Nach uns die Sintflut (III)

Um das EU-Kohleembargo gegen Russland umsetzen zu können, hat Deutschland seine Kohleimporte aus Kolumbien erhöht – und löst damit Proteste indigener Communities aus.

BERLIN/BOGOTÁ (Eigener Bericht) – Die Ausweitung des deutschen Kohleimports aus Kolumbien zum Ausgleich der sanktionsbedingt entfallenen Kohleeinfuhr aus Russland führt zu neuen Protesten rings um eine berüchtigte kolumbianische Mine. Die Mine El Cerrejón und ihr Betreiber Glencore werden seit vielen Jahren scharf kritisiert, da in der Region, verursacht durch den Kohleabbau, Menschenrechtsverletzungen und ernste Umweltschäden an der Tagesordnung sind. Auch deutsche Energieversorger kaufen Kohle aus El Cerrejón. Hatte Glencore im vergangenen Jahr noch über eine Schließung der Mine nachgedacht, so ist davon keine Rede mehr: Das Kohleembargo der EU gegen Russland hat die Preise in die Höhe getrieben, weshalb El Cerrejón wieder höheren Profit abwirft. Auch Deutschland hat seine Kohleimporte aus Kolumbien wieder deutlich erhöht. Während die Bundesregierung behauptet, Glencore halte inzwischen Menschenrechts- und Umweltnormen ein, begannen in der Region Anfang September neue Proteste vorwiegend indigener Communities gegen den Kohleabbau. Dieser habe, wird ein Vertreter der indigenen Wayúu-Community zitiert, nur „Verseuchung, Umwelt- und Gesundheitsschäden“ gebracht.

Ein symbolischer Akt

Das Kohleembargo der EU gegen Russland ist am 11. August nach einer Übergangsfrist in Kraft getreten. Seitdem wird keine russische Steinkohle mehr in die EU eingeführt. Die Bedeutung des Embargos war allerdings unter Befürwortern des Wirtschaftskrieges gegen Russland von Anfang an umstritten. „Kohle ist als Exportgut für Russland im Grunde völlig unbedeutend“, hatte Janis Kluge, ein Russlandexperte der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), im April kurz vor dem Brüsseler Embargobeschluss eingewandt.[1] Nur etwa ein Viertel aller russischen Kohleexporte seien im vergangenen Jahr in die EU geliefert worden; Russland habe dafür gut vier Milliarden Euro erhalten – kein entscheidender Betrag. Tatsächlich verdient Moskau viel mehr mit der Ausfuhr von Öl und Gas; allein im ersten Halbjahr 2022 exportierte es Erdgas im Wert von 24 Milliarden Euro und Erdöl im Wert von 52 Milliarden Euro in die EU.[2] Kluge urteilte im Hinblick auf die vergleichsweise geringe ökonomische Bedeutung des Kohleembargos, es sei ein weitgehend symbolischer Akt.

Verschiebungen auf dem Kohlemarkt

Unabhängig davon ist es Russland gelungen, das EU-Embargo durch die Aufstockung der Kohleexporte in die Türkei und in mehrere asiatische Staaten im Wesentlichen aufzufangen. China beispielsweise hat den Kohleimport aus Russland von gut 2,5 Millionen Tonnen im Februar auf mehr als 5 Millionen Tonnen im August gesteigert. Indien hat seine Einfuhr ebenfalls von rund einer Million Tonnen im Februar auf knapp zwei Millionen Tonnen erhöht. Während die russische Kohleausfuhr nach Japan offenkundig gesunken ist – von gut einer Million Tonnen im Februar auf nur noch 400.000 Tonnen im August –, liegen zu Südkorea widersprüchliche Angaben vor.[3] Der vom Westen erhoffte massive Einbruch ist jedenfalls ausgeblieben. Stattdessen finden umfassende Verschiebungen auf dem globalen Kohlemarkt statt: Lieferungen, die bisher von China und Indien erworben wurden – diese ziehen heute verbilligtes russisches Erdgas vor –, werden nun von anderen Ländern gekauft. Auch die Staaten der EU – darunter die Bundesrepublik – decken sich jetzt bei anderen Lieferanten mit Kohle ein.

El Cerrejón

Zu den Ländern, aus denen Deutschland mehr Kohle bezieht als zuvor, gehört Kolumbien. Dort befindet sich mit der Mine El Cerrejón eine der größten Steinkohleminen der Welt. Die Mine und ihr Betreiber, der Schweizer Konzern Glencore, sorgen seit vielen Jahren weltweit für Schlagzeilen, weil der Steinkohleabbau in El Cerrejón gravierende Folgen für die Bevölkerung und die Umwelt in der Region mit sich bringt. Immer wieder werden Dörfer zwangsweise umgesiedelt, weil die Mine erweitert wird. Umgesiedelte Indigene klagen recht häufig über eine völlig unzulängliche Wasserversorgung an ihren neuen Wohnorten.[4] Zudem berichten sie von Umwelt- und Gesundheitsschäden etwa durch Staub, der bei der Mine aufgewirbelt wird. Gravierende Erschütterungen durch Sprengungen beschädigen Wohnhäuser.[5] Die Missstände sind bereits lange bekannt und werden von Einwohnern und Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen massiv kritisiert. Glencore behauptet immer wieder, alles zu tun, um die Missstände zu beseitigen. Einwohner und Aktivisten bekräftigen ebenso regelmäßig, dies sei nicht der Fall.[6]

Kolumbianische Kohle für Deutschland

Auch deutsche Energieversorger beziehen seit vielen Jahren Kohle aus Kolumbien, auch aus der Mine El Cerrejón. STEAG und EnBW räumen dies offen ein. In den vergangenen Jahren konnte der deutsche Kohleimport aus Kolumbien gesenkt werden – offiziellen Angaben zufolge von 4,7 Millionen Tonnen im Jahr 2017 auf fast 1,8 Millionen Tonnen im Jahr 2021. Berichten zufolge stand bei Glencore im vergangenen Jahr, auch wegen der gesunkenen Weltmarktpreise, eine Schließung von El Cerrejón zur Debatte.[7] Die Bestrebungen der EU, von russischen Energieträgern unabhängig zu werden, und die daher wieder gestiegenen Kohlepreise haben die Lage nun grundlegend verändert. Im März 2022 schnellten die deutschen Steinkohleimporte aus Kolumbien so rasant in die Höhe, dass sie im ersten Quartal mehr als 1,1 Millionen Tonnen erreichten – rund 50 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Im April kündigte Kolumbiens damaliger Präsident Iván Duque nach einem Telefongespräch mit Bundeskanzler Olaf Scholz an, sein Land werde die Kohlelieferungen nach Deutschland noch weiter aufstocken.[8]

„Verbesserte Menschenrechtslage“

Nach den Missständen bei der Kohleförderung in Kolumbien und insbesondere in der Mine El Cerrejón befragt, teilte die Bundesregierung Ende Juni dem Bundestag mit, aus ihrer Sicht sei in El Cerrejón und der umgebenden Region „eine Verbesserung der Menschenrechtslage“ zu erkennen. Glencore orientiere sich „inzwischen bei der Wiederherstellung von Schutzgebieten an geltenden Umweltschutznormen sowie im Bereich der Menschen- und Arbeitsrechte an Standards der Vereinten Nationen“.[9] Zudem überprüfe „das Unternehmen inzwischen an ca. 30 Messstationen kontinuierlich die Luftqualität“, und es lege sogar „bei Grenzwertüberschreitungen den Minenbetrieb zeitweise still“. Grund zur Sorge gebe es demnach nicht.

Proteste

Dies freilich sehen die Einwohner der Region anders. Anfang September begannen eine Reihe lokaler Communities aus der Region, den Betrieb der Mine El Cerrejón teilweise zu blockieren.[10] Zeitweise waren bis zu 70 Prozent des Betriebs betroffen. „Wir leiden unter dem Kohleabbau“, wird der Ratsvorsitzende einer Gemeinde aus der indigenen Wayúu-Community zitiert: „Das Einzige, was er uns gebracht hat, ist Verseuchung, Umwelt- und Gesundheitsschäden, sozioökonomische, kulturelle und geistige Schäden. Das Einzige, was Cerrejón uns gebracht hat, ist der Tod.“[11]

 

Mehr zum Thema: Nach uns die Sintflut und Nach uns die Sintflut (II).

 

[1] Lilli-Marie Hiltscher: Erst ein Ölembargo träfe Russland hart. tagesschau.de 08.04.2022.

[2] Russian Exports to EU Up Amid Higher Oil Prices. themoscowtimes.com 18.08.2022.

[3] Europe’s loss on Russian coal translates sizeable gains for Asia, Turkey. spglobal.com 25.08.2022. Russia’s coal exports to Asia slipping. malaya.com.ph 13.09.2022.

[4] Tobias Käufer: Widerstand gegen Kohleabbau für Deutschland. zdf.de 11.09.2022.

[5] Marie-Kristin Boese: Kolumbiens Kohle als Alternative. tagesschau.de 06.05.2022.

[6] S. auch Ein Umweltordnungsplan.

[7] Simon Cleven: Warum das Embargo gegen russische Kohle in Südamerika Menschenleben bedroht. rnd.de 02.05.2022.

[8] Hans Weber: Bundesregierung ignoriert Schaden durch importierte Steinkohle aus Kolumbien. amerika21.de 16.07.2022.

[9] Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Sevim Dağdelen, Andrej Hunko, Żaklin Nastić und der Fraktion Die Linke. Deutscher Bundestag, Drucksache 20/2515. Berlin, 29.06.2022.

[10], [11] Hans-Peter Schmutz: „Cerrejón hat uns nur Zerstörung gebracht“: Anwohner blockieren Kohlemine in Kolumbien. amerika21.de 08.09.2022.


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