„Das extraktivistische Erbe“
Außenminister Wadephul bereist Afrika und fördert dabei den deutschen Erdgas- und Wasserstoffimport von dort. Afrika bleibt Rohstofflieferant, verharrt also in neokolonialer Abhängigkeit.
BERLIN/ALGIER/NOUAKCHOTT/ABUJA (Eigener Bericht) – Erdgas und grüner Wasserstoff aus Afrika sollen kriegsbedingte Ausfälle bei deutschen Erdgasimporten aus Russland sowie vom Persischen Golf ersetzen: Dies ist eines der Ziele der Afrikareise von Außenminister Johann Wadephul. Dieser verhandelte am gestrigen Montag in Mauretanien unter anderem über künftige Importe grünen Wasserstoffs; Mauretanien will sich zu einem Zentrum der Wasserstoffwirtschaft in Westafrika entwickeln. Am heutigen Dienstag trifft Wadephul in Nigeria ein, das außer grünem Wasserstoff auch Erdgas in die Bundesrepublik exportieren soll. In der vergangenen Woche verhandelte Bundeskanzler Friedrich Merz mit dem Präsidenten Algeriens, Abdelmadjid Tebboune, aus dessen Land Berlin gleichfalls Erdgas und grünen Wasserstoff erhalten will. Kritiker stufen das Vorhaben, zu dem der Bau einer Wasserstoffpipeline unter dem Mittelmeer hindurch zählt, als „neokoloniales Projekt“ ein, das wie gehabt die Ausbeutung der Ressourcen des Globalen Südens auf Kosten von dessen Entwicklung forciert. Nötig wird dies aus deutscher Perspektive, weil der harte Machtkampf gegen Russland und der Irankrieg der USA jeweils die bisherige Rohstoffversorgung stören.
Erdgas aus Algerien
Algerien besitzt für Deutschland schon jetzt eine wachsende Bedeutung als Erdgaslieferant. Das Land verfügt über die zweitgrößten nachgewiesenen Erdgasreserven – nach Nigeria – in ganz Afrika und ist sein größter Erdgasexporteur. Zudem ist es Europas zweitgrößter Lieferant von Pipelinegas; zwei Pipelines verlaufen durch das Mittelmeer Richtung Norden, eine nach Spanien, die andere nach Italien. Algerien exportiert auch Flüssiggas. Anfang Juli kam am Gasterminal Wilhelmshaven 1 erstmals eine Flüssiggaslieferung des algerischen Staatskonzerns Sonatrach an.[1] Weitere sollen folgen. Damit trägt Algier dazu bei, die starke Abhängigkeit der deutschen Flüssiggasterminals von der Einfuhr von Frackinggas aus den USA zu lindern; im vergangenen Jahr lag der Anteil von US-Flüssiggas, der dort ankam, bei 96 Prozent.[2] Algerien treibt außerdem den Bau der Trans-Sahara-Pipeline voran, die Erdgas aus Nigeria über Niger nach Algerien und von dort aus weiter durch das Mittelmeer nach Europa leiten soll. Geplant ist ein Volumen von bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Deutschland und Europa forcieren den Import von Erdgas aus Afrika, weil sie nicht bloß das sanktionsbedingt entfallende Erdgas aus Russland ersetzen müssen, sondern sich auch um größere Unabhängigkeit von Erdgas aus Mittelost bemühen – aufgrund des Irankriegs.[3]
South H2
Langfristig spielt Algerien allerdings für Deutschland eine wohl noch größere Rolle im Hinblick auf grünen, mit Hilfe erneuerbarer Energien gewonnenen Wasserstoff, der künftig in der Bundesrepublik im großen Stil als Energieträger genutzt werden soll. Für den Import grünen Wasserstoffs hat Berlin eine Reihe unterschiedlicher Projekte in Planung. Eines davon ist die Pipeline South H2, die aus Algerien über Tunesien und durch das Mittelmeer bis nach Italien, Österreich und Deutschland führen soll. In Europa wird das Pipelineprojekt unter anderem von dem italienischen Pipelinebetreiber Snam, von Gas Connect Austria sowie von BayerNets unterstützt. Die EU hat es zum Project of Common bzw. Mutual Interest sowie zum Vorzeigeprojekt ihrer Global Gateway-Infrastrukturinitiative erklärt und fördert es entsprechend.[4] Um den erforderlichen grünen Wasserstoff herstellen zu können, wird Algier Anlagen zur Nutzung erneuerbarer Energien in gewaltigem Umfang errichten. Vergangenen Donnerstag besprach Bundeskanzler Friedrich Merz das Projekt ausführlich mit Algeriens Präsident Abdelmadjid Tebboune, der unter anderem dazu nach Berlin gereist war. Merz teilte mit, man wolle „gemeinsam mit Italien die Entwicklung eines südlichen Wasserstoffkorridors vorantreiben“, um „den Export von Wasserstoff“ nach Deutschland zu intensivieren.[5]
Wasserstoff für Deutschland
Um die Erschließung weiterer Bezugsquellen für grünen Wasserstoff bemüht sich aktuell auch Außenminister Johann Wadephul auf seiner jüngsten Afrikareise, die ihn am gestrigen Montag nach Mauretanien geführt hat. Das Land will mit seinen erneuerbaren Energien ein Zentrum der Wasserstoffwirtschaft werden.[6] Eines der dort angesiedelten Großprojekte wird von einem Joint Venture des deutschen Projektentwicklers Conjuncta, des ägyptischen Unternehmens Infinity und des Konzerns Masdar aus den Vereinigten Arabischen Emiraten betrieben; es soll für 34 Milliarden US-Dollar Elektrolysekapazitäten von 10 Gigawatt errichten und damit grünen Wasserstoff zum Export nach Europa produzieren.[7] Mit dem Großprojekt („Infinity Power“) konkurriert ein zweites namens Nour, das von Chariot Ressources aus Großbritannien, von der französischen TotalEnergies sowie der Eren Group mit Sitz in Luxemburg initiiert wurde. Es soll, ebenfalls mit Elektrolysekapazitäten von 10 Gigawatt, zunächst Mauretaniens Eigenbedarf decken; nur der Überschuss soll nach Europa exportiert werden.[8] Außenminister Wadephul erklärte vor der Abreise nach Mauretanien, das Land biete „Chancen für erneuerbare Energien, insbesondere beim Gewinn von grünem Wasserstoff“. In Nouakchott wolle er „auch über die Möglichkeiten“ für eine Kooperation „bei Zukunftstechnologien“ reden.[9]
„Gut aufgestellt als Lieferant“
Eine intensive Zusammenarbeit sowohl bei Flüssiggas als auch bei Wasserstoff strebt die Bundesrepublik zudem mit Nigeria an, wo Außenminister Wadephul an diesem Dienstag zu ausführlichen Gesprächen eintrifft. Deutschland und Nigeria haben bereits im November 2023 eine Vereinbarung geschlossen, der zufolge die Bundesrepublik 500 Millionen US-Dollar in erneuerbare Energien in dem westafrikanischen Land investiert und im Gegenzug Flüssiggas von dort erhält.[10] Die ersten Lieferungen sind für dieses Jahr vorgesehen. Sie würden – wie die Lieferungen aus Algerien – dazu beitragen, trotz des Ausstiegs aus dem Erwerb russischen Flüssiggases und ungeachtet der Lieferprobleme bei Erdgas etwa aus Qatar Deutschlands Abhängigkeit von US-Flüssiggas weiter zu mindern. Auch in Nigeria nimmt Berlin zudem den Bezug von grünem Wasserstoff in den Blick. Bereits im Herbst 2023 hatte der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz erklärt, Nigeria sei nicht nur „gut aufgestellt“, um Deutschland jenes „Flüssigerdgas“ zu liefern, „das wir in den kommenden Jahren weiterhin brauchen werden, bis der Wasserstoffmarkt voll etabliert ist“. Es könne zudem „ein zentraler Akteur“ in Deutschlands Versorgung mit Wasserstoff werden.[11] Die Bundesregierung unterhält seit Jahren eine „Wasserstoff-Partnerschaft“ mit Nigeria und betreibt dort ein „Wasserstoffbüro“.[12]
„Ein neokoloniales Projekt“
Scharfe, beispielhafte Kritik ist im vergangenen Jahr an der geplanten Wasserstoffpipeline laut geworden, die aus Algerien nach Deutschland führen und die Bundesrepublik mit grüner Energie versorgen soll. Wie es in einer Protesterklärung explizit heißt, die im März 2023 von 87 nichtstaatlichen Organisationen unterzeichnet wurde, verstetigt der Wasserstoffimport Deutschlands und anderer Länder des wohlhabenden Westens aus Ländern des Südens, so etwa aus Afrika, lediglich die Ausbeutung von deren Ressourcen zwecks Export in die reiche westliche Welt. Sie setzt damit „das extraktivistische Erbe der Vergangenheit fort“, das den Staaten des Südens eine eigenständige Entwicklung unmöglich gemacht hat.[13] Gleichzeitig stärkt es Unternehmen aus der Branche der fossilen Energien, denen es erlaubt, etwa mit dem Bau neuer Pipelines und sonstiger Transportinfrastruktur ihre herkömmlichen Strukturen aufrechtzuerhalten – zu Lasten des Globalen Südens, dessen eigene Entwicklung durch die Entnahme seiner Rohstoffe anstelle des Aufbaus einer Wertschöpfungskette vor Ort weiterhin hinausgezögert wird. Letztlich seien der Bau der Pipeline und die Ausbeutung erneuerbarer Energien im Globalen Süden mit Hilfe von Wasserstoff „ein neokoloniales Projekt“. Die Einstufung kann auch auf die anderen Erdgas- und Wasserstoffprojekte übertragen werden, mit denen sich Außenminister Wadephul auf seiner Afrikareise befasst.
[1] Jennifer Holleis, Majda Bouazza: Algeriens neue Schlüsselrolle in der EU-Energiepolitik. dw.com 19.07.2026.
[2] Import von US-Fracking-Gas nach erstem Amtsjahr von Trump auf Rekordhoch: Deutsche Umwelthilfe warnt vor neuer Abhängigkeit bei LNG-Importen. duh.de 22.01.2026.
[3] Jack Dutton: Algeria begins work on Trans-Saharan gas pipeline to Europe. al-monitor.com 05.06.2026.
[4] Hydrogen Pipeline Sparks Outrage. corporateeurope.org 17.03.2025.
[5] Pressekonferenz von Bundeskanzler Merz und dem Staatspräsidenten der Demokratischen Volksrepublik Algerien, Tebboune, am 16. Juli 2026 in Berlin.
[6] Ullrich Umann: Mauretanien wird zum Wasserstoff-Hub Westafrikas. gtai.de 07.05.2024.
[7] Claudia Bröll: Mehr grüner Wasserstoff für Deutschland. faz.net 08.03.2023.
[8] Ullrich Umann: Mauretanien wird zum Wasserstoff-Hub Westafrikas. gtai.de 07.05.2024.
[9] Außenminister Wadephul vor seiner Abreise nach Mauretanien, Nigeria und Südafrika. auswaertiges-amt.de 20.07.2026.
[10] Deutschland und Nigeria einigen sich auf Gaslieferung. zeit.de 22.11.2023.
[11] Scholz sieht Nigeria als potenziellen Wasserstoff-Lieferant. handelsblatt.com 30.10.2023.
[12] Nigeria, Germany Deepen Hydrogen Partnership Following National Policy Draft Unveiling. arise.tv 19.12.2025.
[13] Joint Statement: We say No to the South H2 Corridor. corporateeurope.org 17.03.2025.
