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Kurznachrichten
Die Dynamik des "Pravy Sektor"
11.03.2014
Der Jugendverband der NPD kündigt einen "Europakongress" unter Beteiligung des "Pravy Sektor" ("Rechter Sektor") aus der Ukraine an.

Der Mann der Deutschen
18.02.2014
Die deutsche Kanzlerin hat am gestrigen Montag zwei Anführer der Proteste in der Ukraine empfangen.

Die Herero als Terroristen
17.02.2014
Die Wochenzeitung der staatlich geförderten "Landsmannschaft Ostpreußen" erklärt die Herero zu "Terroristen" und den deutschen Genozid an ihnen zum "Krieg gegen den Terror".

Zukunftspläne für die Ukraine
07.12.2013
Eine führende deutsche EU-Politikerin hat in Kiew mit dem Anführer der extrem rechten Partei Swoboda verhandelt.

Strafanzeige
15.10.2013
Gegen die scheidende Staatsministerin im Auswärtigen Amt Cornelia Pieper ist Strafanzeige wegen öffentlicher Leugnung von NS-Massenmorden erstattet worden.

Umweltschutz
15.10.2013
Die deutsche Regierung hat die Einführung strengerer Abgasnormen für Autos in der EU verhindert.

Panzer für die Diktatur
18.04.2013
Die Diktatur Qatar erhält Dutzende Kampfpanzer und Haubitzen aus Deutschland.

Am Pazifik (II)
06.03.2013
Deutschland baut die Kooperation mit Indonesien weiter aus.

Fact Finding
14.02.2013
Am gestrigen Mittwoch ist ein Voraus- Kommando der Bundeswehr in Mali eingetroffen.

Am Pazifik
12.02.2013
Berlin strebt ein Abkommen über Freihandel mit Indonesien an.

Todesstaub (II)
22.12.2008
KÖLN
Über die Beurteilung der Spätwirkung von Uranmunition in Arbeiten internationaler Wissenschaftler und in Auftragsstudien des Bundesverteidigungsministeriums sprach german-foreign-policy.com mit Frieder Wagner. Frieder Wagner ist Regisseur und Autor und hat für seinen Dokumentarfilm über Uranmunition ("Deadly Dust - Todesstaub") den Europäischen Fernsehpreis erhalten. Wegen der Bedeutung der Thematik haben wir die wissenschaftlichen Quellen ausführlich in Fußnoten dokumentiert.
german-foreign-polic.com: Die Bundesregierung behauptet bis heute, keinerlei Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Uranmunition und schweren Erkrankungen in der Bevölkerung zu besitzen. Ist der Zusammenhang nicht längst nachgewiesen?

Frieder Wagner: Ja natürlich, und wenn die Bundesregierung sich ein wenig Mühe geben und zum Beispiel im Internet recherchieren würde, dann könnte sie schnell feststellen, dass viele renommierte Wissenschaftler, auch amerikanische Militärwissenschaftler, diesen Zusammenhang wiederholt festgestellt haben. Hier nur ein paar Beispiele: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse von Peter Nowell aus dem Jahr 1976 besagen: "Es gibt keinen Zweifel an der Fähigkeit der Radioaktivität, Krebs zu erzeugen und auch denjenigen Krebs zu fördern, der durch andere Karzinogene erzeugt worden ist".[1] Viele Wissenschaftler erinnern in Sachen Radioaktivität auch immer wieder an die Arbeit von Hermann Joseph Muller, die ihm 1946 den Nobelpreis für Medizin eingebracht hat. Muller hat die furchtbare zellverändernde Wirkung von Ionenstrahlung auf den menschlichen Körper entdeckt. Auch Dr. John W. Gofman, vormals Leiter der Plutoniumforschungsgruppe, dem es 1942 in Berkeley erstmals gelungen war, ein Milligramm Plutonium zu erzeugen, warnte seitdem unermüdlich: "Nach allen vernünftigen Maßstäben, die wir aus den Ergebnissen der Wissenschaft gewinnen, gibt es keine unbedenkliche Dosis, es gibt keine ungefährliche in den Körper aufgenommene Alpha-Strahlung. Wenn dies also eine Tatsache ist, dann ist jede geduldete Verstrahlung die Erlaubnis zu einem Mord."[2]

gfp.com: Sie sagen, auch Militärwissenschaftler hätten den Zusammenhang festgestellt?

Wagner: Selbst das radiobiologische Forschungsinstitut der amerikanischen Armee hat nach Forschungsarbeiten von Dr. A.C. Miller und Kollegen zugegeben, dass Depleted Uranium (DU), also abgereichertes Uran, Krebs verursachen kann.[3] Miller und Kollegen haben auch herausgefunden, dass kleinste Mengen von DU, die zu klein sind, um giftig zu sein, und nur schwach radioaktiv sind, mehr zytogenetische Schäden in den Zellen verursachen, als durch deren Giftigkeit oder Radioaktivität allein erklärt werden könnte.[4] Ihre neuesten Resultate bestätigten einen vorläufigen Bericht der Royal Society, der nahelegt, dass die Giftigkeit und die Radioaktivität von DU sich in einer unbekannten Art gegenseitig verstärken, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass achtmal so viele Zellen wie vorausgesagt einen zytogenetischen Schaden erleiden. Daher können in den heute gängigen Regierungsstudien die krebserzeugenden und genotoxischen Gesundheitsrisiken von DU massiv unterschätzt worden sein.[5] Und so weiter und so weiter.

gfp.com: Gibt es deutsche Studien?

Wagner: Ich sollte an dieser Stelle vielleicht ein Gerichtsurteil aus dem Jahre 1993 erwähnen: Der deutsche Arzt und Wissenschaftler Prof. Dr. Siegwart-Horst Günther hat nämlich 1992 ein Urangeschoss aus dem Irak mitgebracht, um es in Berlin von Fachleuten untersuchen zu lassen. Zu einer Zeit also, in der die Alliierten im Irak noch behauptet haben, dass diese Geschosse überhaupt kein Uran enthalten - wohlgemerkt! Ein Berliner Gericht hat dieses Geschoss von Prof. Günther beschlagnahmt und durch eigene Gutachter untersuchen lassen. Zitat: "Wir haben als Gutachter festgestellt es (das Geschoss) ist Uran, und zwar abgereichertes Uran. Uran ist ein Schwermetall und radioaktiv. Die Aufnahme in den Körper, die Wirkung im Körper ist in jedem Falle schädlich."[6] Prof. Günther wurde deshalb zu einer Geldstrafe von 3.000,- DM verurteilt. Mir selbst ist das bis heute völlig unverständlich, denn Günther war als Arzt im Irak gewesen, und wenn er da für eine Recherche Material sammelt und dabei sogar sein Leben riskiert, muss er nicht davon ausgehen, dass er gegen irgendwelche Vorschriften auch nur im geringsten verstoßen hat, nur weil eine Kriegspartei so massiv gegen das Völkerrecht verstieß, dass das gesammelte Material, das nach dem Völkerrecht gar nicht radioaktiv sein durfte, eben doch radioaktiv war.

gfp.com: Gibt es Gerichtsurteile im Ausland?

Wagner: Die britische Regierung und ein britisches Gericht haben schon 2004 anerkannt, dass dem britischen Golfkriegsveteran Kenny Duncan eine höhere Rente zusteht, weil seine Erkrankungen, die er sich im Golfkrieg 1991 zugezogen hatte, durch eingeatmetes, abgereichertes Uran ausgelöst worden waren. Das war möglich geworden, weil der deutsche Chemiker Prof. Albrecht Schott mit eigenen Geldmitteln die Gene von erkrankten britischen Golfkriegsveteranen untersuchen ließ. Nachdem man im Urin von Kenny Duncan zuerst abgereichertes Uran nachgewiesen hatte, konnte das Team von Prof. Schott im Blut von Kenny Duncan auffallend viele genetische Veränderungen feststellen, und zwar von einer Art, die typisch für Radioaktivität ist und die nicht von anderen Ursachen herrühren kann. Prof. Schott erklärt dazu: "Kenny Duncan war vor dem Golfkrieg von 1991 ein Kraft strotzender, gesunder Mann, seine Chromosomen waren völlig in Ordnung. Dann kam die Strahlung, weil er im Golfkrieg Monate lang britische Panzer repariert hatte, die durch die eigenen Truppen durch 'friendly fire' getroffen worden waren. So kam es bei ihm, wie wir eindeutig festgestellt haben, zu Chromosomenbrüchen. Je höher die Rate an Chromosomenbrüchen ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von Krebs. Diese hohe Zahl von Chromosomenbrüchen kann man in der Familie von Kenny Duncan und seiner Frau Mandy sehen. Sie haben drei Kinder, und alle drei Kinder sind genetisch schwer geschädigt. Das Uran ist bei der Verbrennung zu so kleinen Nanopartikeln verbrannt, dass es überall im Körper hin gelangt, nicht nur zu den Lymphozyten, auch zum Gehirn, zur Leber, auch zum Sperma und zu den Eizellen. Deshalb sind die Kinder von Kenny Duncan genetisch krank. Diese Kinder haben auch geschädigte Chromosomen und sie werden natürlich hohe Raten genetisch geschädigter Kinder hervorbringen, und deren Kindeskinder wieder."[7]

gfp.com: Worauf stützt die Bundesregierung denn dann ihr angebliches Nichtwissen?

Wagner: Die Bundesregierung stützt sich in ihrer verharmlosenden Sicht besonders auf die Studie im Auftrag des Bundesministeriums der Verteidigung vom 3. Januar 2001, die sich wie folgt nennt: "Untersuchungen zur Uranausscheidung im Urin - Überprüfung von Schutzmaßnahmen beim Deutschen Heereskontingent KFOR" (Kosovo-Schutztruppe). Ausgeführt wurde die Studie vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Strahlenschutz (GSF) in Neuherberg bei München, das von Prof. Dr. Herwig Paretzke geführt wird. In der Zusammenfassung heißt es dort: "Die bisher erhobenen Werte der Uran-Ausscheidung im Urin zeigen, daß es bei keinem der bisher untersuchten Probanden einen Hinweis auf eine Inkorporation von DU gibt." In meinem Kinodokumentarfilm "Todesstaub" sagt einer der verantwortlichen Wissenschaftler der Studie, der Medizinphysiker Dr. Paul Roth, erklärend: "Wir haben insgesamt weit über 1.000 solcher Untersuchungen inzwischen durchgeführt und konnten bei niemandem bisher DU im Urin nachweisen. Bisher gibt es nicht einen einzigen Beleg dafür, dass abgereichertes Uran im Urin nachweisbar gewesen wäre, weder bei ansässiger Bevölkerung oder bei den ausländischen Hilfskräften."

gfp.com: Wie ist der Widerspruch zu den angloamerikanischen Forschungen zu erklären?

Wagner: In meinem Film antwortet darauf der Geologe und Wissenschaftler Dr. Axel Gerdes vom Geologischen Institut der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main: "Man hat natürlich bei den Soldaten im Kosovo sozusagen nur registriert, ob sehr starke Konzentrationen, sehr stark erhöhte Konzentrationen nachzuweisen sind, und dann hat man gesagt, sind nicht. Da wurde nicht gepüft, ob einer ein bisschen kontaminiert ist oder ob er ein bisschen verarmtes Uran ausscheidet. Und dazu ist zu sagen, das ist nicht unbedingt die Herangehensweise zu klären, ob jemand überhaupt kontaminiert wurde, weil wie gesagt wenn Uranoxid als unlösliches winzigstes Partikel im Körper ist und nur kleinste Teile davon wieder ausgeschieden werden, dann finde ich natürlich auch nur allerkleinste Teile im Urin und dann muss man natürlich mit verfeinerten Methoden, mit verfeinerten Techniken rangehen, auch das 'ob' zu klären."[8] Interessant in diesem Zusammenhang ist auch das Auftragsschreiben vom 30. Juli 1999, das vom Verteidigungsministerium an die GSF ging und das mir in Kopie zugegangen ist. Darin (um einen Auszug zu lesen, klicken Sie bitte hier!) wird deutlich, dass der Auftraggeber nicht daran interessiert war, dass die Studie positiv ausgeht, bzw. dass man erwartete, dass in den Urinproben der Soldaten keine Uran-Rückstände gefunden wurden - schon vor Beginn der Studie, wohlgemerkt! Entsprechend war das Ergebnis der Studie.[9]

gfp.com: Halten die Ergebnisse der Wissenschaftler vom GSF einer Überprüfung stand?

Wagner: In meinem Film "Todesstaub" erfährt man, dass die GSF kurze Zeit später eine zusätzliche Studie gefertigt hat, die klären sollte, wie sich eingeatmete Uran-Nanopartikelchen in der Lunge verhalten. Das Ergebnis war auch für die Forscher der GSF erstaunlich. Dr. Paul Roth zu dem Ergebnis der neuen Studie, Zitat: "Auch für uns etwas überraschend waren die Ergebnisse, die wir bis jetzt erzielt haben. Ein gewisser Teil dieses DU-Materials, etwa ein Drittel, löst sich sehr rasch auf innerhalb von wenigen Tagen, wird also aus der Lunge entfernt. Der andere Teil, etwa die Hälfte bis zwei Drittel, löst sich entweder nur sehr langsam oder vielleicht auch gar nicht auf. Solange es in der Lunge ist, strahlt es natürlich weiter, und je länger es in der Lunge ist, generell gesprochen, um so höher ist die resultierende Strahlendosis" auf das umliegende Zellgewebe.[10] Dieses Ergebnis konnte man bisher in keiner Presseveröffentlichung des Verteidigungsministeriums finden. Es liegt darum der begründete Verdacht nahe, dass man ein solches Ergebnis bewusst gegenüber der Öffentlichkeit und dem Parlament unterdrückt hat. Und noch etwas ist sehr interessant: Als wir diese letzte Aussage mit Dr. Paul Roth gedreht hatten, saßen wir noch kurz bei einem Kaffee zusammen, und da sagte mir Paul Roth, dass man aufgrund der Ergebnisse dieser neuen Studie als Wissenschaftler bereit sein müsse, eigene Fehleinschätzungen zu erkennen und eine 180-Grad-Wendung zu vollziehen. Als ich ihn fragte, ob er mir das auch in die Kamera sagen würde, antwortete er: "Nein, denn dann würde ich meine Pensionierung hier wohl nicht mehr erleben".

gfp.com: Wie beurteilen Sie in diesem Zusammenhang die so genannte "Theo Sommer-Studie"?

Wagner: Auch der von DU-Verharmlosern so hoch gepriesene "Bericht des Arbeitsstabes Dr. Theo Sommer: Die Bundeswehr und ihr Umgang mit Gefährdungen und Gefahrstoffen" vom 21. Juni 2001 zitiert gern im Kapitel "Abgereichertes Uran" aus allen möglichen, meist verharmlosenden und fehlerhaften Studien von NATO, EU und WHO, so auch das Ergebnis der oben erwähnten Urinuntersuchung der GSF, nennt aber nirgends die Studie mit dem "überraschenden Ergebnis" von "DU-Partikelchen in simulierter Lungenflüssigkeit", aus der Dr. Paul Roth eben gerade zitiert wurde. Nur auf Seite 25 des Dr. Theo Sommer-Berichts liest man den Satz: "Wird Alphastrahlung in den Körper aufgenommen, so kann sie schädigend wirken".[11] Aber gerade die Inkorporation ist das Gefährliche und Furchtbare, wie ich es ja vorhin erklärt habe. Deshalb muss hier klar und deutlich gesagt werden: Die Gefahren der Uran-Munition waren seit dem Golf-Krieg von 1991 und dem Kosovo-Krieg 1999 öffentlich und bekannt, auch den Verfassern der oben zitierten Studien und Berichte. Wer 2003 für den dritten Golfkrieg stimmte, stimmte nicht nur für einen völkerrechtswidrigen Krieg, er war damit auch wissentlich und willentlich für das mögliche Kriegsverbrechen des Einsatzes von DU-Munition. Hochrangige Persönlichkeiten und Politiker, Journalisten und Kommentatoren haben sich in Deutschland 2003 für diesen Golfkrieg ausgesprochen. Sie können sich nun nicht darauf zurückziehen, von der zwangsläufigen Verwendung von Uran-Munition und diesem Kriegsverbrechen in einer heutigen kriegerischen Auseinandersetzung nichts gewusst zu haben. Dafür werden sie sich eines Tages verantworten müssen.

Die Fortsetzung unseres Interviews finden Sie hier.
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