Die europäische NATO (II)
Berlin und Brüssel geben vor dem NATO-Gipfel Fortschritte beim Aufbau der „europäischen NATO“ bekannt. Washington lobt dies und setzt dabei auf deutsche Führung.
BRÜSSEL/BERLIN/DEN HAAG (Eigener Bericht) – Verteidigungsminister Boris Pistorius und führende NATO-Generäle melden rasche Fortschritte bei der Europäisierung der NATO. Wie der NATO-Oberbefehlshaber für Europa, US-General Alexus Grynkewich, bestätigt, haben es die europäischen NATO-Staaten innerhalb von nur wenigen Wochen geschafft, eine größere Zahl an US-Militärflugzeugen, -Kriegsschiffen und -Truppenteilen zu ersetzen, die Washington Anfang Juni aus der NATO „ausgemeldet“ hatte. Anstatt der US-amerikanischen stehen nun europäische Einheiten für einen etwaigen Einsatz bereit. Vergangene Woche hat Pistorius zudem die Nutzung des 1. Deutsch-Niederländischen Korps im estnischen Valga als taktisches Hauptquartier für sämtliche NATO-Operationen in Estland und Lettland offiziell freigegeben. Es betätigt sich parallel zum deutsch-polnisch-dänischen Multinationalen Korps Nordost in Szczecin, das weiterhin als Hauptquartier für Operationen in Polen und Litauen fungiert. Der Aufbau der „europäischen NATO“ wird in Washington gelobt. Im Pentagon ist von einer „NATO 3.0“ die Rede, die die USA entlasten und so US-Operationen andernorts ermöglichen soll. Washington lobt dabei auch die deutsche Führung.
Unabhängig von den USA
An Plänen, die Aktivitäten der europäischen Mitgliedstaaten in der NATO so auszubauen, dass das Bündnis im Fall der Fälle auch ohne die USA operationsfähig wäre, wird bereits seit Anfang vergangenen Jahres systematisch gearbeitet – angestoßen durch den zweiten Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump und durch die Ungewissheit, ob er die USA, wie mehrmals angedroht, womöglich tatsächlich aus der NATO führen wird. Preschten damit zunächst einzelne NATO-Staaten vor, so hat den Bestrebungen, wie das Wall Street Journal im April berichtete, Ende vergangenen Jahres die Entscheidung von Bundeskanzler Friedrich Merz, Deutschland werde sich ihnen anschließen, einen kräftigen Schub verpasst. Konkret geht es darum, die bislang auf allen Ebenen – personell wie materiell – prägende US-Präsenz durch Offiziere bzw. Waffensysteme aus Europa zu ersetzen. So rückten bei der jüngsten größeren Personalrochade, die Anfang Februar angekündigt wurde, europäische Generäle auf die Kommandeursposten des Joint Force Command in Neapel sowie des Joint Force Command in Norfolk (US-Bundesstaat Virginia) vor, die beide bis dahin von US-Generälen gehalten wurden. Auch NATO-Manöver werden in wachsender Anzahl unter europäischer Leitung oder sogar ausschließlich mit europäischen Truppen geführt (german-foreign-policy.com berichtete [1]).
Lücken geschlossen
Vor einigen Tagen ist den europäischen NATO-Staaten ein weiterer Schritt gelungen. Kurz vor einer bündnisinternen Truppenstellerkonferenz (Force sourcing conference) Anfang Juni im NATO-Oberkommando für Europa (SHAPE) im belgischen Mons hatten die USA eine größere Anzahl von Flugzeugen, Drohnen, Schiffen und U-Booten „ausgemeldet“, wie es im NATO-Jargon heißt – also ihre bisherige Verfügbarkeit für NATO-Operationen beendet.[2] Unter anderem ging es um einen von zwei Langstreckenbomberverbänden, 54 von153 Kampfjets sowie die Hälfte ihrer Kreuzer- und Zerstörerverbände. Vergangene Woche wurde nun berichtet, den europäischen NATO-Mitgliedern sei es noch rechtzeitig vor dem NATO-Gipfel gelungen, die Lücken „weitgehend zu schließen“, wie der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, US-General Alexus Grynkewich (SACEUR), bestätigte: „Und auf den wenigen Feldern, auf denen es ihnen noch nicht gelungen ist, auf denen sie zur Zeit noch nicht über Ersatzfähigkeiten verfügen, da bemühen wir uns um alternative Lösungen mit gleichwertiger Wirkung.“[3] Berichten zufolge ist beispielsweise noch kein adäquater Ersatz für US-Langstreckenbomber gefunden. Dennoch sei der Gesamtvorgang eine Demonstration „eines stärkeren Europas“ innerhalb der NATO, wird Grynkewichs Stellvertreter John Stringer zitiert.[4]
Ein neues Hauptquartier
Einen weiteren Schritt haben die Bundeswehr und die Streitkräfte der Niederlande in der vergangenen Woche in Estland vollzogen. In Valga an der Grenze zu Litauen übernahm das 1. Deutsch-Niederländische Korps in Anwesenheit von Verteidigungsminister Boris Pistorius die Funktion eines taktischen Hauptquartiers für sämtliche NATO-Operationen in Estland und Lettland.[5] Das im Jahr 1995 aufgestellte Korps war in der Vergangenheit insbesondere in Afghanistan im Einsatz gewesen. Jetzt wird es unmittelbar in die Vorbereitung eines etwaigen Krieges gegen Russland eingebunden. Damit teilt sich die Zuständigkeit im Baltikum: Das Multinationale Korps Nordost mit Sitz im polnischen Szczecin, das seinerseits von Deutschland, Polen und Dänemark geführt wird, hat seine bisherige Zuständigkeit für Estland und Lettland aufgegeben und wird von nun an als taktisches Hauptquartier Operationen der NATO nur in Polen und Litauen leiten – inklusive des geostrategisch hochsensiblen Suwałki-Korridors, der aus Belarus entlang der polnisch-litauischen Grenze bis nach Kaliningrad führt.[6] Er gilt NATO-Strategen als mögliches Angriffsziel Russlands. Die neue Funktion des 1. Deutsch-Niederländischen Korps stärke „die Rolle Europas innerhalb der NATO“, hieß es kürzlich im Bundesverteidigungsministerium.[7]
„NATO 3.0“
Die Europäisierung der NATO geschieht in vollem Einklang, ja sogar auf Druck der Vereinigten Staaten. Exemplarisch lässt sich dies einem Wortbeitrag von Elbridge Colby auf dem Treffen der NATO-Verteidigungsminister am 12. Februar in Brüssel entnehmen. Colby, als Under Secretary of War for Policy ein einflussreicher Pentagon-Funktionär, war auf dem Treffen in Vertretung von Kriegsminister Pete Hegseth präsent. Ihm zufolge tritt die NATO zur Zeit in eine neue Phase ein. Hatte sie sich in den Jahrzehnten unmittelbar nach ihrer Gründung auf den gemeinsamen transatlantischen Kampf gegen die Sowjetunion fokussiert, so orientierte sie ab 1990 auf Auslandsoperationen fernab des Bündnisgebiets – etwa in Jugoslawien und dann in Afghanistan. Colby sprach vom Wechsel von einer „NATO 1.0“ zu einer „NATO 2.0“.[8] Nun allerdings gelte es, die Transformation zu einer „NATO 3.0“ vorzunehmen. Ursache sei, dass die USA sich gegenwärtig neuen Schwerpunkten widmeten: Ihr Fokus liege zum einen auf neuen militärischen Aktivitäten in Lateinamerika und der Karibik (german-foreign-policy.com berichtete [9]), zum anderen auf einer stärkeren Präsenz in der Asien-Pazifik-Region. Zudem müssten sie fähig sein, auf mehreren Schauplätzen gleichzeitig Krieg zu führen, erläuterte Colby.
Unter deutscher Führung
Daraus allerdings ergebe sich, fuhr Colby fort, dass die europäischen Staaten ihre eigene Verteidigung so weit wie möglich selbst sicherstellen müssten; die USA hätten dafür, abseits etwa der nuklearen Abschreckung, nicht mehr genügend Kapazitäten frei.[10] Die NATO-Mitglieder in Europa müssten deshalb nicht nur die Militärausgaben weiter steigern, sondern dringend ihre militärischen Fähigkeiten aufstocken; es gehe darum, die „Bereitschaft“, aber auch die „Lagerbestände“ an Waffen und Munition sowie die „industriellen Kapazitäten“ zur Herstellung von Rüstungsgütern aller Art zu stärken. Gelinge dies, dann gehe die NATO stärker als zuvor aus ihren aktuellen Streitigkeiten hervor. Colby ergänzte dies Ende April auf X mit einer Einschätzung zur damals verabschiedeten deutschen Militärstrategie – der ersten in der Geschichte der Bundesrepublik (german-foreign-policy.com berichtete [11]). Das Dokument bestätige, urteilte Colby, dass Deutschland aktuell „die Führungsrolle“ übernehme. Das Pentagon sei bereit, den europäischen NATO-Staaten – „insbesondere Deutschland“ – Hilfestellung zu leisten. Die deutsche Militärstrategie sei „ein klarer, glaubwürdiger Weg hin zur NATO 3.0“. Sie sei geeignet, die europäische NATO rasch wirklich stark zu machen.
Bei alledem bleibt die Frage, ob es den Vereinigten Staaten gelingen wird, die Kontrolle über eine europäische NATO zu behalten, oder ob die NATO-Mitglieder Europas auf diesem Wege zur eigenständigen Militärmacht werden – auch unabhängig von den USA. Diese Frage wird längst diskutiert. german-foreign-policy.com berichtet in Kürze.
[1] S. dazu Die europäische NATO.
[2] Thomas Gutschker: Eine lange Liste amerikanischer Ausmeldungen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.06.2026.
[3] Sabine Siebold: Europeans fill most gaps left by US in NATO defence plans, top commander says. reuters.com 01.07.2026.
[4] Andrea Palasciano, Lizzy Burden: Europe Has Replaced Most US Cuts Within NATO, Top Commander Says. bloomberg.com 03.07.2026.
[5], [6] Deutschland und die Niederlande – Seite an Seite für Estland und Lettland. bundeswehr.de 30.06.2026.
[7] Presseerklärung des deutschen und niederländischen Verteidigungsministeriums. bmvg.de 28.05.2026.
[8] Remarks by Under Secretary of War for Policy Elbridge Colby at the NATO Defense Ministerial (As Prepared). war.gov 12.02.2026.
[9] S. dazu Einflusskampf um Lateinamerika.
[10] Remarks by Under Secretary of War for Policy Elbridge Colby at the NATO Defense Ministerial (As Prepared). war.gov 12.02.2026.
[11] S. dazu Die „europäische Führungsrolle“ der Bundeswehr.
