Zeitenwende in der deutschen Autoindustrie
Sinkende Absätze und steigender Konkurrenzdruck aus China verändern die deutsche Kfz-Industrie. VW reagiert mit einem drastischen Sparkurs – nicht, um Verluste zu vermeiden, sondern zur Rettung der Profite.
BERLIN/BEIJING (Eigener Bericht) – Volkswagen steht vor der größten Umstrukturierung seiner Unternehmensgeschichte. Vorstandschef Oliver Blume will die Modellpalette halbieren, die Produktionskapazitäten um rund eine Million Fahrzeuge senken und weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze streichen. Hintergrund ist ein dramatischer Wandel in China. Während dort chinesische Hersteller den Markt für Elektro- und Hybridfahrzeuge dominieren, verlieren deutsche Konzerne rasant Marktanteile. Im ersten Halbjahr 2026 brachen die Verkaufszahlen von BMW, Mercedes und Volkswagen in China um mehr als ein Viertel ein. Volkswagen reagiert darauf nicht nur mit einem drastischen Sparkurs. Der Konzern prüft erstmals auch, ausschließlich für China entwickelte Modelle nach Europa zu holen und perspektivisch in europäischen Werken zu produzieren. Parallel setzen auch andere europäische Hersteller verstärkt auf Kooperationen mit chinesischen Unternehmen. Damit beginnt eine neue Ära: Nicht mehr europäische Hersteller treiben die Modernisierung des chinesischen Marktes voran; China prägt die Zukunft der europäischen Automobilindustrie. Opel plant ein SUV, bei dem chinesische Ingenieure Antrieb und Batterie entwickeln, deutsche nur noch Design und Sitze.
Der Einbruch in China
Die Einbrüche deutscher Kfz-Konzerne auf dem chinesischen Markt verschärfen sich. Im ersten Halbjahr 2026 sind die Absätze von BMW, Mercedes und VW um mehr als 25 Prozent zurückgegangen. BMW verzeichnet ein Minus von rund einem Fünftel, VW und Mercedes sogar von 26 beziehungsweise 28 Prozent.[1] Die Benzinpreise in China sind infolge des Irankriegs gestiegen. Dies hat zu einer steigenden Nachfrage nach Elektro- und Hybridautos geführt, was sich negativ auf die Absätze deutscher Konzerne auswirkt, da diese in China weiterhin überwiegend Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor verkaufen.[2] Erschwerend kommt eine Änderung der Steuerregelung für Luxusautos hinzu. Die Steuergrenze wurde von bisher 1,3 Millionen Yuan für Neufahrzeuge ohne Mehrwertsteuer auf 900.000 Yuan (etwa 116.000 Euro) gesenkt. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) sieht darin besonders negative Auswirkungen für europäische, insbesondere für deutsche Hersteller. Nach Einschätzung des chinesischen Pkw-Verbandes CPCA ist vor allem die Nachfrage nach Verbrennern im Preissegment zwischen 900.000 und 1,3 Millionen Yuan deutlich zurückgegangen. Verbraucher, die Oberklassefahrzeuge kaufen, weichen stattdessen verstärkt auf chinesische Elektro- oder Hybridmodelle aus.[3] BMW, Mercedes und VW mussten ihr Geschäft mit Plug-in-Hybriden bereits deutlich zurückfahren. Steuervergünstigungen erhalten teilelektrische Antriebe nur noch, wenn sie mindestens 100 Kilometer rein elektrisch fahren können. Dies treibt eine Umstrukturierung des Modellportfolios der deutschen Autokonzerne voran.[4]
Weniger Modelle, weniger Werke
Der VW-Vorstandsvorsitzende Oliver Blume will dieser Entwicklung entgegenwirken. Das VW-Management plant, die Modellpalette um bis zu 50 Prozent zu reduzieren. Die Produkt- und Variantenvielfalt soll sogar um 75 Prozent sinken. Zudem sollen die jährlichen Produktionskapazitäten von bislang zehn auf rund neun Millionen Fahrzeuge verringert werden.[5] Die Zahl der Fahrzeugmodelle – zur Zeit rund 150 – soll halbiert werden. Das betrifft vor allem das chinesische Verbrennersegment. In China hat das VW-Management bereits fünf Werke geschlossen oder verkauft und die Kapazitäten dort schon jetzt um rund eine Million Fahrzeuge reduziert.[6] Langfristig will der Konzern wieder jährlich zehn Millionen Fahrzeuge verkaufen. Von der einen Million Fahrzeuge, die VW vorläufig aus dem Markt nehmen will, entfällt die Hälfte auf Europa – vor allem auf deutsche Werke. Die andere Hälfte der Überkapazitäten befindet sich – trotz der bisherigen Stilllegungen – immer noch in China.[7] Für die Verringerung der Produktionskapazitäten plant der VW-Konzern, weltweit bis zu 50.000 Stellen abzubauen. In Deutschland wird der Fortbestand von vier Werken geprüft. Diese Stellenstreichungen kommen zusätzlich zum bereits bis 2030 geplanten Abbau von 50.000 Stellen hinzu. Oliver Blume spricht von der größten Transformation in der Geschichte des VW-Konzerns: „Es geht hier nicht um ein reines Sparpaket, es ist das umfassendste und tiefgreifendste Transformationspaket, das wir je im Volkswagen-Konzern aufgesetzt haben.“[8]
Profitabilität statt Wachstum
Modelle, Produktionskapazitäten und Personal werden vom VW-Management also radikal reduziert. An seinen Gewinnzielen hält der Konzern dennoch fest. Im ersten Halbjahr 2026 sank der operative Gewinn des Konzerns um 11,6 Prozent auf 5,93 Milliarden Euro. Die operative Marge fiel auf 3,8 Prozent; VW erzielte damit je 100 Euro Umsatz nur noch 3,80 Euro operativen Gewinn. Finanzchef Arno Antlitz bezeichnete die Ergebnisse als „einen weiteren Weckruf zum Handeln“. Der Gewinnbeitrag aus dem Chinageschäft ging um ein Drittel auf 856 Millionen Euro zurück. Blume sieht darin jedoch keine „Volkswagen-Krise“, sondern eine „Industriekrise“.[9]
China-Modelle für Europa
In den möglichen Werkschließungen in Emden, Zwickau, Hannover und bei Audi in Neckarsulm sieht Oliver Blume „die letzte Option“. Auch eine Nutzung der Werke für die Rüstungsproduktion sei denkbar. Eine weitere Möglichkeit sei die Fertigung chinesischer VW-Modelle für den europäischen Markt. Dabei gehe es explizit ausschließlich um VW-Modelle, die bislang nur in China angeboten werden, nicht um eine Öffnung für andere Hersteller.[10] Zudem plant VW, künftig verstärkt aus chinesischen Werken in andere Märkte zu exportieren, etwa nach Australien, Indien oder in zentralasiatische Staaten.[11] Der Plan, eigene China-Modelle nach Europa zu holen, umfasst sowohl den Import als auch eine spätere Produktion der Fahrzeuge oder ihrer Komponenten in Europa. Als möglicher Produktionsstandort gilt laut Insidern das VW-Werk in Zwickau.[12] Aus China importiert VW bereits den Cupra Tavascan – ein Modell der spanischen Marke Cupra, die zum VW-Konzern gehört. In Deutschland gehört der Tavascan zu den zehn meistverkauften Elektroautos und liegt derzeit auf Platz neun.[13] Im VW-Konzern steht zudem bereits fest, dass der Motor für den geplanten 20.000-Euro-Stromer ID. EVERY1 aus dem VW-Komponentenwerk in China importiert wird. Nach seiner Chinareise zeigte sich der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) offen dafür, chinesische Modelle in deutschen VW-Werken zu bauen.[14]
Die neue Arbeitsteilung
Auch andere europäische Autobauer versuchen, den Rückgang ihrer Produktionsauslastung durch Kooperationen mit chinesischen Herstellern zu kompensieren. Stellantis plant, vier Werke in Spanien, Frankreich und Italien mit Modellen der chinesischen Konzerne Leapmotor und Dongfeng auszulasten. Die Stellantis-Marken Opel, Jeep, Fiat und Peugeot nutzen derzeit nur noch rund die Hälfte ihrer Produktionskapazitäten in der EU. In den spanischen Stellantis-Werken in Madrid und Saragossa sollen künftig Modelle von Leapmotor produziert werden. Gemeinsam mit Dongfeng wird zudem die Produktion eines Elektroautos im französischen Rennes geprüft. Im italienischen Pomigliano soll ein elektrischer Kleinwagen von Leapmotor entstehen. In Madrid soll außerdem ein Opel-SUV mit chinesischer Technologie gebaut werden. Antrieb, Batterie und Software sollen von Leapmotor stammen. Deutsche Ingenieure wären lediglich für Design, Sitze und Fahrwerk zuständig.[15]
Importe unter Vorbehalt
Der geplante Import vollständig in China entwickelter Fahrzeuge durch den VW-Konzern birgt Risiken. Die EU erhebt auf Elektroautos aus China zusätzlich zum Basiszoll von zehn Prozent sogenannte Ausgleichszölle. Diese liegen bei SAIC (einem chinesischen Partner von VW) bei 35 Prozent, bei BYD bei 17 Prozent und für Tesla bei knapp acht Prozent.[16] Die Ausgleichszölle treffen jedoch auch deutsche Hersteller. Auf den Cupra Tavascan entfielen zunächst 20,7 Prozent. Nach längeren Verhandlungen strich die EU-Kommission den Zusatzzoll für das Modell des VW-Konzerns.[17] In den USA ist Mercedes durch einen geplanten Gesetzentwurf vom Marktausschluss bedroht. Der Entwurf sieht vor, den Verkauf vernetzter Fahrzeuge zu verbieten, wenn der Hersteller zu mehr als 15 Prozent chinesischen Anteilseignern gehört. Mercedes befindet sich zu knapp 20 Prozent in chinesischem Besitz.[18]
[1] Lazar Backovic, Julian Olk, Felix Stippler: Das doppelte China-Problem der deutschen Autoindustrie. handelsblatt.com 15.07.2026.
[2] Gustav Theile: Der Niedergang in China geht weiter. faz.net 19.06.2026.
[3] Welche Folgen Chinas Luxussteuer für deutsche Autobauer hat. handelsblatt.com 20.07.2026.
[4] Christian Müßgens, Henning Peitsmeier, Gustav Theile, Benjamin Wagener: Für die Deutschen stellt sich in China die Existenzfrage. faz.net 21.07.2026.
[5] Felix Stippler: China-Geschäft des VW-Konzerns bricht deutlich ein. handelsblatt.com 10.07.2026.
[6] Christian Müßgens, Henning Peitsmeier, Gustav Theile, Benjamin Wagener: Für die Deutschen stellt sich in China die Existenzfrage. faz.net 21.07.2026.
[7] Lazar Backovic: Volkswagen will wieder mehr als zehn Millionen Autos bauen. handelsblatt.com 02.07.2027.
[8] VW-Gewinn bricht ein - Sparpaket soll bis Jahresende stehen. handelsblatt.com 24.07.2026.
[9] Lazar Backovic: Blume will VW-Umbau noch in diesem Jahr besiegeln. handelsblatt.com 24.07.2026.
[10] VW-Gewinn bricht ein - Sparpaket soll bis Jahresende stehen. handelsblatt.com 24.07.2026.
[11] Lazar Backovic: Blume will VW-Umbau noch in diesem Jahr besiegeln. handelsblatt.com 24.07.2026.
[12] Lazar Backovic: VW prüft Verkauf und Fertigung chinesischer Modelle in Europa. handelsblatt.com 01.07.2026.
[13] Lazar Backovic, Olga Scheer: Cupra Tavascan – das erste E-Auto aus China ohne EU-Strafzölle. handelsblatt.com 11.02.2026.
[14], [15] Lazar Backovic, Michael Scheppe: Chinesische Marken nutzen Fabrikprobleme deutscher Autobauer aus. handelsblatt.com 03.06.2026.
[16] Lazar Backovic: VW prüft Verkauf und Fertigung chinesischer Modelle in Europa. handelsblatt.com 01.07.2026.
[17] Lazar Backovic, Olga Scheer: Cupra Tavascan – das erste E-Auto aus China ohne EU-Strafzölle. handelsblatt.com 11.02.2026.
[18] Mercedes drängt in den USA auf laxere China-Regeln. handelsblatt.com 21.07.2026.
