Risse in Europas "digitaler Souveränität"

Gaia-X, die "europäische Cloud", zeigt ein Jahr nach Gründung erste Zerfallserscheinungen. US-Tech-Konzerne dominieren Cloudmarkt in Europa, US-Regierung hat Datenzugriff.

BERLIN/PARIS | |   Nachrichten | frankreich

BERLIN/PARIS (Eigener Bericht) - Ein für die Aufholjagd der EU gegenüber den Tech-Konzernen aus den USA und China zentrales Industrieprojekt bekommt erste Risse. Dabei handelt es sich um die deutsch-französische Initiative "Gaia-X", die im vergangenen Jahr gegründet wurde, um eine "europäische Cloud" zu schaffen. Dies gilt als notwendig, da gegenwärtig der europäische Cloudmarkt von US-Konzernen wie Amazon oder Microsoft dominiert wird; diese sichern sich damit nicht nur Milliardengeschäfte, sondern schaffen zudem Unsicherheit: Ein US-Gesetz aus dem Jahr 2018 verpflichtet sie, unter gewissen Umständen den US-Regierungsbehörden Zugriff auf bei ihnen gespeicherte Daten zu gewähren. Gaia-X hat schon im vergangenen Jahr Schlagzeilen gemacht, als die Initiative sich einer als besonders CIA-nah geltenden US-Firma öffnete. Sie wird inzwischen als überaus bürokratisch kritisiert und kommt nicht rasch genug vom Fleck. Kürzlich hat ein erstes Gründungsunternehmen seinen Austritt aus Gaia-X bekanntgegeben; unzufriedene Mitglieder haben einen alternativen Zusammenschluss gebildet.

US-Marktdominanz

Kernziel der Gaia-X-Initiative, die Ende Oktober 2019 in Berlin vorgestellt und am 4. Juni 2020 von Berlin und Paris offiziell gestartet wurde, ist es, die aktuelle Abhängigkeit von US-Konzernen bei den strategisch wichtigen Clouddiensten abzuschütteln. Diese Abhängigkeit wächst. So ist der Anteil europäischer Unternehmen am europäischen Cloudmarkt nach einer Untersuchung der Marktanalysefirma Synergy Research von rund 27 Prozent im Jahr 2017 auf weniger als 16 Prozent im zweiten Quartal 2021 zurückgegangen.[1] Der größte europäische Anbieter, die Deutsche Telekom, hält einen Marktanteil von gerade einmal zwei Prozent; die französischen Unternehmen OVHcloud und Orange sowie die deutsche SAP folgen mit jeweils noch geringeren Anteilen. Die drei US-Tech-Giganten Amazon, Microsoft und Google hingegen kontrollieren mit ihren Cloudablegern Amazon Web Services (AWS), Microsoft Azure und Google Cloud den europäischen Markt mit einem Anteil von inzwischen 69 Prozent. Manche europäischen Anbieter hätten es immerhin geschafft, sich als "nationale Champions oder starke Nischenplayer" zu etablieren, urteilt ein Experte von Synergy Research; viel mehr sei für sie derzeit nicht drin: Eine Änderung der Marktdynamik sei gegenwärtig kaum vorstellbar.

US-Datenzugriff

Für die Bundesrepublik und die EU ist dies aus mehreren Gründen höchst unvorteilhaft. Zum einen sind vor allem Berlin und Paris nicht geneigt, US-Konzernen die Kontrolle über teils höchst sensible Daten zu überlassen; so sorgte bereits vor zwei Jahren die Tatsache für verärgerte Schlagzeilen, dass die Bundespolizei ihre Bodycamaufnahmen in der AWS-Cloud ablegt. Das ist trotz aller Beteuerungen der US-Konzerne, den Datenschutz zu wahren, keine Marginalie: Der am 23. März 2018 in den Vereinigten Staaten in Kraft getretene CLOUD Act - das Kürzel steht für Clarifying Lawful Overseas Use of Data - erlaubt es den US-Behörden unter bestimmten Umständen, auf Daten, die bei US-Unternehmen gespeichert sind, selbst dann zuzugreifen, wenn sich die Serverinfrastruktur im Ausland befindet.[2] Aus Sorge um ihre Firmengeheimnisse halten sich kleinere deutsche Unternehmen zuweilen immer noch bei der Nutzung von Cloudinfrastruktur zurück - und geraten technologisch in Rückstand. Es kommt hinzu, dass der europäischen Branche Milliardengeschäfte entgehen; das Volumen des europäischen Cloudmarkts ist seit 2017 auf das Vierfache gestiegen und erreichte allein im zweiten Quartal 2021 bereits einen Wert von 7,3 Milliarden Euro - mit weiterhin stark steigender Tendenz.[3]

Europäische Netzwerke als Alternative

Abhilfe schaffen soll Gaia-X. Nach dem offiziellen Startschuss am 4. Juni 2020 gründeten zunächst 22 Unternehmen und Institutionen aus Deutschland und Frankreich in Brüssel eine Association internationale sans but lucratif (AISBL) nach belgischem Recht, die vor allem die Finanzierung des Vorhabens sicherstellen soll; beteiligt waren unter anderem Bosch, die Deutsche Telekom, die Fraunhofer-Gesellschaft, SAP und Siemens sowie auf französischer Seite Atos, Orange, OVH, Safran und Scaleway.[4] Der Grundgedanke bestand darin, keine Parallelstruktur zu den US-Tech-Konzernen aufzubauen - das gilt als kaum möglich -, sondern stattdessen auf die Vernetzung einer großen Zahl unterschiedlichster Firmen nach gemeinsamen Standards zu setzen. Auf diese Weise sollten sämtliche benötigten Dienste zwar von verschiedenen Firmen angeboten, aber über Gaia-X zu einem "homogenen, nutzerfreundlichen System" verbunden werden, erläuterte der Beauftragte für die digitale Wirtschaft im Bundeswirtschaftsministerium Thomas Jarzombek.[5] Von der Fokussierung auf "technische Standards, Schnittstellen für den Datenaustausch" oder eine gemeinsame "Benutzeroberfläche" war die Rede.[6]

Bürokratisch, von Großkonzernen dominiert

Allerdings ist es schon früh zu Unstimmigkeiten gekommen. Erste Auseinandersetzungen entzündeten sich daran, dass sich Gaia-X für eine Beteiligung sowohl US-amerikanischer als auch chinesischer Konzerne offen gab. Wurde die Kooperation mit Huawei und Alibaba vor allem von transatlantisch orientierten Kreisen aus Politik und Medien scharf attackiert, so äußerten insbesondere Unternehmer Kritik an der Einbindung der US-Konkurrenz: "Speziell die Aufnahme der amerikanischen Hyperscaler" habe "zu einer Defokussierung geführt", urteilte etwa der Gründer des deutschen Cloud-Anbieters Nextcloud, Frank Karlitschek.[7] Öffentliche Aufmerksamkeit hat geweckt, dass im Dezember 2020 die US-Firma Palantir bekanntgab, "von Tag Eins an" an Gaia-X mitgewirkt zu haben. Palantir gilt als äußerst CIA-nah und tief in den digital-militärischen Komplex in den USA verwoben.[8] Seit Anfang des Jahres kamen mahnende Stimmen aus der Wirtschaft hinzu, Gaia-X müsse rasch Fortschritte machen: Stelle das Projekt nicht bis Mitte 2021 seinen Nutzen unter Beweis, werde es "irrelevant", hieß es [9]; es müsse rasch "liefern" - "binnen Monaten, nicht binnen Jahren" [10]. Darüber hinaus hieß es, bei Gaia-X entwickle sich schon jetzt eine überbordende Bürokratie; nicht zuletzt müsse man konstatieren, dass große "Konzerne die oberen Ebenen besetzen und kontrollieren", während kleine, aber in der Branche wichtige Start-ups ins Hintertreffen gerieten.[11]

"Enttäuscht von Gaia-X"

Zwar sind mittlerweile erste Teilvorhaben gestartet worden, darunter eines, das die großen Kfz-Konzerne per Cloud mit ihren Zulieferern vernetzen soll. An dem Projekt ("Catena-X") beteiligt sind BMW, Daimler, VW und SAP; eingebunden werden sollen unter anderem Bosch, Schaeffler und die Deutsche Telekom. Allerdings nehmen gleichzeitig die internen Differenzen zu. Vergangene Woche gab das französische Tech-Unternehmen Scaleway, ein Gründungsunternehmen von Gaia-X, seinen Ausstieg aus der Initiative bekannt: Diese sei von den US-Tech-Riesen mehr oder weniger gekapert und in ihrem Sinne "an den Rand gedrängt worden", hieß es zur Begründung.[12] Der Vorwurf wiegt umso schwerer, als sich schon im Juli 23 Cloudanbieter zu einem alternativen Projekt ("Euclidia") zusammengetan hatten. Zwar heißt es offiziell, Euclidia konkurriere nicht gegen Gaia-X; doch räumt Nextcloud-Gründer Karlitschek, der an Euclidia beteiligt ist, ein, es treffe zu, dass man "von den momentanen Entwicklungen bei Gaia-X eher enttäuscht" sei.[13] Berlin und Paris sind bemüht, die ersten Zerfallserscheinungen durch demonstratives Lob zu übertünchen: Gaia-X werde "unseren Weg zu digitaler Souveränität" bahnen, wird der scheidende Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier zitiert; sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire kündigt "das Europa der digitalen Unabhängigkeit" an.[14] Die reale Entwicklung entspricht derlei großen Tönen nicht.

 

[1] European Cloud Providers Double in Size but Lose Market Share. srgresearch.com 21.09.2021.

[2] S. dazu Deutschland auf Aufholjagd (I).

[3] European Cloud Providers Double in Size but Lose Market Share. srgresearch.com 21.09.2021.

[4] Stefan Krempl: EU-Cloud: Gaia-X macht formelle Fortschritte. heise.de 15.09.2020.

[5] Moritz Koch, Thomas Hanke, Christof Kerkmann: "Moonshot" Gaia-X - Die wichtigsten Fragen und Antworten zur europäischen Cloud. handelsblatt.com 04.06.2020.

[6] S. dazu Die europäische Cloud.

[7] Teresa Stiens, Christof Kerkmann: Gaia-X-Gipfel in Mailand: Das Cloud-Projekt wird zum Problemfall. handelsblatt.com 18.11.2021.

[8] Stefan Krempl: Gaia-X: Big-Data-Firma Palantir aus den USA ist bei EU-Cloud vorn mit dabei. heise.de 19.12.2020.

[9] Till Hoppe, Christoph Kerkmann: Das Jahr der Entscheidung für das europäische Cloud-Projekt Gaia-X. handelsblatt.com 06.01.2021.

[10] Till Hoppe: Die Gaia-X-Gesellschaft muss schnell liefern - oder das Cloud-Projekt wird zerredet. handelsblatt.com 25.03.2021.

[11] Till Hoppe Christoph Kerkmann: Start-ups klagen über zu viel Bürokratie bei Gaia-X. handelsblatt.com 26.04.2021.

[12] Clothilde Goujard: Gaia-X CEO defends European cloud project after French provider slams door. politico.eu 19.11.2021.

[13] Teresa Stiens, Christof Kerkmann: Gaia-X-Gipfel in Mailand: Das Cloud-Projekt wird zum Problemfall. handelsblatt.com 18.11.2021.

[14] Clothilde Goujard: Gaia-X CEO defends European cloud project after French provider slams door. politico.eu 19.11.2021.



ex.klusiv

Den Volltext zu diesem Informationsangebot finden Sie auf unseren ex.klusiv-Seiten - für unsere Förderer kostenlos.

Auf den ex.klusiv-Seiten von german-foreign-policy.com befinden sich unser Archiv und sämtliche Texte, die älter als 14 Tage sind. Das Archiv enthält rund 5.000 Länder-Artikel sowie Hintergrundberichte, Dokumente, Rezensionen und Interviews. Wir würden uns freuen, Ihnen diese Informationen zur Verfügung stellen zu können - für 7 Euro pro Monat. Das Abonnement ist jederzeit kündbar.

Möchten Sie dieses Angebot nutzen? Dann klicken Sie hier.

Umgehend teilen wir Ihnen ein persönliches Passwort mit, das Ihnen die Nutzung unserer ex.klusiven Seiten garantiert. Vergessen Sie bitte nicht, uns Ihre E-Mail-Adresse mitzuteilen.

Die Redaktion

P.S. Sollten Sie ihre Recherchen auf www.german-foreign-policy.com für eine Organisation oder eine Institution nutzen wollen, finden Sie die entsprechenden Abonnement-Angebote hier.