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Kurznachrichten
Aufnahmestopp
13.11.2015
Nach der partiellen Schließung der schwedischen Grenzen für Flüchtlinge verhängt das erste deutsche Bundesland einen Aufnahmestopp.

EU oder Krieg
09.11.2015
Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn warnt vor einem Zerfall der EU.

Neue Lager
15.09.2015
Die Innenminister der EU haben sich auf Maßnahmen geeinigt, die Flüchtlinge aus Deutschland fernhalten sollen.

Krieg in Europa?
24.09.2014
Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt warnt vor einem neuen Krieg in Europa.

Verletzte ausgeflogen
03.09.2014
Die Bundeswehr hat 20 verwundete Kämpfer aus der Ukraine zur Behandlung nach Deutschland ausgeflogen.

Außen und innen
26.08.2014
Der deutsche Außenminister moniert eine mangelnde Zustimmung in der Bevölkerung für eine offensive deutsche Weltpolitik.

Die Verantwortung Berlins
20.05.2014
Der ehemalige EU-Kommissar Günter Verheugen erhebt im Konflikt um die Ukraine schwere Vorwürfe gegen Berlin.

"Ein gutes Deutschland"
30.04.2014
Das deutsche Staatsoberhaupt schwingt sich zum Lehrmeister der Türkei auf.

Die Dynamik des "Pravy Sektor"
11.03.2014
Der Jugendverband der NPD kündigt einen "Europakongress" unter Beteiligung des "Pravy Sektor" ("Rechter Sektor") aus der Ukraine an.

Der Mann der Deutschen
18.02.2014
Die deutsche Kanzlerin hat am gestrigen Montag zwei Anführer der Proteste in der Ukraine empfangen.

Zwei Wege - Eine Katastrophe: Übereinstimmungen und Unterschiede in deutschen Europakonzepten, für die Wolfgang Schäuble und Jürgen Habermas stehen. Flugschrift No. 1 von Hans-Rüdiger Minow. Januar 2016. Als e-book (10,- Euro) oder in Print (18,90 Euro). Flugschrift hier bestellen.
Ist Herr Mehdorn ein Antisemit?
25.01.2007
WÜRZBURG/FRANKFURT AM MAIN/MANNHEIM/HALLE
(Eigener Bericht) - Mit einem "Zug der Erinnerung" gedenken Bürgerinitiativen in Bayern am kommenden Samstag der mainfränkischen Deportationsopfer. Etwa 2.000 Deutsche waren zwischen 1941 und 1943 aus Mainfranken mit der "Reichsbahn" in die Vernichtungslager geschleust und dort ermordet worden - wegen ihrer jüdischen Abstammung. Die Todesfahrten begannen auf dem Würzburger Schienennetz. Eine Ausstellung über die Deportationsopfer im Würzburger Hauptbahnhof hat die Deutsche Bahn AG seit mehreren Jahren verhindert. Deswegen werden Fotos und Dokumente jetzt in einem gemieteten "Zug der Erinnerung" gezeigt, der am Samstag auf Gleis elf des Würzburger Hauptbahnhofs einlaufen und anschließend nach Schweinfurt weiterfahren wird. Auf den Bahnsteigen beider Städte sollen am Samstag, dem Auschwitz-Gedenktag, Andachten und Informationsgespräche mit den Reisenden stattfinden. Ähnliche Aktivitäten, die den Ausstellungsboykott der Bahn AG umgehen, kündigen Initiativen in der gesamten Bundesrepublik an. Bereits am Freitag Abend wollen Frankfurter Organisationen vor der dortigen Börse an die zehntausende Kinder erinnern, die mit dem Vorgängerunternehmen der heutigen Bahn AG in den Tod geschickt wurden. Israelitische Kultusgemeinden in mehreren Städten beteiligen sich an Gedenken und Protesten.
Mit eigenen Veranstaltungen oder gemeinsam mit der "Initiative Elftausend Kinder" wollen jüdische Gemeinden am Samstag in Saarbrücken, Karlsruhe und Berlin ein sofortiges Ende der Boykottpolitik des Bahnvorstands fordern. Die Konzernleitung unter Hartmut Mehdorn weigert sich, ein angemessenes Gedenken an die Deportierten zuzulassen und daran die internationalen Opferorganisationen sowie die deutschen Bürgerinitiativen direkt zu beteiligen.[1] Dieser Boykott, der das Gedenken ins Belieben der Bahn AG stellt, wird vom Bundesminister für Verkehr, Wolfgang Tiefensee (SPD), ausdrücklich gebilligt.[2] "Er ist unfähig, sich gegen Mehdorn durchzusetzen", heißt es im Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages über den Minister. Mehrere Bundestagsabgeordnete wollen den Ausschuss zum wiederholten Mal mit Mehdorns Geschichtspolitik beschäftigen und erwarten von Tiefensee eine Ende der Hinhaltetaktik.
Abgelehnt
Der Konflikt scheint sich auszuweiten, nachdem Mehdorn den bisherigen Protesten nachgeben musste und ausgerechnet den Leiter des Bereichs "Schienenverkehr" im Technikmuseum Berlin, Alfred Gottwald, mit einer Auftrags-Ausstellung betraut hat. Statt mit dem Gedenken sofort zu beginnen und so dem Beispiel der Bürgerinitiativen zu folgen, soll diese Ausstellung angeblich erst im kommenden Jahr gezeigt werden. Sie stützt sich auf Exponate im Bahnmuseum Nürnberg, wo das Deportationsgeschehen organisationstechnisch und völlig unzureichend abgehandelt wird - vor allem aber wird die Darstellung nicht der Perspektive der Opfer gerecht.[3] Insbesondere wird den mehreren zehntausend Kindern, die mit der "Reichsbahn" in den Tod geschleust wurden, keine spezifische Beachtung geschenkt. Deswegen soll es der Pariser Historiker Serge Klarsfeld abgelehnt haben, an dem unqualifizierten Bahn-Vorhaben teilzunehmen.
Europaweit
Der Dissens hat Folgen. Inzwischen weisen Historiker darauf hin, dass eine Erforschung und Darstellung der deutschen Bahndeportationen, denen die jüdischen Kinder zum Opfer fielen, lediglich in Frankreich geleistet worden ist. Die europaweite Dimension (Niederlande, Belgien, Dänemark, Norwegen, Italien, Griechenland sowie Ost- und Südosteuropa) liegt bis heute im Dunkel. Wie viele der rund drei Millionen Bahndeportierten Kinder waren, ist unbekannt. Keine der "Reichsbahn"-Nachfolgeinstitutionen hat sich bisher um die Geschichte dieser Menschen gekümmert, geschweige eine öffentliche Ehrung für nötig gehalten. In letzter Instanz verantwortlich ist das Bundesverkehrsministerium - das regelmäßig auf Mehdorn verweist und sich für nicht zuständig erklärt. Dieses Versteckspiel könnte nicht nur für die Tiefensee-Mannschaft unangenehme Folgen haben, sollte eine europaweite Diskussion um die Deportationen der "Reichsbahn" beginnen; auch das Auswärtige Amt ist betroffen.
Rollendes Gedenken
Die Veranstaltungen am kommenden Samstag kündigen dieses europaweite Interesse an. Insbesondere bei den Protesten im Berliner Hauptbahnhof [4] wird die ausländische Presse vertreten sein. Pikanterweise ist auch Bundesverkehrsminister Tiefensee eingeladen, an den Protesten teilzunehmen. Ebenfalls in Anwesenheit der Presse und mit mehreren zehntausend Flyern werden die Reisenden vor und in den Bahnhöfen von Halle, Erfurt, Leipzig, Aachen, Karlsruhe, Göttingen, Köln, Mannheim und Siegen informiert.[5] Auf Zugstrecken im Rhein-Main-Gebiet soll den Fahrgästen Gelegenheit zu Gesprächen mit Vertretern der Bürgerinitiativen gegeben werden. Sie wollen in den Zügen mit Fotos an die Deportierten erinnern. Für diese rollenden Veranstaltungen interessieren sich TV-Sender. "Wir hoffen, dass die Bahn AG dieses Gedenken nicht stören wird", sagt Dr. Dietrich Schulze aus Karlsruhe. Er vertritt die örtlichen Initiatoren.
Ehren
Besondere Aufmerksamkeit findet der "Zug der Erinnerung" in Würzburg. Dort wird das über zwei Jahre verhinderte Bahnhofsgedenken jetzt doch stattfinden - auf Gleis elf in zwei historischen Waggons, die von einer Dampflok gezogen und am Samstag in Pendelfahrten nach Schweinfurt verkehren werden. Durch Anmietung der Wagen und rechtmäßige Buchung einer Trasse umgehen die Veranstalter Mehdorns Gedenkboykott. Auf dem Abfahrtsbahnsteig des Würzburger Hauptbahnhofs verfügen sie während der Bereitstellungszeiten über das Hausrecht und werden dort die Deportierten öffentlich ehren. Zur kostenlosen Mitfahrt, zu Vorträgen und Diskussionen wurden Würzburger Schulklassen und alle Bürger eingeladen, die sich mit Dokumenten über die Bahndeportationen der mainfränkischen Juden bekannt machen wollen. Auch Exponate über die elftausend jüdischen Kinder, die aus Frankreich in die Vernichtungslager geschleust wurden, stehen im "Zug der Erinnerung" zur Verfügung. (Fotos: Die Deportation der mainfränkischen Juden vollzog sich auf dem Würzburger Bahnhof Aumühle, ohne dass die Verhaftungen und Verschleppungen verheimlicht wurden. Das Würzburger Laufpublikum sah zu, wie die ihnen teilweise bekannten Menschen mit Davidsternen und letztem Gepäck auf Bahnreisen "in den Osten" geschickt wurden.)
Museum
Mit der Weigerung des Bahnchefs, dieser Kinder durch Ausstellungen auf den deutschen Bahnhöfen angemessen zu gedenken, hatte sich die israelitische Kultusgemeinde in Würzburg bereits im vergangenen Jahr auseinandergesetzt. Der Vorsitzende Dr. Josef Schuster fragte bei einer öffentlichen Veranstaltung für die NS-Opfer nach den Motiven, die den seit Jahren andauernden Boykott des Konzernherrn erklären könnten. "Ist (...) Herr Mehdorn ein Antisemit?", lautete die rhetorische Frage, die Schuster differenziert beantwortete.[6] "Ich glaube nicht", schlussfolgerte der Vertreter jener Gemeinde, die 2.000 Deportierte zu ihren Opfern zählt. "Er (Mehdorn) verkörpert mit dieser Haltung eine weitverbreitete Stimmung in Teilen der Bevölkerung, die offensichtlich genug hat von diesem Abschnitt deutscher Geschichte, die meint, die Geschichte gehöre ins Museum."
Erinnern
"Nein, man kann sich der Geschichte durch Verschweigen nicht entledigen. Und man ehrt die Opfer, wenn man sich an sie erinnert" (Schuster).
Infoanfragen über die örtlichen Veranstaltungen unter elftausendkinder@web.de
Ausführliche Berichte über die "Initiative Elftausend Kinder" finden Sie in unserem EXTRA-Dossier Elftausend Kinder.
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