Zurück nach Preußen
Immer mehr deutsche Maschinenbauer gehen, um der Krise der Branche zu entkommen, zur Zulieferproduktion für die Rüstungsindustrie über. Die Hannover Messe hatte erstmals einen Rüstungsbereich; in Deutschland entstehen neue Rüstungsmessen.
HANNOVER (Eigener Bericht) – Immer mehr Unternehmen des schwer in die Krise geratenen deutschen Maschinenbaus suchen sich per Hinwendung zur Rüstungsproduktion vor Verlusten oder gar einem Bankrott zu retten. Dies hat die diesjährige Hannover Messe bestätigt, die am heutigen Freitag zu Ende geht. Erstmals gab es dort einen eigenen Bereich für Unternehmen, die als Zulieferer in die Herstellung von Waffen aller Art integriert sind. Die Krise des Maschinenbaus verstärkt sich zusehends; die Produktion bricht ein, die Zahl der Beschäftigten schrumpft kontinuierlich. Als Ausweg bietet sich die Umstellung auf Rüstungsgüter an. So erklärt ein Hersteller von Maschinen zur Zündkerzenfertigung, seine Maschinen ließen sich leicht für die Fertigung von Patronenhülsen transformieren. Dabei wird als Vorteil eingestuft, dass die inzwischen sehr starke chinesische Konkurrenz für Rüstungsaufträge nicht in Frage kommt. Der Rüstungsanteil im Maschinenbau könne leicht auf das Doppelte steigen, heißt es in der Branche. Die Militarisierung der Wirtschaft zieht auch den Arbeitsalltag der Beschäftigten in ihren Bann und macht eine zunehmende Anzahl an Menschen materiell abhängig von Rüstung und Militär – auch in anderen Branchen.
Maschinenbau in der Krise
Wie Deutschlands Paradebranche, die Autoindustrie, und der drittgrößte Sektor, die Chemie, steckt auch die zweitgrößte Branche der Bundesrepublik, der Maschinenbau, in einer ernsten Krise. Zuletzt erzielte sie einen Jahresumsatz von 280 Milliarden Euro und beschäftigte 933.000 Menschen, rund 22.000 weniger als im Jahr 2024 und 70.000 weniger als 2019. Die Produktion der Branche ging 2024 um acht Prozent, 2025 erneut um fünf Prozent zurück [1]; in den ersten zwei Monaten 2026 schrumpfte sie gegenüber dem Vorjahreszeitraum um weitere zwei Prozent [2]. Die Auslastung der Fabriken wird zur Zeit mit nur noch 77 Prozent angegeben. Auch die Bestellungen kollabieren: Im Zeitraum von Dezember 2025 bis Februar 2026 brachen sie um real acht Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein.[3] Ursachen sind nicht zuletzt die US-Zölle, die die bislang äußerst lukrative Ausfuhr in die USA belasten, aber auch die rasant erstarkte Konkurrenz in China, die inzwischen Maschinen mit ähnlicher Qualität zu erheblich niedrigeren Preisen liefert, und dies in höherem Tempo.[4] Die deutsche Ausfuhr in die Volksrepublik schrumpft, während die Maschinenimporte aus China steigen. Beides drückt den Absatz der deutschen Branchenunternehmen. Prinzipielle Verbesserungen sind aus deutscher Perspektive trotz diverser Appelle nicht in Sicht.
Von Zündkerzen zu Patronenhülsen
In dieser Lage setzen zahlreiche Maschinenbauer ihre Hoffnung auf die Rüstungsindustrie. Aktuell werde der Rüstungsanteil im Maschinenbau auf zwei bis fünf Prozent des Umsatzes geschätzt, teilt der Maschinenbauverband VDMA mit. „Dieser Anteil“ könne sich aber mit Blick auf das rasante Wachstum der deutschen Waffenproduktion „innerhalb von 3 bis 5 Jahren verdoppeln“.[5] Das werde zwar „den Rückgang der Aufträge aus der Autoindustrie“ nicht ausgleichen können, räumt VDMA-Präsident Bertram Kawlath ein.[6] Dennoch stufen nach einer internen Umfrage des Verbandes 63 Prozent seiner Mitgliedsunternehmen die Rüstungsbranche als „wichtige“ oder gar „sehr wichtige“ künftige Kundin ein. Mehr als 40 Prozent rechnen für 2026 und 2027 mit jeweils zweistelligem Wachstum ihres Umsatzes mit Waffenschmieden – dies umso mehr, als bei Rüstungsprodukten die chinesische Konkurrenz außen vor ist. Starken Zulauf vermeldet das neue VDMA-Forum Security & Defence. Der Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) hat für seine spezialisiertere Klientel wegen des deutlich gestiegenen Interesses erst vor kurzem einen „Branchenmonitor Rüstungsindustrie“ vorgelegt. Exemplarisch heißt es beim Kölner Werkzeugmaschinenbauer Alfred H. Schütte, der etwa Maschinen zur Zündkerzenfertigung herstellt, man könne diese leicht umbauen – etwa auf die Herstellung von Zündern oder Patronenhülsen.[7]
„Ein zukunftsweisendes Ausstellungsformat“
Die Umorientierung auf die Rüstungsproduktion wirkt sich nicht nur auf die betreffenden Unternehmen aus, sondern auch auf übergeordnete Strukturen. So hat die Hannover Messe, die am heutigen Freitag zu Ende geht und auf der der Maschinenbau stark vertreten ist, in diesem Jahr zum ersten Mal einen Bereich eigens für die Rüstungsfertigung reserviert; über ihre Defense Production Area heißt es bei der Messe, sie sei „ein neues, zukunftsweisendes Ausstellungsformat“.[8] Zwar würden „fertige Waffensysteme“ oder gar Kampfpanzer in Hannover „nicht ausgestellt“, heißt es in einem Bericht im Handelsblatt; doch zeigten „rund 40 Unternehmen an den Ständen im Defence-Bereich etwa, wie Artilleriegranaten automatisiert montiert werden und hochsichere IT-Arbeitsplätze für staatliche“ – darunter militärische – „Daten entstehen“.[9] Inmitten der laut Angaben der Veranstalter immer noch größten Industriemesse der Welt finde man nun neben Robotern, die etwa die Qualität von Munition testeten, auch solche, die auf Panzerfahrzeuge montiert werden könnten, um militärische Aufgaben zu übernehmen. Neben Konzernen, die Panzerstähle ausstellten, gebe es andere, die IT jeglicher Art für Waffensysteme anböten. Andere hätten speziell gehärtete Geräte in ihrem Repertoire, die „auch unter extremen Bedingungen“ funktionierten, so beispielsweise bei extremer Hitze.
„Neue Maßstäbe“
Ihre Defence Production Area hat die Hannover Messe in enger Zusammenarbeit mit der neugegründeten DSEI Germany (Defence & Security Equipment International) organisiert. Bei dieser handelt es sich um eine Rüstungsmesse, die zum ersten Mal als eigenständige Veranstaltung vom 9. bis zum 12. März 2027 in Hannover stattfinden soll. Ziel ist es, Rüstungskonzerne, Zulieferer und Politiker zusammenzuführen. Die DSEI solle „sowohl politisch als auch industriell neue Maßstäbe“ setzen, wird Jochen Köckler, Vorstandschef der Deutschen Messe AG, zitiert.[10] Ihre Teilnahme bereits angekündigt haben unter anderem Rheinmetall, Hensoldt und Diehl Defence, drei Spitzenkonzerne der Rüstungsindustrie in der Bundesrepublik. Die DSEI Germany lege großen Wert darauf, insbesondere Waffensysteme der „nächsten Generation“ in den Blick zu rücken, heißt es bei der Organisation.[11] Die Messe ist nicht die einzige neue Rüstungsmesse in der Bundesrepublik, die auf dem krassen deutschen Rüstungsboom aufbaut; für den 22. bis zum 25. September 2026 in Essen ist eine weitere namens Euro Defence Expo (EUDEX) angekündigt. Die DSEI Germany wird alle zwei Jahre in enger Kooperation mit der britischen DSEI organisiert, die seit 2001 in London stattfindet. Dort regt sich regelmäßig Protest; 2019 versuchte der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan erstmals, sie aus der Stadt auszusperren – bislang vergebens.
Die Militarisierung des Alltags
Die Bedeutungszunahme der Rüstungsindustrie für den kriselnden Maschinenbau ist nur ein Beispiel dafür, wie zuerst einzelne Unternehmen, dann Großevents wie die Hannover Messe in den Sog der Militarisierung geraten, bis sogar eigene Rüstungsmessen entstehen. Dabei reichen die Folgen der Militarisierung bis weit in den Alltag hinein. Unternehmen, die direkt oder indirekt für die Bundeswehr produzieren, müssen zusätzliche Sicherheitsvorschriften einhalten. Angestellte, die in die Rüstungsproduktion eingebunden werden, müssen in vielen Fällen spezielle Sicherheitsscreenings durchlaufen. Oft sind sie zu intensivem Geheimschutz verpflichtet.[12] Eine steigende Zahl an Familien wird materiell unmittelbar abhängig von der Waffenproduktion. All dies gilt nicht nur für den Maschinenbau, sondern auch für andere Branchen. Das Medizintechnik-Unternehmen Dräger beispielsweise stellt nicht nur die aus der Zeit der Coronapandemie bekannten Beatmungsgeräte her, sondern auch Gasmasken; zudem baut es nicht zuletzt Feldlazarette, die auf Fregatten eingerichtet werden können.[13] Mit der Durchdringung bislang ziviler Bereiche von Wirtschaft und Arbeit durch die Rüstung und mit dem parallelen rasanten Bedeutungsgewinn der Bundeswehr gehen Veränderungen im Alltagsbewusstsein einher, die die deutsche Gesellschaft tiefgreifend zu verändern drohen. Mit der politischen und ökonomischen Militarisierung geht auch die soziale einher.
Siehe auch Die „europäische Führungsrolle“ der Bundeswehr.
[1] Sven Astheimer, Uwe Marx: Rüstung soll zum Rettungsanker werden. Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.04.2026.
[2] Isabelle Wermke: Industrie warnt vor Abwanderung – „Grenzen erreicht“. handelsblatt.com 20.04.2026.
[3] Bestellungen beim Maschinenbau eingebrochen. handelsblatt.com 01.04.2026.
[4] Isabelle Wermke: China-Speed im Maschinenbau sorgt für massiven Wettbewerbsdruck. handelsblatt.com 02.04.2026.
[5] Michelle Wienecke: Die Grenzen der Leidensfähigkeit sind im Maschinen- und Anlagenbau erreicht. vdma.eu 20.04.2026.
[6] Sven Astheimer, Uwe Marx: Rüstung soll zum Rettungsanker werden. Frankfurter Allgemeine Zeitung 20.04.2026.
[7] Uwe Marx: Kanonenrohre statt Kniegelenke. Frankfurter Allgemeine Zeitung 25.03.2026.
[8] Produktionstechnologie für Verteidigung. hannovermesse.de.
[9] Isabelle Wermke: Industrie richtet sich auf Rüstungsgeschäft aus. handelsblatt.com 22.04.2026.
[10] Hohe Nachfrage für neue Rüstungsmesse. hannover.t-online.de 12.03.2026.
[11] What is DSEI Germany? dsei-germany.com.
[12] Markus Fasse, Christof Kerkmann, Julian Olk: Rüstungsindustrie kritisiert langwierige Sicherheitsprüfungen. handelsblatt.com 30.12.2025.
[13] Verteidigung wird für Dräger zum guten Geschäft. Frankfurter Allgemeine Zeitung 25.03.2026.
