german-foreign-policy.com
logo
Keine Science-Fiction
16.02.2017
BERLIN/BONN
(Eigener Bericht) - Deutsche Streitkräfte und Rüstungskonzerne arbeiten intensiv an der Entwicklung von Laserwaffen. Erst kürzlich trafen sich Vertreter der Bundeswehr mit hochrangigen Repräsentanten der staatlichen Fraunhofer-Gesellschaft und erklärten, man verfolge die Technologie "mit Nachdruck". Auf dem Forschungsprogramm stünden mittlerweile auch "praktische Beschussversuche", hieß es. Fast zeitgleich berichteten deutsche Medien, der von einem deutsch-europäischen Industriekonsortium produzierte Kampfjet "Eurofighter" solle künftig mit Laserwaffen zur Bekämpfung von Drohnen ausgestattet werden. Die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT), die als Schnittstellenorganisation für Rüstungskonzerne, Politik, Militär und Wissenschaft fungiert, hat ihrerseits im vergangenen Jahr mehrere prominent besetzte Konferenzen zum Thema durchgeführt. Diskutiert wurde hierbei unter anderem der Einsatz von Lasern gegen "militärische Ziele". Die deutsche Kriegsmarine hat unterdessen bereits mit einem Lasergeschütz aus dem Hause Rheinmetall die Zerstörung von Booten, Drohnen und anfliegenden Granaten geprobt. Nach Auffassung des Bundesverteidigungsministeriums handelt es sich bei den Strahlenwaffen um eine "vielversprechende Alternative zu eingeführten Waffensystemen"; dies sei "schon lange keine Science-Fiction mehr".
Erste Beschussversuche
Wie das in Berlin beheimatete Planungsamt der Bundeswehr mitteilt, trafen sich Mitte Januar Vertreter der Behörde mit führenden Repräsentanten der staatlichen Fraunhofer-Gesellschaft, um über "ausgewählte technologische Trends" und deren "Relevanz" für die "künftigen Fähigkeiten" der deutschen Streitkräfte zu diskutieren. Zentrales Thema der Konferenz war die Entwicklung waffenfähiger Hochenergie-Laser (HEL). Von Seiten des Militärs hieß es dazu, man verfolge die entsprechende Technologie "mit Nachdruck" und habe bereits "erste praktische Beschussversuche" durchgeführt. Die anwesenden Angehörigen des "Fraunhofer-Verbunds Verteidigungs- und Sicherheitsforschung" propagierten laut Veranstaltungsbericht ihrerseits die immensen "Vorteile" der neuen Waffen.[1] In der Tat dürften HEL für die Kriegsführung von unschätzbarem Wert sein: Ein Laserstrahl ist unsichtbar, bewegt sich mit Lichtgeschwindigkeit und kann punktgenau auf ein Ziel gerichtet werden; die Produktion, der Transport und die Bevorratung von Munition entfallen.
Laserkanonen
Fast zeitgleich mit der vom Planungsamt der Bundeswehr organisierten Tagung berichtete die deutsche Presse über Pläne, den von einem deutsch-europäischen Industriekonsortium produzierten Kampfjet "Eurofighter" mit Laserwaffen auszurüsten. Demnach erklärte der Geschäftsführer der im bayerischen Hallbergmoos angesiedelten Eurofighter Jagdflugzeug GmbH, Volker Paltzo, HEL könnten unter anderem gegen anfliegende Raketen oder "in Schwärmen operierende, unbemannte Drohnen" eingesetzt werden. Zur Begründung habe Paltzo auf "neue Kampfjetprojekte in den USA, China und Russland" verwiesen, hieß es. Die USA etwa wollten eine "Laserkanone in Jagdflugzeuge einbauen, um die Herrschaft über den Luftraum zu erlangen".[2]
Deutsche Führungsposition
Unerwähnt blieb bei dieser Gelegenheit indes, dass die deutsche Rüstungsindustrie bereits seit geraumer Zeit an der Entwicklung von Laserwaffen arbeitet. Zuletzt probte der Raketenhersteller MBDA Deutschland im Oktober 2016 auf einem Truppenübungsplatz der Bundeswehr die Erfassung, Verfolgung ("Tracking") und Bekämpfung von Drohnen (Unmanned Aerial Vehicles/UAV) mittels HEL. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Thomas Gottschild, zog anschließend folgendes Fazit: "Die erfolgreichen Tests haben gezeigt, dass das Gesamtsystem einen hohen technologischen Reifegrad erreicht hat und wir damit eine Führungsposition im Bereich der Hochenergie-Lasereffektoren einnehmen."[3]
Verheerende Schäden
Die "Technologieführerschaft in der zukunftsweisenden Technologie der Hochenergielaser-Effektoren" nimmt nach eigenem Bekunden auch die Düsseldorfer Rüstungsschmiede Rheinmetall für sich in Anspruch.[4] Im Februar vergangenen Jahres testete das Unternehmen einen HEL, der auf einem Geschützturm eines Kriegsschiffes der Bundesmarine angebracht war. Obwohl es sich dabei um eine "kleinere Waffe" gehandelt habe, sei diese in der Lage, "verheerende Schäden" an Booten oder Drohnen zu verursachen, berichtete die Branchenpresse.[5] Schon 2013 rüstete Rheinmetall Panzer der Bundeswehr und handelsübliche Lkw zu Demonstrationszwecken mit Laserwaffen aus. Bei verschiedenen Tests sei es gelungen, damit sowohl einen Benzinkanister in Brand zu schießen als auch eine Patrone im Munitionsgurt eines "überschweren Maschinengewehrs" zur Explosion zu bringen, erklärte der Rüstungskonzern. Gemeldet wurde zudem der "erfolgreiche Abschuss dreier kurz hintereinander ins Zielgebiet einfliegender UAVs mit Düsenantrieb".[6]
Seit 1985
Über "breite Kompetenz" auf dem Gebiet der Lasertechnologie verfügt nach eigenen Angaben auch das im baden-württembergischen Überlingen beheimatete Unternehmen Diehl Defence. Wie der Konzern mitteilt, beteiligt er sich seit 1985 an deutschen "Laserwaffensystem-Programmen". Laut einer Selbstdarstellung steht dabei die "vollständige 'Sensor to Shooter'-Kette" im Fokus der Forschungsanstrengungen - von der "präzise(n) Zielverfolgung" über die "Strahlnachführung" bis zur "Minimierung der Bekämpfungsdauer".[7] Für den Kampfhubschrauber "Tiger" der Bundeswehr, der zur Zeit in Mali zum Einsatz kommt, hat Diehl erst unlängst eine lasergesteuerte "Lenkrakete" entwickelt. Diese verfügt über einen speziellen "Suchkopf", der die vom jeweiligen Ziel reflektierte Laserstrahlung erfasst. Als Ziele in Frage kommen dabei dem Unternehmen zufolge unter anderem "leicht gepanzerte Fahrzeuge", "Bunker" oder auch "Gebäude".[8]
Kurz vor der Serienreife
Die von MBDA, Rheinmetall und Diehl durchgeführten Forschungsarbeiten sind regelmäßig Thema bei von der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT) durchgeführten Konferenzen. So informierten die Unternehmen erst im November vergangenen Jahres auf einer entsprechenden Tagung im baden-württembergischen Mannheim über ihre "Fähigkeiten auf dem Gebiet der Lasertechnologie". Zu den Veranstaltern zählte neben der DWT auch das "Bildungszentrum" der deutschen Streitkräfte; vertreten waren zudem das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) und das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr. Beworben wurde die Konferenz mit dem Slogan "science fiction becomes reality" und der Ankündigung, "neue Anwendungen" der Lasertechnologie stünden "kurz vor der Serienreife": "Hohe Laserleistungen bei sehr guter Strahlqualität führen dazu, dass die alte Idee von Laserwaffen heute tatsächlich realisierbar wird. Die Möglichkeit, dynamische Ziele mit höchster Präzision zu bekämpfen, kann daher das Fähigkeitsspektrum der Streitkräfte signifikant erweitern und an neue Bedrohungen anpassen."[9]
"Eine vielversprechende Alternative"
Diese Auffassung wird offenbar auch vom BMVg geteilt. Hier heißt es offiziell, Laserwaffen seien "schon lange keine Science-Fiction mehr" [10], sondern eine "vielversprechende Alternative zu eingeführten Waffensystemen" [11]. Es verwundert daher nicht, dass sich das Ministerium die Entwicklung des neuen Kriegsgeräts einiges kosten lässt; 2015 räumte es ein, in den vorangegangenen zehn Jahren rund 80 Millionen Euro dafür aufgewendet zu haben.[12] Die wirklich angefallenen Ausgaben dürften damit aber nicht einmal ansatzweise erfasst sein: Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen hervorgeht, erhält allein das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) jährlich rund 3,5 Millionen Euro für seine Laserwaffenforschung - Stand 1990.[13]
Copyright © 2005 Informationen zur Deutschen Außenpolitik

info@german-foreign-policy.com

Valid XHTML 1.0!