Die europäische NATO

Die Vereinigten Staaten ziehen militärische Fähigkeiten und Truppenteile aus der NATO ab. Europäische Militärs übernehmen mehr Führungsposten, halten Manöver ohne die USA ab und ersetzen US-Waffensysteme: Die NATO wird „europäisch“.

BRÜSSEL/WASHINGTON (Eigener Bericht) – US-Kriegsminister Pete Hegseth stellt eine weitere Reduzierung der US-Beitragszahlungen an die NATO sowie den Abzug von Truppen aus Europa in Aussicht. Wie Hegseth am gestrigen Donnerstag auf einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel erklärte, sollten entsprechende „Überprüfungen“ spätestens in einem halben Jahr abschlossen sein. Damit setzt sich der Teilrückzug der Vereinigten Staaten aus der NATO fort. Zuletzt hatte die Trump-Administration Anfang Juni umfassende Fähigkeiten und Truppenteile bei der NATO „ausgemeldet“; sie stehen dem Bündnis für Operationen nun nicht mehr zur Verfügung. Der Schritt sei verkraftbar, hieß es; doch dringen Verteidigungsminister Boris Pistorius und andere darauf, derlei Schritte künftig frühzeitig anzukündigen und sorgfältig abzustimmen. Die „Ausmeldung“ von US-Kapazitäten ist Teil eines Prozesses, der schon vor geraumer Zeit in die Wege geleitet und 2025 mit Blick auf die Austrittsdrohungen von US-Präsident Donald Trump von europäischer Seite beschleunigt wurde: Europäer übernehmen mehr Posten in der NATO, halten mehr Manöver allein ab und ersetzen zunehmend US-Waffensysteme. Von einer „europäischen NATO“ ist die Rede.

„Eine enorme Herausforderung“

Von der Stärkung des „europäischen Pfeilers der NATO“ ist in Debatten über die Zukunft des Militärbündnisses schon seit langem die Rede. Insbesondere während der ersten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump wurde auch in Berlin der Plan immer wieder thematisiert, die Bündnisaktivitäten der europäischen Mitglieder auszuweiten – auch, um für den Fall, dass der US-Präsident die Präsenz seines Landes in der NATO deutlich verringere oder gar auf einen Austritt orientiere, vorbereitet zu sein. Nach Trumps zweitem Amtsantritt im vergangenen Jahr wurde der Plan, wie das Wall Street Journal Mitte April berichtete, wieder aufgegriffen – diesmal unter dem Schlagwort „europäische NATO“.[1] Jetzt gingen allerdings europäische Stellen daran, konkrete Schritte zu planen, etwa die Einsetzung europäischen Personals in Kommandostrukturen oder auch die Ersetzung von US-Militärgerät durch europäisches. Dies sei auf informellen Treffen diskutiert und, soweit möglich, informell umgesetzt worden. „Die Herausforderung ist enorm“, hielt das Wall Street Journal fest; die gesamte NATO-Struktur sei ursprünglich „auf nahezu allen Ebenen“ um die als gesetzt und unumstößlich geltende US-Führung herum errichtet worden.

Der Berliner Kurswechsel

Einen Schub habe den Bestrebungen die Entscheidung von Bundeskanzler Friedrich Merz gegen Ende des vergangenen Jahres verpasst, die bis dahin gewahrte deutsche Zurückhaltung gegenüber den Plänen für eine „europäische NATO“ aufzugeben und sich den Schritten anzuschließen, hieß es weiter im Wall Street Journal. Deutschlands Kurswechsel habe den Weg für eine breitere Einigung unter den anderen Beteiligten gebahnt – so unter anderem in Großbritannien, Frankreich, Polen, in den Staaten Nordeuropas oder in Kanada –, die nun als „Koalition der Willigen“ innerhalb des Bündnisses damit befasst seien, Notfallpläne zu schmieden.[2] Der Berliner Schwenk habe außerdem sehr spezifische Überlegungen initiiert, etwa die Fragen, wer bei einem partiellen oder gar kompletten Rückzug der USA die NATO-Raketenabwehr leiten werde, wie die Nachschubkorridore nach Polen und ins Baltikum geschützt werden sollten oder wer sich um die Logistiknetzwerke kümmere, sollten die dafür zuständigen US-Offiziere zurücktreten. In der Tat rückten mittlerweile immer mehr Europäer in Führungsrollen nach; kritische Fähigkeiten aber fehlten unverändert, und es sei bis heute kein NATO-Staat Europas in der Lage, die USA als militärischen Anführer zu ersetzen.

Postenwechsel

Die Vereinigten Staaten stehen der Entwicklung offenkundig nicht im Weg. Der jüngste größere Wechsel in NATO-Führungsposten, bei dem europäische Generäle und Admirale auf Posten rückten, die zuvor US-Militärs vorbehalten waren, wurde im Februar angekündigt. So soll künftig das Joint Force Command in Neapel von einem Italiener, das Joint Force Command in Norfolk (US-Bundesstaat Virginia) von einem Briten geführt werden. Das Joint Force Command Brunssum (Niederlande) wiederum, das seit Jahrzehnten von einem Deutschen, einem Briten oder einem Italiener geführt wird – seit 2025 untersteht es dem Luftwaffengeneral Ingo Gerhartz –, soll künftig zwischen einem Deutschen und einem Polen rotieren.[3] Klar ist allerdings, dass die Vereinigten Staaten den Posten des NATO-Oberbefehlshabers mit Dienstsitz belgischen Mons, den Saceur (Supreme Allied Commander Europe), den sie seit je mit einem US-Amerikaner besetzen, nicht preisgeben wollen. Zudem erhalten sie, wie im Februar beschlossen wurde, zu den Posten der Kommandeure der NATO-Luftstreitkräfte in Ramstein und der NATO-Landstreitkräfte im türkischen Izmir den Posten des Kommandeurs der NATO-Seestreitkräfte im britischen Northwood hinzu. Sie behalten also starken Einfluss und ebenso starke Kontrolle.

Manöver ohne die USA

Parallel zum Bestreben, europäische Militärs auf hervorgehobenen NATO-Posten wie auch auf wichtigen Stellen in der NATO-Hierarchie unterhalb der Spitze zu platzieren, nimmt auch die Zahl der NATO-Manöver zu, die unter europäischer Leitung oder sogar alleine von den europäischen Bündnisstaaten völlig ohne Beteiligung von US-Truppen durchgeführt werden. So beteiligten sich an den Manövern Steadfast Dart 2025 und Steadfast Dart 2026, mit denen die Entsendung der Allied Reaction Force (ARF) nach Südosteuropa (2025) bzw. das Zusammenziehen von Truppen der europäischen Mittelmeeranrainer in Deutschland für einen Weitermarsch nach Osten (2026) geprobt wurden, jeweils nur europäische Militärs; die US-Streitkräfte blieben fern.[4] Fanden beide Manöver der neuen Serie erst nach Trumps zweitem Amtsantritt statt, so wurden sie bereits während der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden geplant – ein Hinweis darauf, dass die umfassenderen europäischen Bündnisaktivitäten nicht ausschließlich eine Reaktion auf Trumps NATO-Austrittsdrohungen sind, sondern dass die Entlastung der US-Truppen – für Operationen gegen China in der Asien-Pazifik-Region – strategischen Planungen der USA entspricht. Trumps Drohpolitik verstärkt den Prozess allerdings.

Lücken füllen

Anfang Juni beschleunigte die Trump-Administration die Entwicklung. Berichten zufolge meldeten die Vereinigten Staaten bestimmte Fähigkeiten und Truppenteile, die sie bislang der NATO zur Verfügung gestellt hatten, kurz vor einer Truppenstellerkonferenz (Force sourcing conference) im NATO-Oberkommando für Europa (SHAPE) im belgischen Mons aus. Es heißt, es handle sich dabei unter anderem um eine von zwei US-Flugzeugträgergruppen, „die Hälfte aller Kreuzer- und Zerstörerverbände“, fast die Hälfte aller Seefernaufklärer sowie „alle U-Boote, die Marschflugkörper wie den Tomahawk starten können“.[5] Zudem gehe es „um einen von zwei Langstreckenbomberverbänden, 54 von 153 Kampfflugzeugen, 16 von 79 Tankflugzeugen, alle Langstreckenaufklärungsdrohnen“ und annähernd die Hälfte der Reaper-Drohnen. Aus europäischen NATO-Kreisen war zu hören, der Schritt sei zwar unangekündigt erfolgt, stelle aber keine unlösbaren Probleme. Zum einen meldeten NATO-Staaten im Durchschnitt weniger als 50 Prozent ihrer gesamten Fähigkeiten und Truppen ein, weshalb es noch freie Kapazitäten gebe. Zum anderen seien auch die eingemeldeten US-Einheiten längst nicht immer in Europa präsent, sondern operierten zuweilen auch in anderen Weltgegenden. Die Lücken ließen sich also im Wesentlichen füllen, hieß es in Brüssel.[6]

Eigenständig kriegsfähig

Nach der jüngsten Ankündigung von US-Kriegsminister Pete Hegseth auf dem Treffen der NATO-Verteidigungsminister am gestrigen Donnerstag in Brüssel [7], die USA zögen eine weitere Reduzierung ihrer NATO-Beitragszahlungen und den Abzug von Truppen aus Europa in Betracht, verlangte Verteidigungsminister Boris Pistorius einen „Fahrplan“ für weitere US-Rückzüge aus der NATO. Zwar könne man einige Fähigkeiten rasch ersetzen. Für andere aber benötige man „entweder Überbrückung oder eben mehr Zeit“.[8] Dabei handelt es sich um rein technische Fragen. Grundsätzliche Einwände hat Berlin nicht: Der Rückzug der USA aus den NATO-Strukturen eröffnet die Perspektive, eine eigenständig handlungsfähige, faktisch europäische Militärstruktur zu erhalten, die dann auch in deutsch-europäischem Interesse eingesetzt werden kann. Die „europäische NATO“ steht dann Berlin und der EU zur Verfügung.

 

[1], [2] Bojan Pancevski, Daniel Michaels: Europe Is Accelerating a NATO Fallback Plan in Case Trump Pulls Out. wsj.com 14.04.2026.

[3] European Allies to take on new leadership roles in NATO’s Command Structure. nato.int 06.02.2026.

[4] Christopher F. Schuetze: NATO Is Having a Military Exercise. The U.S., Its Largest Member, Won’t Be There. nytimes.com 29.01.2026. S. dazu Die europäisierte NATO.

[5] Thomas Gutschker: Eine lange Liste amerikanischer Ausmeldungen. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.06.2026.

[6] USA entziehen NATO wichtige Beiträge auf See und in der Luft. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.06.2026.

[7] Daniel Michaels, Michael R. Gordon: Hegseth Announces Review of U.S. Forces in Europe, Threatens NATO Cuts. wsj.com 18.06.2026.

[8] Amerika droht Verbündeten mit Abzug weiterer Kräfte. Frankfurter Allgemeine Zeitung 19.06.2026.


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