„Führend in der militärischen Luftfahrt“

Deutschland soll zu einer international führenden Luftfahrtnation werden und insbesondere eine Führungsposition in der militärischen Luftfahrt und der Drohnenproduktion in Europa einnehmen. Dies besagt die neue Luftfahrtstrategie Berlins.

BERLIN/PARIS (Eigener Bericht) – Deutschland soll in den kommenden 15 Jahren zu einer international führenden Luftfahrtnation werden und insbesondere eine Führungsposition in der militärischen Luftfahrt einnehmen. Dies geht aus der neuen deutschen Luftfahrtstrategie hervor, die die Bundesregierung kürzlich verabschiedet hat. Das Dokument betont den Wert der Entwicklung eigenständiger europäischer bzw. deutscher Fähigkeiten und legt erstmals einen Schwerpunkt auf die enge Zusammenarbeit zwischen ziviler und militärischer Luftfahrt. Besonderes Augenmerk gilt der Entwicklung deutscher Drohnenkapazitäten; zudem heißt es, Deutschland solle „in der Forschung, Entwicklung und Produktion von militärischen Luftfahrtspitzentechnologien“ in Zukunft „führend in Europa“ sein. Auch im Hinblick darauf hat Bundeskanzler Friedrich Merz Anfang vergangener Woche den Abbruch der Entwicklung des deutsch-französischen Kampfjets der modernsten, sechsten Generation (Future Combat Air System, FCAS) bekanntgegeben: Bei dem Projekt hatte der französische Konzern Dassault die industriell-technologische Führung inne. Nun sollen acht deutsche Unternehmen an seine Stelle treten – neben Airbus unter anderem Hensoldt und Diehl Defence.

Streit um die Führungsrolle

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte in der vergangenen Woche die Entwicklung des deutsch-französischen Kampfflugzeugs der modernsten, sechsten Generation offiziell für beendet erklärt. Seit seinen Anfängen im Jahr 2017 war das Projekt von Differenzen zwischen Berlin und Paris hinsichtlich der Aufteilung der Arbeit, der Technologien und der Profite geprägt. Wie es zuletzt immer wieder hieß, liege eine zentrale Ursache darin, dass für Deutschland die NATO-Kompatibilität im Mittelpunkt gestanden habe, während Frankreich den Kampfjet auch als Träger für seine Atomwaffen sowie auf seinem Flugzeugträger habe nutzen wollen; dies habe eine Einigung letztlich verhindert.[1] Dem steht entgegen, dass es ohne weiteres möglich ist, Kampfjets in verschiedenen, an spezifische Aufgaben angepassten Versionen zu produzieren; den US-Jet F-35 etwa gibt es in drei Varianten (F-35A, B und C). Tatsächlich nahm Berlin Anstoß daran, dass Dassault Aviation für Frankreich auf der industriell-technologischen Führung bestand, was den ursprünglichen Abmachungen entsprach; Deutschland erhielt zum Ausgleich die Führung beim deutsch-französischen Kampfpanzer (Main Ground Combat Project, MGCS). Verteidigungsminister Boris Pistorius äußerte jetzt, mit dem Kampfjet sei ein „ambitioniertes, großes europäisches Projekt … an der Realität … zerschellt“.[2] „Realität“ war in diesem Fall, dass Berlin Paris die Führungsrolle nicht mehr zugestehen wollte.

„Team Gen 6“

Gleichzeitig will Berlin diejenigen Teile des Gesamtprojekts FCAS (Future Combat Air System) fortsetzen, bei denen Frankreich keine Führungsposition innehat, aber die deutsche Industrie eine starke Rolle spielt. Dies trifft insbesondere auf das Drohnenelement des FCAS und auf die sogenannte Combat Cloud zu. Diese gilt als ein Herzstück des FCAS-Programms: Sie soll gewährleisten, wie es bei der Bundeswehr heißt, „dass alle Informationen innerhalb des Netzwerks allen anderen Systemen, die an einer Mission teilnehmen, in Echtzeit zur Verfügung stehen – in der Luft, am Boden, auf See oder im Cyberspace“.[3] Merz wies in der vergangenen Woche anlässlich der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) darauf hin, dass die Bundesregierung die Arbeiten an der Combat Cloud fortsetzen will. Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thomas Erndl, bestätigt, „die Kooperation mit Frankreich“ bleibe – nach deutschem Wunsch – „im FCAS-Projekt außerhalb des Kampflugzeuges erhalten“.[4] Für den Bau des Kampfjets haben sich nun acht deutsche Unternehmen der Luftfahrt- und Rüstungsbranche zusammengetan: Airbus, MTU, Hensoldt, MBDA, Diehl Defence, Rohde und Schwarz, Liebherr und Autoflug wollen die Zusammenarbeit von Airbus und Dassault unter dem Namen „Team Gen 6“ ersetzen.[5]

Eine neue Luftfahrtstrategie

Hintergrund zu der Berliner Entscheidung, aus der Entwicklung des Kampfjets auszusteigen, bietet die neue Luftfahrtstrategie der Bundesregierung, die kurz vor Beginn der ILA verabschiedet wurde. Sie soll den Weg dafür ebnen, dass sich Deutschland in den nächsten 15 Jahren als führende Luftfahrtnation etabliert.[6] In seiner Rede auf der Luftfahrtmesse erklärte Merz, die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie sichere „nicht nur Innovation und Wirtschaftskraft, sie sichert eben auch unsere Souveränität und unsere Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung“. Er fügte hinzu: „Wir stellen jetzt die Weichen, um den Luftverkehrsstandort Deutschland im internationalen Wettbewerb zu stärken.“ Die Strategie deckt eine Reihe von Themen ab, darunter Klimaschutz, Fragen der Lieferketten sowie die Standortkosten für die zivile Luftfahrt. In Bezug auf Letzteres kündigte Merz auf der ILA Maßnahmen wie die Senkung der Flugsicherungsgebühren und die Übernahme der Flugsicherungskosten für deutsche Regionalflughäfen durch den Bund an – ein Paket, das die Kosten für den Flugverkehr in Deutschland um rund eine halbe Milliarde Euro entlasten soll. Die deutsche Luftfahrtbranche, die als einer der wenigen Wachstumssektoren der deutschen Industrie gilt, verzeichnete von 2024 bis 2025 einen Umsatzanstieg von 19 Prozent. Maßgeblicher Wachstumstreiber war die militärische Luftfahrtbranche, die nach Angaben des Bundesverbands der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) einen Umsatzanstieg von 35 Prozent erzielte.[7]

Europäische Unabhängigkeit

Die neue Strategie legt besonderen Wert auf den Aufbau und den Erhalt unabhängiger Kapazitäten Europas und insbesondere Deutschlands – sowohl in der Produktion als auch in den Lieferketten. So sieht das Dokument die Förderung erneuerbarer Flugkraftstoffe mit zwei Milliarden Euro vor, begründet dies jedoch nicht mit der Notwendigkeit des Klimaschutzes, sondern damit, dass die „Produktion in Europa einen zentralen strukturellen Beitrag für mehr Unabhängigkeit bei der langfristigen Versorgung mit Flugkraftstoffen“ leistet.[8] Darüber hinaus legt die Strategie auch Wert auf die Wahrung und Stärkung der technologischen Souveränität Deutschlands. „Unabhängigkeit von externen Technologielieferanten und die Sicherstellung der Verfügbarkeit sowie Funktionsfähigkeit kritischer Technologien im Verteidigungs- und Krisenfall sind von zentraler Bedeutung“, heißt es in dem Papier. Zudem plädiert die Strategie mittel- und langfristig für einen Forschungs- und Entwicklungsansatz, der eine enge und frühzeitige Zusammenarbeit zwischen zivilen und militärischen Projekten ermöglicht. Kurzfristig steht die schnelle Einsatzfähigkeit der Bundeswehr im Fokus. Tatsächlich ist dies wohl das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass eine derart enge Verbindung zwischen zivilen und militärischen Aspekten im Luftfahrtsektor hergestellt wurde.[9]

„Das gesamte Spektrum“

Die Strategie widmet darüber hinaus Drohnen ein eigenes Kapitel; darin heißt es, der „Ausbau der deutschen und europäischen Kompetenzen in der militärischen Drohnentechnologie“ sei „von zentraler sicherheits- und industriepolitischer Relevanz“. Allein aus technologischer Sicht verfügt Deutschland über die erforderlichen Fähigkeiten zur Entwicklung einer erfolgreichen Drohnenindustrie. Derzeit sind rund 230 Unternehmen im Bereich der unbemannten Luftfahrt tätig und beschäftigen mehr als 15.000 Mitarbeiter. Darauf aufbauend zielt die Strategie darauf ab, Deutschland zum international führenden Drohnenstandort auszubauen. Tatsächlich zählen deutsche Startups wie Helsing oder Stark Defence – häufig in enger Kooperation mit ukrainischen Unternehmen – schon heute zu den wichtigsten Drohnenherstellern Europas.[10] Verteidigungsminister Pistorius kündigte am Dienstag bei einem Besuch auf dem Fliegerhorst Upjever in Schortens (Friesland) ergänzend an, erheblich in die Drohnenabwehrfähigkeiten der Bundeswehr zu investieren.[11] „Wir starten in diesen Tagen einen Aktionsplan Drohnen“, sagte Pistorius und teilte mit, Berlin werde bis zum Ende des Jahrzehnts rund 16 Milliarden Euro allein in die Drohnenabwehr investieren. „Wir beschaffen Drohnen, die aufklären, wir beschaffen Drohnen, die wirken“ – gemeint ist: Angriffe durchführen –, sowie weitere, die „angreifende Drohnen eben abwehren können“: „also das gesamte Spektrum“.

„Grundvoraussetzung souveränen Handelns“

Eine Führungsposition strebt die Bundesregierung nicht nur bei Drohnen, sondern in der gesamten militärischen Luftfahrt an. Deutschland solle „führend in Europa in der Forschung, Entwicklung und Produktion von militärischen Luftfahrtspitzentechnologien sein“, heißt es in der neuen Luftfahrtstrategie.[12] Dabei sei „die Beherrschung der gesamten Prozesskette des Militärflugzeugbaus“ eine „Grundvoraussetzung von politisch souveränem Handeln“. Die Formulierung wirft ein Schlaglicht auch auf das Bestreben Berlins, beim FCAS die industriell-technologische Führung nicht Frankreich zu überlassen, sondern die deutsche Position zu stärken.

 

[1] S. dazu Scheitern ohne Ende.

[2] FCAS-Aus: Deutsche Firmen wollen Kampfflieger mitentwickeln. faz.net 11.06.2026.

[3] Die FCAS-Nationen stärken ihre Partnerschaft bei Pacific Skies. bundeswehr.de 29.02.2024.

[4] FCAS gescheitert: Was das Ende des deutsch-französischen Kampfflugzeugs für Europa bedeutet. esut.de 09.06.2026.

[5] FCAS-Aus: Deutsche Firmen wollen Kampfflieger mitentwickeln. faz.net 11.06.2026.

[6] Merz sieht Luftfahrt als Schlüsselbranche – neue Strategie. handelsblatt.com 10.06.2026.

[7] Moritz Koch, Frank Specht: Deutschland will führende Luftfahrtnation werden. handelsblatt.com 08.06.2026.

[8] Luftfahrtstrategie der Bundesregierung. Berlin, Juni 2026.

[9] Neue Strategie soll Luftfahrt stärken. tagesschau.de 10.06.2026.

[10] S. dazu Bundesrepublik Sparta.

[11] Drohnenabwehr: Pistorius plant Milliarden-Investitionen. ndr.de 16.06.2026.

[12] Luftfahrtstrategie der Bundesregierung. Berlin, Juni 2026.


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