Der Herbst des Protests

Deutschland und Europa stehen vor einem Herbst des Protests gegen Hochrüstung und Krieg. Rheinmetall will Kassel und sein Umland in einen Defence Hub Nordhessen transformieren – ein Beispiel für die konkreten Folgen der Militarisierung.

KASSEL/KÖLN (Eigener Bericht) – Rund 200 Gedenkveranstaltungen zur Erinnerung an den Beginn des Zweiten Weltkriegs haben am gestrigen Dienstag eine Art Startsignal für den sich abzeichnenden Herbst des Protests gegen Militarisierung und Krieg gegeben. Bis Ende des Jahres sind in Deutschland sowie in zahlreichen weiteren Staaten Europas Proteste aller Art angekündigt, die sich gegen die umfassende Hochrüstung des Kontinents, gegen den mit ihr unmittelbar verbundenen Abriss der Sozialsysteme und gegen die immer konkreteren Kriegsvorbereitungen auch in der Bundesrepublik richten – von Schulstreiks über Aktionen von Hafenarbeitern bis hin zu Großdemonstrationen. Am gestrigen Dienstag begann in Köln unter dem Motto „Rheinmetall entwaffnen“ eine Aktionswoche gegen die hemmungslos eskalierende Militarisierung. Wie diese die Bundesrepublik transformiert, zeigt beispielhaft eine Ankündigung von Deutschlands größtem Rüstungskonzern: Rheinmetall teilte in der vergangenen Woche mit, man werde in Kooperation mit dem Bundesland Hessen die Stadt Kassel und die umliegende Region zum Defence Hub Nordhessen machen. Kassel war bislang für die Kunstausstellung documenta und als Museumsstandort bekannt.

Defence Hub Nordhessen

Der nun eingeleitete Umbau von Kassel und der umliegenden Region zum Defence Hub Nordhessen knüpft an die schon heute bestehende starke Präsenz von Rüstungsunternehmen in und bei der nordhessischen Stadt an. Insbesondere KNDS Deutschland (ehemals Krauss-Maffei Wegmann, KMW) und Rheinmetall, die gemeinsam etwa den Kampfpanzer Leopard 2 bauen, haben dort wichtige Standorte mit aktuell rund 2.500 (KNDS Deutschland) bzw. 2.200 (Rheinmetall) Mitarbeitern. Daneben unterhält Airbus Helicopters eine Zweigstelle in Kassel, in der mehr als 500 Angestellte tätig sind. Während es bei KNDS Deutschland zuletzt ganz allgemein hieß, man wolle weiter wachsen, teilt Rheinmetall-Vorstandschef Armin Papperger mit, sein Unternehmen nehme die Ausweitung der Zahl der Beschäftigten auf gut 3.000 ins Visier. Die Kasseler Werke des Konzerns sollen in Zukunft Zentrum der Fertigung des Radpanzers Boxer werden, den Rheinmetall und KNDS gemeinsam produzieren. Ab 2029 sollen dort 500 Boxer jährlich hergestellt werden. Zuletzt lag die jährliche Stückzahl – gefertigt wurden unter anderem Panzerhaubitzen und Berge- und Pionierpanzer – bei 120.[1] Rheinmetall werde in Kassel bald das modernste Panzerwerk der Welt betreiben, heißt es.

Militärische Drehscheibe

Zusätzlich zum Ausbau seines bestehenden Werks im Kasseler Norden will Rheinmetall verstärkt den nordwestlich gelegenen Flughafen Kassel-Calden nutzen. Dort starteten zuletzt vor allem Ferienflüge. Zum einen ist der Bau eines Logistikzentrums mit einer Fläche von 30.000 Quadratmetern in Calden vorgesehen, das, wie Rheinmetall mitteilt, „die effiziente Abwicklung sowohl nationaler aus auch internationaler Aufträge gewährleisten“ soll.[2] Darüber hinaus ist am Flughafen die Einrichtung eines Drohnentestzentrums geplant, wo die von Rheinmetall entwickelten Drohnen erprobt sowie bei Bedarf weiterentwickelt werden. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern will insgesamt 260 Millionen Euro in und bei Kassel investieren; es kommen 25 Millionen Euro hinzu, die das Bundesland Hessen zur Verfügung stellt. Wie der hessische Ministerpräsident Boris Rhein am Donnerstag vergangener Woche nach der Unterzeichnung einer Absichtserklärung mit Rheinmetall erklärte, soll nicht nur der Flughafen Kassel-Calden zur „militärischen Drehscheibe“ werden.[3] Nordhessen werde insgesamt zu einem „leistungsfähigen Knotenpunkt für moderne Verteidigungstechnologie“. „Der Defence Hub Nordhessen“, äußerte Rhein, „verbindet die industrielle Stärke Kassels mit der strategischen Infrastruktur des Kassel Airport“.

Waffensysteme ohne US-Bauteile

Zu den Drohnen, die Rheinmetall an dem künftigen Drohnentestzentrum in Kassel-Calden erproben kann, zählen zum einen sogenannte Kamikazedrohnen – Fluggeräte, die über einem Gebiet kreisen und sich dann, mit Sprengstoff beladen, auf ein Ziel stürzen, um es zu vernichten. Rheinmetall hat erst im April von der Bundeswehr den Auftrag erhalten, derlei Drohnen für einen Gesamtpreis von 300 Millionen Euro zu produzieren. Dabei geht es um Waffensysteme des Typs FV-014, die eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern haben und bis zu 70 Minuten fliegen können. Sie enthalten ausschließlich europäische Bauteile und sind damit unabhängig von Einflussnahme durch die USA.[4] Rheinmetall hatte ursprünglich vor, Drohnen auch in Kooperation mit dem US-Rüstungskonzern Anduril zu entwickeln. Die dazu im Juni 2025 geschlossene strategische Partnerschaft mit dem Unternehmen ist inzwischen jedoch faktisch eingestellt worden.[5] Die Gründe dafür wurden nicht genannt. Doch fällt die Entscheidung mit den Bestrebungen der Bundesregierung zusammen, die Abhängigkeit der Bundeswehr von US-Waffensystemen so weit wie möglich zu reduzieren.

Jagdbomberdrohnen

Noch unklar ist, ob Rheinmetall den erhofften Zuschlag zum Bau einer Jagdbomberdrohne erhält – eines unbemannten Kampfflugzeugs, wie es die Bundeswehr aktuell beschaffen will. Es soll in der Lage sein, Ziele zu attackieren, die weit im russischen Hinterland liegen. Zur Auswahl standen bislang drei Modelle. Das Drohnen-Startup Helsing ist dabei, eine Jagdbomberdrohne namens CA-1 Europe zu entwickeln; sie soll ohne US-Bauteile gefertigt werden, doch wird sie frühestens 2029 verfügbar sein.[6] Airbus kooperiert mit dem Konzern Kratos, der bereits über die Drohne Valkyrie verfügt; allerdings stammt Kratos aus den USA. Rheinmetall wiederum will gemeinsam mit Boeing dessen Drohne MQ-28, die bereits eingesetzt wird, an den deutschen Bedarf anpassen; jedoch ist auch Boeing ein US-Konzern. Um direktem US-Einfluss zu entkommen, will Rheinmetall das Fluggerät gemeinsam mit Boeing Defence Australia fertigen; das Unternehmen hat sich laut Auskunft eines Managers „absolute Souveränität im Bereich der Systemarchitektur, der Software und der Plattform“ zusichern lassen.[7] Im August hieß es nun, wegen interner Unstimmigkeiten werde sich die Beschaffung durch die Bundeswehr wohl noch hinauszögern. Das steigert die Chancen für Helsing, zum Zuge zu kommen.

Proteste (I)

Gegen Rheinmetall, Deutschlands größten Rüstungskonzern [8], der seinen Umsatz im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 39 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro steigern konnte, werden inzwischen zunehmend Proteste laut. In Berlin-Wedding etwa setzen sich Anwohner und örtliche Organisationen schon seit längerer Zeit dagegen zur Wehr, dass Rheinmetall dort mitten in einem Wohngebiet Munition herstellen will. Zuletzt fanden am 10./11. Juli Aktionstage gegen die Waffenschmiede statt.[9] Am gestrigen Dienstag begann in Köln unter dem Motto „Rheinmetall entwaffnen“ zum wiederholten Mal eine Protestwoche, die sich gegen Militarisierung allgemein, unter anderem aber auch gegen den Düsseldorfer Konzern richtet und am Samstag mit einer Demonstration zu Ende gehen wird.

Proteste (II)

Ebenfalls am gestrigen Dienstag fanden bundesweit rund 200 Gedenkveranstaltungen statt, bei denen nicht bloß an den Beginn des Zweiten Weltkriegs erinnert wurde, sondern auch an die Kriege der vergangenen Jahre sowie an die Waffengänge der Gegenwart. Damit ist de facto ein Startsignal für einen Herbst des Protests gegeben, in dem nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas zahllose Menschen auf die Straßen gehen wollen, um gegen die Hochrüstung, gegen den damit verbundenen Abriss der Sozialsysteme sowie gegen die immer konkreter werdenden Kriegsvorbereitungen auf dem ganzen Kontinent zu protestieren. Angekündigt sind Schulstreiks gegen die Wehrpflicht (25. September) sowie weitere Proteste von Schülerinnen und Schülern für „Schulen ohne Bundeswehr“; Proteste gegen ein NATO-Manöver (23. bis 26. September) sowie eine Friedenskonferenz (DIDF, Föderation Demokratischer Arbeitervereine) am 27. September in Hamburg; Anti-Kriegs-Großdemonstrationen am 3. Oktober in Berlin und Stuttgart; ein Internationaler Aktionstag von Hafenarbeitern gegen Krieg und Militarisierung am 30. Oktober in zahlreichen Häfen in Europa sowie ein globales Wochenende gegen Militarisierung und Wehrpflicht am 21./22. November. Die Liste umfasst lediglich schon jetzt angekündigte überregionale Proteste; sie ist alles andere als vollständig.

 

[1] Kassel Airport soll zur „militärischen Drehscheibe“ werden. hessenschau.de 27.08.2026.

[2] Defence-Hub Nordhessen: Rheinmetall baut neues Logistik-Zentrum am Kassel Airport – Land Hessen fördert strategische Investition. rheinmetall.com 27.08.2026.

[3] Kassel Airport soll zur „militärischen Drehscheibe“ werden. hessenschau.de 27.08.2026.

[4] Großauftrag im Milliardenbereich: Rheinmetall liefert der Bundeswehr Loitering Munition FV-014. rheinmetall.com 22.04.2026.

[5] Mark Bergen, Gerry Doyle: Anduril’s Year-Old Rheinmetall Drone Partnership Is Scaled Back. bloomberg.com 29.07.2026.

[6] Nadine Schimroszik, Roman Tyborski: Rheinmetall schließt Kampfdrohnen-Partnerschaft mit Boeing. handelsblatt.com 31.03.2026.

[7] Frank Specht, Roman Tyborski: Jagdbomberdrohne erst 2035? Rheinmetall warnt vor Verzögerung. handelsblatt.com 07.08.2026.

[8] S. dazu Auf dem Weg in die erste Rüstungsliga (II).

[9] Annuschka Zak: Geschosse gut geschützt. junge Welt 11.07.2026.


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