La Verite en Contrebande

Materiaux pour l'analyse (Tourcoing) Numero 14 |

Materiaux pour l'analyse (Tourcoing) Numero 14 Avril 2003 ISSN 1169-0623 4 Euro

Bei der Titelfindung ihrer Zeitschrift sind die französischen Herausgeber auf ein Apercu von Robespierre gestoßen und haben es variiert: ,,Passer la verite en contrebande a travers tous les obtacles"(Man muss die Wahrheit durch alle Hindernisse schmuggeln). Der große Anspruch, den ,,Verite en Contrebande"von Robespierre ableitet, meint den zentralen Aspekt jeder Wahrheitsfindung: Analyse, Untersuchung der konkreten Gegebenheiten.

Das vorliegende Heft widmet diese Untersuchung u.a. den Widersprüchen, die durch den Irak-Krieg offenkundig geworden sind - Widersprüche, die in weiten Teilen der Öffentlichkeit als Rivalitäten zwischen einem ,,Lager des Friedens"(Deutschland/Frankreich) und einem ,,Lager des Krieges"(USA/Großbritannien) wahrgenommen wurden. Wie Catherine Babet meint, bleibt diese Unterscheidung an der Oberfläche der historischen Situation, die von grundsätzlichen Gemeinsamkeiten der Lager geprägt sei. Zum Beweis ruft Babet in Erinnerung, dass das angebliche ,,Friedenslager"noch vor kurzem Krieg gegen Jugoslawien führte und dabei in Arbeitsteilung mit den USA vorging. Demnach - so Babet - handelt es sich um Differenzen, die zwischen konkurrierenden Hegemonialmächten bestehen, deren Mittel je nach Lage eingesetzt werden: Mal kriegerisch, mal durch ideologische, kulturelle und ,,ethnische"Diversion.

,,Verite en Contrebande"erinnert an frühere Phasen amerikanisch-europäischer Divergenzen und veröffentlicht eine Sammlung von Stellungnahmen, die wie Sprechzettel heutiger Repräsentanten des ,,Friedenslagers"wirken. Da wird vor der ,,Expansion"der USA gewarnt (R. Giraud) oder die ,,Gemeinschaft der großen Völker dieses Kontinents"beschworen, die sich gegen ,,Yankee-Amerika"zusammenschließen müssten (L. Hemery). Im einen wie im anderen Fall handelt es sich um Zitate aus dem Frankreich der 1930er Jahre, als das europäische Bürgertum die Chance erblickte, durch eine imperialistische Politik an der Seite Deutschlands seiner wirtschaftlichen und politischen Krise zu entgehen. Dieses Ziel kreuzte identische Interessen in den USA, die der Herausforderung durch Kriegseintritt begegneten.

Anders als heute konnte damals die Hoffnung bestehen, dass der inner-imperialistische Kampf transzendiere, da eines der Lager über einen Partner unterschiedlicher Sozialordnung verfügte - die Sowjetunion. Der Kampf für ,,Freiheit und Demokratie", der sich gegen Berlin und seine Achse richtete, hatte also einen doppelten Boden. Wer ihn als kriegerische Durchsetzung der freien Marktwirtschaft verstehen wollte, war nicht im Unrecht; wer ihn indes als Krieg um die soziale Befreiung der Menschheit verstand, sah sich in guter Gesellschaft. Da diese Gesellschaft heute fehlt, so ,,Verite en Contrebande", ist es genauso unmöglich, für das angebliche ,,Friedenslager"zu votieren wie für die Bellizisten. ,,Verite en Contrebande"verhehlt nicht, dass es diese Situation für tragisch hält, aber für schwer überwindbar, und macht damit seinem analytischen Anspruch alle Ehre.