Die Geopolitik des Klimawandels

Deutschland und weitere NATO-Staaten trainieren den Luftkrieg im Hohen Norden. Auch in der zunehmend eisfreien Arktis verhärtet sich der Machtkampf zwischen dem Westen und Russland bzw. China.

BERLIN (Eigener Bericht) – Die Bundeswehr beteiligt sich ab dem kommenden Montag an einem Luftkriegsmanöver in Europas Hohem Norden und treibt damit die Militarisierung arktischer Regionen voran. In Norwegen, Schweden und Finnland werden zahlreiche NATO- und verbündete Staaten in unmittelbarer Nähe zur russischen Grenze mit 150 Kampfjets den gemeinsamen Luftkrieg proben. Klimawandel und internationale Machtverschiebungen haben auch die lange Jahre von internationaler Kooperation geprägte Arktis zu einem geostrategischen Hotspot gemacht, der zu einem weiteren Schauplatz der zunehmend militarisierten Großmächtekonkurrenz zwischen den NATO-Staaten und Russland sowie China wird. Ressourcen, die bis vor kurzem vom arktischen Eis geschützt wurden, werden durch den Klimawandel zugänglich. Und auch neue Schifffahrtsrouten mit hoher strategischer Bedeutung öffnen sich – vor allem die sogenannte Nordostpassage entlang der russischen Nordküste. Während das Eis wohl dauerhaft abschmilzt, positionieren sich vor allem die Vereinigten Staaten, Kanada, Russland und China, aber auch die Bundesrepublik für das Wettrennen um die Arktis.

Arctic Challenge

Vom kommenden Montag (29. Mai) bis zum 9. Juni wird die Bundeswehr gemeinsam mit den Streitkräften weiterer NATO- und NATO-naher Staaten den Luftkrieg im Hohen Norden trainieren. Nach Angaben der norwegischen und der finnischen Streitkräfte wird das Manöver, von den Militärbasen Ørland in Norwegen, Kallax in Schweden und Rovaniemi sowie Pirkkala in Finnland ausgehend, hauptsächlich über den „nördlichen Regionen“ der drei Länder stattfinden.[1] Darüber hinaus kündigt die finnische Luftwaffe militärische Aktivitäten in den Trainingsgebieten bei Sodankylä, Kajaani, Tampere, Oulu and Vaasa sowie über dem Meer zwischen Vaasa und Pori an.[2] Das Übungsgebiet befindet sich damit teilweise kaum mehr als 100 km Luftlinie entfernt von der russischen Grenze. Veranstaltet wird das Manöver mit der Bezeichnung Arctic Challenge alle zwei Jahre von Finnland, Norwegen und Schweden, wobei dieses Jahr Finnland die Hauptverantwortung trägt. Die jüngste Arctic Challenge-Übung fand im Jahr 2021 statt – also vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Damals waren nach offiziellen Angaben rund 70 Flugzeuge beteiligt. Dieses Jahr werden es mit 150 mehr als doppelt so viele sein.

Gemeinsamer Luftkrieg

Insgesamt werden 14 Staaten, 12 davon NATO-Mitglieder, und – mit mehreren AWACS-Flugzeugen – die NATO selbst an der Übung teilnehmen. Ziel ist es laut den norwegischen Streitkräften, trotz der unterschiedlichen Waffensysteme, über die die einzelnen Staaten verfügen, „Kampfeinsätze gemeinsam in großen multinationalen Luftoperationen sicher und effektiv“ durchführen zu können.[3] Diese auch „Interoperabilität“ genannte Fähigkeit ist für die NATO von großer Bedeutung – denn NATO-Einheiten setzen sich oft aus nationalen Truppenkontingenten der Mitgliedstaaten zusammen, die noch dazu häufig wechseln. Erst mit Übungen wie Arctic Challenge führt das Militärbündnis die nationalen Waffensysteme, Soldaten, Kommandostrukturen und -sprachen seiner Mitglieder und Partner zu einer geeint handlungsfähigen NATO-Truppe zusammen.

Tauwetter

Das Manöver Arctic Challenge ist Teil der seit Jahren zunehmenden Militarisierung des Hohen Nordens. Das Auswärtige Amt rechnet ab „Mitte dieses Jahrhunderts“ mit einer eisfreien Arktis und spricht von „wesentlichen“ außenpolitischen Konsequenzen des Klimawandels für die Region. Mit dem zunehmenden und wohl dauerhaften Abschmelzen des arktischen Eises wird die Arktis zugänglicher für Aktivitäten jeder Art und damit auch ökonomisch, politisch und militärisch relevanter. Bereits heute sind die eisfreien Flächen im Sommer wesentlich größer denn je zuvor; im Winter wiederum ist das Eis erheblich dünner. „Widerstreitende wirtschaftliche und geopolitische Interessen“ [4] haben vor diesem Hintergrund, heißt es, zu einem „Kampf um den Nordpol“ [5] geführt; vor allem die USA, Russland, China und Kanada, aber auch die Bundesrepublik sind bemüht, ihre Stellung in der geostrategisch so bedeutenden Region auszubauen.

Arktischer Seehandel

Von Interesse ist die Arktis einerseits wegen der umfangreichen Ressourcenbestände, die unter ihrem Meeresboden liegen und heute noch gar nicht oder kaum erschlossen sind. Außerdem eröffnet der Klimawandel neue Handelsrouten, die bei fortschreitender Eisschmelze und beim konsequenten Aufbau von Infrastruktur in der Region das Potenzial haben, die Bedeutung zentraler bisheriger Routen durch den Suez- und den Panamakanal zu schmälern. Die Nordostpassage entlang der russischen Nordküste und die Nordwestpassage um Nordkanada könnten die Schiffsrouten zwischen Asien, dem amerikanischen Kontinent und Europa um Tausende Kilometer verkürzen. Kanada und Russland beanspruchen jeweils die Routen in ihrem Einflussgebiet als nationale Gewässer; das ermöglicht es ihnen nach internationalem Seerecht, den Zugang zu den strategischen Seestraßen zu kontrollieren.[6] 2020 verabschiedete Moskau nicht zufällig einen Aktionsplan unter anderem zur infrastrukturellen Erschließung der Region.[7]

Deutsches Dilemma

Wie die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) warnt, könne die Bundesrepublik, wenngleich sie „außenhandels- und rohstoffabhängig“ sei, als „Mittelmacht“ im Ringen der Großmächte um Einfluss in der Arktis nicht wirklich mithalten. Der Konkurrenzkampf zwischen den Vereinigten Staaten, Russland und China schränke auch im Hohen Norden Deutschlands Handlungsspielräume ein.[8] Vor diesem Hintergrund wirbt die Bundesregierung in ihren Arktisleitlinien für eine internationale Kooperation, für Klima- und Umweltschutz und vor allem für freie Seewege in der Arktis.[9] Gleichzeitig heißt es bei der SWP, „Moskaus Politik im Hohen Norden und in der Arktis“ sei „unmittelbar mit seinen Interessen in Europa verknüpft“. In der Tat hat Russland über die Arktis Zugang zum Atlantik, über den die militärischen Nachschubrouten der USA nach Europa verlaufen. Nicht zuletzt deshalb strebt Berlin „eine intensivere Befassung von EU und NATO mit den sicherheitspolitischen Implikationen der Arktis“ an.[10] Damit gerät Berlin in ein Dilemma: Es wünscht uneingeschränkten Handel, treibt aber gleichzeitig eine Blockbildung voran, die geeignet ist, den freien Handel zu gefährden.

 

[1] Arctic Challenge Exercise 2023. forsvaret.no 05.05.2023.

[2] ACE 23 air exercise will see around 150 aircraft. ilmavoimat.fi. Arctic Challenge Exercise 2023. ilmavoimat.fi.

[3] Arctic Challenge Exercise 2023. forsvaret.no 05.05.2023.

[4] Der Nordpol: Klimawandel mit direkten Folgen für die Außenpolitik. auswaertiges-amt.de 05.10.2018.

[5] Michael Paul: Der Kampf um den Nordpol. SWP-Aktuell A47. Berlin, 22.06.2021.

[6] Geopolitik in der Arktis. internationalepolitik.de 01.11.2020.

[7] Über die Grundlagen der Staatspolitik der Russischen Föderation in der Arktis für die Zeit bis 2035. Zitiert nach: Agne Cepinskyte, Michael Paul: Großmächte in der Arktis. SWP-Aktuell A50. Berlin, 18.06.2020.

[8] Michael Paul, Göran Swistek: Maritime Wahl: Indo-pazifische versus arktisch-nordatlantische Prioritäten. In: Günther Maihold, Stefan Mair, Melanie Müller, Judith Vorrath, Christian Wagner (Hg.): Deutsche Außenpolitik im Wandel. SWP-Studie S15. Berlin, 30.09.2021.

[9], [10] Leitlinien deutscher Arktispolitik.auswaertiges-amt.de August 2019.


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