Der nächste regime change

Die Bundesregierung verlangt den Sturz der Regierung Irans. Außenminister Wadephul stuft die aktuellen Proteste als Folge der westlichen Sanktionen ein. Bisherige regime changes in Nah- und Mittelost endeten mit Hunderttausenden Toten.

TEHERAN/WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – Vor dem Hintergrund der US-Vorbereitungen für einen militärischen Überfall auf Iran verlangt die Bundesregierung den Sturz der Regierung in Teheran. Man versuche „alle Maßnahmen zu ergreifen, die irgend möglich sind, um diesem Regime das Handwerk zu legen“, teilt Außenminister Johann Wadephul mit Blick auf die mörderische Niederschlagung der Proteste in Iran mit, der laut Berichten von Aktivisten mehr als 3.400 Menschen zum Opfer gefallen sind, womöglich erheblich mehr. Bundeskanzler Friedrich Merz will kommende Woche den syrischen Präsidenten Ahmed al Sharaa in Berlin empfangen, dessen Regierung im vergangenen Jahr für Massaker an rund 2.000 Menschen verantwortlich war – ein Hinweis darauf, dass Massaker der Bundesregierung nicht als Grund, sondern bei Bedarf als Legitimation ihres Handelns dienen. Wadephul stuft die Proteste als Resultat westlicher Sanktionen ein, deren Ziel es somit war, die Bevölkerung zum regime change zu treiben. Israel hat Reza Pahlavi, den Sohn des 1979 gestürzten Schah, mit einer verdeckten social media-Kampagne zur Galionsfigur der Proteste zu machen versucht. Bisherige regime changes in Nah- und Mittelost endeten mit Hunderttausenden Toten.

„Sanktionen wirken“

Ausgelöst wurden die aktuellen Proteste in Iran durch eine schwere Wirtschaftskrise. Diese ist Experten zufolge zwar auch auf Fehler in der Regierungspolitik sowie auf Korruption zurückzuführen, vor allem aber auf die westlichen Sanktionen und den Angriffskrieg Israels und der USA im vergangenen Jahr. Laut einem Bericht der Financial Times wuchs Irans Wirtschaft in den Jahren von 2000 bis 2012 um durchschnittlich 4,4 Prozent pro Jahr; dann eskalierten die Vereinigten Staaten ihre Sanktionen, was dazu führte, dass Irans Wachstum seitdem nur einen jährlichen Durchschnitt von 1,9 Prozent erreicht.[1] Ließ der Nukleardeal im Jahr 2015 Hoffnungen aufblühen, so setzte der Bruch des Abkommens durch die Trump-Administration im Jahr 2018 dem kurzzeitig aufgeflackerten Wachstum ein Ende. Die iranische Währung stürzte ab; die Inflation schnellte in die Höhe. „Pessimismus“ habe sich breitgemacht und zu „politischer Frustration“ geführt, urteilt Djavad Salehi-Isfahani von der Universität Virginia Tech. Der Krieg vom Juni 2025 habe die Lage weiter verschärft.[2] So stufen es auch westliche Politiker ein. „Das, was wir jetzt an Protesten sehen, ist eine Folge von Sanktionen“, urteilte Außenminister Johann Wadephul am Wochenende: „Das heißt, Sanktionen wirken. Und auf diesem Weg sollten wir weiter vorangehen.[3]

Der Sohn des Schah

Hat der Westen demnach mit einer Strategie der gezielten Verelendung durch Sanktionen auf die Proteste hingearbeitet, so hat er diese nun auch politisch gekapert, indem er Reza Pahlavi, den Sohn des im Jahr 1979 gestürzten Schah Mohammad Reza Pahlavi, zur Galionsfigur der Opposition stilisiert. Pahlavi, der seit 1978 dauerhaft in den Vereinigten Staaten lebt, ist in Iran selbst sehr unpopulär – zum einen wegen der diktatorischen Terrorherrschaft seines Vaters, zum anderen, weil er in den knapp fünf Jahrzehnten im Exil den Bezug zur iranischen Lebenswirklichkeit verloren hat. Bloß iranische Exilmonarchisten unterstützen ihn. Pahlavi wird seit den iranischen Protesten des Jahres 2022 von den westlichen Staaten stark gefördert. Im Februar 2023 wurde er zur Münchner Sicherheitskonferenz eingeladen. Im April 2023 besuchte er auf Einladung der damaligen Geheimdienstministerin Gila Gamliel Israel und traf dort auch mit Premierminister Benjamin Netanjahu zusammen.[4] Die aktuellen Proteste in Iran hat Pahlavi aktiv mit Hilfe der sozialen Medien begleitet und befeuert; US-Präsident Donald Trump hat er „Anführer der freien Welt“ genannt und ihn aufgefordert, schnell in Iran zu intervenieren.[5] Trump hatte zuvor mit einem erneuten Militärüberfall auf Iran gedroht und die Demonstranten ebenfalls befeuert.

Social media-Kampagne aus Israel

Wie eine umfangreiche, im Herbst 2025 publizierte Recherche der israelischen Tageszeitung Haaretz belegt, hat vor allem die Regierung Israels beträchtliche Anstrengungen mit dem Ziel unternommen, Pahlavi auch in Iran selbst populär zu machen. Demnach hat sie ein privates Unternehmen dafür bezahlt, auf den sozialen Medien für ihn zu werben und dabei auch Rufe nach einer Wiedereinführung der Monarchie zu unterstützen. Dabei sollen zahllose Fake-Accounts genutzt worden sein, die mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) Bilder, Videos und Wortbeiträge in persischer Sprache verbreiteten.[6] Ziel ist es offenkundig, den Sohn des Schah, der bis zu seinem Sturz 1979 eng mit den USA und Israel kooperierte, in Teheran zum neuen, gleichfalls eng mit Washington und Tel Aviv kollaborierenden Herrscher zu machen. Das zum großen Teil aus Bots bestehende israelische social media-Netzwerk wurde laut dem Haaretz-Bericht während des israelischen Angriffskrieges gegen Iran im vergangenen Jahr auch genutzt, um mit Falschnachrichten die iranische Bevölkerung zur offenen Revolte gegen die Regierung anzustacheln. Ob es zu Beginn der derzeitigen Proteste gleichfalls eingesetzt wurde, ist nicht bekannt, aber wahrscheinlich – jedenfalls bis zu der Zeit, zu der Irans Repressionsapparate das Internet abschalten ließen.

„Der Westen muss zusammenstehen”

Irans Repressionsapparate haben die Proteste in den vergangenen Tagen mit brutaler Gewalt niedergeschlagen. Die genaue Zahl der Todesopfer ist nicht bekannt; iranische Aktivisten gehen von mehr als 3.400 aus, womöglich sogar erheblich mehr. Die Opfer werden nun von den westlichen Staaten zum Anlass genommen, den Sturz der Regierung zu fordern. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte bereits am Dienstag erklärt, wenn sich „ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten“ könne, sei es „faktisch am Ende“. Er gehe davon aus, „dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen“.[7] Schon zuvor hatte Außenminister Wadephul erklärt, die „Unterdrückung des Volkes“ in Iran sei „inakzeptabel“: „Der Westen muss jetzt zusammenstehen“.[8] US-Präsident Trump hat seine Drohungen gegen die iranische Regierung wiederholt und die Demonstranten aufgefordert, ihre Proteste fortzusetzen. Zugleich haben die USA begonnen, denjenigen Teil ihrer Truppen auf ihrem Luftwaffenstützpunkt Al Udeid in Qatar, deren Präsenz dort nicht zwingend erforderlich ist, abzuziehen – ein Schritt, der als mögliche Vorbereitung eines militärischen Angriffs betrachtet wird: Die Basis Al Udeid gilt als etwaiges Ziel des Vergeltungsschlags, den die iranische Führung angekündigt hat.

Instrumentalisierte Opfer

Dabei degradiert der Westen die zahllosen Opfer der mörderischen Niederschlagung der Proteste zum bloßen Anlass für einen möglichen Sturz der Regierung. In Syrien kamen im vergangenen Jahr bei Massakern, für die die Regierung unter dem Ex-Jihadisten Ahmed al Sharaa Verantwortung trägt, an die 2.000 Menschen zu Tode, überwiegend Angehörige von Minderheiten wie den Alawiten und den Drusen (german-foreign-policy.com berichtete [9]). Al Sharaa wird von den USA und von Israel unterstützt; er wird kommende Woche in Berlin erwartet, um die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Syrien zu intensivieren. Ginge es der Bundesregierung darum, Opfern von Massakern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, würde sie weder Al Sharaa einladen noch mit Israel kooperieren, das im Gazastreifen mindestens 71.400, vermutlich sogar weit mehr Menschen umgebracht hat, der Großteil von ihnen Zivilisten.

Hunderttausende Tote

Ginge es Berlin darum, Massaker zu verhindern, dann würde es außerdem nicht auf einen regime change in Teheran orientieren. Im Irak kamen in den 15 Jahren nach dem US-Überfall von 2003 und dem darauf folgenden Sturz der Regierung laut Recherchen des Costs of War Project an der Brown University in Providence (Rhode Island) mindestens 300.000 Menschen gewaltsam ums Leben, mindestens 200.000 davon Zivilisten. Indirekt kriegsbedingte Opfer etwa von Krankheiten oder sonstigen vermeidbaren Todesursachen – wohl Hunderttausende –kommen hinzu. Ähnlich verhält es sich in Libyen und in Syrien, wo der Versuch des Westens, einen regime change herbeizuführen, in Bürgerkriege und den Zerfall des Staates mündete. Die Annahme, in Iran werde ein von außen herbeigeführter regime change günstiger verlaufen, ist durch nichts begründet.

 

[1], [2] Andrew England: How Iran’s economic pain sparked explosion of unrest. ft.com 13.01.2026.

[3] Stefanie Reulmann: Wadephul lässt militärisches Vorgehen offen. zdfheute.de 11.01.2026.

[4] Son of Iran’s last shah arrives in Israel to push for ‘peaceful, prosperous future’. timesofisrael.com 17.04.2023. Son of Iran’s last shah pays condolence call to Dee family, visits Western Wall. timesofisrael.com 18.04.2023.

[5] Shoshana Baker: Iranian Crown Prince calls for more days of protests in Iran, to prepare for a ‘revolutionary victory’. jpost.com 10.01.2026.

[6] Gur Megiddo, Omer Benjakob: The Israeli Influence Operation Aiming to Install Reza Pahlavi as Shah of Iran. haaretz.com 03.10.2025.

[7] Merz sieht Irans Führung am Ende. tagesschau.de 13.01.2026.

[8] Stefanie Reulmann: Wadephul lässt militärisches Vorgehen offen. zdfheute.de 11.01.2026.

[9] S. dazu Befehlskette bis nach Damaskus.


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