Matin Baraki: Die Beziehungen zwischen Afghanistan und der Bundesrepublik Deutschland 1945-1978

Frankfurt/M. u.a: Lang, 1996 ISBN 3-631-48179-9 138,- DM

Die deutsche Außenpolitik begründet ihre Forderung nach einer führenden Rolle Deutschlands bei der ,,Neuordnung"Afghanistans (s. dazu Nachricht Berlin will führende Rolle bei ,,Neuordnung"Afghanistans) mit den ,,historisch gewachsenen Verbindungen"nach Afghanistan, wo es sich in den letzten 200 Jahren wirtschaftlich, politisch und kulturell sehr stark engagiert habe.
Was es mit diesen ,,gewachsenen Verbindungen"auf sich hat, untersucht der afghanische Wissenschaftler Baraki auf breiter Grundlage. Demnach gründen sich diese Beziehungen auf die Funktionalisierung Afghanistans für die Zwecke deutscher Expansionspolitik.

,,Revolutionierung"Afghanistans

Vor und während des Ersten Weltkriegs verfolgte die deutsche Außenpolitik das Ziel der ,,Revolutionierung"Afghanistans und anderer ,,unterdrückter Nationen"gegen Großbritannien. (s. dazu Archiv)
Der deutsche Kaiser Wilhelm II. erklärte: ,,... unsere Consuln in Türkei und Indien, Agenten etc. müßten die ganze Mohammed. Welt gegen dieses verhaßte, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstand entflammen (...) Es war von jeher ... mein Wunsch, die muhammedanischen Nationen unabhängig zu wissen und ihren Staaten möglichst freie Kraftentfaltung zu gewähren. So liegt es Mir nicht nur für den Augenblick am Herzen, den muhammedanischen Völkern in ihrem Kampf um Unabhängigkeit zu helfen ..."Am afghanischen Hof etablierte sich eine starke prodeutsche Partei, die massiven Einfluß ausübte ,,auf allen Gebieten des gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Lebens".

,,Vertrauensvolle Zusammenarbeit"

Ein zweiter Höhepunkt der deutsch-afghanischen Beziehungen wurde während der Vorbereitungsphase des Zweiten Weltkriegs erreicht. Aufgrund seiner Grenzen im Norden zur UdSSR und im Osten und Süden zu Britisch-Indien spielte Afghanistan eine wichtige Rolle in den außenpolitischen Konzeptionen des faschistischen Deutschland, das seine Expansionspolitik in Afghanistan auf wirtschaftlichem, militärischem und kulturpolitischem Gebiet voran trieb. Das Außenpolitische Amt der NSDAP berichtete im Dezember 1939: ,,In vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der jetzigen afghanischen Regierung wurde vom Amt eine generelle Planung für alle Sektoren des afghanischen Staatswesens entworfen und als Voraussetzung für die erfolgreiche Durchführung die Verpflichtung deutscher Sachverständiger in afghanische Regierungsdienste veranlaßt. Durch derartige eingearbeitete deutsche Kräfte sollte auf den lebenswichtigen Posten ein Netz von Stützpunkten geschaffen werden, die Deutschland die Möglichkeit boten, sie im Falle eines militärischen Vorgehens Afghanistans mit deutscher Hilfe mitzuverwenden. (...) Deutsche Polizeioffiziere haben das afghanische Polizei- und Geheime Staatspolizeiwesen ganz neu aufgebaut."
Der Autor stellt fest, daß das faschistische Deutschland ohne Zweifel sehr starken und breiten Einfluß in Armee, Wirtschaft, Erziehungswesen, in den Behörden bis zu den Ministerien und auf hohe Staatsbeamte hatte.

Das Erbe des Deutschen Reiches

Schon bald nach dem Zweiten Weltkrieg Angang der fünfziger Jahre konnte die BRD wieder Beziehungen zu Afghanistan anknüpfen und das Erbe des Deutschen Reiches antreten: ,,Es war, jedenfalls bis zum Ende der siebziger Jahre, nicht belanglos, daß das Deutsche Reich in der Zwischenkriegszeit und bis in den Zweiten Weltkrieg hinein auf der Landbrücke von der Türkei über Persien nach Afghanistan politische, wirtschaftliche und kulturelle Positionen aufgebaut hatte, die sich in den fünfziger Jahren wiederbelebt ließen."
Ein bezeichnendes Einzelbeispiel: Die Welt nennt als Beleg für die ,,historisch gewachsenen Verbindungen"eine in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts von Deutschland in Kabul gestiftete Oberrealschule, die bis in die 80er-Jahre dort arbeitete. (Afghanen vertrauen auf Deutschland. Dank jahrhundertealter Beziehungen nach Kabul führt Deutschland die Wiederaufbauhilfe an; Welt am Sonntag 21.10.01).
Baraki führt zur Geschichte und Funktion dieser Schule aus: ,,Als Belohnung für das wohlwollende Verhalten Afghanistans gegenüber Deutschland während des Ersten Weltkrieges wurde von deutscher Seite im Jahre 1924 in Kabul eine deutsche Oberrealschule (...) gegründet. Diese Schule übernahm (...) eine wichtige Funktion im Bereich der deutschen und später faschistischen Kulturpropaganda. Die Zahl der Schüler, meistens Kinder höherer Regierungsbeamter und wohlhabender Schichten, nahm in kurzer Zeit enorm zu. 1934 absolvierten an der genannten Schule die ersten Abiturienten die Reifeprüfung und wurden entweder in den höheren Staatsdienst eingestellt oder zum Studium nach Deutschland geschickt."