Die nächste Frontlinie

Forderung nach stärkerer Einmischung in Taiwan wird laut - gegen China. Entsendung von Kriegsschiffen im Gespräch

BERLIN/TAIPEH | |   Nachrichten | china

BERLIN/TAIPEH (Eigener Bericht) - Anlässlich der Präsidentenwahlen in Taiwan wird in Deutschland die Forderung nach umfassenderer Einmischung auf der Insel laut. Die EU und die USA müssten Taiwan künftig "bei der Aufdeckung von Desinformation" aus der Volksrepublik zu Hilfe eilen und es unter anderem durch "unabhängige Fact-Checker" unterstützen, verlangt der Ex-NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen in einem aktuellen Beitrag in der deutschen Presse: "Taiwan ist die nächste Frontlinie im Kampf zwischen Demokratie und Autokratie". Erst kürzlich hat die Wahlsiegerin vom vergangenen Samstag, Tsai Ing-wen, ein Gesetz verabschieden lassen, das es untersagt, im Auftrag einer "feindlichen ausländischen Kraft" in Taiwan politische Aktivitäten zu entfalten. Das Gesetz richtet sich gegen die Volksrepublik. Washington will künftig die taiwanische Bevölkerung gegen "chinesische Einmischung" mobilisieren. Die Maßnahmen begleiten die milliardenschwere Aufrüstung Taiwans durch die USA und Überlegungen der Bundesregierung, deutsche Kriegsschiffe nach Ostasien zu entsenden.

Auf Westkurs

Mit dem Wahlsieg der Amtsinhaberin Tsai Ing-wen steht Taiwan eine weitere Annäherung an die Vereinigten Staaten bevor. Während Experten von ihrem Gegenkandidaten Han Kuo-yu einen ausgleichenden Kurs zwischen Washington und Beijing erwartet hatten, rühmt sich Tsai, in ihrer ersten Amtszeit "die besten Beziehungen seit je zu den Vereinigten Staaten" erreicht zu haben.[1] Beobachter gehen davon aus, dass eine Fortsetzung ihres prowestlichen Kurses zu einer Zunahme der Spannungen mit der Volksrepublik führen wird. Dies betrifft in zunehmendem Maß auch den gesellschaftlichen Alltag. So hat Tsais Democratic Progressive Party (DPP) noch kurz vor den Wahlen ein "Anti-Infiltrations-Gesetz" verabschiedet, das es untersagt, im Auftrag oder mit finanzieller Unterstützung einer "feindlichen ausländischen Kraft" in Taiwan politisch aktiv zu werden. Faktisch richtet sich das Gesetz allerdings nicht gegen westliche Einflussnahme, sondern ausschließlich gegen die Volksrepublik. Ein taiwanischer Journalist wird mit der Aussage zitiert: "Wenn du regelmäßig Kontakt mit China hast, solltest du in Taiwan lieber still sein."[2] Vor allem die große Zahl an Taiwanern, die in der Volksrepublik leben oder dorthin gute persönliche oder geschäftliche Beziehungen unterhalten, geraten durch das neue Gesetz unter Druck.

"Chinesische Einmischung"

Die Vereinigten Staaten wiederum haben seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump ihre Beziehungen zu Taipeh förmlich aufzuwerten begonnen, etwa mit der Verabschiedung des Taiwan Travel Act, der offizielle Besuche führender Vertreter beider Staaten erleichtert; damit relativiert er die international anerkannte Ein-China-Politik, laut der die Volksrepublik alleinige rechtmäßige Vertreterin Chinas ist. Die Trump-Administration hat darüber hinaus Ende 2019 im Rahmen ihres Gesetzes über den Militärhaushalt eine Bestimmung verabschiedet, die die Vorlage eines Berichts über "chinesische Einmischung" in die Wahlen in Taiwan vorsieht. Berichtet werden soll auch über US-Bemühungen, "chinesische Einmischung" zu unterbinden.[3] Brent Christensen, Direktor des American Institute in Taiwan und damit Quasi-Botschafter auf der Insel, hatte schon im November berichtet, Washington arbeite mit Taipeh an Maßnahmen, die taiwanische Bevölkerung gegen "chinesische Einmischung" zu mobilisieren. Dies wiederum gilt nicht als Einmischung.

Massive Aufrüstung

Die Maßnahmen begleiten eine massive Aufrüstung Taiwans. Bereits die Obama-Administration hatte US-Rüstungsexporte auf die Insel im Wert von 14 Milliarden US-Dollar genehmigt, mehr als alle Administrationen seit 1979 zusammengenommen. Trump setzt diesen Kurs systematisch fort. Zuletzt stimmte er im August der Lieferung von Kriegsgerät im Wert von rund acht Milliarden US-Dollar zu, darunter 66 F-16-Kampfjets.[4] Ergänzend soll die US-Marine in Zukunft ihre Fahrten durch die Taiwan-Straße intensivieren. Die Durchfahrten gelten als gezielte Provokation gegen Beijing.

Kanonenbootdiplomatie

In Deutschland werden seit geraumer Zeit Forderungen laut, es der U.S. Navy gleichzutun. Dabei wird darauf verwiesen, dass auch Frankreich Kriegsschiffe durch die Taiwan-Straße schickt. In französischen Militärkreisen heißt es, dies geschehe gewöhnlich einmal pro Jahr.[5] Im Juni 2019 hieß es unter Berufung auf hochrangige Beamte in Berlin, im Verteidigungsministerium werde diskutiert, künftig auch deutsche Kriegsschiffe nach Ostasien zu entsenden: "Die Einleitung einer Marineoperation vor der Küste Taiwans" könne "ein geradezu bahnbrechender, bisher ungesehener Akt des Heldenmuts" sein.[6] Im November erklärte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer, "unsere Partner im Indo-Pazifischen Raum - allen voran Australien, Japan und Südkorea, aber auch Indien -", fühlten sich "von Chinas Machtanspruch zunehmend bedrängt; jetzt müsse die Bundesrepublik "mit unseren Verbündeten Präsenz in der Region zeigen".[7] Unlängst hat der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels, derartige Pläne indirekt bestätigt. Zwar schränkte er ein, "angesichts der vielen anderen Aufgaben der Bundeswehr" stehe "eine Marine-Präsenz im Südchinesischen Meer im Moment nicht ganz oben auf der Liste"; doch müsse "unsere Marine wieder mehr einsetzbare Schiffe bekommen - für das globale Aufgabenspektrum, das im deutschen Weißbuch und in der Europäischen Sicherheitsstrategie steht".[8]

Die Liebhaber der Freiheit

Wenige Tage vor den Wahlen in Taiwan hat der ehemalige NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen begleitend einen Ausbau der politischen Einmischung auf der Insel gefordert. Taiwan sei von einem "Informationskrieg" der Volksrepublik bedroht, erklärte Rasmussen; deshalb müsse nun "die gesamte demokratische Welt zusammenarbeiten", um es "bei der Verteidigung seiner politischen Integrität zu unterstützen". Die EU und die Vereinigten Staaten sollten dazu "eine Task Force zusammenstellen, um Taiwan bei der Aufdeckung von Desinformation zu unterstützen und die Cybersicherheitsverfahren zu verschärfen". Darüber hinaus könne man "alle taiwanesischen Kandidaten öffentlich dazu ermutigen, keine Desinformation online zu verbreiten". Schließlich sei es denkbar, "sowohl die Medienkompetenz von Politikern als auch der Zivilbevölkerung [zu] verbessern und unabhängige Fact-Checker [zu] unterstützen".[9] Der Ex-NATO-Generalsekretär schreibt: "Taiwan ist die nächste Frontlinie im Kampf zwischen Demokratie und Autokratie, und alle Liebhaber der Freiheit sollten sich dem Kampf anschließen".

"Als unabhängig anerkennen"

Den bisher weitestgehenden Vorstoß hat im August der FDP-Bundestagsabgeordnete Ulrich Lechte unternommen. Lechte, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags, hatte sich Anfang August in Taiwan aufgehalten und dabei Außenminister Joseph Wu "zu politischen Gesprächen" getroffen.[10] Gegenüber der offiziellen Nachrichtenagentur Central News Agency hatte er erklärt, die Formel "Ein Land, zwei Systeme", unter der die Volksrepublik Hongkong und Taiwan wieder eingliedern will, sei gescheitert; die westlichen Staaten müssten nun ihr Verhältnis zu Taipeh überdenken. Der deutsche Außenpolitiker erklärte dazu, er selbst unterstütze Taiwans Bestreben, in die Vereinten Nationen aufgenommen zu werden - und zwar als "unabhängiger Staat".[11] Dies wäre nicht nur ein offizieller Bruch mit der bislang verbindlichen Ein-China-Politik. Eine formelle Abspaltung Taiwans von China gilt als möglicher Kriegsgrund für die Volksrepublik.

 

Bitte beachten Sie auch unsere Video-Kolumne: Krieg gegen China.

 

[1] Lawrence Chung, Sarah Zheng: For Taiwan's voters, election is about more than Beijing and Washington. scmp.com 10.01.2020.

[2] Friederike Böge: Taiwans Angela Merkel. Frankfurter Allgemeine Zeitung 13.01.2020.

[3] U.S. bill mandates report on Chinese interference in Taiwan election. focustaiwan.tw 18.12.2019.

[4] USA rüsten Taiwan mit 66 F-16-Kampfjets aus. spiegel.de 21.08.2019.

[5] Französisches Kriegsschiff passiert Meerenge zwischen China und Taiwan. reuters.com 25.04.2019.

[6] John Vinocur: Das wäre das Ende der deutschen Zurückhaltung. welt.de 11.06.2019.

[7] S. dazu The Germans to the front.

[8] "Die Bundeswehr braucht die Vollausstattung". tagesspiegel.de 27.12.2019.

[9] Anders Fogh Rasmussen: Taiwan - nächste Frontlinie im Kampf gegen Chinas Machtgelüste. welt.de 08.01.2020.

[10], [11] S. dazu Angriff auf die Ein-China-Politik (I) und Angriff auf die Ein-China-Politik (II).



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