Das KI-Energieproblem der EU

Der EU-Think-Tank EUISS attestiert der EU strukturelle Nachteile im globalen Wettlauf um KI – vor allem in puncto Energie. Die USA haben demnach mehr Ressourcen zur Verfügung; China zieht großen Nutzen aus staatlicher Planung.

BERLIN (Eigener Bericht) – Der EU-Think-Tank EUISS (EU Institute for Security Studies) attestiert der EU strukturelle Nachteile beim Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI) und rät zur Verabschiedung einer neuen KI-Strategie der EU. Wie das EUISS in einer aktuellen Analyse konstatiert, prägt die Verfügbarkeit von Energie zunehmend den globalen Wettlauf um KI. Dies steht – in Verbindung mit Importabhängigkeiten, einer veralteten Infrastruktur und einem marktorientierten KI-Ökosystem – den KI-Ambitionen der EU im Weg. Dem EUISS zufolge verfügen sowohl die USA als auch China über strukturelle Vorteile, die ihnen im globalen KI-Wettlauf eine Führungsposition verschaffen. Während die USA über große Vorkommen an fossilen Brennstoffen verfügen, zieht China Vorteile aus seinem Zugang zu diversifizierten Energieressourcen und aus seinen staatlichen Planungskapazitäten. Allerdings formiert sich – vor allem in den USA – zunehmend Widerstand gegen den raschen Ausbau von KI-Rechenzentren. In den Vereinigten Staaten, wo es allein im Juli zu 142 Protestaktionen kam, werden Bedenken hinsichtlich des Energie- und Wasserverbrauchs der Rechenzentren laut. Demonstranten fordern einen besseren Schutz der Ressourcen.

Die EU im Nachteil

Eine neue Analyse des EU-Think-Tanks European Union Institute for Security Studies (EUISS) sieht die USA und China im globalen Wettlauf um Künstliche Intelligenz (KI) strukturell im Vorteil gegenüber Europa – und zwar vor allem aufgrund des Mangels an großen Mengen erschwinglicher Energie, die für die energieintensiven KI-Rechenzentren benötigt wird. Dieser Mangel stelle die zentrale Herausforderung für die KI-Ambitionen der EU dar, urteilt das EUISS.[1] Im Jahr 2024 verbrauchten Rechenzentren weltweit rund 415 Terawattstunden (TWh) Energie; das entsprach etwa 1,5 Prozent des weltweiten Strombedarfs Davon entfielen 45 Prozent auf die USA, 25 Prozent auf China und 15 Prozent auf Europa.[2] Bis zum Jahr 2030 wird sich der weltweite Energiebedarf für Rechenzentren voraussichtlich mehr als verdoppeln.[3] In der EU verschlangen Rechenzentren im Jahr 2024 etwa 3,1 Prozent des gesamten Stromverbrauchs. Dieser Anteil dürfte im Laufe des nächsten Jahrzehnts auf bis zu zehn Prozent steigen.[4] Die EU sieht sich jedoch in puncto Energie mit vielschichtigen Einschränkungen konfrontiert, die von hohen Energiepreisen über Netzengpässe und eine alternde Infrastruktur bis zu einer hohen Importabhängigkeit reichen.

Transatlantische Abhängigkeit

Für die EU war Erdgas bislang eine stabile Quelle für die kontinuierliche Stromversorgung der Rechenzentren. Allerdings hat sie sich weitgehend von ihrer lange Zeit bedeutendsten Erdgasquelle, von Russland, getrennt; der Anteil des vergleichsweise günstigen russischen Pipelinegases, der einst 45 Prozent betragen hatte, ist auf nur noch zwölf Prozent gesunken und soll im kommenden Jahr auf Null reduziert werden. Letzteres trifft auch auf russisches Flüssiggas (LNG) zu. Parallel wird die EU bei der Versorgung mit Flüssiggas zunehmend von den USA abhängig. Aktuell decken die Vereinigten Staaten bereits rund 60 Prozent der LNG-Importe der EU – ein Anteil, der bis 2030 auf 80 Prozent ansteigen könnte.[5] Hinzu kommt, dass die Umstellung der EU auf Strom aus erneuerbaren Energien zusätzliche Schwankungen mit sich bringt: Phasen mit Stromüberschüssen und Einspeisebeschränkungen führen dazu, dass die Stromerzeugung gelegentlich von den Netzbetreibern gedrosselt wird. So wurden beispielsweise im Jahr 2024 schätzungsweise 72 TWh vorwiegend erneuerbaren Stroms in der EU gedrosselt; allein in Deutschland waren es im Jahr 2025 rund zehn TWh erneuerbaren Stroms.[6] All dies geschah vor dem Hintergrund heftiger internationaler Erschütterungen, darunter der jüngste Krieg der USA und Israels gegen Iran, der einen weiteren Anstieg der internationalen Energiepreise verursachte.

Die Vorteile der USA

Gegenüber der EU besitzen die Vereinigten Staaten laut dem EUISS-Papier klare strukturelle Vorteile. So heißt es, die USA verbänden „die Dominanz der Hyperscaler, ihre Führungsrolle im Chipbereich und große Kapitalmärkte“ mit „reichhaltigen heimischen Reserven an fossilen Brennstoffen“. Die Kombination dieser Ressourcen biete das Potenzial, die prognostizierte Nachfrage der Rechenzentren in den USA zu decken, die nach wie vor sehr hoch sei. Von 2014 bis 2023 stieg der Stromverbrauch der Rechenzentren im Land von 58 TWh auf 176 TWh.[7] Bis 2028 könnte dieser Wert auf 325 bis 589 TWh ansteigen, was sieben bis zwölf Prozent des gesamten Energieverbrauchs ausmachen würde. Die USA sehen sich inzwischen aber einer unerwarteten Herausforderung gegenüber: einer steigenden Zahl von Protesten gegen Rechenzentren vor allem wegen deren Energie- und Wasserverbrauchs. Allein im Juli dieses Jahres verliehen Gegner des raschen Ausbaus von Rechenzentren mit 142 Protestaktionen in 42 Bundesstaaten ihrer Wut über den Ausbau der KI-Infrastruktur Ausdruck.[8] Zu ihren Forderungen zählten mehr Transparenz im Entwicklungsprozess, der Schutz von Ressourcen und der Erhalt der Umwelt.

Chinas staatliche Planung

Chinas Vorteile wiederum liegen, so urteilt das EUISS, in „reichlich verfügbarem Strom sowie der staatlichen Fähigkeit zur Koordinierung von Infrastruktur, Energieplanung und Industriepolitik“. Chinas Energiebedarf für Rechenzentren wird sich bis 2030 voraussichtlich verdreifachen und bis zu 600 TWh erreichen.[9] Die Volksrepublik hat eine Reihe von Programmen auf den Weg gebracht, um den Energiebedarf und die mit Rechenzentren verbundenen Umweltprobleme zu bewältigen. Im Jahr 2021 etwa kündigte das Land einen dreijährigen Aktionsplan zum Bau neuer Rechenzentren an, die „effizient, sauber, optimiert und kreislaufwirtschaftlich“ sein sollten. Bis zum Ende der Laufzeit des Aktionsplans war eine erhebliche Verbesserung der Energieeffizienz zu verzeichnen. Im Jahr 2022 startete die Volksrepublik zudem das ehrgeizige nationale Projekt „East Data, West Computing“, dessen Ziel es ist, die in den bevölkerungsreicheren östlichen Provinzen erzeugten Daten im Westen Chinas zu verarbeiten. Das Projekt fördert den Bau neuer Datenzentren im Westen, wo sich große Solar- und Windparks befinden, um die stark ausgelasteten Ballungszentren im Osten zu entlasten. Zudem soll so die ökonomische Entwicklung in noch weniger entwickelten westlichen Regionen des Landes vorangetrieben werden.

Vorschläge für eine EU-Strategie

Das EUISS schlägt der EU die Verabschiedung ähnlicher politischer Leitlinien vor. Zunächst betont es, wichtig sei es, die Verteilung des Energieverbrauchs über den gesamten Lebenszyklus der KI hinweg zu verstehen, da jede Phase einen unterschiedlichen Energiebedarf aufweise. Während das Training der Frontier-Modelle die energieintensivste Phase darstellt, verbraucht hingegen die Inferenz pro einzelner Abfrage weitaus weniger Strom. Nach Ansicht des EUISS kann diese Unterscheidung die Grundlage für eine KI-Energiestrategie der EU bilden. So heißt es beispielsweise, das Training von Spitzenmodellen könne an Standorten erfolgen, an denen erneuerbare Energien reichlich vorhanden sind. Die Inferenz hingegen müsse möglicherweise näher an den Nutzern angesiedelt werden. Das Papier weist jedoch darauf hin, dass die geografische Verteilung des KI-Bedarfs derzeit weitgehend von privaten Akteuren bestimmt wird, deren Entscheidungen nicht nur vom Preis und von der Verfügbarkeit von Energie, sondern auch von Faktoren wie Grundstückskosten, steuerlichen Anreizen, Genehmigungsbedingungen und Anbindung geprägt sind. „Diese marktorientierte Infrastrukturverteilung“, konstatiert das EUISS, stimmt „nicht unbedingt mit den Energieressourcen Europas überein“.

 

[1] Clotilde Bômont, Caspar Hobhouse: Feeding the beast: Energy security as a precondition for the EU’s AI power. iss.europa.eu 28.09.2026.

[2] International Energy Agency: Energy and AI International Energy Agency. iea.org 2025.

[3] Michael Wilson: Data Center Rack Power Costs: A Condensed Analysis. nlyte.com 11.07.2025.

[4] Vincent Jacamon, Julie Dallard & Thomas Spencer: Overcoming energy constraints is key to delivering on Europe's data centre goals. iea.org 16.11.2025.

[5] Ana Maria and Jaller-Makarewicz: EU risks new energy dependence as US could supply 80% of its LNG imports by 2030. ieefa.org 19.01.2026.

[6] Aurora Energy Research: Europe’s three-fold solar and wind growth sparks urgent grid investment, Aurora finds. auroraer.com 04.12.2025.

[7] US Department of Energy: DOE releases new report evaluating increase in electricity demand from data centers. energy.gov 20.12.2024.

[8] Valerie Volcovici and Lisa Baertlein: Data center opponents stage 142 protests across 42 US states. reuters.com 18.07.2026.

[9] Yuan Ye: Explainer: How China is managing the rising energy demand from data centres carbonbrief.org 16.04.2025.


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