Das Schreiben des Zentralrats der Juden in Deutschland, das
vom Generalsekretär der Organisation, Stephan J. Kramer,
unterzeichnet ist, tritt dem "Offenen Brief"
1)der Initiative "Elftausend Kinder" bei und verstärkt
die zunehmenden Appelle an den Vorstand der Bahn AG
2). Der Chef des größten europäischen
Schienenunternehmens hatte zuletzt im März mitteilen lassen, dass
er weitere Kontakte mit den Unterzeichnern des Briefes ablehnt und
darauf besteht, dass die angeratene Ausstellung auf den deutschen
Reisebahnhöfen zu unterbleiben hat.
3)
Einlenken
Das Ausweichangebot, eine Ausstellung im Nürnberger
Bahnmuseum zuzulassen, hat die Synagogengemeinde Saar
zurückgewiesen. Die Bahn AG "wäre gut beraten" sich offensiv mit
ihrer Geschichte auseinanderzusetzen, statt Fotos und Dokumente der
deportierten Kinder "hinter (den) Mauern ihres Nürnberger Museums
zu verstecken", erklärte der Gemeindevorsitzende Borg bereits im
Januar.
4)Das Gedenken müsse möglichst viele Reisende erreichen
und dort stattfinden, wo die Kinder ihren letzten Weg antraten,
meint auch die bundesweite Initiative. Sie rät der Bahn AG zur
Übernahme mehrerer hundert Fotos und Dokumente, die von
französischen Angehörigen der Deportierten (Fils et Filles des
Deportes Juifs de France/FFDJF) in Paris bereitgehalten werden.
5)Obwohl sich die FFDJF-Repräsentanten, Serge und Beate
Klarsfeld, zur Zusammenarbeit mit der Bahn AG bereit erklären,
lehnt der Unternehmensvorstand jeglichen Kontakt ab. Nach Hunderten
Zeichnern des "Offenen Briefes" fordert jetzt auch der Zentralrat
der Juden in Deutschland, eine bundesweite Körperschaft des
öffentlichen Rechts, die Bahn AG zum Einlenken auf.
Frankfurt am Main
Um mit dem geforderten Gedenken zu beginnen, soll es am
morgigen Freitag auf dem Frankfurter Hauptbahnhof zu einer
ungewöhnlichen Begegnung kommen. Angehörige der französischen
Deportierten, die aus Paris anreisen (darunter Serge und Beate
Klarsfeld), werden um 16 Uhr mit der deutschen Initiative
zusammentreffen und die Frankfurter Reisenden einladen, sich der
elftausend Kinder zu erinnern. Für das mehrstündige Gedenken, bei
dem Behinderungen des üblichen Reiseverkehrs nicht ausgeschlossen
sind, hat die Initiative um eine breite Beteiligung der Frankfurter
Öffentlichkeit gebeten. Es werden Vertreter lokaler Aktionsgruppen
aus Berlin, Freiburg und Köln erwartet, die den französischen
Gästen einen angemessenen Empfang bereiten wollen. Erhebliches
Presseinteresse löst die Ankündigung aus, Beate Klarsfeld werde
sich auf dem Frankfurter Hauptbahnhof über Lautsprecheranlagen an
die Reisenden wenden und den Gedenkboykott der Bahn AG zur Sprache
bringen.
Halle
Am Samstag wird Frau Klarsfeld in Halle erwartet, wo die
dortige Initiative zu einer Abendveranstaltung im "neuen theater"
eingeladen hat, um über die Bahndeportationen zu informieren. Das
Hallenser Gedenken gilt insbesondere jenen Zugdeportierten, die
hier geboren wurden und auf dem letzten Weg über die Gleisanlagen
ihrer Heimatstadt nach Auschwitz rollten. Eines dieser Schicksale
hat die Initiative rekonstruieren können; sie wird im "neuen
theater" über Walter Wartenberg berichten. In ihre
Informationstätigkeit wollen die Hallenser in der kommenden Woche
auch Bahn-Reisende einbeziehen. Auf dem mit Millionenbeträgen
gerade renovierten Bahngelände sollen "Gedenktafeln für die (...)
Deportierten (...) eingeweiht werden", heißt es in einer
Ankündigung ("Die Deutsche Bahn an ihre Geschichte erinnern"). Die
Gedenkveranstaltungen werden live im Lokalradio "Corax" übertragen.
Die bundesweite Initiative will ihre Aktivitäten ausweiten und ruft
zu Spenden auf: Tatjana Engel, PostSch Hannover (BLZ 250 100 30),
Konto Nr. 202 068 309, Kennwort: Elftausend Kinder.