Erlaubnis zum Mord
Dass Uranmunition nicht nur beim Einschlag in ihr Ziel extreme Zerstörungskraft entfaltet, sondern über den beim Aufprall entstehenden radioaktiven und hochgiftigen Uranstaub auch danach, ist von zahlreichen Wissenschaftlern bestätigt worden. Auch das radiobiologische Forschungsinstitut der US Army räumt ein, dass abgereichertes Uran Krebs hervorrufen kann. "Nach allen vernünftigen Maßstäben, die wir aus den Ergebnissen der Wissenschaft gewinnen, gibt es keine unbedenkliche Dosis, keine ungefährliche in den Körper aufgenommene Alpha-Strahlung", bestätigte noch in den 1990er Jahren der US-Wissenschaftler John Gofman, der an der Entwicklung der Atombombe beteiligt gewesen war: "Wenn dies also eine Tatsache ist, dann ist jede geduldete Verstrahlung die Erlaubnis zu einem Mord."[1]
Kronzeuge GSF
Dass eine solche Verstrahlung von Uranstaub verursacht werden kann, der beim Aufprall von Urangeschossen entsteht, belegt eine Studie des Instituts für Strahlenschutz am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) in Neuherberg bei München. Dies berichtet der Dokumentarfilmer Frieder Wagner, der seit Jahren über Uranmunition und ihre Folgen recherchiert, im Gespräch mit german-foreign-policy.com.[2] Der Vorgang ist auch deswegen von Bedeutung, weil das Neuherberger Institut in Berlin mit einer älteren, oft kritisierten Studie als Kronzeuge für eine angebliche Ungefährlichkeit von Uranstaub dient. Gegenstand einer weiteren Studie des GSF ist jedoch das Verhalten eingeatmeter DU-Staubpartikel in der Lunge. "Ein gewisser Teil dieses DU-Materials, etwa ein Drittel, löst sich sehr rasch auf innerhalb von wenigen Tagen, wird also aus der Lunge entfernt. Der andere Teil, etwa die Hälfte bis zwei Drittel, löst sich entweder nur sehr langsam oder vielleicht auch gar nicht auf", erklärte ein Forscher des Instituts gegenüber Wagner.[3] Dieser zweite Teil verstrahlt das angrenzende Zellgewebe. Wagner berichtet, der Neuherberger Forscher habe ihm gegenüber bekannt, "dass man aufgrund der Ergebnisse dieser neuen Studie (...) bereit sein müsse, eigene Fehleinschätzungen zu erkennen und eine 180-Grad-Wendung zu vollziehen." Vor der Filmkamera wollte er die Einschätzung nicht wiederholen.
"Mit Ihnen einer Meinung"
Tatsächlich konnte man die Ergebnisse dieser Studie "bisher in keiner Presseveröffentlichung des Verteidigungsministeriums finden", konstatiert Wagner. "Es liegt darum der begründete Verdacht nahe, dass man ein solches Ergebnis bewusst gegenüber der Öffentlichkeit und dem Parlament unterdrückt hat." Der Verdacht wiegt schwer: Die GSF ist eine Forschungseinrichtung des Bundes und des Bundeslandes Bayern, sie wird zu mehr als 50 Prozent aus staatlichen Mitteln finanziert. Ihre DU-Studien wurden im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums erstellt. Wie Wagner bemerkt, habe das Ministerium seine Erwartung an die GFS bereits bei einer ersten Auftragsvergabe festgehalten. In einem Schreiben, mit dem das Institut für Strahlenschutz für die Studie instruiert wurde, teilte der Auftraggeber mit: "Grundsätzlich bin ich mit Ihnen einer Meinung, daß man bei Berücksichtigung der Erfahrungen aus dem Golfkrieg hypothetisch von keinem signifikanten gesundheitlichen Gefährdungspotential durch die Anwesenheit von Bestandteilen an DU-Munition und deren Reaktionsprodukten am/im Boden oder an getroffenen militärischen Fahrzeugen ausgehen muß."[4] Damit war der genehme Zielkorridor sämtlicher Untersuchungen eingegrenzt.
Arbeitsstab Dr. Sommer
Ganz in diesem Sinne war zudem ein "Arbeitsstab Dr. Sommer" tätig geworden, den das Bundesministerium für Verteidigung 1999 einsetzte. Bei "Dr. Sommer" handelt es sich um den früheren "ZEIT"-Journalisten Theo Sommer, der zeitweise auch als Leiter des Planungsstabs im Verteidigungsministerium Karriere machte. Der "Arbeitsstab" sollte die mediale Unruhe eingrenzen, die wegen des Einsatzes von Uranmunition beim NATO-Überfall auf die Bundesrepublik Jugoslawien im Entstehen begriffen war. Der "Arbeitsstab", dem auch ein Außenpolitik-Redakteur der einflussreichen Frankfurter Allgemeinen Zeitung angehörte [5], kam zu einem beruhigenden Ergebnis: Durch Uranmunition entstehe keine besondere Gefahr für Soldaten und Zivilbevölkerung.
Verharmlosend und fehlerhaft
Kritiker bemerkten bereits damals, in dem Bericht des "Arbeitsstabes" sei vermerkt, "dass US-Soldaten die Einsatzorte der Uranmunition im Kosovo sofort nach dem Einmarsch gründlich von Munitionsresten gereinigt haben" - "ein völlig unnützer Aufwand, wenn die Risiken so gering wären, wie der Bericht sie einschätzt".[6] Bemerkenswert ist etwa auch, dass der Bericht erklärt, in der jugoslawischen Kleinstadt Hadzici - dort waren im September 1995 rund 2.600 Uran-Geschosse der NATO-Truppen niedergegangen - habe man "keinerlei Kontaminierung" festgestellt.[7] Von rund 3.500 Menschen, die nach dem NATO-Bombardement aus Hadzici umgesiedelt worden waren, verstarben binnen fünf Jahren 1.112 Personen - fast ein Drittel - an aggressivem Krebs.[8] Sommers Bericht zitiere "aus allen möglichen, meist verharmlosenden und fehlerhaften Studien", resümiert Wagner die merkwürdigen Befunde des Editor-at-Large der Wochenzeitung Die Zeit.[9]
Signal
Ihre Wirkung gegenüber den deutschen Medien hat die Auftragsarbeit für das Verteidigungsministerium jedoch nicht verfehlt. Monate vor der Veröffentlichung des "Arbeitsstab"-Berichts warf Theo Sommers Wochenzeitung "Die Zeit" den über Uranmunition berichtenden Journalisten "kollektive Hysterie" vor und rief nach der Veröffentlichung eine "Blamage der Alarmisten" aus - ein Signal, das rasch wirkte: Seit dem Sommer 2001 sind Berichte über die tödlichen Spätfolgen von Uranmunition aus den großen deutschen Medien fast völlig verschwunden.[10] Dass die geringe Überzeugungskraft des Arbeitsstab-Berichtes der Grund dafür ist, kann als unwahrscheinlich gelten. Tatsächlich gefährdet die Kritik an DU-Munition die Militärpolitik Berlins, die zur Verfolgung ihrer weltweiten Interessen nach wie vor auf das westliche Kriegsbündnis und auf dessen Waffensysteme angewiesen ist.