kein Stimmrecht verleihen. Zusätzlich verfügt die UniCredit über Derivate auf weitere 13 Prozent der Commerzbank-Aktien, die jedoch ebenfalls nicht mit einem Stimmrecht verbunden sind. Auf der nächsten Hauptversammlung im Frühjahr 2027 stehen acht der zehn Vertreter der Kapitalseite des Aufsichtsrats zur Wiederwahl. Mit ihrer Mehrheit in der Hauptversammlung kann die UniCredit die Vergabe der Posten maßgeblich bestimmen.[3]
Kritik an der Übernahmeofferte
Im Zusammenhang mit der Übernahmeofferte werden inzwischen Vorwürfe der Marktmanipulation erhoben. Der Gesamtbetriebsrat der Commerzbank, der Anzeige gegen Unbekannt erstattet hatte, erlitt allerdings eine juristische Niederlage. Auch die Führung der Commerzbank kritisierte die Angaben der UniCredit wiederholt und schaltete die Finanzaufsicht BaFin ein. Nach Angaben der Aufsichtsbehörde stammen die angedienten Aktien größtenteils von mit der UniCredit verbundenen Banken und Marktteilnehmern. Nach Auffassung der Commerzbank ist nicht transparent, in welchem Umfang geliehene Aktien angedient wurden und welche Absicherungsvereinbarungen dabei bestanden.[4] Bekannt ist, dass die japanische Nomura, die US-amerikanische Citigroup und die französische BNP Paribas mit der UniCredit Swap-Geschäfte auf Commerzbank-Aktien abgeschlossen hatten.[5] Neben diesen Banken kann sich die UniCredit auf weitere Finanzinstitute wie Jefferies und die Bank of America stützen. Die mit UniCredit verbundenen Banken ermöglichen ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt den Zugriff auf weitere 13 Prozent der Commerzbank-Aktien.[6]
Angriff auf die Unternehmensführung
Mitte Juni drohte die UniCredit damit, den Aufsichtsrat und den Vorstand der Commerzbank auszutauschen. Hierfür müsste die italienische Großbank allerdings auch die beiden von der Bundesregierung benannten Aufsichtsratsmitglieder ersetzen. Nach der Rettung der Commerzbank hatte sich die Bundesregierung das Recht gesichert, zwei Vertreter für das Kontrollgremium vorzuschlagen.[7] Die UniCredit erklärte nun, sie sei, sofern sie auf der Hauptversammlung „ausreichend Unterstützung durch die Aktionäre“ erhalte, „in der Lage …, sämtliche Anteilseignervertreter im Aufsichtsrat zu wählen“.[8] Sollte die UniCredit auf der Hauptversammlung 2027 den Aufsichtsrat und den Vorstand der Commerzbank tatsächlich austauschen, wäre dies ein Affront gegen die Bundesregierung, da hiervon auch die bis 2029 vom Bund nominierten Aufsichtsräte betroffen wären.[9]
Die Commerzbank als strategisches Institut
Für den Finanzplatz Frankfurt ist die gesamte Entwicklung ein ernstes Problem. Die Commerzbank ist ein Kerninstitut der deutschen Finanzbranche und tief im deutschen Mittelstand verankert. Sollte sie zu einer Zweigstelle der UniCredit werden, würden wesentliche Kreditentscheidungen künftig in Mailand und nicht mehr in Frankfurt getroffen. Damit verlöre der Finanzplatz Frankfurt an Einfluss, Entscheidungskompetenz und wirtschaftlicher Souveränität.[10] Nach Angaben der Commerzbank wickelt das Institut rund 30 Prozent des deutschen Außenhandels ab. Darin sehen viele Beschäftigte der Bank einen zentralen Wettbewerbsvorteil. Die Commerzbank begleitet die Auslandsgeschäfte zahlreicher kleiner und mittlerer Unternehmen, die bei internationalen Großbanken häufig keinen vergleichbaren Ansprechpartner finden.[11]
„Reflex des Eigentumsdenkens“
Während die Übernahme der Commerzbank in der deutschen Politik überwiegend auf Widerstand stieß, wird sie von Ökonomen – vor allem, aber nicht nur von solchen, die aus anderen EU-Staaten kommen – durchaus befürwortet. Die Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung etwa, Monika Schnitzer, vertritt die Auffassung, es gebe aus wirtschaftlicher Sicht gute Gründe, grenzüberschreitende Fusionen zu prüfen und sie nicht reflexartig abzulehnen. Ihrer Ansicht nach ist der europäische Finanzmarkt zu wenig integriert. Zudem seien deutsche Banken im internationalen Vergleich zu unproduktiv und deshalb gegenüber globalen Großbanken wenig wettbewerbsfähig. Die französische EZB-Präsidentin Christine Lagarde erklärte bereits 2024, grenzüberschreitende Bankenfusionen seien „wünschenswert“, um europäische Banken im Wettbewerb mit den US-Großbanken zu stärken. Auch der spanische EZB-Vizepräsident Luis de Guindos kritisierte die ablehnende Haltung der Bundesregierung.[12] In einem Meinungsbeitrag für das Handelsblatt warf schließlich sogar der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Omid Nouripour (Bündnis 90/Die Grünen), der Bundesregierung Inkonsequenz vor. Auf EU-Gipfeln werbe sie für eine Bankenunion, reagiere jedoch auf eine konkrete grenzüberschreitende Bankenfusion „mit dem Reflex des nationalen Eigentumsdenkens“. Die Bundesregierung preise europäische Integration, „solange sie abstrakt bleibt“.[13] Auch EU-Wettbewerbskommissarin Teresa Ribera forderte die Mitgliedstaaten auf, grenzüberschreitende Bankenfusionen zu unterstützen. „Die Mitgliedstaaten sollten solche Transaktionen zum Wohle der Allgemeinheit begrüßen“, erklärte Ribera.[14]
Bundesregierung signalisiert Kompromissbereitschaft
Die Bundesregierung reagierte zunächst ablehnend auf die erfolgreiche Übernahmeofferte der UniCredit. „Das aggressive und feindliche Vorgehen der UniCredit bleibt aus Sicht der Bundesregierung inakzeptabel“, erklärte das Bundesfinanzministerium. Zugleich lehnte sie für ihre Anteile an der Commerzbank die Übernahmeofferte der italienischen Bank ab.[15] Vergangene Woche bekräftigte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) in seiner Rede vor der parlamentarischen Sommerpause, die Bundesregierung habe das Angebot der UniCredit – im Unterschied zu „beachtlichen Teilen“ der übrigen Aktionäre – nicht angenommen und die eigenen Anteile behalten.[16] In derselben Rede schlug Merz jedoch neue Töne an. Er versicherte: „Wir verhindern nicht diese Fusion.“ Dem Handelsblatt zufolge werden innerhalb der Bundesregierung derzeit Bedingungen für die Übernahme abgestimmt. Dazu gehört unter anderem die Forderung, die Commerzbank solle ein zentraler Kreditgeber des deutschen Mittelstands bleiben. Außerdem verlangt die Bundesregierung, dass Frankfurt als bisheriger Hauptsitz des Finanzinstituts ein bedeutender Standort der Bank bleibt. Der Deutschlandsitz der UniCredit befindet sich seit der Übernahme der HypoVereinsbank im Jahr 2005 in München.[17]
[1] Andreas Kröner: Unicredit erhöht Anteil im Übernahmekampf auf über 44 Prozent. handelsblatt.com 08.07.2016.
[2] Dennis Kremer: Unicredits Sieg hat viele Gewinner. faz.net 11.07.2026.
[3] Christian Schubert, Archibald Preuschat: Unicredit hat bei der Commerzbank bald das Sagen. faz.net 08.07.2026.
[4] Ermittler sehen keine Marktmanipulation. handelsblatt.com 10.07.2026.
[5] Hanno Mußler: Wer hat Commerzbank-Aktien an Unicredit verkauft? faz.net 04.06.2026.
[6] Hanno Mußler: Unicredit bekommt 12,5 Prozent aller Commerzbank-Aktien. faz.net 19.06.2026.
[7] Andreas Kröner: Bund lehnt Angebot für Commerzbank ab. handelsblatt.com 16.06.2026.
[8] Andreas Kröner, Hannah Krolle: Unicredit droht mit Austausch von Aufsichtsrat und Vorstand. handelsblatt.com 15.06.2026.
[9] Andreas Kröner: Unicredit erhöht Anteil im Übernahmekampf auf über 44 Prozent. handelsblatt.com 08.07.2016.
[10] Daniel Schleidt: Herzstück des Finanzplatzes. faz.net 08.07.2026.
[11] Andreas Kröner: Drei Punkte prägen den Kampf um die Commerzbank. handelsblatt.com 23.06.2026.
[12] Christian A. Conrad: Die deutsche Regierung sollte die Commerzbank-Übernahme verbieten. faz.net 18.05.2026.
[13] Warum Deutschland die Übernahme der Commerzbank erlauben sollte. handelsblatt.com 01.06.2026.
[14] EU-Kommissarin dringt auf grenzüberschreitende Bankenfusionen. handelsblatt.com 17.06.2026.
[15] Christian Schubert, Archibald Preuschat: Unicredit hat bei der Commerzbank bald das Sagen. faz.net 08.07.2026.
[16] Merz kritisiert Vorgehen der Unicredit bei Commerzbank als aggressiv. handelsblatt.com 15.07.2026.
[17] Jan Hildebrand, Yasmin Osman: Bundesregierung rückt von Blockadehaltung bei Commerzbank ab. handelsblatt.com 17.07.2026.
