Mutwillig ins Elend gestürzt
Die wirtschaftlichen Verwerfungen, die die USA und Israel mit dem Irankrieg ausgelöst haben, stürzen die Länder des Globalen Südens noch mehr in Armut, Hunger und Elend. Berlin schweigt zu den Folgen der Aggression seiner Verbündeten.
WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – Der Krieg zweier der engsten Verbündeten Deutschlands, der USA und Israels, gegen Iran stürzt zahlreiche Länder des Globalen Südens in eine tiefe Krise. Nicht nur der Ölpreisschock infolge der faktischen Sperrung der Straße von Hormuz verschärft ihre meist ohnehin schon prekäre Lage. Zudem gefährdet die Unterbrechung eines Drittels der globalen Düngemittelversorgung – dieses Volumen wurde ebenfalls durch die Straße von Hormuz transportiert – die weltweite Ernährungssicherheit und droht schon in Kürze 45 Millionen Menschen weltweit in akuten Hunger zu treiben. Gleichzeitig muss sich Afrika für einen Mangel an medizinischen Gütern wappnen, da der Kontinent einen Großteil davon über den Mittleren Osten importiert. Darüber hinaus droht der dreifache Schock aus Energie- und Nahrungsmittelkrise sowie kriegsbedingt schwächerem Wirtschaftswachstum weltweit mehr als 32 Millionen Menschen in die Armut zu treiben – vor allem in Entwicklungsländern. Die Bundesregierung, die sich gewöhnlich als Vorkämpferin für Menschenrechte und Humanität in Szene zu setzen sucht, schweigt zu den fatalen Folgen des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs ihrer Verbündeten für den ärmeren Teil der Welt.
Hunger
Die Unterbrechung der Düngemittellieferungen aufgrund der faktischen Sperrung der Straße von Hormuz gefährdet die weltweite Ernährungssicherheit. Durch die Meerenge wird etwa ein Drittel des weltweiten Düngemittelhandels auf dem Seeweg abgewickelt.[1] Nach Angaben der Welthandelsorganisation (WTO) ist die Lieferung von Düngemitteln wie Phosphat, Kaliumkarbonat, Ammoniak und Harnstoff durch die Meerenge seit Beginn des US-amerikanisch-israelischen Krieges gegen Iran jedoch praktisch zum Erliegen gekommen. Laut dem Vorstandsvorsitzenden von Yara, einem der größten Düngemittelhersteller weltweit, drohen aufgrund des Düngemittelmangels künftig „jede Woche bis zu zehn Milliarden Mahlzeiten auszufallen“; treffen werde es vor allem die ärmsten Länder.[2] Nach Angaben des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen könnten noch in diesem Jahr weltweit insgesamt 45 Millionen Menschen zusätzlich in akuten Hunger geraten. Der größte relative Anstieg wird in Asien und in der Pazifikregion erwartet, wo die Ernährungsunsicherheit um 24 Prozent zunehmen dürfte. Die schwerwiegenden Folgen der Düngemittelknappheit werden dabei noch nicht in den kommenden Monaten sichtbar werden, sondern erst gegen Ende des Jahres, wenn die Ernten, die auf die Aussaat in diesem Frühjahr folgen, geringer ausfallen als erwartet.
Keine Medikamente
Die Störung des regionalen Handels wirkt sich auch auf die medizinische Versorgung aus, wobei Afrika am stärksten betroffen ist. Der Kontinent importiert mehr als 70 Prozent seiner Medikamente und mehr als 90 Prozent seiner pharmazeutischen Wirkstoffe.[3] Dabei dient der Mittlere Osten, der an der Schnittstelle zwischen Asien und Afrika liegt, als wichtigstes Tor für die Versorgung afrikanischer Länder mit Medikamenten. In Dubai musste das Logistikzentrum der Weltgesundheitsorganisation (WHO), das mehr als 150 Länder weltweit mit Medikamenten versorgt, zu Beginn des Irankriegs aufgrund der Sperrung des Luftraums Lieferungen stornieren und die Routen für die Lieferung von Hilfsgütern neu festlegen. Die Umstellung der Transportwege vom Luft- auf den Straßentransport hat jedoch sowohl Zeit gekostet als auch Preissteigerungen bei lebensrettenden Medikamenten verursacht, insbesondere bei Cholera-Hilfsgütern, deren Transport nun 70 Prozent teurer ist als bisher.[4] Insgesamt ist von einer Kostenexplosion bei Medikamenten um 20 Prozent die Rede. Viele afrikanische Länder arbeiten nach dem Just-in-time-Prinzip und produzieren oder lagern nicht mehr als nötig. Im Tschad beispielsweise sind in der östlichen Provinz Ouaddaï nur genug Cholera-Medikamente für etwa 100 Menschen vorrätig.
Armut
Laut einem im April veröffentlichten Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP) könnten infolge des dreifachen Schocks aus Energie- und Nahrungsmittelkrise sowie schwächerem Wirtschaftswachstum weltweit mehr als 32 Millionen Menschen in die Armut stürzen.[5] Etwa die Hälfte des weltweiten Anstiegs der Armut dürfte sich auf eine Gruppe von 37 Nettoenergieimportländern in Afrika, Asien und der Inselwelt im Indischen und Pazifischen Ozean konzentrieren, heißt es in dem Bericht. Darüber hinaus erklärt das UNDP, das sich dem Kampf gegen die Armut widmet, der Krieg mache auch die bei der Armutsbekämpfung bereits erzielten Fortschritte zunichte. „Es wird dauerhafte Auswirkungen geben, insbesondere in den ärmeren Ländern, wo Menschen zurück in die Armut gedrängt werden“, konstatiert der UNDP-Administrator und ehemalige Premierminister Belgiens, Alexander De Croo. Anfang April warnte die Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgieva, der Irankrieg werde die Weltwirtschaft dauerhaft schädigen.[6] In einer Rede, die sie eine Woche vor der jährlichen Frühjahrstagung des IWF in Washington hielt, konstatierte Georgieva, „selbst unser optimistischstes Szenario“ beinhalte „eine Herabstufung des Wachstums“. Sie fügte hinzu, man wisse „nicht wirklich …, was die Zukunft bringt“, und ergänzte: „Was wir wissen, ist, dass das Wachstum langsamer sein wird – selbst wenn der neue Frieden von Dauer ist.“
Wanderarbeiter in Gefahr
Darüber hinaus bedrohen die durch den Krieg gegen Iran verursachten Störungen der Wirtschaftstätigkeit in den Staaten der Arabischen Halbinsel die Existenz von Millionen südasiatischer Wanderarbeiter und deren Überweisungen in Höhe von Hunderten von Milliarden US-Dollar, die sie jedes Jahr in ihre Heimatländer schicken.[7] Besonders gefährdet sind in den arabischen Golfstaaten Arbeitsplätze ausgerechnet in Sektoren, die einen hohen Anteil an Arbeitsmigranten haben – das Baugewerbe, das Gastgewerbe, der Tourismus, das Gesundheitswesen. Indien ist die wichtigste Herkunftsquelle für ausländische Arbeitskräfte in der Golfregion, wo mehr als neun Millionen Inder leben und arbeiten und im Jahr 2025 fast 40 Milliarden US-Dollar an ihre Familien in ihrem Heimatland überwiesen. Bangladesch und Pakistan folgen mit jeweils rund fünf Millionen Arbeitskräften auf der Arabischen Halbinsel. Während sich die Überweisungen nach Pakistan im Jahr 2025 auf 38 Milliarden US-Dollar beliefen, lag der Betrag für Bangladesch bei 30 Milliarden. Bislang sind die meisten südasiatischen Arbeiter in der Golfregion geblieben; sie haben aber in vielen Fällen ihre Arbeitsplätze verloren oder drohen dies zu erleiden, wenn sich der Krieg noch über Monate in die Länge zieht. Laut einem im März veröffentlichten Bericht von Capital Economics, einem in London ansässigen Analyseunternehmen, könnten ihre Überweisungen um insgesamt rund 30 Prozent sinken, sollte sich der Krieg über drei Monate hinziehen und die Energieinfrastruktur der Region schwer beschädigen. In Südasien fehlten dann bitter benötigte Milliardensummen.
Schuldenkrise
Der Krieg gegen Iran birgt nicht zuletzt die Gefahr, einen Anstieg der globalen Verschuldung auszulösen und Regierungen zu zwingen, sich zwischen der Dämpfung der Lebenshaltungskosten und der Aufrechterhaltung solider öffentlicher Finanzen zu entscheiden, warnte der Internationale Währungsfonds (IWF) im April. „Der Ausbruch des Krieges im Nahen Osten hat der ohnehin angespannten globalen Lage eine neue Quelle für finanzpolitischen Druck hinzugefügt“, heißt es in einem IWF-Bericht.[8] Der Anstieg der Importkosten aufgrund höherer Energie-, Düngemittel- und Lebensmittelpreise dürfte die Leistungsbilanz- und vor allem auch die Haushaltsdefizite der Importländer vergrößern und ihre Devisenreserven unter Druck setzen. Für Indien wird sich das Leistungsbilanzdefizit im aktuellen Haushaltsjahr, das im März 2027 endet, voraussichtlich von 0,9 Prozent auf 2,5 Prozent des gesamten Bruttoinlandsprodukts (BIP) mehr als verdoppeln.[9] Ähnlich sieht es in vielen anderen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas aus, wo die Regierungen gezwungen sind, entweder Zölle auf Ölimporte auszusetzen, um die Verbraucher zu entlasten, oder zusätzliche Auslandsschulden aufzunehmen. Ersteres würde die Staatseinnahmen verringern; dann stünde weniger Geld für lebensnotwendige Güter wie Medikamente zur Verfügung. Letzteres hätte einen ähnlichen Effekt – nur mit dem Unterschied, dass die Wirkung vor allem langfristig spürbar wäre.[10]
[1] Shawn Yuan, Jiraporn Sricham: It's not just oil: Iran war also threatens Asia's food security. bbc.com 01.05.2026.
[2] Simon Jack: Billions of meals at risk due to Iran war, says fertiliser boss. bbc.co.uk 01.05.2026.
[3] Mideast war threatens Africa's supply of humanitarian medicine. france24.com 09.04.2026.
[4] Emma Farge: Cholera aid for African countries stalled by Iran conflict. reuters.com 27.03.2026.
[5] Richard Partington: Iran war could plunge 32 million into poverty, says United Nations. theguardian.com 13.04.2026.
[6] Richard Partington, Julia Kollewe: Head of IMF says Iran war will permanently scar global economy even if peace is reached. theguardian.com 09.04.2026.
[7] Wesley Rahn: Iran war puts South Asia's Gulf remittances at risk. dw.com 24.03.2026.
[8] Richard Partington: Economic shock from Iran war risks driving up global debt levels, says IMF. theguardian.com 15.04.2026.
[9] Jaspreet Kalra, Nimesh Vora: India races to shield economy from Iran war-driven oil shock, capital stress. reuters.com 13.05.2026.
[10] Tim Jones: What has Iran got to do with the debt crisis? debtjustice.org 05.05.2026.
