Der Weg zur Bombe (III)
Merz dringt auf konkrete Schritte zum Aufbau eines europäischen Nuklearschirms noch in diesem Jahr. Der könnte sich auf die französischen und britischen Kernwaffen stützen oder auf neue Atomwaffen etwa in Deutschland, Schweden oder Polen.
BERLIN/PARIS/LONDON (Eigener Bericht) – Bundeskanzler Friedrich Merz dringt auf erste konkrete Schritte zum Aufbau eines europäischen Nuklearschirms noch in diesem Jahr. Dazu habe man bereits vertrauliche Gespräche mit Frankreich eingeleitet, teilt Merz in einem Namensbeitrag in der US-Zeitschrift Foreign Affairs mit. Frankreich hatte zuvor eine enge Kooperation seiner Atomstreitkräfte mit Großbritannien initiiert. Es bietet zudem seit Jahren an, seinen Nuklearschirm auf die gesamte EU auszuweiten, was bisher jedoch daran gescheitert ist, dass Deutschland Mitbestimmung über Frankreichs Atomwaffen und über ihren etwaigen Einsatz verlangt. In der aktuell zum wiederholten Mal anschwellenden Debatte wird erneut auch über eine mögliche deutsche Bombe diskutiert. Diese sei allerdings mit gewaltigem Aufwand und mit immensen Kosten verbunden, heißt es. Beschleunigt worden ist die Debatte durch eine neue Studie der Münchner Sicherheitskonferenz, die fünf Optionen für eine europäische Abschreckung gegen Nuklearmächte diskutiert. Zumindest übergangsweise sei man dabei auf den US-Atomschirm angewiesen. Die Option, energisch auf nukleare Abrüstung zu setzen, wird nicht ernsthaft in Betracht gezogen.
Fünf Optionen
Die Studie zu den Optionen, über die die Staaten Europas im Hinblick auf ihre nukleare Abschreckung verfügen, basiert auf Vorarbeiten, die bereits im Februar 2024 gestartet wurden – ein Dreivierteljahr vor dem Wahlsieg des heutigen US-Präsidenten Donald Trump. Erstellt worden ist sie von der European Nuclear Study Group (ENSG), einer gemeinsamen Initiative der Munich Security Conference (MSC), des Centre for International Security an der Berliner Hertie School und des Instituts für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen. Im Grundsatz halten die Autoren des Papiers fünf verschiedene Vorgehensweisen für denkbar. So könne man sich weiterhin auf die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten verlassen, heißt es. Möglich sei auch die Nutzung des französischen und des britischen Nukleararsenals, um eine europäische Abschreckung zu gestalten. Darüber hinaus könne man gemeinsame europäische Atomwaffen beschaffen oder, viertens, auf nationale Alleingänge in der atomaren Aufrüstung setzen. Als letzte Option nimmt die ENSG eine stark forcierte konventionelle Hochrüstung der NATO-Staaten Europas in den Blick. Mit der Frage, welche Option heute zu wählen sei, müssten sich Europas Regierungen jetzt „unmittelbar und ohne Verzögerung“ befassen und die benötigten Finanzmittel bereitstellen, heißt es in dem Papier.[1]
Der US-Nuklearschirm als Übergangslösung
Drei der genannten Optionen weisen der ENSG zufolge deutliche Schwächen auf. Dies gilt zunächst für die Option, weiterhin auf die nukleare Abschreckung der Vereinigten Staaten zu setzen: Sie verfehlt das Ziel, größere Unabhängigkeit von Washington zu erlangen.[2] Unzulänglich ist laut der Untersuchung auch die Überlegung, Abschreckung gegen nuklear bewaffnete Mächte mit konventioneller Aufrüstung zu erreichen. Dies erfordere beispiellose, kaum zu finanzierende Waffenkäufe, heißt es. Als unrealistisch gilt zudem die Option, eine gemeinsame europäische Beschaffung von Atombomben anzustreben. In der Tat sind die Staaten Europas in allerlei Fragen so zerstritten, dass ein belastbares gemeinsames Vorgehen in der nuklearen Bewaffnung faktisch ausgeschlossen werden kann. Für die anderen beiden Optionen gelte, so heißt es weiter bei der ENSG, dass eine Lösung, wenn sie erreicht werden könne, keinesfalls im Handumdrehen zu verwirklichen sei. „Die Schlüsselfrage“ bestehe darin, wie man parallel zur Umsetzung der gewählten Lösung die bisherige Rolle der USA in der nuklearen Abschreckung Europas aufrechterhalten könne – quasi als Übergangslösung. Keinesfalls dürfe man Washington „den Eindruck vermitteln“, es werde zukünftig nicht mehr gebraucht. Denn dann seien ein sofortiges Ende der US-Abschreckung und eine Phase der Schutzlosigkeit zu befürchten.
Die französisch-britische Kooperation
Als wahrscheinlichste Lösung gilt der Versuch, die Nuklearstreitkräfte Frankreichs sowie unter Umständen auch Großbritanniens für den Aufbau eines europäischen Nuklearschirms zu nutzen. Dabei müsste die bereits bestehende Nuklearkooperation der beiden Staaten berücksichtigt werden. Diese wurde zuletzt mit der Northwood Declaration vom 10. Juli 2025 intensiviert. Darin halten Paris und London fest, sie könnten sich keine Situation vorstellen, in der „die vitalen Interessen“ der einen Seite, aber nicht zugleich diejenigen der anderen Seite bedroht seien. Sie stimmten daher darin überein, es könne „keine extreme Bedrohung für Europa“ geben, die nicht eine gemeinsame „Antwort unserer beiden Nationen veranlassen würde“.[3] „Frankreich und das Vereinigte Königreich haben deshalb entschieden“, heißt es weiter, „ihre nukleare Kooperation und Koordination zu vertiefen.“ In einem ersten Schritt lud Frankreich, wie berichtet wird, „ranghohe britische Militärs“ in das Kontrollzentrum der Forces Aériennes Stratégiques (FAS) auf der Base aérienne 921 in Taverny bei Paris ein, um ein Atomkriegsmanöver mit französischen Rafale-Kampfjets zu beobachten.[4] Im Dezember fand in Paris die erste gemeinsame Sitzung einer neuen französisch-britischen nuklearen Lenkungsgruppe statt.
Deutsch-französische Gespräche
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron bietet seit Jahren an, Frankreichs Nuklearschirm auch auf die EU auszudehnen. Zur Begründung dafür äußerte er etwa im Januar 2024 in einer Rede an der Militärakademie in Stockholm: „Unsere vitalen Interessen sind heute weitgehend europäisch, was uns bei der nuklearen Abschreckung eine spezielle Verantwortung einräumt.“[5] Konkret heißt es etwa, Deutschland und weitere EU-Staaten könnten sich an den regelmäßig durchgeführten französischen Atommanövern beteiligen: mit konventionellen Kampfjets etwa, die mit Atombomben bewaffnete französische Rafale-Kampfjets schützten. Zuweilen war auch die Stationierung französischer Kernwaffen auf Militärstützpunkten in anderen EU-Staaten im Gespräch. Eine Mitbestimmung über mögliche Einsätze schließt Paris allerdings kategorisch aus, weshalb noch keinerlei Einigung mit Berlin in Sicht ist: Bislang besteht die Bundesregierung darauf, an der Entscheidung über einen Einsatz von Atomwaffen beteiligt zu sein. Bundeskanzler Friedrich Merz hat am Freitag bestätigt, inzwischen fänden erneut Nukleargespräche zwischen Berlin und Paris statt. In einem Beitrag für die US-Zeitschrift Foreign Affairs teilte Merz zudem mit: „Wir hoffen, noch in diesem Jahr die ersten konkreten Schritte beschließen zu können.“[6]
„Mit deutscher Führung“
Gelingt dabei kein Durchbruch, dann ist weiterhin der Griff zu einer deutschen Bombe nicht undenkbar. So hatte etwa der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jens Spahn, im Sommer vergangenen Jahres für einen europäischen Nuklearschirm plädiert – „mit deutscher Führung“.[7] Nun dringt Spahn erneut darauf, „ohne Reflexe“ eine solche Variante in Betracht zu ziehen. Zu der Option, sich auf französische oder auf britische Atomwaffen zu stützen, erklärt er: „Wenn morgen Wahlen wären, würde Farage in UK gewinnen und Le Pen in Frankreich. Ich weiß nicht, ob ich mich auf die beiden verlassen möchte“.[8] Experten weisen zusätzlich zu völkerrechtlichen Problemen (german-foreign-policy.com berichtete [9]) darauf hin, dass nicht nur Atomwaffen selbst, sondern „die ganze institutionelle Infrastruktur für einen Zweitschlag“ geschaffen werden müsste, wie James Davis, Politikwissenschaftler der Universität St. Gallen und Mitglied der ENSG, erläutert – von „Kommando- und Kontrollstrukturen“ über „Frühwarnsysteme“ bis hinzu nuklear bestückten „Plattformen wie U-Boote[n], die den Erstschlag überstehen“.[10] Davis resümiert kühl, es sei „eine komplexe Sicherheitsarchitektur und Politik damit verbunden, die Jahre braucht, um aufgebaut zu werden“; zudem würde sie viele Milliarden Euro kosten.
„30 Atomwaffenstaaten“
Nicht zuletzt dürften diverse weitere Staaten eine deutsche Bombe zum Anlass nehmen, sich ihrerseits in den Besitz von Kernwaffen zu bringen. Bereits kürzlich hatte der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im dänischen Parlament, Rasmus Jarlov, erklärt, „eine Atombombe der nordischen Länder“ würde er „begrüßen“.[11] Erst kurz zuvor hatte Dagens Nyheter, eine der einflussreichsten Tageszeitungen Schwedens, eine Diskussion über „schwedische Atomwaffen“ eingefordert.[12] Schweden unterhielt in den frühen Jahren des Kalten Krieges ein eigenes Nuklearwaffenprogramm, das es allerdings in den frühen 1970er Jahren stoppte. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz gaben sich Politiker aus den baltischen Staaten offen für Atomwaffen. „Warum nicht?“, wurde Lettlands Ministerpräsidentin Evika Siliņa zitiert, während Estlands stellvertretender Verteidigungsminister Tuuli Duneton erklärte, er sei bereit zu Gesprächen über eine europäische nukleare Abschreckung.[13] Am Sonntag sprach sich zudem Polens Präsident Karol Nawrocki dafür aus, Polen solle seine Sicherheitsstrategie „auf nukleares Potenzial“ gründen.[14] Die US-Politikwissenschaftlerin Anne-Marie Slaughter sagt voraus, in absehbarer Zeit könnten rund 30 Staaten Atomwaffen besitzen.[15]
[1], [2] Mind the Deterrence Gap: Assessing Europe’s Nuclear Options. Report of the European Nuclear Study Group. Berlin, February 2026.
[3] Northwood Declaration. gov.uk 10.07.2025.
[4] Michaela Wiegel: Macrons Atomschirm. Frankfurter Allgemeine Zeitung 12.02.2026.
[5] Stefan Brändle: Macron will den Atomschirm über Europa aufspannen. derstandard.de 07.02.2024. S. dazu Die sozialdemokratische Bombe.
[6] Friedrich Merz: How to Avert the Tragedy of Great-Power Politics. foreignaffairs.com 13.02.2026.
[7] Nikolaus Doll, Elke Bodderas: „Mal halbe Stunde offen queer sein im Hamas-kontrollierten Gaza-Streifen – gute Reise“. welt.de 28.06.2025. S. dazu Der Weg zur Bombe.
[8] „Weiß nicht, ob ich mich auf die beiden verlassen möchte“, sagt Spahn über Farage und Le Pen. welt.de 16.02.2026.
[9] S. dazu Der Weg zur Bombe (II).
[10] Peter Althaus: Atomwaffenexperte warnt vor gefährlicher Phase. focus.de 15.02.2026.
[11] Steffen Gassel: „Wir können den Amerikanern nicht mehr trauen. Wir brauchen eigene Atomwaffen“. stern.de 21.01.2026. S. dazu Der Weg zur Bombe (II).
[12] Jonas Olsson: Sweden weighs Franco-British nuclear weapons cooperation. breakingdefense.com 27.01.2026.
[13] Laura Kayali, Victor Jack: Nuke-talk is heating up among Europeans in Munich. politico.eu 14.02.2026.
[14] Zia Weise: Poland should ‘begin work’ on nuclear defenses, Nawrocki says. politico.eu 15.02.2026.
[15] Steffen Gassel: „Wir steuern auf eine Welt zu, in der 30 Länder Atomwaffen haben werden“. capital.de 16.02.2016.
