Die Zwischenbilanz des Irankriegs (II)

Der Irankrieg eskaliert mit einem iranischen Angriff auf Israel erneut. Teheran hat sich bislang erfolgreich behauptet und kann auch die Bevölkerung wieder hinter sich scharen. Die EU treibt Pläne für Hormuz-Marineeinsatz voran.

TEHERAN/WASHINGTON/BERLIN (Eigener Bericht) – Der Irankrieg, auf den die Bundesregierung bislang vergeblich Einfluss zu erhalten sucht, eskaliert mit Irans jüngsten Angriffen auf Israel erneut. Nachdem die Regierung in Teheran in der vergangenen Woche jeweils mit Gegenangriffen auf vereinzelte Attacken der Vereinigten Staaten geantwortet hat, hat sie am Wochenende zum ersten Mal seit dem Beginn des Waffenstillstands den Beschuss von Zielen in Israel befohlen. Anlass sind Israels Angriffe auf Beirut, die Absprachen mit der Trump-Administration brechen. Teheran sucht den aktuellen Streit zwischen den USA und Israel zu nutzen, um Washington zu zwingen, Israels Angriffen auf den Libanon ein Ende zu setzen. Hintergrund ist, dass es der iranischen Regierung bisher nicht nur gelungen ist, sich im Krieg gegen einen weit übermächtigen Gegner zu behaupten, sondern auch einen Kollaps der iranischen Wirtschaft zu verhindern und die Bevölkerung wieder stärker hinter sich zu sammeln. Sie setze erfolgreich auf einen pragmatischen Nationalismus, heißt es in einer aktuellen Analyse der US-Zeitschrift Foreign Affairs. Die EU rät aktuell dazu, den geplanten Marineeinsatz in der Straße von Hormuz über den bestehenden Marineeinsatz Aspides zu legitimieren.

„Pragmatische Nationalisten“

Wie es in der Analyse in Foreign Affairs heißt, haben die Enthauptungsschläge, die Israel vor allem zu Beginn des Krieges gegen Irans damalige Staatsspitze führte, nicht nur das Ziel verfehlt, den Sturz der Regierung in Teheran herbeizuführen. Sie haben vielmehr beigetragen, auf den oberen Rängen des iranischen Staates einen Generationswechsel zu forcieren. An der Macht sind nun nicht mehr Personen, deren Weltsicht im Kampf gegen das Schahregime und in der Planung des Umsturzes geprägt wurde, sondern eine Generation, die in den 1980er Jahren im Krieg gegen den Irak ihr Land verteidigen und dabei wegen ihrer bedrängten Lage erhebliche Kreativität entwickeln musste. Zudem drängt auf den nachfolgenden Ebenen der Hierarchien die nächste Generation nach oben, die nach dem Krieg gegen den Irak aufwuchs; für sie stehe nicht mehr die „revolutionäre Ideologie“, sondern die „nationale Verteidigung“ im Mittelpunkt, urteilen die Autorin und der Autor des Foreign Affairs-Beitrags, die beide an der renommierten School of Advanced International Studies der Johns Hopkins University lehren.[1] Es handle sich nicht mehr um religiöse Hardliner, sondern um ganz „pragmatische, hartgesottene Nationalisten“, die „ein klares Bild von Irans Fähigkeiten und Schwachstellen“ hätten: „Sie verteidigen keine Revolution. Sie verwalten einen Staat.“

Dezentrale Strukturen

Der neuen Generation an der Spitze des iranischen Staats ist es schon nach dem Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025 – damals noch unter dem obersten religiösen Führer Ali Khamenei – gelungen, das Land auf einen erneuten Überfall durch die USA und Israel vorzubereiten. So wurden Entscheidungsbefugnisse etwa in puncto Handel, Landwirtschaft und Sozialsysteme aus der Landes- in Provinzhauptstädte verlagert, also dezentralisiert.[2] Zu den Streitkräften heißt es in Foreign Affairs, sie seien systematisch „in ein Netz von Operationskommandos umgewandelt“ worden, das „stärker einer Guerillaarmee“ ähnele „als einer konventionellen Streitmacht“. Letztlich seien die staatlichen Apparate – das Militär inklusive – „in eine kohärente Entscheidungsstruktur“ transformiert worden, „die den Verlust jedes einzelnen Anführers überleben konnte“. Dies habe es ermöglicht, Israels brutale Enthauptungsschläge ohne Verlust der eigenen Handlungsfähigkeit zu überstehen. Für seine Zukunft setze Iran nicht mehr darauf, die Aufhebung der US-Sanktionen zu erreichen; da Washington sie jederzeit neu in Kraft setzen könne, sei auf die Reintegration in das westliche Finanzsystem kein Verlass, resümiert der Beitrag in Foreign Affairs Irans neue Haltung. Vielmehr müsse man aus der faktischen Kontrolle der Straße von Hormuz Nutzen schlagen (german-foreign-policy.com berichtete [3]).

„Eine neue Identität“

Als zentral gilt es der neuen iranischen Staatsspitze, die Wirtschaft in Schwung zu bringen: eine Schlussfolgerung aus früheren Protesten der iranischen Bevölkerung, die in vielen Fällen durch wirtschaftliche Nöte ausgelöst wurden. Bislang sei es Teheran gelungen, trotz aller Schwierigkeiten umfassende Mängel in der Versorgung der Bevölkerung zu verhindern. In der Zeit der US-amerikanisch-israelischen Angriffe habe es Irans Staatsspitze vermocht, nicht nur offene Proteste, wie es sie im Januar dieses Jahres gab, zu verhindern, sondern sogar die Bevölkerung in gewissem Umfang hinter sich zu scharen. Zwar bestehe die Kritik an der Regierung im Grundsatz fort, heißt es in Foreign Affairs. Doch habe sich Irans Bevölkerung mehr und mehr gegen die Bombardements mobilisieren lassen, habe Menschenketten um Kraftwerke gebildet sowie sich auf Brücken versammelt, die US-Präsident Donald Trump zu zerstören gedroht habe. Gleichzeitig habe die Regierung etwa den Kopftuchzwang faktisch gelockert und so neue Freiheiten gewährt. Der Krieg und die neue Politik der Regierung brächten in der Bevölkerung eine „neue Identität“ hervor, wird ein Universitätsprofessor aus Iran zitiert.[4] Gelingt es Teheran, die Wirtschaft genauso effizient in Schwung zu bringen, wie es das Überleben im Krieg organisiert habe, dann könnte die Regierung also womöglich sogar gestärkt aus dem Waffengang hervorgehen.

Die Entscheidung erzwingen

Mit Blick auf ihre gestärkte Position und auf die bisherigen materiellen Verluste der USA im Irankrieg bzw. ihre dezimierten Raketenbestände (german-foreign-policy.com berichtete [5]) hat die Regierung in Teheran in den vergangenen Tagen nicht nur punktuelle US-amerikanische Angriffe jeweils mit Gegenangriffen beantwortet – zuletzt richteten sie sich gegen zwei US-Luftwaffenstützpunkte in Kuwait sowie gegen die US-Marinebasis in Bahrain –, sondern am gestrigen Sonntag auch erneute Angriffe Israels auf Beirut, die die Abmachungen zwischen Iran und den Vereinigten Staaten brechen, mit dem Beschuss von Zielen in Nordisrael beantwortet, dies zum ersten Mal seit Beginn des Waffenstillstands. Der Beschuss kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die Spannungen zwischen Israel und den USA deutlich zugenommen haben. In der vergangenen Woche war bekannt geworden, dass US-Präsident Donald Trump Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu während eines Telefonats wüst beschimpft hatte, weil Israel mit seinen Attacken auf den Libanon die von Trump angestrebte Einigung mit Iran torpediert.[6] Mit dem aktuellen Angriff auf Nordisrael, auf den wohl ein erneuter Angriff Israels auf Iran folgen wird, sucht Teheran den Druck zu erhöhen: Will Washington den Krieg tatsächlich zu einem Ende bringen, muss es seinen nahöstlichen Verbündeten zur Einstellung seiner Bombardements veranlassen.

Bislang ohne Einfluss

Während sich der Krieg erneut zuzuspitzen droht, bereiten Deutschland und weitere Staaten Europas weiter einen Marineeinsatz in der Straße von Hormuz vor, von dem allerdings immer weniger klar ist, ob er zustande kommt. Wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, hat der Auswärtige Dienst der EU Ende Mai vorgeschlagen, den Einsatz, an dem sich die Deutsche Marine mit dem Minensuchboot Fulda und dem Tender Mosel beteiligen will [7], unter Rückgriff auf den EU-Einsatz Aspides zu legitimieren. Dieser Einsatz dient bisher dazu, Handelsschiffe durch das Rote Meer und den Golf von Aden zu geleiten, um sie vor einem möglichen Beschuss durch die jemenitischen Huthi zu schützen.[8] Das Mandat des Einsatzes umfasst im Grundsatz auch die Straße von Hormuz und den Persischen Golf und könnte also durchaus als Grundlage für den geplanten neuen Marineeinsatz genutzt werden.[9] Wie der Auswärtige Dienst der EU schreibt, könne Aspides jetzt „die EU-weite Eigenverantwortung“ demonstrieren: in ihrer Antwort „auf eine Situation, die alle Mitgliedstaaten betrifft“.[10] Der Einsatz hängt allerdings erstens von einem dauerhaften Waffenstillstand im Irankrieg, zweitens von einer Kooperationsbereitschaft Irans ab. Beides ist zur Zeit völlig ungewiss. Die Bundesrepublik und die EU haben keinen Einfluss darauf.

 

[1], [2] Narges Bajoghli, Vali Nasr: Iran’s New Grand Strategy. How a Remade Islamic Republic Will Reshape the Middle East. foreignaffairs.com 03.06.2026.

[3] S. dazu Die Öffnung der Straße von Hormuz (II).

[4] Narges Bajoghli, Vali Nasr: Iran’s New Grand Strategy. How a Remade Islamic Republic Will Reshape the Middle East. foreignaffairs.com 03.06.2026.

[5] S. dazu Die Zwischenbilanz des Irankriegs.

[6] Ein Zwist zwischen engen Verbündeten. Frankfurter Allgemeine Zeitung 03.06.2026.

[7] S. dazu Die Öffnung der Straße von Hormuz.

[8] S. dazu Kriegserfahrung sammeln.

[9] About the Operation EUNAVFOR ASPIDES. eeas.europa.eu 20.02.2024.

[10] Lily Bayer: EU diplomatic arm proposes naval mission take ‘primary role’ in clearing Strait of Hormuz mines. reuters.com 03.06.2026.


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