Erdgasdrehscheibe Deutschland

Anschlusspipeline für Nord Stream 2 seit Jahresbeginn in Betrieb. Wirtschaft fordert Umstieg von Dollar auf Euro

BERLIN/MOSKAU | |   Nachrichten | russische-foederationusa

BERLIN/MOSKAU (Eigener Bericht) - Trotz der jüngsten US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 hat zu Jahresbeginn EUGAL, die Anschlusspipeline für die deutsch-russische Erdgasleitung, ihren Betrieb aufgenommen. Erste Gaslieferungen, entnommen aus Nord Stream 1, strömten in Richtung deutsch-tschechische Grenze, wo EUGAL an das zentraleuropäische Erdgasnetz angeschlossen ist. Experten wiesen schon vor Jahren darauf hin, Deutschland werde mit Nord Stream 2 eine "zentrale Erdgasdrehscheibe auf dem europäischen Markt". In besonderem Maß begünstigt das die Kasseler BASF-Tochterfirma Wintershall. Washington ist es gelungen, die Fertigstellung der Pipeline mit neuen Sanktionen wohl bis Ende dieses Jahres zu verzögern. Ein Drohbrief, mit dem US-Senatoren ein Schweizer Unternehmen ultimativ aufforderten, die Arbeit an Nord Stream 2 einzustellen, ist unlängst bekannt geworden. Darin heißt es etwa: "Stoppen Sie JETZT und lassen Sie die Pipeline unfertig zurück ..., oder Sie riskieren, Ihr Unternehmen für immer aufzugeben". Deutsche Manager dringen darauf, im Kampf gegen US-Sanktionen vom Dollar auf den Euro umzusteigen.

Das Nord Stream-Anschlussnetz

Anfang Januar hat die Anschlusspipeline für die noch in Bau befindliche Erdgasleitung Nord Stream 2 den Betrieb aufgenommen. Die Pipeline EUGAL (Europäische Gas-Anbindungsleitung), deren Bau im Spätherbst abgeschlossen werden konnte, transportierte erstmals Gas aus Lubmin nahe Greifswald in Richtung Süden. Bei Deutschneudorf (Sachsen) an der deutsch-tschechischen Grenze mündet EUGAL in Tschechiens Erdgasnetz. Der erste, seit dem 1. Januar genutzte Strang kann bis zu 30,9 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr transportieren; nach Fertigstellung des zweiten Strangs wird das Maximalvolumen 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr erreichen - genau so viel, wie Nord Stream 2 anliefern kann.[1] Übergangsweise wird EUGAL noch aus Nord Stream 1 gespeist. Für deren Anschluss sieht das Nord Stream-Gesamtkonzept ansonsten die Pipelines OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung) und NEL (Norddeutsche Erdgasleitung) vor. OPAL, seit 2011 im Einsatz, verläuft weitgehend parallel zu EUGAL und bewältigt bis zu 36,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr; NEL, seit 2012 in Betrieb, führt aus Lubmin nach Rehden in Niedersachsen und liefert 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. EUGAL, OPAL und NEL werden unter dem Dach der WIGA-Gruppe betrieben, eines Gemeinschaftsunternehmens der BASF-Tochterfirma Wintershall und des russischen Erdgasriesen Gazprom.

Drohbrief aus Washington

Laut aktuellem Sachstand wird Nord Stream 2 nicht wie geplant in Kürze den Betrieb aufnehmen können. Ursache sind neue, parteiübergreifend in Washington beschlossene US-Strafmaßnahmen. Die Sanktionen, die Präsident Donald Trump am 20. Dezember unterzeichnet hat und die neben Einreisesperren auch das Einfrieren von Vermögen in den USA androhen, richten sich de facto gegen das Unternehmen Allseas mit Sitz in der Schweiz, das weltweit einzigartige Spezialschiffe für den Bau von Unterseepipelines betreibt. Allseas hat seine Mitarbeit am Bau von Nord Stream 2 mit sofortiger Wirkung eingestellt, nachdem die Unternehmensleitung einen Drohbrief der beiden US-Senatoren Ted Cruz und Ron Johnson erhalten hatte. Der Journalist Udo Leuschner hat das Schreiben auf seiner Website publiziert. Darin heißt es, die neuen US-Sanktionen seien ganz speziell mit dem Ziel verabschiedet worden, "die Arbeit Ihrer Firma für Nord Stream 2 unmittelbar zu stoppen". Zwar gebe es eine Übergangsfrist von 30 Tagen; falls Allseas jedoch die Frist nutzen wolle, um die Leitung in letzter Sekunde fertigzustellen, dann werde das "die künftige finanzielle Überlebensfähigkeit Ihres Unternehmens zerstören".[2] "Sie haben die Wahl", drohen die US-Senatoren: "Stoppen Sie JETZT und lassen Sie die Pipeline unfertig zurück ..., oder Sie riskieren, Ihr Unternehmen für immer aufzugeben". Die US-Senatoren schließen ihren Drohbrief mit dem Kommentar, es sei "Zeit", für die Allseas-Spezialschiffe "andere Gewässer zu finden".

13 Milliarden Euro

Gazprom bemüht sich für die Fertigstellung von Nord Stream 2 nun um Ersatz. Das einzige Schiff überhaupt, das prinzipiell geeignet sei, die Arbeiten zur Verlegung der letzten 160 Pipelinekilometer zu übernehmen, sei die russische "Akademik Tscherski", heißt es bei dem Konzern; es müsse dazu allerdings von seinem Standort in Nachodka im Japanischen Meer herangeführt und zusätzlich ausgerüstet werden. Von einer Verzögerung der Inbetriebnahme bis Jahresende und von Mehrkosten in zwei-bis dreistelliger Millionenhöhe ist die Rede.[3] Die Einstellung der Arbeiten kommt schon aus ökonomischen Gründen nicht in Betracht: Allein die Anschlusspipeline EUGAL wird bis zur Fertigstellung Ende 2020 bis zu drei Milliarden Euro verschlungen haben; die Kosten für Nord Stream 2 belaufen sich auf gut zehn Milliarden Euro. Die finanziellen Verluste bei einem Scheitern des Projekts wären enorm.

Knotenpunkt auf dem Erdgasmarkt

Hinzu kommt die strategische Bedeutung von Nord Stream 2. Bereits im Jahr 2016 konstatierten Experten des Warschauer Zentrums für Oststudien (Ośrodek Studiów Wschodnich, OSW), die neue Pipeline in Verbindung mit Anschlussröhren wie EUGAL, OPAL und NEL werde Deutschland "die Stellung einer zentralen Erdgasdrehscheibe auf dem europäischen Markt garantieren". Das sei von strategischer Bedeutung, denn die Bundesrepublik werde nicht nur der "physische Knotenpunkt" bedeutender Lieferpipelines werden, sondern auch "Ort des Erdgashandels", womit Einfluss auf die Gaspreise verbunden sei.[4] Über Nord Stream 1 und 2 könnten vor allem Tschechien und die Slowakei sowie Österreich und Italien beliefert werden. Auch Lieferungen in die Niederlande seien gut denkbar. Erdgasleitungen, die nach Deutschland führten - vor allem nach Ostdeutschland -, erhielten dadurch eine größere Bedeutung.

Europäischer Champion

Vorteilhaft ist die Entwicklung konkret für die Kasseler BASF-Tochterfirma Wintershall, die maßgeblich an Nord Stream 1 und 2 sowie an den Anschlusspipelines EUGAL, OPAL und NEL beteiligt ist. Wintershall würde mit seinen Pipelines von der neuen Rolle der Bundesrepublik als Erdgasdrehscheibe in der EU profitieren. Hinzu kommt, dass das Unternehmen Erdgas in Sibirien fördert, von wo Nord Stream 1 und künftig auch 2 beliefert werden. Wintershall, inzwischen mit dem Konkurrenten Dea zusammengeschlossen und offiziell als Wintershall Dea firmierend, strebt darüber hinaus den Ausbau seiner Erdgasförderung nicht nur in Norwegen, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Lateinamerika an, sondern auch in Russland. Schon im Mai kündigte Wintershall Dea-Vorstandschef Mario Mehren an: "Wir wollen europäischer Champion werden." Man strebe den Status der "führende[n], unabhängige[n] deutsche[n] und europäische[n] Stimme für Erdgas" an.[5]

Euro statt Dollar

Vor diesem Hintergrund nimmt der Druck aus der deutschen Wirtschaft auf Berlin und Brüssel zu, die US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 abzuschütteln. So urteilt Claudia Kemfert, Expertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Washington beginne Erdgas als "politische Waffe" zu nutzen; das sei "absolut inakzeptabel". Kemfert schlägt als Gegenmaßnahme die Verhängung von "Klima-Zöllen" gegen die Vereinigten Staaten vor.[6] Oliver Hermes, Vorsitzender des Ost-Ausschusses - Osteuropavereins der Deutschen Wirtschaft (OAOEV), urteilt, die Verhängung der US-Sanktionen sei "völkerrechtswidrig" und "ein Tabubruch, denn es werden Unternehmen aus europäischen Partnerländern sanktioniert". Es sei "eine Frage der europäischen Souveränität und Selbstachtung", dass die EU nun "Instrumente" entwickle, mit denen sich "negative Effekte der US-Politik auf europäische Unternehmen minimier[en]" ließen.[7] Andernfalls sei zu befürchten, dass die EU "zum Spielball außereuropäischer Mächte" werde.[8] Hermes spricht sich dafür aus, keine speziellen Gegenmaßnahmen zu verhängen, sondern direkt darauf zu zielen, die Macht des US-Dollar zu brechen: "Man wird nicht von heute auf morgen die Abhängigkeit vom Dollar bei Handelsgeschäften beseitigen, kann aber den Euro als Handelswährung stärker durchsetzen." Dies wäre, urteilt Hermes, ein wichtiger erster "Schritt".[9]

 

Mehr zum Thema: Transatlantische Rivalen (II).

 

[1] Leitung für Nord Stream 2: Eugal transportiert erstes Gas. industriemagazin.at 03.01.2020.

[2] Udo Leuschner: USA erzwingen Stopp der Bauarbeiten an Nord Stream 2. udo-leuschner.de, Dezember 2019.

[3] Nord Stream 2 verzögert sich um ein Jahr. tagesschau.de 27.12.2019.

[4] Agata Łoskot-Strachota, Konrad Popławski: The EUGAL project: the German branch of Nord Stream 2. osw.waw.pl 15.06.2016.

[5] Christian Schaudwet: Wintershall Dea setzt auf gute Verbindung nach Russland. tagesspiegel.de 02.05.2019.

[6] Umweltökonomin: Bei Sanktionen gegen Nord Stream 2 nicht einfach zuschauen. industriemagazin.at 27.12.2019.

[67] Deutsche Wirtschaft hofft auf Augenmaß Russlands im Streit um US-Sanktionen wegen Nord Stream II. finanznachrichten.de 28.12.2019.

[8] Statement von Oliver Hermes, Vorsitzender des Ost-Ausschuss, zu US-Sanktionen gegen Nord Stream 2 und TurkStream. russland.capital 18.12.2019.

[9] Deutsche Wirtschaft hofft auf Augenmaß Russlands im Streit um US-Sanktionen wegen Nord Stream II. finanznachrichten.de 28.12.2019.



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