Der Aufruf ist als Antwort auf eine "Erklärung" des Bundesministers für Verkehr (Wolfgang Tiefensee) und des Vorsitzenden der Bahn AG (Hartmut Mehdorn) vom Dezember 2006 zu verstehen.[1] Unter dem Druck zweijähriger Proteste hatte Mehdorn vor einem Monat zusagen müssen, das Gedenken an die Deportierten auf den deutschen Bahnhöfen nicht länger zu boykottieren. Aber in welcher Form an die drei Millionen Opfer der Mordbeihilfe des Vorgängerunternehmens (und an die Täter) erinnert werden darf, liegt im alleinigen Ermessen der Bahn AG, heißt es in der "Erklärung" von Tiefensee/Mehdorn. Konkrete Aussagen über den Umfang der Ausstellung und die zugelassenen Bahnhöfe unterbleiben. Jede gleichberechtigte Beteiligung der Opferorganisationen und der deutschen Bürgerinitiativen wird ausgeschlossen.
Zeigt nichts
"Grundlage" der Erinnerung habe eine angebliche Ausstellung im Bahn-Museum Nürnberg zu sein, diktieren Mehdorn und Tiefensee in ihrer "Erklärung".[2] Über diese "Ausstellung" berichtete der Deutschlandfunk unmittelbar nach Veröffentlichung des Ministerialpapiers, dabei handele es sich um ein kleines "Kabuff" [3] von 18 Quadratmetern Größe, "das wie ein lästiger Wurmfortsatz wirkt". Als "Grundlage" für eine offene und freie Information über die drei Millionen Deportierten, unter denen sich mehrere zehntausend Kinder befanden, sei diese "Ausstellung" völlig unangemessen und konzeptionell äußerst fragwürdig. "Diese 'Dokumentation', auf die Bahnchef Mehdorn immer wieder als 'ausreichend' verwiesen hat, tut niemandem weh und sie zeigt schon gar nichts von dem grausamen Abgrund, der sich zwischen zynischer Bürokratie, fahrplanmäßiger Organisation und dem unvorstellbaren kollektiven und individuellen Leid auftut", heißt es im Deutschlandfunk.
Schatten
Da die deutschen Bürgerinitiativen nicht bereit sind, die Marginalisierung der Opfer mitzutragen, weiten sie ihre Aktivitäten aus.

Der Aufruf wird von Gruppen in Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg, Karlsruhe, Köln, Mannheim, Siegen, Weimar und weiteren Städten der Bundesrepublik verbreitet. Nach einer bundesweiten Arbeitskonferenz am vergangenen Samstag kündigen die überparteilichen Initiativen an, ihre Aktivitäten international zu strukturieren. Demnach wird es am 27. Januar sowohl zu Informationsveranstaltungen auf zahlreichen Bahnhöfen, aber auch zu Aktionen auf dem Schienennetz kommen. Da sich die Bahn AG "für internationale Anleger (...) an der Börse vermarkten" [4] will und mit "europaweitem Anspruch" operiere, müsse zukünftigen Aktionären verdeutlicht werden, dass auf dem Konzern "der Schatten des Vorgängerunternehmens" laste. Auch diese Klarstellung wolle man am 27. Januar der interessierten Öffentlichkeit näher bringen. (Foto: Verbrennung von Leichen im KZ Auschwitz. Über tausende Kilometer wurden die Opfer mit der Reichsbahn in den Tod geschickt.)
Drei Millionen
Zur Ausweitung der Aktivitäten gehört eine stärkere Betonung der noch immer ungeklärten Deportationsschicksale vieler zehntausend Kinder aus den vormals NS-okkupierten Staaten Europas. Anders als ihre elftausend französischen Leidensgefährten, deren Identitäten dank jahrzehntelanger Recherchen des Ehepaars Klarsfeld (Paris, Fils et Filles des Déportés Juifs de France) weitgehend geklärt sind, kenne man "von den anderen (...) oft nicht einmal die Namen". Erwähnt werden die "deportierten (jüdischen) Kinder aus Griechenland und Norwegen, aus Polen und Holland, aus Italien und Belgien". Das Deportationsschicksal dieser Kinder, die unter Beihilfe der Reichsbahn ermordet wurden, müsse vom Nachfolgeunternehmen nicht nur allgemein bedauert, sondern aufgeklärt und öffentlich gewürdigt werden. Dies in angemessener Weise zu tun, bedeute auch, sich der Dimension des Gesamtverbrechens zu stellen und der drei Millionen Juden, Sinti und Roma sowie aller anderen Deportierten zu gedenken. Sie wurden in Zügen der Reichsbahn dem Tod ausgeliefert.
Warnen
Ihren Aufruf stellen die Bürgerinitiativen als Flyer zur Verfügung und laden zur bundesweiten Verbreitung im Umfeld des 27. Januar ein. "Das entsetzliche Schicksal der Opfer können wir nicht ungeschehen machen. Aber wir können ihre Namen und ihre Gesichter in Erinnerung rufen: Dort, wo sie ihren letzten Weg antreten mussten - auf den deutschen Bahnhöfen. Diese Menschen dürfen nicht vergessen bleiben. An sie zu erinnern bedeutet zugleich, vor dem Erstarken des Neonazismus zu warnen."
Eine Liste mit Namen und Geburtsorten deutscher Kinder, die mit der Reichsbahn in den Tod geschickt wurden, weil sie Juden waren, finden Sie in der Rubrik
Dokumente.
Ausführliche Informationen über das Gedenken stellt die Redaktion in einem
EXTRA-Dossier zur Verfügung.