Strategie ohne Praxis

Deutschland und die EU liegen bei Entwicklung und Nutzung Künstlicher Intelligenz (KI) weit hinter den USA und China zurück. Lediglich bei der Strategiebildung gehörte die Bundesrepublik zu den globalen Vorreitern.

BRÜSSEL/BERLIN (Eigener Bericht) – Deutschland und die EU liegen bei Entwicklung und Anwendung Künstlicher Intelligenz (KI) weit hinter den globalen Vorreitern USA und China zurück. Dies bestätigen zahlreiche Untersuchungen, darunter eine aktuelle Studie, die von der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung veröffentlicht worden ist. Dieser zufolge befindet sich Europa etwa beim globalen Marktanteil von KI-Anwendungen dramatisch im Rückstand: Während amerikanische KI-Apps 1,35 Milliarden mal heruntergeladen wurden, beliefen sich die Downloads europäischer KI-Apps auf lediglich 1,26 Millionen. Auch bei der Entwicklung fortschrittlicher KI-Modelle, der Gewinnung von Investitionen für KI, der Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten zum Thema KI sowie bei Patenten hinkt Europa hinter den USA und China hinterher. Das einzige europäische Unternehmen, das bei der Entwicklung von KI-Modellen globale Bedeutung besitzt – Mistral –, kommt aus Frankreich. Darüber hinaus treiben deutsche Unternehmen die Einführung von KI vergleichsweise zögerlich voran. Nur die Strategieformulierung gelingt: Deutschland war eines der ersten Länder weltweit mit einer nationalen KI-Strategie. Bei der Umsetzung in die Praxis hapert es allerdings.

Europa: weit abgeschlagen

Bei den Downloads von KI-Apps „dominieren US-Unternehmen weltweit, wobei China seit Mitte 2025 aufholt und Europa zurückliegt“: So lautet das Ergebnis einer neuen Studie der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung mit dem Titel „The Geopolitics of AI App Exports“, die von einem Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) erstellt wurde.[1] Die Ergebnisse, die auf der Anzahl der Downloads von Android-Apps basieren, zeichnen ein für Europa desillusionierendes Bild. Von Anfang 2023 bis April 2026 dominierten US-amerikanische KI-Apps weltweit mit rund 1,35 Milliarden Downloads, während China mit 205,41 Millionen an zweiter Stelle lag; die EU hinkte mit lediglich 1,26 Millionen Downloads von KI-Apps des französischen Unternehmens Mistral weit hinterher. Eines der auffälligsten Ergebnisse der Studie ist die Dominanz chinesischer KI-Apps in lateinamerikanischen Ländern. Abgesehen davon, dass sie in Russland, Belarus, auf den Philippinen und in Indonesien den größten Marktanteil hatten, waren die Downloadzahlen der chinesischen Apps in Ländern wie Argentinien, Brasilien, Bolivien, Peru, Ecuador und Mexiko am höchsten. Demgegenüber behalten US-amerikanische KI-Apps ihre Dominanz in Nordamerika, Westeuropa, Zentral- und Südasien sowie in den arabischen Ländern.

Technologische Einflusssphären

Wie der Autor hervorhebt, spiegeln sich darin allgemeine technologische Einflusssphären („Technosphären“) wider – definiert als „geografische Gebiete, in denen eine externe Macht privilegierte, aber keine ausschließliche Fähigkeit zur Kontrolle von Technologie besitzt und/oder in denen der externe Akteur einen vorherrschenden Einfluss in Bezug auf die Technologie-Governance ausübt“.[2] Weiter heißt es, Technologie habe zwar schon immer zur Ausübung von Kontrolle beigetragen; diese Fähigkeit nehme im Zeitalter der KI jedoch ein „weitaus größeres“ Ausmaß an. Aus diesem Grund umfassen die Empfehlungen der Studie an die EU unter anderem die Verringerung der Abhängigkeit von chinesischen Open-Source-Grundmodellen. Die Studie hebt die Abhängigkeit sowohl des europäischen als auch des US-amerikanischen Ökosystems von KI-Startup-Apps aus China hervor, die auf das Fehlen geschlossener US-Modelle in Europa zurückzuführen ist. Darüber hinaus betont der Autor die Notwendigkeit, Allianzen zwischen spezialisierten europäischen KI-Unternehmen zu schmieden, um dem Rückstand der EU bei der Entwicklung innovativer Large Language Models (LLM) entgegenzuwirken.

40 zu 15 zu 3

Der massive Rückstand der EU gegenüber den USA und China geht auch aus anderen Studien, Indizes und Daten hervor. Laut dem KI-Index der Stanford University entwickelten die USA im Jahr 2024 40 hochmoderne KI-Modelle, China immerhin 15.[3] Die EU hingegen entwickelte lediglich drei, die alle von dem französischen Unternehmen Mistral stammten. Im selben Jahr gelang es US-amerikanischen KI-Unternehmen, Investitionen in Höhe von insgesamt 109 Milliarden Dollar anzuziehen, während ihre EU-Pendants lediglich 14,9 Milliarden Dollar einwerben konnten. Darüber hinaus hat China laut einer Studie von Digital Science, einem KI-Thinktank, im Jahr 2024 alle anderen Länder weltweit bei wissenschaftlichen Publikationen auf dem Feld der KI mit 23.695 Veröffentlichungen weit übertroffen.[4] Die entsprechende Zahl lag in der EU bei 10.055, in den USA bei 6.378 und im Vereinigten Königreich bei 2.747. Im vergangenen Jahr diskutierte Apple Berichten zufolge intern sogar über den Kauf des einzigen europäischen Unternehmens, das derzeit weltweit an der Spitze der KI-Entwicklung konkurrenzfähig ist.[5] Wäre dies eingetreten, dann wäre der EU kein heimischer KI-Entwickler geblieben, der zur globalen Branchenspitze zählt.

Die Bundesrepublik liegt zurück

Liegt schon die EU zusammengenommen weit hinter den USA und China, so gilt dies erst recht für Deutschland. Eine Studie, die das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) im Auftrag von KfW Research im Jahr 2021 durchführte, ergab, dass damals die Entwicklung von KI-Technologie im Vergleich zu anderen Technologien wie Robotik, Batterietechnologie, Cybersicherheit noch als weniger wichtig eingeschätzt wurde und in einem Ranking lediglich auf Platz 20 lag.[6] Im Jahr 2024 hatte Deutschland einen Anteil von lediglich 6 Prozent an den weltweiten KI-Patenten; damit lag es weit hinter China (29 Prozent) und den USA (27 Prozent). Während sich in China die Zahl der Patentanmeldungen seit Beginn der 2000er Jahre verhundertfacht hat, hat sie sich in Deutschland lediglich verdreifacht. Deutschlands Rückstand lässt sich auch mit dem ökonomischen Modell des „Revealed Comparative Advantage“ (RCA) darstellen; dabei handelt es sich um eine Kennzahl zur Bestimmung des Export-Import-Verhältnisses eines Landes bei einer bestimmten Produktgruppe im Verhältnis zu seinem gesamten Export-Import-Verhältnis. Deutschlands KI-RCA lag 2024 bei minus 57. Der RCA spiegelt wider, wie erfolgreich inländische Unternehmen sich gegenüber ausländischen Unternehmen positionieren können.

Im Deutschlandtempo

Abgesehen von seinem Rückstand bei den KI-Fähigkeiten ist Deutschland zudem mit einer Stagnation bei der Einführung von KI in der Wirtschaft konfrontiert. Eine Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim aus dem Jahr 2024 ergab, dass deutsche Unternehmen KI zwar häufiger nutzten als im EU-Durchschnitt, diese Nutzung jedoch seit 2021 stagnierte.[7] Von 2021 bis 2023 stieg der KI-Einsatz in deutschen Unternehmen lediglich um einen Prozentpunkt – von 11 auf 12 Prozent. Punkten konnte die Bundesrepublik immerhin bei einem „KI-Fitness“-Index der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), der die allgemeine Bereitschaft eines Landes misst, KI einzuführen, zu regulieren und davon zu profitieren. In einer in diesem Jahr veröffentlichten globalen KI-Leistungsstudie erzielte Deutschland auf dem PwC-Index 5,6 Punkte.[8] Damit lag es leicht über dem globalen Median (5,5) und klar vor den USA (5,2), jedoch deutlich hinter China (6,9), Hongkong (6,7) und Saudi-Arabien (6,2).

Im Land der Dichter

Deutschlands insgesamt schwache Leistung in der KI steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die Bundesrepublik 2018 zu den ersten Ländern weltweit gehörte, die eine nationale KI-Strategie auf den Weg brachten.[9] Die Strategie war ein gemeinsames Projekt der Ministerien für Bildung und Forschung sowie für Wirtschaft und Arbeit und wurde bis 2025 mit einer Anschubfinanzierung von drei Milliarden Euro ausgestattet.[10] Die Finanzierung erhielt durch das Konjunktur- und Zukunftspaket 2020 einen Schub in Höhe von weiteren zwei Milliarden Euro. Die deutsche Strategie aus dem Jahr 2018 beruhte auf drei Zielen: Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands als Forschungs- und Wirtschaftsstandort für KI; Gewährleistung einer „verantwortungsvollen“ KI-Entwicklung; Integration der KI in die Gesellschaft durch einen breiten Dialog. Im Jahr 2020 wurde die Strategie aktualisiert, um neuen Entwicklungen und Erfordernissen Rechnung zu tragen, darunter etwa die Pandemiebekämpfung, Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Zuletzt veröffentlichte das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) im November 2023 einen KI-Aktionsplan, der unter anderem auf eine engere europäische Zusammenarbeit abzielt.

 

[1], [2] Valetin Weber: The Geopolitics of AI App Exports. Friedrich Naumann Foundation June 2026.

[3] The 2025 AI Index. Stanford University, April 2025.

[4] Dennis Normile: China tops the world in artificial intelligence publications, database analysis reveals. science.org 11.07.2025.

[5] Apple internally discussed buying Mistral, Perplexity, the Information reports. reuters.com 26.08.2025.

[6] Volker Zimmermann: Artificial intelligence in Germany: Status quo, opportunities and options for economic policy measures. KfW Research 21.06.2024.

[7] AI Adoption Stagnates in German Companies. zew.de 28.08.2024.

[8] Global AI Performance Study: Germany's AI Readiness Ahead of the U.S., Behind China. e3mag.com 09.07.2026.

[9] Federal Ministry of Research, Technology and Space: Artificial Intelligence. bmftr.bund.de.

[10] James Dargan: Germany’s AI Strategy: Funded But Stuck. theaiinsider.tech 13.07.2026.


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