Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta

Die blutige Spur der 117. JägerDivision durch Serbien und Griechenland 556 Seiten Zahlreiche Karten Mannheim 2002 ISBN 3-933925-22-3

Auch 60 Jahre nach Beginn des deutsch-italienischen Überfalls auf Griechenland weigert sich die Bundesrepublik Deutschland, die von ihrem Rechtsvorgänger, dem Deutschen Reich, begangenen Verbrechen anzuerkennen. Die Bundesregierung leugnet, daß solche Verbrechen überhaupt bekannt seien (Antwort der Bundesregierung im Deutschen Bundestag am 15.08.2000).

Tatsächlich töteten die NS-Besatzer allein auf dem Peloponnes ca. 2.400 Zivilisten, die sie als ,,Geiseln"erschossen, ohne dass die Mehrzahl dieser Ermordeten in irgendwelche Kriegshandlungen verwickelt war. Unter den Geiselopfern befinden sich 12jährige Jugendliche und 80jährige Greise.

Weitere 2.000 Angehörige der griechischen Partisanenorganisation EAM/ELAS gaben in Kämpfen für die Befreiung des Peloponnes ihr Leben. 188 Ortschaften wurden teilweise völlig zerstört, über 70.000 Menschen galten 1946 als obdachlos. Bei ihrem Rückzug zerstörten die NS-Besatzer Straßen, Brücken und Fabriken, so dass die infrastrukturellen Folgen das griechische Wirtschaftsleben für mehrere Jahrzehnte lähmten. Soweit sich die Täter einer unmittelbaren Bestrafung entziehen konnten, bauten sie in der Bundesrepublik ansehnliche Nachkriegskarrieren auf. Insbesondere in den neuen deutschen Streitkräften, der Bundeswehr, fanden überführte Massenmörder mehrfache Verwendung.

Wie der Historiker H. F. Meyer nachweist, ignoriert die Bundesrepublik diese Tatsachen selbst dort, wo sie ihr angebliches Bedauern ausspricht. So informierte sich das Bundespräsidialamt erst im Anschluss an eine (sachlich falsche) Rede, die Bundespräsident Rau im Frühjahr 2000 im Massakerort Kalavryta hielt (676 Tote), über die wirklichen Ereignisse (S.334). Rau bedauerte, aber wusste offenkundig nicht, weswegen.

Nach mehreren Detailpublikationen über das deutsche Okkupationsregime in Griechenland (1941-1944) hat H. F. Meyer eine umfassende und ungewöhnlich differenzierte Darstellung der NS-Herrschaft in Südosteuropa vorgelegt. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Peloponnes. Meyer kann in Anspruch nehmen, das bisher verstreute oder auf Einzelereignisse beschränkte Material gebündelt und einer kritischen Neubewertung ausgesetzt zu haben. Der Eindruck einer gelungenen Zusammenschau scheint in Widerspruch zu Meyers Buchtitel zu stehen, der die Behandlung einer einzigen Wehrmachts-Division ankündigt. Aber gerade weil Meyer sich beschränkt und die Entwicklung konkreter Täter von ihren sozialen Anfängen bis zu den späteren Mordzügen akribisch nachvollzieht, gelingt ihm eine seltene Durchdringung des kriminellen Milieus, das die Mörder hervorbrachte: Reichswehr-Offiziere und Putschisten gegen die Weimarer Republik sind ebenso darunter wie Gossenkriminelle und wohlanständige Bürger. Nicht ein einziger wurde bis heute vor ein deutsches Gericht gestellt.

Meyers Analyse der deutschen Okkupation in Serbien und in Griechenland erwähnt - fast nebenbei - das Ausmaß der Raubzüge, die das deutsche Mordgeschehen begleiteten: Vieh und Tragtiere wurden zu Tausenden abgetrieben, Futter und Getreide tonnenweise requiriert. Die Safes der regionalen Niederlassungen der Bank von Griechenland waren vor keiner ,,Kampfgruppe"sicher, die Wertsachen der Bevölkerung wurden regelmäßig geplündert. Auch diese Pauperisierung der deutschen Besatzungsgebiete ist bis heute ungesühnt.