Rohstoffkorridor gegen China
EU und USA investieren stark in den Lobito-Korridor, eine Eisenbahnverbindung aus der sambisch-kongolesischen Rohstoffregion an den Atlantik. Offiziell geht es um Afrikas Entwicklung, tatsächlich um die Rohstoffkonkurrenz mit China.
LUANDA/LUSAKA/BRÜSSEL (Eigener Bericht) – Im südlichen Afrika spitzt sich die Konkurrenz zwischen China, den USA und der EU um den Zugriff auf strategische Rohstoffe zu. Eine Schlüsselrolle spielt dabei gegenwärtig der sogenannte Lobito-Korridor, eine Eisenbahnverbindung vom Kupfergürtel Sambias und der Demokratischen Republik Kongo bis zum angolanischen Atlantikhafen Lobito. Das Infrastrukturprojekt gilt als eines der wichtigsten Vorhaben der europäischen Global-Gateway-Strategie und wird von Brüssel, aber auch von Washington, das dort ebenfalls investiert, als Instrument zur Verringerung der Abhängigkeit von China betrachtet. Entlang der Strecke sollen künftig Kupfer, Kobalt, Lithium und weitere Rohstoffe, die für die Produktion von Batterien, Elektrofahrzeugen, digitalen Technologien und Rüstungsgütern benötigt werden, in Richtung Westen transportiert werden. Die Initiative knüpft dabei an eine Infrastruktur an, die bereits während der Kolonialherrschaft errichtet wurde, um afrikanische Rohstoffe für den Export verfügbar zu machen. Kritiker konstatieren, der Ausbau des Lobito-Korridors schreibe bestehende Muster der Rohstoffextraktion unter neuen Vorzeichen fort.
Strategie gegen Beijing
Die EU-Kommission hat bereits im September 2021 das Programm „Global Gateway“ beschlossen, in dessen Rahmen bis 2027 rund 300 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte in Ländern Afrikas, Asiens, Ozeaniens, Südosteuropas sowie Süd- und Mittelamerikas investiert werden sollen. Das Programm gilt als Gegeninitiative zur chinesischen Neuen Seidenstraße.[1] Ein zentrales Vorhaben ist in diesem Zusammenhang die Diversifizierung der Importe kritischer Rohstoffe nach Europa. Konkret geht es um die Reduzierung der Abhängigkeit von Rohstoffen aus China. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) betonte bei ihrer Chinareise Ende Mai 2026 die Bedeutung eines verlässlichen Zugangs zu kritischen Rohstoffen und seltenen Erden; genau in diesem Bereich ist die Bundesrepublik stark von China abhängig.
Koloniale Infrastruktur
Eine wichtige Rolle spielt exemplarisch der „Lobito-Korridor“,ein 1.300 Kilometer langer Eisenbahnabschnitt vom Rand des sambisch-südkongolesischen Kupfergürtels bis zum Hafen von Lobito in Angola. Die grundlegende Infrastruktur des Handelskorridors wurde bereits 1902, in der Hochphase des europäischen Kolonialismus, mit dem Bau der Benguela-Bahn geschaffen, die von der Hafenstadt Lobito in östlicher Richtung durch das heutige Angola verlief und die Kupfergebiete des Südkongos bzw. Sambias erschließen sollte. 1931, nach der Fertigstellung der ersten Eisenbahnstrecke, übertrug die britische Bergbau- und Eisenbahngesellschaft Tanganyika Concessions die 99-jährige Konzession an Portugals Kolonie Angola. Die Konzession lief 2001 aus, woraufhin die Infrastruktur, die bis dahin von den portugiesischen Behörden kontrolliert wurde, an die angolanische Regierung überging.[2] Bis 2030 soll über die Strecke jährlich eine Million Tonnen Kupfer transportiert werden.[3] Die EU, aber auch die USA setzen gezielt auf den Lobito-Korridor, um Chinas starke Stellung auf dem afrikanischen Rohstoffsektor zurückzudrängen. Schätzungen zufolge stammen rund zwei Drittel der weltweiten Kobaltproduktion aus dem Kongo, wo chinesische Unternehmen in der Förderung besonders aktiv sind. Auf China entfallen zudem rund 75 Prozent der weltweiten Kobaltverarbeitung. Die koloniale Eisenbahnstrecke nach Lobito soll es möglich machen, Kupfer, Kobalt und andere Rohstoffe, die bislang vor allem über Tansania in Richtung Osten exportiert werden, stattdessen in Richtung Westen zu transportieren und statt in China in Europa bzw. Nordamerika weiterzuverarbeiten.[4]
Europäischer Einfluss
Neben Kupfer und Kobalt ist die Region aufgrund ihrer großen Vorkommen an Lithium, Coltan, Nickel und seltenen Erden von erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung. Dabei handelt es sich um Rohstoffe, die für Elektroautobatterien, stationäre Batteriespeicher oder Legierungen für Kampfflugzeuge benötigt werden. Die EU bezieht viele dieser Rohstoffe bislang aus China. Die strategische Beteiligung an einem neuen Logistikzentrum in der angolanischen Stadt Luau, die am Lobito-Korridor liegt, soll diese Abhängigkeit reduzieren. Die Eisenbahnlinie im Lobito-Korridor wird bereits von einem europäischen Konsortium betrieben. Beteiligt sind der Schweizer Rohstoffhändler Trafigura, der portugiesische Baukonzern Mota-Engil und das belgische Eisenbahnunternehmen Vecturis. Die Mehrheit der Minen wird jedoch weiterhin von China kontrolliert.[5] Im Kongo stehen 24 der 33 Kobaltexporteure unter chinesischer Kontrolle.
Leuchtturmprojekt Lobito-Korridor
Dabei gehen die Bemühungen der EU, sich die Kontrolle über den Lobito-Korridor zu sichern, mit gleichgerichteten Bestrebungen der USA einher. Bereits 2022 hatten die USA sich mit der EU und anderen G7-Mitgliedstaaten auf eine Absichtserklärung geeinigt, in den folgenden fünf Jahren im Rahmen des G7-Projekts Partnership for Global Infrastructure and Investment (PGII) mehr als 600 Milliarden US-Dollar für Infrastrukturprojekte in aller Welt zu mobilisieren. Der Lobito-Korridor ist einer von fünf wichtigen Handels-, Transit- und Entwicklungsrouten im südlichen Afrika, die die Verkehrseffizienz verbessern sollen. Unter der Regierung von US-Präsident Joe Biden wurde die Finanzierung des Lobito-Korridors – unter dem Dach des G7-Projekts PGII – als Flaggschiffprojekt in Kooperation mit Global Gateway gestartet. Auch für die EU gilt der Ausbau des Lobito-Korridors als ein Leuchtturmprojekt. Brüssel stellt dafür Investitionen von mehr als zwei Milliarden Euro bereit. Die Mittel könnten sogar noch gesteigert werden: Der nächste EU-Haushalt ab 2028 sieht ein fast doppelt so hohes Budget für Entwicklungs- und Auslandshilfe wie der aktuelle Etat vor; statt 108 Milliarden Euro sollen 200 Milliarden Euro bereitgestellt werden. EU-Beamte erklären, Ziel sei unter anderem, mit verstärkter Förderung von Infrastruktur durch die EU einen „ganzheitlicheren“ Ansatz als die chinesische Neue Seidenstraße zu bieten. Dabei handelt es sich um den Versuch, die eigenen Einflussmaßnahmen als angeblich vorteilhaft für die Länder zu beschreiben, in denen sie realisiert werden.[6]
Washingtons Interessen
Die USA wiederum haben mittlerweile Hunderte Millionen US-Dollar für den Ausbau des Lobito-Korridors zugesagt.[7] So stellten sie allein im letzten Quartal 2025 553 Millionen US-Dollar als Darlehen für den Ausbau des Korridors zur Verfügung. Weitere 200 Millionen US-Dollar kamen von der südafrikanischen Entwicklungsbank.[8] Dabei definiert die zweite Trump-Administration das Infrastrukturprojekt nun – anders als die Biden-Regierung, die oft noch von angeblicher „Entwicklungshilfe“ sprach – ganz offen als ein Projekt, das Chinas Einfluss schwächen, die Kontrolle der USA über kritische Rohstoffe stärken und Lieferketten diversifizieren soll. So lobte etwa US-Marineoffizier Frank Garcia, der Ende Mai zum stellvertretenden US-Außenminister für afrikanische Angelegenheiten ernannt wurde, die Trump-Regierung für ihre anhaltenden Aktivitäten auf dem afrikanischen Kontinent. Dabei hob er insbesondere den Lobito-Korridor hervor. Das Vorhaben verbinde zentrale US-Interessen auf dem Kontinent mit dem „America First“-Ansatz.
Deutsche Profiteure
Im Herbst reiste Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mehrere Kilometer auf der neu restaurierten Eisenbahnlinie im Lobito-Korridor und sprach von einem „strategischen Infrastrukturprojekt mit wirtschaftlich ungeheurer Bedeutung“: „Das schafft natürlich auch Investitionsmöglichkeiten längs dieser Infrastrukturverbindung für europäische, auch für deutsche Unternehmen.“ Bereits jetzt errichtet das portugiesische Bauunternehmen MCA für knapp 1,29 Milliarden Euro einen Solarpark in 60 angolanischen Gemeinden. Auftraggeber ist das angolanische Energieministerium. Der deutsche Staat sichert das Projekt über Exportkreditgarantien ab. Sollte Angola seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen können, springt Deutschland ein – 95 Prozent der Gesamtsumme werden von der Bundesrepublik garantiert. Im Gegenzug hat Angola die Beteiligung deutscher Unternehmen an dem Projekt zugesagt. Das Batteriespeichersystem etwa wird von SMA Solar Technology aus Niestetal bei Kassel geliefert. Der deutsche Solartechnikanbieter Gantner Instruments Environment Solutions stellt das digitale Steuerungssystem bereit.[9]
Alte Muster
Kritiker des Ausbaus des Lobito-Korridors warnen, das Projekt werde vor allem der EU und den USA zugute kommen. Anstatt den afrikanischen Binnenhandel zu stärken, fördere es vor allem den Export afrikanischer Rohstoffe. Während vor allem die EU – und einst auch die Biden-Administration – ihre Maßnahmen als an afrikanischen Interessen orientiertes Entwicklungsprojekt darstellten, handle es sich letztlich um eine Fortsetzung der westlichen Ausbeutung afrikanischer Ressourcen.
[1] S. dazu Wertebasierte Infrastruktur.
[2] Federica Marsi: What is the Lobito Corridor, cited by US Africa envoy as model for ties? aljazeera.com 27.05.2026.
[3] Alice Hancock, Laura Dubois, Henry Foy: EU foreign aid takes transactional turn with Africa minerals push. ft.com 24.12.2025.
[4] S. dazu Der Lobito-Korridor.
[5] Jonas Gerding: So will Europa China wichtige Rohstoffe wegnehmen. handelsblatt.com 16.06.2026.
[6] Alice Hancock, Laura Dubois, Henry Foy: EU foreign aid takes transactional turn with Africa minerals push. ft.com 24.12.2025.
[7] EU setzt auf neue Rohstoffroute durch Afrika. handelsblatt.com 28.05.2026.
[8] Lobito Corridor emerges as a new Atlantic Gateway for critical minerals. steelradar.com 16.02.2026.
[9] Jonas Gerding: So will Europa China wichtige Rohstoffe wegnehmen. handelsblatt.com 16.06.2026.
